Gedanken zum Alten Testament


Der alttestamentliche Herrgott hat sich ausschliesslich mit den Juden beschäftigt? Warum hat er sich (gerechterweise) nicht auch bei den uralischen Hirtenstämmen (-2500) oder den steinzeitlichen Dorfsiedlern am Rhein bemerkbar gemacht? Schliesslich waren diese (gemäss biblischer Vorgabe) auch paradiesischer Abstammung. Hätten diese Siedler und Hirten nicht auch Anspruch auf die Ankündigung eines Messias verdient? Waren dem allmächtigen Jahve, die vielen Millionen mehr oder weniger guten Menschen auf der übrigen Welt völlig schnuppe?

Von der Kirche wird uns vorgegeben, dass wir auch das AT als das authentische "Wort Gottes" zu verstehen haben. Wenn das Buch aber tatsächlich von Gott persönlich stammen würde, hätte er seine Leser sicher nicht mit seitenlangen Berichten über halbverhungerte Juden in den endlosen Weiten irgend einer garstigen Wüste gelangweilt. Er hätte mit Sicherheit den einen oder anderen Patriarchen ausgelassen und dafür ausnahmsweise eine Botschaft an die nichtjüdische Menschheit hinterlassen, um auch uns Spätgeborenen seine Allmacht kundzutun.

Vielleicht ein verschlüsseltes Statement über die Gesetzmässigkeit der Entfernung unserer Planeten zur Sonne, ein Hinweis auf das Vorhandensein von Gedankenmolekülen, eine beiläufige Bemerkung über das kleinste überhaupt existierende Teilchen, oder die Halbwertzeit von Materie. Auch ein interstellares schwarzes Loch, inmitten einer banalen Erzählung, wäre angekommen oder auch nur die Erwähnung der winzig kleinen Formel der Relativitätstheorie [E=m*c2].

Wenn sich im AT auch nur der kleinste Hinweis auf ein solches oder ähnliches Element der Naturwissenschaft finden liesse, das Buch wäre d i e Sensation. Aber eben - die zahlreichen Autoren des Alten Testamentes waren auch nur Menschen.


Der Gott der Israeliten

Die jüdische Glaubensgemeinschaft verehrt einen Gott (Jahve), der ihnen vor tausenden von Jahren einen Hort der Ruhe und Geborgenheit versprochen hat (wo Milch und Honig fliesst). Dieses Versprechen wurde bis heute nicht eingelöst.

Wer die jüdische Geschichte vom heutigen Zeitpunkt bis in die Anfänge des AT zurückverfolgt muss feststellen, dass es selten einem Volk über Jahrtausende hinweg so "besch..." erging wie dieser Bevölkerungsgruppe. Wenn sie nicht gerade geknechtet oder unterjocht waren, befanden sie sich entweder auf der Flucht oder sonst auf "Reise". Und - als ob sie es nicht schon schwer genug hatten - waren sie zusätzlich mit einem Jahve geschlagen, der laufend neue Verordnungen, Opfer, Prüfungen, Strafen, Bussen und Bewährungsproben verfügte. Wie der Herr (bis heute) mit seinem "auserwählten" Volk umgeht ist wahrlich nicht die feine Art eines gütigen Gottvaters. Zweifellos ist es die tiefe Religiosität, welche viele Juden bis heute daran gehindert hat, an ihrem Jahve zu verzweifeln.


Der göttliche "Spurwechsel"

Von der ersten bis zur letzten Seite (des AT) ist der Allmächtige stets "in Reichweite" und führt seine "Gemeinde" mit eiserner Disziplin. Abweichler lässt er rigoros bestrafen. Mit ausgewählten Stammesvertretern steht er ständig im persönlichen Dialog und zeigt sich sogar gelegentlich dem Fussvolk - zumindest als Wolke. Dieses Spielchen dauert bis zur Zeitenwende (NT).

Da lässt sich der Herr von der "Jungfrau" Maria erneut auf die Welt bringen, verlebt eine unspektakuläre Jugendzeit und beginnt - nach der Pubertät - auf geradezu unflätige Weise "sein" Volk zu beschimpfen. Er zieht in der Folge so lange über seine ehemaligen Schützlinge her, bis er dafür die Quittung erhält (Karfreitag).

Natürlich ist Jesus und das neue Testament für die Juden kein Thema. Wir betrachten die Geschichte aber aus christlicher Sicht und da drängt sich eine Frage auf: Wenn Jesus gleich Gott sein soll - was hat den Allmächtigen zu diesem Kurswechsel bewogen?
Unzählige Generationen lang führte dieser seine Israeliten von Unglück zu Unglück und ward nicht müde, sie immer wieder als sein auserwähltes Volk zu titulieren. Dann machte er plötzlich eine Kehrtwende (NT) und wandte sich angeblich nur noch der rasch wachsenden Christengemeinde zu.


Der Wahrheit eine Gasse

Das obige Kapitel verlangt natürlich sofort nach einer Berichtigung: In keiner Schrift ist klar überliefert, dass Gott den alten Bund mit den Juden aufgekündigt hat - dieses Märchen wurde von später geborenen Theologen in die Welt gesetzt.

Mittlerweile hat der Vatikan diese Behauptung allerdings ein wenig abgeschwächt. Trotzdem tut er sich immer noch schwer, das nachbiblische Judentum als eigenständige heilsgeschichtliche Grösse neben der "einzig wahren" Kirche und insbesondere als das Volk des von Gott nie gekündigten Bundes anzuerkennen. Dies manifestiert sich in verschiedenen sprachlichen Feinheiten, wenn z.B. von der "Neuen Kirche Gottes" im Gegensatz zum "Alten Bund" gesprochen wird. Es darf natürlich auch nicht verschwiegen werden, das bereits im NT antijüdische Passagen zu finden sind, welche von der "neuen Kirche" seit jeher genüsslich und auf ihre Art interpretiert wurden.


Die Launen des Herrn

Wer das Alte Testament nach dem gerechten und gütigen Gott durchstöbert, wird nach unzähligen "durchlesenen Nächten" zum Schluss kommen, dass es eine solche "Vatergestalt" nicht gegeben haben kann. Vielmehr entpuppt sich der Allmächtige als selbst- und rachsüchtiges Wesen, welches unendlich viel fordert und nicht viel hergibt. Diese Feststellung soll mit der folgenden, stark gekürzten Zusammenfassung belegt werden:


Der Gesetzgeber

Angeblich diktierte der Herr dem Moses einen Verhaltenskodex mit Strafgesetzbuch, der praktisch sämtliche Aspekte des täglichen Lebens - inklusive die Schlafzimmergewohnheiten - bis ins Detail reglementierte. Die Vielzahl der göttlichen Verordnungen war derart erdrückend, dass ein gottesfürchtiger Israelit allein die Tatsache seines Vorhandenseins schon als Sünde empfinden musste. Wenn ich mir vorstelle, dass sich die Israeliten - neben der "göttlichen" Gesetzesflut - zusätzlich noch dem Joch und der Gesetzgebung gelegentlicher weltlicher Unterdrücker zu unterziehen hatten, muss das Leben damals die wahre Hölle gewesen sein.


Der Strafende

Auch kleinste Abweichungen vom Gesetz wurden mit Strafen geahndet. Dazu hatte sich der Herr ausgeklügelte Opfergesetze ausgedacht, welche (bei konsequenter Anwendung) die Herden der Israeliten ganz beträchtlich zu dezimieren vermochten.


Der Opfersüchtige

Als wären die Strafopfer nicht genug, erwartete der Herr zusätzlich: Schuldopfer, Friedopfer, Weihesündopfer, Einweihungsopfer, tagtägliche Morgen- und Abendopfer (je ein zweijähriges Lamm), Entsühnungsopfer und so weiter und so fort - in Form von Grossvieh, Kleinvieh, Geflügel, Mehl, Ofengebäck, Pfannenspeisen, Röstbrot, Erstlingsfrüchten, usw.
Man muss sich dieses (unvollständige) Sammelsurium von Opfern vergegenwärtigen. Tag und Nacht müssen bei den Israeliten unzählige Feuer gelodert haben, von denen stickige Wolken mit dem Geruch von verbranntem Fleisch gen Himmel stanken.


Der Kanibalische

Die höchste Gabe, die der Mensch Gott zu bieten hatte, war das Opfer der Erstgeburt. Obwohl versucht wird, diesen Umstand in unserer Literatur (mittels Fussnoten) abzuschwächen, ist es doch biblische Tatsache dass Abraham vom Höchsten persönlich aufgefordert wurde ihm seinen einzigen Sohn (Isak) zu schlachten. Allerdings kam es dann doch nicht soweit (Genesis 22). Dass diese göttliche Opfererwartung nicht ein einmaliger "Ausrutscher" war, beweist die spätere Forderung an Moses (Exodus 13): "Weihe mir alle Erstgeburt! Alles, was bei den Kindern Israels den Mutterschoss durchbricht, beim Menschen wie beim Vieh, gehört mir".
Moses erwirkte beim Herrn eine Abschwächung, indem nur männliche Erstlingswürfe zu opfern seien und dass menschliche Erstgeburten durch ein Tieropfer ausgelöst werden konnten.


Der Unberechenbare

Als Noe nach der Sintflut (Genesis 9) die Arche verliess wurde er bekanntlich aufgefordert. "Seid fruchtbar und vermehret euch". Zudem: "Alles was sich regt und lebendig ist, diene euch zur Nahrung". Alles ? Unter Leviticus II. machte der Herr plötzlich ganz gewaltige Einschränkungen und listete eine fast unübersehbare Zahl von Tieren und Gattungen auf, deren Genuss ein Greuel sei.

Launisch trieb es der Herr gelegentlich mit seinem auserwählten Volk. Nachdem er sie bei Migdol trockenen Fusses hatte durch durchs Meer ziehen lassen, verwöhnte er sie anschliessend mit Manna und liess sie kurz darauf bei Rephidim nahezu verdursten.


Der Exzentrische

Der Herr redete also zu Moses und Aron: "Dies ist die Gesetzesbestimmung, die der Herr erlässt: Sage den Israeliten, sie möchten eine rotfarbige fehlerlose Kuh zu dir bringen, an der keinerlei Makel ist und auf die noch kein Joch gelegt war....
Es folgt die Anweisung, wie der Priester Elaesar die Kuh zu schlachten und anschliessend zu verbrennen habe (mit Fell, Fleisch und Mageninhalt). In das Feuer habe der Priester zusätzlich Zedernholz, Ysop und Karmesinfarbe zu werfen. Alle Beteiligten seien bis zum Abend unrein. Man beachte die Zutaten zur roten Kuh ! Was versprach sich der Herr wohl von diesem Zubehör ?


Der Spendenempfänger

Es mutet seltsam an, dass der Allerhöchste scharf auf irdische Güter gewesen sein soll. Die "Überlieferung" belehrt mich aber, dass er von seinen Kindern "freiwillige" Spenden einforderte in Form von: Gold, Silber, Kupfer, violetter Purpurwolle (!), verschiedene Stoffe, Felle, Häute und dergleichen mehr. Aus diesen Mittel hatte Moses ein Heiligtum herzurichten (Bundeslade), in welchem die göttlichen Gesetze zu deponieren waren.

Billiger gings wohl nicht !



Der Gebende

Die erzählten Wunder (Meeresüberquerung, Wachteln, Manna, Wasser, etc.) sind beileibe kein Beweis göttlicher Grosszügigkeit, dienten sie doch ausschliesslich dem nackten Fortbestand der Sippe. Dass sich der alttestamentliche Gott einmal - ohne Forderung auf Gegenleistung - grosszügig gezeigt hat, ist nirgends nachzulesen. Wer das Schicksal der Israeliten im AT verfolgt kommt zum Schluss, dass es den Juden - trotz göttlicher Hilfestellung - nicht dreckiger hätte gehen können.




Wer hat Recht ?


Uns Christen wird der Herr als segenbringende, gütige Vatergestalt verkauft. Da auch das AT dem Kanon untersteht ist dieser gütige Vater aber zwingend identisch mit dem alttestamentlichen, strengen, wenn nicht gar unbarmherzigen Jahve. Ja was stimmt den nun?


Judentum und Christenglaube

Dass der Allmächtige ausgerechnet sein auserwähltes Volk, die Juden, dazu ausersehen hat, seinen eingeborenen Sohn den Römern ans Messer zu liefern, zeugt auch nicht gerade von göttlicher Grossmut. Der Überlieferung nach soll es aber geschehen sein und noch heute wird den Juden (von etwelchen Christen) vorgeworfen, sie hätten ihren Heiland ermordet. Bei nüchterner Betrachtung der überlieferten Fakten waren die Juden jedoch nur Mittel zum (göttlichen) Zweck.


Fallbeispiel 1

Im Jahre 2010 erscheint eines unschönen Tages ein junger Mann auf der Bildfläche und bezeichnet sich als der wahre Messias. Natürlich wird die Menschheit über diesen Spinner nachsichtig lächeln und zur Tagesordnung übergehen. Der junge Mann ist aber äusserst hartnäckig und versucht seine Sendung mit allem Nachdruck an den Mann zu bringen. Mitläufer, bzw. Anhänger finden sich bereits nach kurzer Zeit
Die Gemeinde des neuen Messias wird langsam aber sicher beängstigend gross. Ein Dutzend besonders eifriger Mitläufer betätigen sich bereits als Missionare.

Der neue Messias erklärt den etablierten Kirchen den kalten Krieg und hält diesen vor: Was sie ihren Gläubigen in den letzten gut 2000 Jahren erzählt hätten, sei reiner Kamelmist mit finanziellen Hintergedanken und habe mit den Vorstellungen unseres Herrn und Gebieters aber auch nicht die Bohne gemeinsam. Das Ganze habe doch mit wahrer Gottesfurcht nichts zu tun und sei doch reiner Kommerz. Der Herr habe ihn gesandt um endlich die Nachäfferei von Abendmahl und Hl.Eucharistie abzustellen. Zudem wünsche er, endlich wieder der Chef zu sein. Einen Jungen habe er ohnehin nie gehabt .... usw. usw.


Jedermann kann sich leicht vorstellen, dass urplötzlich bei allen christlichen Kirchen sämtliche Alarmglocken zu schrillen beginnen. Mit allen Mitteln wird man gegen diesen eingebildeten Propheten vorgehen. Man wird die Gerichte bemühen um diesem elenden Lästermaul den Latz zu stopfen. Hinrichten könnte man diesen Spinner deswegen wohl nicht, aber es gäbe genug Mittel und Wege um diesen Störsender zum Schweigen zu bringen.


Fallbeispiel 2

Drehen wir das Rad der Zeit um gute 2000 Jahre zurück und versetzen uns in die Lage des damaligen etablierten Judentums. Die Abkömmlinge Abrahams haben nach Jahrhunderten der Entbehrung endlich einwenig Ruhe gefunden. Das Judentum blüht und rentiert und viele sind stolz darauf, zum auserwählten Volk Gottes zu gehören. Die jüdischen Propheten haben einen zukünftigen Messias vorausgesagt und man ist wohl gespannt auf diesen Überjuden.

Da erscheint eines schönen Tages ein junger Mann (ebenfalls Jude) auf der Bildfläche und behauptet, eben dieser Messias zu sein. Gleichzeitig beginnt er, alte und liebgewonnene Traditionen in Frage zu stellen, schmeisst eigenhändig Geschäftsleute aus den Synagogen und als Krönung legt er sich auch noch mit den Hohepriestern und Ältesten an. Die Hetzreden des Jesus gegen die religiöse Oberschicht (Mt. 23,1) sind vielleicht ehrlich gemeint, aber derart beleidigend und aggressiv, dass die Angesprochenen stinksauer reagieren müssen - wenn sie etwas auf sich halten.

Zu allem Elend beginnen sich (zu-) viele Juden für den Jüngling zu interessieren und stossen bald in's gleiche Horn wie ihr Vorbild. Nun beginnt die Obrigkeit zu begreifen, dass die etablierte Glaubenslehre ernstlich bedroht wird und die Pfründe und Vorrechte in Gefahr geraten könnten. Urplötzlich beginnen in Palästina sämtliche Alarmhörner zu posaunen und der Klerus beschliesst fast einstimmig, dieses Lästermaul (das so gar nicht dem erwarteten Messias entspricht) so schnell wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen. Der Rest ist uns aus der Bibel bekannt.


So, wie die Evangelisten Jesus schilderten, besass dieser durchaus gewisse Fähigkeiten die einen "Heilsbringer" ausmachen könnten. Ein gutes Mundwerk, heilerische Begabung und Schlagfertigkeit. Einem solchen Jesus wäre es doch wahrlich leicht gefallen, die Heilslehre zu verbreiten und gleichzeitig seine Widersacher politisch auszumanövrieren. Er hätte sich auch mit einem wirklich überzeugenden Wunder (am richtigen Ort) Respekt verschaffen können. Vielleicht wäre er dann ungeschoren davongekommen - aber dann hätte sich die Prophezeiung nicht erfüllt.

Es daher ungerecht, die Juden für den Tod Jesu haftbar zu machen. Diese erfüllten doch nur den Willen Gottes. Nichts geschieht, ohne Gottes Wille. Wer an göttliche Prophezeiungen glaubt, soll sich nachher nicht über jene hermachen, welche die Vorhersage in die Tat umsetzen (müssen).


Ersatz muss her

Ich nehme an, dass die Apostel nicht scharf darauf waren, den Allmächtigen mit den Juden zu teilen. Es trifft zu, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten, im Jahre Null aus dem Glauben ein blühendes Geschäft gemacht hatten. Sicher waren viele gläubige Juden mit der Art, wie ihnen die Hohepriester und Schriftgelehrten den Glauben vorschrieben und das Gegenteil davon vorlebten, nicht mehr zufrieden.

Da - oh Wunder - erfüllte sich die "Prophezeiung" und Jesus erschien genau auf dem richtigen Planquadrat. Kaum erwachsen, mischte sich dieser recht aufdringlich in die inneren Angelegenheiten der priesterlichen Obrigkeit und hielt der jüdischen Nomenklatura sämtliche Verfehlungen in aller Öffentlichkeit vor. Das klang wie Balsam in den Ohren der Systemkritiker (und zukünftigen Apostel). Nur zu gerne folgten einige von ihnen dem neuen Herrn, der in der Öffentlichkeit kein Blatt vor den Mund zu nehmen schien.

Nun mussten sie den Allerhöchsten nicht mehr mit den Juden teilen. Jetzt hatten sie einen neuen Gott, ganz frisch, exklusiv und unverbraucht. Unter solch günstigen Voraussetzungen m u s s t e man ja das Christentum begründen. Der Herrgott war nicht mehr der Jahve der Juden, sondern der Vater von Christus und damit konnte man leben.




Die unbefleckte Empfängnis


Die beiläufige Erwähnung der Jungfrauengeburt in zwei der vier Evangelien, löste in den folgenden Jahrhunderten derart viele kontroverse Diskussionen und gehässige Streitigkeiten unter den Theologen aus, dass diese Erwähnung besser unterblieben wäre.

Jahrzehnte nach Christi Tod begannen zwei Apostel (Mat., Luk.) mit der Abschrift einer bereits existierenden Vorlage. Über die Jugendjahre Jesu schwieg sich das Dokument wohl aus, ebenso fehlten die Angaben über Geburtsort und Geburtsumstände des verblichenen Meisters. Schon zu Beginn war also die Phantasie gefordert und so nannte der eine Bethlehem und der andere Nazareth als Geburtsort.

In einem waren sie sich aber einig: dem göttlichen Nachkommen durfte keine gewöhnliche Geburt zugemutet werden. Deshalb erfanden sie die Geschichte von der "Jungfrauengeburt", womit sie ihre Hochachtung vor dem Herrn zum Ausdruck bringen wollten. Damit befanden sie sich erst noch genau auf der Linie der älteren Mysterien-Kulte, wo fast durchwegs von Jungfrauengeburten berichtet wird. (Darauf werden wir später nochmal zurück kommen.)

So wie das NT auch anderswo in Bildern spricht, sind die beschriebenen Geburtsumstände Christ wohl auch bildlich gemeint, zumal im hebräischen Urtext des AT an keiner Stelle eine Jungfrauengeburt prophezeit wird. Im Johannesevangelium wird Jesus sogar ausdrücklich als Sohn Josephs erwähnt.

Hätten die Schreiber geahnt, was sie damit in der Zukunft anrichten werden, sie hätten den Herrn, ohne menschliche Zwischenstation, direkt vom Himmel einschweben lassen, zumal Maria ihre Jungfräulichkeit während der Geburt (im biologischen Sinn) ohnehin verloren hat. (die Folgen sind im Abschnitt "Kirche" beschrieben)




Die Kanonisierung der Schrift


Um 150 hatten die ersten drei Evangelien bereits kanonische Geltung (Justin), das Johannes-Evangelium war noch nicht dabei. In der nachapostolischen Zeit (70-140) fand z.B. die Apostelgeschichte (65-70) des Lukas höchste Anerkennung beim Klerus. Wenn es um Fragen ging die der Glaubenslehre nützlich waren, berief man sich gerne auf diese Überlieferung. Trotzdem war Justin um 150 noch nicht bereit, die Apg. zu kanonisieren.
In der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts lag man sich wegen der vierfachen Überlieferung der Evangelien in den Haaren. Tatian bastelte eine Zusammenfassung, welche aber später wieder verworfen wurde. Auf jeden Fall brauchte es im Westen 400 Jahre, bis man sich auf ein Bibelwerk einigen konnte, allerdings ohne das Echtheitsproblem der Evangelien zu lösen.

Die römisch-katholische Kirche hat den Kanon der Bibel im Jahre 1546 auf dem Konzil von Trient endgültig festgelegt, indem aus einer Vielzahl von Schriften eine Auswahl getroffen wurde, deren Echtheit zum Teil umstritten war. Schliesslich ordnete man das Ganze zu einem Buch und erklärte dieses zum kanonischen Standard. Dann wurde wieder einmal der heilige Geist bemüht - und schwupps - war die Bibel heilig und somit das, "in seiner Ganzheit mit allen ihren Teilen wahre Wort Gottes".

Die heilige Schrift enthält jene Bücher, die unter Eingebung des Heiligen Geistes geschrieben wurden. (Kat.7)



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