Wilhelm Tell   


Den Wilhelm Tell kennt sicher jeder,
aus Friedrich Schillers Dichterfeder.
Doch was der Fritz da hat geschrieben,
scheint da und dort leicht übertrieben.
Zudem bin ich mir nicht im Klaren,
wer Schiller's Informanten waren.

Heut, wo Experten aller Orten
die Weltgeschichte sind am ordnen.
ist es doch sicher kein Vergehen ,
den Tell aus neuer Sicht zu sehen.
Denn eines sei hier klar fixiert,
In Bern war Wilhelm nie fichiert.

Um vierzehnhundertfünfzig schon,
sprach man vom Thal und seinem Sohn.
Doch war den Urnern damals klar,
dass Wilhelm Tell ein Märchen war.
Als dann die Fremdenindustrie entstand,
ward Tell der Held vom Urnerland.

Wir haben auch mal recherchiert
und stellen fest - Fritz hat geirrt.
Die Wahrheit kommt jetzt voll ans Licht,
dass Tell und Gessler nämlich nicht,
sich ständig in den Haaren lagen,
sondern dicke Freunde waren.

'Wie oft die Männer fort sind, gell?'
sprach Gesslers Frau zu Hedwig Tell.
Und Hedwig meint: 'Mit passt's auch nicht,
dass Willi steht's auf Achse ist.
Das Haus verlässt zudem mein Alter,
nie ohne Armbrust und den Walter.'

'Wem sagst Du das?' meint voller Sorgen
Frau Gessler: 'Es ist zum verworgen,
auch heut nahm meiner auf den Tripp,
den Köcher und die Knarre mit!'.
'Am End drehn die noch etwas Krummes!'
'Bestimmt passiert mal etwas Dummes!'.

Derweil kams's in der Hohlen Gass
zum Armbrustschützen-'Wetten, dass...?'
Zu Tell - dem Schützenkameraden,
sprach Gessler - beim erneuten Laden:
'Noch besser kann kein Schütze werden,
kein Schuss geht praktisch uns daneben!'.

'Ich treff vom Pferd - voll im Galopp,
nen weit entfernten Blumentopf'.
'Und ich - bereits beim ersten Schuss -
aus fünfzig Metern eine Nuss'.
'Da kanns', sprach Gessler, 'nicht verdriessen,
dem Buben Obst vom Kopf zu schiessen!'

So schickt man Walter in die Auen,
beim nächsten Bauer Äpfel klauen.
Als letztes Ziel - so ward beschlossen -
wird Gessler's Federhut beschossen.
Dann wollte beiden es gefallen,
Erinnerungen aufzutauen.

'Das war ein wahrer Tellensprung',
lacht Gessler - 'kürzlich bei dem Sturm,
als unser im Kahn - vom Föhn getrieben -
fast an den Felsen ward zerrieben,
hast du's geschafft, dich, (statt zu beten) -
beim Axenstein an Land zu retten'.

'Hätt's du nicht deine Hämorrhoiden,
wären wir an Land geblieben'
sagt Tell - 'und hätten uns am Axen droben,
zu Pferd gen Brunnen hin verschoben'.
So nahmen sie sich auf den Arm,
bis Walter mit den Früchten kam.

Das Obst auf Walters Haupt traf jeder,
indes beim Schuss auf Gesslers Feder -
Ein Föhnsturm war zur Zeit im Gange,
und darum zielte Wilhelm lange -
ging leider Tells Geschoss daneben
und kostete dem Vogt das Leben.

'Mich hat es bös erwischt - wie schad!'
sprach, schon fast tot, Tells Kamerad.
'Versuche (dem Geschichtsbuch wegen),
den Unfall anders darzulegen'.
'...erzähl was von Tyrannenmord...!'
Anschliessend war der Gessler tot.

Nach einer kurzen Trauerpause,
fuhr Willi ohne Vogt nach Hause.
Dort schlug er schnell die Meldung breit,
er habe Land und Volk befreit.
Schnell ging durchs Tal die frohe Kunde,
der Wilhelm war in aller Munde.

Hätte man seinerzeit im Land,
bereits die Spurensicherung gekannt,
wär Wilhelm Tell heut nicht der Held,
wie im Geschichtsbuch dargestellt.
Die Kripo hätte Tell befragt,
warum er dies in Küsnacht tat ?

Zu jener Zeit gabs am Gestade,
noch andere Verbindungspfade.
Woher kam der Geheimdienst-Tipp,
dass Gessler durch die Gasse ritt?
Sein Ziel hätt er zu Altdorf leicht
und erst noch spesenfrei erreicht!

Damals war es auch sonnenklar,
dass wenn der Vogt auf Reisen war,
er stets begleitet ward zu Ross,
von einem starken Landsknecht-Tross.
Haben denn diese vom Geschehen,
wirklich null und nichts gesehen?

Man hätt vom Tell auch wissen wollen,
was die erschossnen Äpfel sollen,
die man am Tatort - tief im Wald,
neben Gesslers Leiche fand?
Auch Walter hätte man befragt,
was er erlebt am Tag der Tat.

Und hätt der stolz vom Obst gesprochen,
das beide ihm vom Haupt geschossen,
Hätt Vater Tell - genau genommen,
ein weiteres Problem bekommen.
Zum Schluss hätt man dem Tell bewiesen:
Ein Unfall hat den Vogt geschlissen

Statt dessen wird - stark übertrieben -
vom Meisterschuss des Tell geschrieben.
Dabei hat er - im Übermut -
gezielt auf Landvogt Gesslers Hut.
Hochstapler nennt man solche Leute
im Sprach- und Wortgebrauch von heute.

Wer in dem Märchen weiterblättert
sieht, dass die Weisheit sich erhärtet,
wonach der, welcher Unrecht tut,
auch irgendwann mal Busse tut.
Schwer hat die Strafe Tell getroffen.
Er ist im Schächenbach ersoffen.

Und die Moral von dem Gedichte,
nicht immer stimmt die Weltgeschichte.
Und sollt heut einer daran denken,
dem Volk die Freiheit neu zu schenken,
sollt er - der Tell tat's nicht mehr können -
sich vorher einen Schwimmkurs gönnen.


Jürg Käser

(Idee:Roland Mathys)

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