Die Legende vom deutschen Widerstand
Henning von Tresckow und die Geschichtsklitterung in Magdeburg

Von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt wurde bereits vor einem Jahr (am 9.1.2001) dem in Magdeburg geborenen Mitverschwörer des Widerstandes vom 20.Juli 1944 anläßlich seines einhundertsten Geburtstages ein Denkmal gesetzt: Henning von Tresckow.

Volksstimme, 11.1.02Dieser gilt – neben dem eigentlichen Attentäter Stauffenberg – als “eine der größten Persönlichkeiten der Verschwörung gegen Hitler” (Volksstimme vom 11.1.02). Nach ihm wurde bereits 1991 die ehemalige Otto-Nuschke-Strasse am Nordpark in der Alten Neustadt benannt, dort befindet sich auch der Gedenkstein. Die Bandbreite der Traditionsfreunde in Magdeburg ist breit. Stolz verwies z.B. der OB-Kandidat der Liberalen vom letzten Jahr, Paqué, darauf, dass es der´ “Parteifreund Hans Schuster” war, der in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der “Magdeburgischen Gesellschaft” den Gedenkstein gestiftet hat und rühmte diese Tat als “echte Werbung für die Stadt, angestossen von einem geschichtsbewußten Liberalen”. Auch der Rektor der Uni Magdeburg, Erich Pollman, hielt eine Rede auf der städtischen Gedenkveranstaltung in der Johanniskirche anläßlich der Einweihung des Denkmales.

Aber nicht nur die Stadt will sich mit ihrem “Sohn” schmücken. Tresckow gilt besonders in der Tradition der Erbin der Wehrmacht, der Bundeswehr, als eine Galionsfigur für den militärischen Widerstand und trägt damit auch zu dem nicht nur bei Neonazis beliebten Mythos von der Unschuld der Wehrmacht an den Naziverbrechen bei.

Bereits 1961 wurde eine Kaserne in Oldenburg nach ihm benannt, heute trägt das Fallschirmjägerbattaillon 314 in Potsdam seinen Namen.
Der Kommandeur des Verteidigungs-bezirkskommandos Magdeburg, Oberst U.C. Kleyser, ließ sich im letzten Jahr dazu von der Zeitung der “Neuen Rechten”, “Junge Freiheit” interviewen. In diesem Interview verweist er auf die Bedeutung der Gedenkstele in “einer Region, in der aus historischen Gründen der militärische Widerstand gegen Hitler etwas vernachlässigt worden ist”. Die Motivationen der Verschwörer und ihre “politischen Lösungen” und “persönlichen Interessen” sind für ihn “zweitrangig”. Und in einem historischen Rundumschlag will er “eine Brücke schlagen: 20. Juli 1944, 17. Juni 1953 und 9. November 1989”.
Die Bundeswehr plant, am Magdeburger Gedenkstein in Zukunft auch öffentliche Gelöbnisse stattfinden zu lassen.

Grund genug also, das Wirken Tresckows und seiner Kameraden ein wenig genauer zu betrachten. Tresckow wurde am 9.1. 1909 in Magdeburg geboren. Er stammte aus einer preußischen Offiziersfamilie. Nachdem er bereits am ersten Weltkrieg als Soldat und 1919 an der Niederschlagung des Spartakus-Aufstandes in Berlin teilgenommen hatte, trat er 1924 erneut in die Reichswehr ein. Zu dieser Zeit sympatisierte er bereits mit der nationalsozialistischen Bewegung, deren Machtübernahme 1933 er dann auch begrüsste. Die Zerwürfnisse unter den Nazis selbst (der sogenannte “Röhmputsch” 1934) ließen ihn wieder auf Distanz zur Politik Hitlers gehen. Dennoch diente er ihm lange bedingungslos. Von August 1942 bis zu seiner Versetzung im August 1943 hatte Tresckow die Leitung der Partisanenbekämpfung im Bereich der Heeresgruppe Mitte der Ostfront inne. Gerade diese Zeit war durch eine Verschärfung des “Banden-kampfes” gegen Partisanen und Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten gekennzeichnet.
Die Neue Züricher Zeitung (14.9.2000) verweist darauf, dass gerade der “spiritus rector der zum Tyrannenmord entschlossenen Militärs”, Tresckow, bei der Partisanenbekämpfung “nicht vor völkerrechtswidrigen Befehlen” zurückgeschreckt sei, die “die Ermordung unschuldiger Zivilisten und insbesondere vieler Juden” zur Folge hatten. Der renommierte Historiker Mommsen berichtete in einem Interview mit dem NDR (Forum 4, 16.7.99) von Ausbildungsaktivitäten in Tresckow direkt unterstehenden Einheiten, “wo dann einen Tag Theorie gemacht wird und einen Tag Praxis. Die Theorie besteht in antijüdischer Indoktrination und die Praxis besteht darin, daß sie sich dann auf einen LKW setzen, ein Dorf umzingeln und das ganze Dorf liquidieren, damit man sieht, wie das technisch geht”. Zwar gesteht er den Verschwörern sittliche Motive durchaus zu, dennoch resümiert er, dass «kein Weg an der Erkenntnis vorbei (führt), dass eine beträchtliche Anzahl derjenigen, die am 20. Juli 1944 aktiv mitgewirkt haben [...], zuvor am Rassenvernichtungskrieg teilgenommen, ihn jedenfalls streckenweise gebilligt und in einigen Fällen aktiv vorangetrieben hat». (NZZ, 14.9.00)
Der nach Mommsen zu den “begabtesten deutschen Nachwuchshistorikern” zählende Wissenschaftler Christian Gerlach verweist den gerade Tresckow zugeschriebenen Widerstand gegen die Umsetzung des berüchtigten “Kommissarbefehles” in das Reich der Legende: »Sie (die Mitglieder des militärischen Widerstandes an der Ostfront – d.A.) waren gegen die Ermordung aller Kriegsgefangenen aus rassistischen Gründen, aber sie hatten nichts gegen die Ermordung politischer und militärischer Gegner«, weswegen sie sich an der Auslöschung von Kommunisten, vermeintlichen Partisanen und Kommissaren der Roten Armee beteiligt hätten, so Gerlach in dem Sammelband “NS-Verbrechen und militärischer Widerstand gegen Hitler.” Dieser in der Schriftenreihe des Fritz-Bauer-Instituts im Primus Verlag/Wissenschaftliche Buchgesellschaft erschiene Band sollte ursprünglich mit dem Verweis auf den militärischen Widerstand gegen Hitler die Aussagen der “Hamburger Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht” relativieren, was nach Aussagen des Herausgebers Gert R. Ueberschär, der 20 Jahre lang am Militärgeschichtlichen Forschungsamt Freiburg/Potsdam tätig war, aber so nicht aufrechtzuerhalten war: »Mehrere biographische Studien über einzelne Widerstandskämpfer haben deren Affinität (=Verwandtschaft, Nähe – d.A.) zum NS-Gedankengut sowie >aktive Teilnahme und Überzeugungsidentität< belegt, so daß man nicht mehr den leicht apologetisch (=rechtfertigend – d.A.) wirkenden Begriff der >Verstrickung< verwenden sollte, um das Verhältnis zu verbrecherischen Handlungen zu charakterisieren ...« gab Ueberschär anlässlich des Erscheinen des Bandes zu bedenken. (jW vom 28.07.2001)

Wenn man sich dazu noch diverse Äußerungen von Tresckows Mitverschwörern zu Gemüte führt, braucht man nicht viel Fantasie, sich vorzustellen, was geschehen wäre, wenn das Attentat und der Putsch vom 20. Juli 1944 geglückt wäre. Mitverschwörer General Erich Hoepner etwa wollte Giftgas gegen “Partisanennester” einsetzen und viele aus dem Kreis der oppositionellen Offiziere waren aktiv an der Vernichtung der Juden beteiligt. Der in die Attentatsvorbereitungen einbezogene Leiter des Reichskriminalpolizeiamtes, Arthur Nebe, leitete 1941 die Einsatzgruppe B zur Ermordung der weißrussischen Juden und gab z.B. nach Kritik durch Himmler den Befehl, die Exekution von Juden in Grodno und Lida “erheblich zu intensivieren”. Da sieht der zum zivilen Flügel der Verschwörer gehörende ehemalige OB von Leipzig, Goerdeler, mit seiner Auffassung, dass “die Ansiedlung der Juden in Kanada oder Südamerika eine Lösung dieser Frage sein“ könne, da “nicht eher Ruhe in der Welt eintreten werde, bis eine Neuordnung der Stellung der Juden in der ganzen Welt durchgeführt sei” (Carl Goerdeler unter dem Pseudonym Kaiser, Das Ziel, 1940/41) richtiggehend blass aus. Besonders demokratisch dürfte das auch nicht sein – keine Wunder, Goerdeler plädierte in einer geheimen Gedenkschrift an die Generalität vom März 1943 für die Errichtung einer Monarchie nach dem Sturz Hitlers. Erst die sich abzeichnende Niederlage der Wehrmacht im zweiten Weltkrieg ließ die Verschwörer - und mit ihnen Tresckow – Konsequenzen ziehen, nachdem noch 1944 Tresckow zum Generalmajor ernannt wurde – “erst 43 Jahre alt”, worauf extra auf den WWW-Seiten des nach ihm benannten Fallschirmjägerbataillons verwiesen wird. Das Ziel der Wehrmachtsopposition war es – so Hauptakteur Stauffenberg – Deutschland als “einen im Spiel der Kräfte einsetzbaren Machtfaktor zu erhalten” (Jungle World 3/01) und – wie der us-amerikanische Historiker T.S. Hamerow in seinem 1999 erschienenen Buch resümierte, “kurz vor dem Zusammenbruch noch ihre Haut (zu) retten” wenn nicht gar “die Politik Hitlers in rationalerer Gestalt weiterzuführen”.
(Die Zeit 4/00)

Ullrich von Hassel, Mitglied einer politischen Widerstandsgruppe, äußerte sich in seinem Tagebucheintrag vom 20. April 1943 über die militärische Opposition: „Je länger der Krieg dauert, desto geringer wird meine Meinung von den Generälen ... keinerlei innere geistige Selbständigkeit ... Sie haben wohl technisches Können und physischen Mut aber wenig Zivilcourage ... Der Mehrzahl sind die Karriere im niedrigen Sinn, die Dotationen und der Marschallstab wichtiger, als die großen sachlichen Gesichtspunkte und sittlichen Werte.“ (Zitiert nach: Erich Kosthorst, „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist des Gehorsams -Deutschlands Generäle und Hitler“, Bourier 1998) Und der damalige britische Premier Churchill brachte die Ereignisse vom Juli 1944 mit seiner Definition als “Ausrottungskämpfe unter den Würdenträgern des Dritten Reiches” auf den Punkt. Nach der Nachricht vom Scheitern des Putschversuches nahm sich Tresckow am 21. Juli 1944 an der Ostfront das Leben. Zweifellos brachten die meisten der an den Attentatsvorbereitungen einigen persönlichen Mut auf. Dennoch dürften reuige Kriegsverbrecher – und nichts anderes waren die meisten der Verschwörer – kaum als Identitätsstifter für die Jugend taugen, wie es der oben erwähnte Oberst Kleyser fordert. Für die Bundeswehr spielen die Attentäter heute eine wichtige Rolle bei der Traditionsstiftung im Sinne der Ausrichtung in eine Interventionsarmee mit globalem Einsatzgebiet.
“Die hervorragenden, tapferen Soldaten des militärischen Widerstandes gegen Hitler” sollen mit “ihrem Opfermut, ihrer Tatkraft und ihrem Gehorsam in die Pflicht” als Vorbild dienen, wenn es gilt “Humanität und Rechtsstaatlichkeit” in “Krisen- und Kriegsgebiete” zu exportieren (“Information für die Truppe”)

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