Ein Gespenst
geht um in Europa, das Gespenst des Sozialhilfeempfängers in dritter Generation. Ja zum Glück
scheinen sich inzwischen die Sozialhilfeempfänger zu vermehren. Denn nur Menschen, die bereit sind, nicht mehr zu
produzieren, sondern nur zu konsumieren, können noch für gesellschaftlichen Fortschritt sorgen.
Deshalb verkünden wir hier und heute:
Das Jahrhundert der Parasiten
Was - der Parasiten? Der sog. „Schädlinge des Volkskörpers“? Wie kannst du nur diesen
Begriff verwenden,
der den Nazis zum Vorwand ihres
Gaskammermordens gedient hat? Na eben, das zeigt, wie unter der Naziperspektive Menschen zu Parasiten erklärt, nur als Objekte des Exterminismus,
also der Vernichtung, gesehen wurden.
Wir hingegen proklamieren:
So wie die Produktivität sich entwickelt hat, ist nur noch durch Konsumenten, die keine Tauschwerte mehr herstellen, zu gewährleisten, das der
dramatisch angeschwollene Kapitalkörper, dieses Monster an toter Arbeit, das sonst sich, und uns alle mit, an seiner eigenen Schwerkraft
erschlägt, noch überleben kann. Wenn das 19te Jahrhundert das der Bürger war, das 20te das der Arbeiterbewegung, so ist das 21te Jahrhundert das
der Parasiten.
Der Parasiten, weil nur die Konsumption eines zunehmenden und unproduktiven Teils der Gesellschaft die
Produktions-Sehnsüchte des arbeitsgeilen anderen Teils der Gesellschaft noch befriedigen kann. Selbstverständlich geht es um eine
Demokratisierung des Parasitären, also um Menschen mit geringem Einkommen, die sich durchfüttern lassen, die Reichen hatten damit schließlich
noch nie Probleme.
Deshalb ist die Abschaffung des § 25 Bundessozialhilfegesetz, des Zwangsarbeitsparagraphen, der mit Strafarbeit die Arbeitsbereitschaft erpressen
soll, nur der erste Schritt, eine erste Verwirklichung des Rechts auf Faulheit, das in den nächsten Schritten komfortabel ausgestattet werden
wird.
Warum sind wir so zuversichtlich, den Titel dieses Jahrhunderts heute schon proklamieren zu können? Weil
der Kanzler Schröder, der Genosse der Bosse, guten Grund zum Panikruf hat, es gäbe „kein Recht auf Faulheit“. Tatsächlich gibt es immer mehr
Menschen, die bereit sind, nicht mehr arbeiten zu wollen und die per Beschwörung neu geschaffenen Arbeitsplätze zu den offerierten Bedingungen
ablehnen! Und darin müssen wir sie jetzt bestärken, sie sind die Avantgarde, die die Gesellschaft und ihre Produktionsverhältnisse in die Zukunft
transformieren.
Dagegen steht das Programm der Entängstigung durch die Parasiten, durch glückliche Arbeitslose. So wird miese Arbeit nur noch gegen Spitzenlöhne
geleistet, die Arbeit wird von der Quälerei befreit, denn immer vertreibt der Stachel des Rechts auf Faulheit, die Angst, ohne Überlebensmittel
sitzen zu bleiben.
So wird der gesellschaftliche Kriegszustand erstmals beendet, wenn endlich den Parasiten das bedingungslose Recht auf Faulheit zugestanden wird
und sich damit die Gesellschaft zivilisiert.
Es sind drei Argumente, die für das Jahrhundert der Parasiten sprechen:
das moralische Argument
das ökonomische Argument bei entsprechender Interessenlage
das emotionale bzw. emanzipatorische Argument.
A) das moralische Argument:
Das Existenzrecht des Menschen, unabhängig von seinem Beitrag zum gesellschaftlichen Reichtum muß verwirklicht sein. Erst dadurch, daß das auch
für die anerkannt wird, die aus welchen Gründen auch immer, nicht dazu beitragen wollen, beginnt Leben lassen ohne vernichtende Hintergedanken.
Die Grundlage für moralisches Handeln und zivilisierten Umgang wird erst durch das Recht auf Faulheit eingelöst.
B) das ökonomische Argument:
Wenn die Lohn und Gehaltsabhängigen, in marxistischer Terminologie
die Arbeiterklasse, feststellen können, daß staatlich geregelt weniger die Arbeitslosigkeit, stattdessen die Arbeit subventioniert wird, dann ist
offensichtlich eine Ideologie der Arbeitsverherrlichung am Werke, die heißt: Es wird ein Teil der erarbeiteten Werte nur dafür verwendet, daß
mehr gearbeitet wird.
Dagegen muß die Arbeiterklasse ein Interesse daran haben, durch Verknappung der angebotenen Arbeitskraft am Markt den Preis der Ware Arbeit zu
steigern. Deshalb ist das Bündnis mit den Arbeitsunwilligen, ja die Transferleistung an sie, im unmittelbaren ökonomischen Interesse der
Arbeiterklasse. Nur so läßt sich der Reallohn steigern und zwar inklusive steigender Sozialabgabenanteile für die arbeitsunwilligen Parasiten.
Dieses ökonomische Argument ist selbstverständlich klassengebunden an die Interessen der Lohn- und Gehaltsabhängigen; Lohn- und Gehaltsabhängige
sowohl als Eingestellte als auch Freigestellte.
C) das emotionale bzw. emanzipatorische Argument:
„Wenn wir verdienen wollen, geliebt zu werden, anstatt anzuwidern, wenn wir herbeigesehnt werden wollen, müssen wir auf die Frage der Macht und
ihrer Ausübung antworten. Wir müssen eine Ausübung der Macht erfinden, die nicht Angst macht. Das wäre das Neue.“ sagt Michel Foucault 1979.
Ein würdiges Einkommen ohne arbeiten wollen zu müssen, ist die Voraussetzung dafür, Angst existentiell zu überwinden, die Angst, daß man wertlos
und dem Verhungern preisgegeben sei, wenn man beim Arbeitsreigen, aus welchen Gründen auch immer, nicht mitmacht.
Damit werden die Grundlagen geschaffen, daß Macht nicht mehr auf Angst und dem Bedienen von Ressentiments beruht, das Strafregime untergeht. Es
wird die Bedingung geschaffen, daß eigene Lebensentwürfe und Selbstbestimmung, also Emanzipation, sich verwirklichen kann.
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