Auf den Spuren eines Mythos

Theorien der Jesus-Forschung - 3. Teil: Jesus, ein Rebell?


von Iris Vladimirovic´

Diesmal eine dritte interessante Theorie zur Person Jesu, die in starkem Gegensatz zu der in den ersten beiden Teilen vorgestellten steht:

H. von Mendelssohn zeichnet in seinem Buch "Jesus - Rebell oder Erlöser", ein ganz anderes Bild vom "Erlöser" als man es sonst kennt. Seiner Meinung nach war Jesus nicht der Begründer einer neuen Religion, sondern ein gesetzestreuer Jude, der in der Tradition der Pharisäer stand, jedoch auch essenisches Gedankengut übernahm; er lehrte im Tempel und predigte eine hohe Ethik.

Gleichzeitig sei er jedoch nicht nur ein geistiger Führer gewesen, sondern auch ein weltlicher Führer, ein Rebell. Diese, auf den ersten Blick seltsame Kombination von geistlichem und weltlichem Führertum war zu dem Zeitpunkt nicht gerade selten, da Gesetzestreue, Religion und Nationalismus im Judentum eine untrennbare Einheit bilden.

Nach jahrhundertelanger Fremdherrschaft und Unterdrückung hofften die Juden immer noch auf einen weltlichen Führer, der sie befreien werde, den Messias. Diese Vorstellungen vom Retter aus der Not sind sehr alt und spiegeln sich in Gestalten wie Moses und Joseph wieder. "Messias" ist die Griechische Transkription von "maschiah", was "der Gesalbte " bedeutet (griechisch auch "Christos").

Der Autor stellt die Theorie auf, daß Jesus in der Taufszene durch Johannes zum König über Judäa gekrönt (gesalbt) wurde, und zwar zum weltlichen Herrscher.

Johannes war zu der Zeit schon ein bekannter Prophet, der auch in der antiken Geschichtsschreibung bekannt war. Im "Josippon" wird er als Hohepriester bezeichnet und er könnte tatsächlich der Hohepriester einer Wiederstandsbewegung gewesen sein, was ihm die nötige Macht verliehen hätte, Jesus zum König zu salben.

Wenn Jesus tatsächlich vom Königshaus David abstammte, worauf die beiden Stammbäume im neuen Testament hindeuten, dann hatte er sogar einen berechtigten Anspruch darauf gekrönt zu werden, die Stammbäume sind jedoch sehr widersprüchlich, deshalb kann dies nur eine These bleiben.

Auch der Einzug in Jerusalem deutet daraufhin, daß Jesus als König empfangen wurde. Die Menschen breiteten Kleider und Palmzweige vor ihm aus, diese Huldigung war sehr ungewöhnlich und vor ihm nur zwei anderen Nationalhelden zuteil geworden; dabei riefen sie: "Hoschiana", was übersetzt "Hilf doch" oder "Rette uns!" bedeutet. Der Autor schließt daraus, daß die Menschen ganz konkret von Jesus erwarteten, sie vom Joch der Römischen Herrschaft zu befreien und das Reich Davids wiederherzustellen (Das Reich Gottes).

Jesu erste Handlung, die Tempelreinigung, interpretiert der Autor als eine Kampfansage an das verweltlichte Priestertum, die Sadduzäer. Diese Provokation konnten sich die Sadduzäer nicht gefallen lassen, sie mußten gegen den Aufrührer vorgehen.

So kommt es schließlich es zur Verhaftung und zum Prozess gegen Jesus. Die Anklagen sind bei den vier Evangelisten verschieden; bei Lukas und Markus wird Jesus des Hochverrats angeklagt, da er sich als nicht von Rom autorisierter Herrscher ausgibt, bei Matthäus jedoch wegen Gotteslästerung, da er sich als Gottes Sohn bezeichnet. Auffällig ist, daß bei dem Prozess weder nach römischer noch nach jüdischer Rechtsprechung verfahren wurde.

Wäre Jesus der Gotteslästerung angeklagt worden, wäre dafür der Sanhedrin zuständig gewesen und die Strafe wäre Steinigung gewesen. Die Mehrheit der Mitglieder waren jedoch Pharisäer und ein Freispruch Jesu wäre wahrscheinlich gewesen. Dieses Risiko konnte Kaiphas, der damalige Hohepriester, jedoch nicht eingehen.

Die Kreuzigung fand am Tag vor dem Sabbat statt, und das war nach jüdischem Gesetz nicht rechtens, denn die Kreuzigung dauerte sehr lange und man konnte nicht erwarten, daß das Opfer rechtzeitig starb. Normalerweise hätte so etwas einen Sturm der Entrüstung im Volk hervorgerufen. Warum hatte man Jesus nicht, wie normalerweise üblich, über die Feiertage inhaftiert und erst danach hingerichtet, warum diese Eile? Der Autor beantwortet diese Frage damit, daß sehr starke Unruhen, bis hin zu einem Aufstand, befürchtet wurden und Jesus deshalb so schnell wie möglich und unter Mißachtung aller Gesetze hingerichtet werden mußte.

Auch Mendelssohn zieht die Möglichkeit in Betracht, daß Jesus die Kreuzigung überlebt habe (siehe Spunk Nr. 10). Nach der Auferstehung durfte Jesus sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen, da er sonst sofort wieder hingerichtet worden wäre, er mußte also ins Exil gehen. Der Autor hält es für wahrscheinlich, daß Jesus nach Damaskus gegangen sei, da dort eine große Essenische Gemeinde existierte, die ihn versteckt gehalten haben könnte. Damaskus gehörte zwar noch zum Römischen Reich, jedoch nicht mehr zum Einflußbereich des jerusalemer Tempels, und von hier aus wäre es Jesus möglich gewesen, noch Kontakt zu seinen Anhängern aufrechtzuerhalten.

Nach der Begegnung mit Paulus ist Jesus wahrscheinlich weiter nach Osten gewandert, vielleicht bis nach Indien; Noch heute kann man in Srinagar sein Grab bewundern.

Aus der nationalen Wiederstandsbewegung entstand im Laufe der Zeit eine neue Religion, die nichts mehr mit Jesu ursprünglichen Zielen zu tun hatte.


Paulus und die Ur-Kirche

Nach dem Verschwinden ihres Führers hatte die Schar von Jüngern mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen; viele wanderten aus und ihnen fehlte eine fähige Führungspersönlichkeit, die die Zügel in der Hand hielt. Auch sahen sich die Jüngern ständigen Verfolgungen ausgesetzt; einer von diesen Verfolgern war Saulus, der sich später Paulus nannte. Von ihm ist nicht viel bekannt, er scheint das römische Bürgerrecht besessen zu haben und seine Texte lassen griechische Einflüsse erkennen, weshalb vermutet wird, daß er vielleicht Grieche gewesen sei, jedenfalls kannte er sich mit den Jüdischen Gebräuchen nicht sehr gut aus. Geboren wurde er in Tarsus (in Kilikien) und behauptete selber, jüdischer Abstammung gewesen zu sein. Er arbeitete mit den Römern zusammen und verfolgte die Anhänger Jesu mit besonderer Grausamkeit und Härte.

Seine Tätigkeit führte ihn schließlich nach Damaskus, wo er Jesus begegnete, sich von ihm bekehren ließ und sich in Paulus umbenannte. (Apg, IX). Der Autor vermutet, Jesus habe in ihm einen fähigen Mann für seine Sache gesehen, dem er die Führung anvertrauen konnte und deshalb versucht, ihn für sich zu gewinnen. Nachdem er den Missionsauftrag erhalten hatte, reiste er nach Jerusalem, um sich mit Petrus zu treffen, der zu der Zeit die Leitung innehatte. Weder Petrus noch die anderen Angehörigen der Ur-Gemeinde mochten Paulus, vielen war er noch als Verfolger in Erinnerung; hinzukam, daß er nicht besonders an der echten Tradition von Jesu Wirken interessiert war, sondern die Geschichten und Lehren für seine Zwecke umänderte; er brach mit vielen Traditionen des Judentums und ließ antike östliche Kulte in seine Lehre mit einfließen. So entstanden zwei verschiedene Richtungen des Jesus-Kults.


Das Christentum - eine Fälschung?

Da Paulus in Jerusalem in ständiger Furcht vor Mordanschlägen leben mußte, verließ er Jerusalem bald wieder und bereiste das Mittelmeergebiet, um seine Lehre zu verbereiten; so begann seine Missionstätigkeit.

Die Spannungen zwischen Petrus und Paulus wuchsen. Oberflächlich gesehen, entzündete sich der Konflikt an Speisegeboten und Lebensregeln, der Autor vermutet jedoch, daß mehr dahintergesteckt habe; er nimmt an, daß die Lehre Paulus das Ziel hatte, den Nationalismus der Juden zu untergraben und eine römerfreundliche Religionsgemeinschaft zu gründen. Es gibt sogar die Theorie, das Paulus in Wirklichkeit, ein römischer Geheimagent war.

Seine Lehren führten schließlich sogar zum Bruch mit dem Judentum. Jesu ursprüngliche Lehren, seien es neben der hohen, jedoch in der Tradition der Pharisäer stehenden Ethik, auch Aufrufe zum Aufstand, oder wie die Autoren Holger Kersten und Elmar R. Gruber annehmen, buddhistisches Gedankengut, sind durch Paulus stark verändert worden. Erst Paulus predigte die scharfe Trennung der Christen von den Heiden, das Motiv des Erlösers, der für unsere Sünden starb, wurde von ihm eingeführt und erhob Jesus zum geistigen Sohn Gottes. Seine Lehre verbreitete sich rasch über die Welt, und verdrängte die Kirchen anderer Richtungen.

Das Christentum, so wir es heute kennen, wurde nicht von Jesus, sondern von Paulus gegründet.



"Es ist im Grunde eine absurde Geschichte, die mit politischen und religiösen Unruhen - die beiden Begriffe sind nicht zu trennen - in einem Winkel des riesigen Römischen Reiches beginnt und mit der Errichtung einer institutionellen Kirche mit einem absoluten Anspruch auf geistige Unterwerfung schließt." (H. von Mendelssohn)


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