Ein Spaziergang

Er spazierte die Straße entlang und war in Gedanken versunken. Sein Studium, seine Arbeit, seine Freunde, der Sinn seines Lebens,...
Ihn fröstelte. Er wischte die Haare aus dem Gesicht & wandte den Blick nach oben. Der Himmel war grau, wie immer wenn er den Blick nach oben richtete. Regentropfen fielen in sein Gesicht. Depressive Stimmung wirkt so romantisch - bei anderen, aber für einen selbst?
Es war still. Warum war er nicht glücklich. Er hatte Freunde, echte Freunde. Er war erfolgreich.
Wieder fielen die Haare in sein Gesicht. Diesmal ließ er die Hände in den Taschen stecken. Er besah sich von außen. Er war ein typischer Student. Er beobachtete sich und mußte lächeln. Er wartete darauf, daß die Szene zu Ende ging & die Kamera ausblendete. Aber es war kein Film, es war das Leben. Das Leben ist so kurz, obwohl es sich in die Länge zieht. Stunden, Tage vergehen & nichts geschieht. Einmal dauert eine Stunde nur 5 Minuten, einmal einen ganzen Tag.. Diese dauerte zu lange.
Für ihn würde das Leben erst morgen weitergehen, aber heute dauerte noch 10 Stunden & eine Nacht. Bis er wieder mit Ihr reden würde. Er dachte an Sartre: „L’enfer, c’est les autres", und plötzlich verstand er es. Durch die anderen wird das Leben zur Hölle, aber man kann nicht alleine bleiben.
Der Regen wurde stärker, und die kalte Näße drang durch seine Jacke. Er schenkte all dem keine Beachtung. Er hatte andere Probleme. So wie sie jeder hat. Doch so wie jeder anderer nahm er sie zu wichtig. Und so wie die meisten wußte er, daß seine Probleme egal waren.
Er stolperte. Über einen Stein & über seine Gedanken. Probleme sind Herausforderungen aber zwischenmenschliche Probleme kann man nicht alleine lösen. Er ging weiter und summte Simon & Garfunkel vor sich hin: „If I never loved, I never would have cried. I am a rock..."
Plötzlich fühlte er sich besser. Er würde einfach abwarten. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Man darf das Leben nur nicht zu ernst nehmen. Er war sich sicher, daß er das Leben meistern würde, denn es würde wieder besser werden.
Geistesabwesend trat er vom Gehsteig auf die Straße. Das Auto konnte nicht mehr bremsen. Nichts wurde mehr besser.
Im selben Moment läutete bei ihm zu Hause das Telephon. Sie wollte sich mit ihm treffen. Für diesen Anruf hätte er sein Leben gegeben - aber das hatte er nicht mehr.