Deutsche Neonazis ziehen aufs
Land. 
Immer mehr Immobilienkäufe sind insbesondere in den östlichen Bundesländern festzustellen. Suchen sie die “Befreiten Zonen“ in den Dörfern oder
wird Parteivermögen der NPD ausgelagert? Fest zustellen ist, dass Immobilien ein sehr wichtiger Teil rechtsextremer Infrastruktur geworden sind.
Die Neonazis zwischen Volks- und Dorfgemeinschaft. Die unscheinbare Straße mit dem altertümlichen Kopfsteinpflaster scheint ans Ende der Welt zu
führen. Hier, mitten in Sachsen-Anhalt, unweit der A14, wirkt die Zeit wie stehengeblieben. Nach kurzer Fahrt erreicht man Trebnitz. Das 300
Seelen Dorf ist inzwischen eingemeindet und gehört zu Könnern, was den meisten Menschen auch nicht mehr sagt. Das Leben läuft hier noch einen
ruhigeren Gang, denn die zentralen Koordinaten des Tages sind der Ruf des Hahns am Morgen und das Untergehen der Sonne am Abend. Die
landwirtschaftliche Prägung ist nicht zu übersehen. Vor 1989 war die LPG, die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, der größte
Arbeitgeber im Dorf. Der LPG-Hof auf den die einzige etwas größere Straße des Dorfes zuläuft, sieht inzwischen etwas verwaist aus. Doch hat man
ihn erstmal betreten, offenbaren sich noch andere Einblicke. Direkt dahinter liegt der ehemalige Junkersitz, der auch als Schloss bezeichnet
wird. Der Komplex wird von einer Steinmauer eingegrenzt und besteht neben dem Haupthaus aus einer Reihe von kleineren Gebäuden und Nebengelass.
Inzwischen wird hier wieder gebaut. Offensichtlich hat sich ein neuer “Schlossherr” gefunden, der sein neues Domizil in Schwung bringt. Auf die
Frage, um wen es sich dabei handelt, antwortet eine Anwohnerin überraschend deutlich: “...die NSDAP”. Auch wenn das nicht ganz stimmt, so ist der
Bauherr immerhin einer der umtriebigsten deutschen Neonazis - Steffen Hupka.
Dorf- und Volksgemeinschaft
Auffallend sind die Anbiederungsversuche an die Leute im Ort. Wie die Erfahrungen aus anderen Orten zeigen, verkehrt sich, sobald die Akzeptanz
der Rechten im Dorf gesichert ist, der politische Widerstand von außen zur “ungerechtfertigten Einmischung” und aus den Neonazis werden nette
Nachbarn. Diese Akzeptanz kann durch die Eröffnung eines Gasthofes und gleichzeitiger Unterstützung der lokalen Feuerwehr und Fußball spielender
Jugendlicher relativ einfach geschaffen werden. Auch Steffen Hupka setzt schon seit längerem auf diese Karte. Nach seinem Umzug 1993 ins
sachsen-anhaltinische Quedlinburg trat er mehreren örtlichen Vereinen wie dem Schützenverein und dem Verein für historisches Schriftgut bei und
ließ sich nicht selten bei Geschäftseröffnungen und ähnlichen Anlässen sehen. Nachdem er ins benachbarte Städtchen Timmenrode gezogen war, konnte
man ihn dabei bewundern, wie er beim Festumzug zum Stadtjubiläum die uniformierte Abteilung eines Altertumsvereins samt Bürgermeister der
Nachbargemeinde anführte. Der Teil des Umzugs, der sich der Zeit des Nationalsozialismus widmete, wurde von seinen Kameraden mit Kübelwagen und
Stahlhelmen dargestellt. Für Trebnitz steht wohl ähnliches bevor. Der erste Kontakt ist bereits hergestellt. Ein Frührentner aus dem Dorf hilft
gegen Bezahlung beim Renovieren.
Auf dem Weg zum Schulungszentrum
Die Immobilie in Trebnitz bietet weitreichende Möglichkeiten. Der Komplex des 1630 erbauten denkmalgeschützten Gebäudes umfasst 2000 Quadratmeter
Wohnfläche und 7000 Quadratmeter Grundstück mit Nebengelass. Der Ballsaal im 1.Stock bietet Platz für 220 Personen. Daneben sollen Seminarräume,
Räume für Bandproben, ein Schlossmuseum, Übernachtungsmöglichkeiten für 48 Personen, Büros und nicht zuletzt auch 12 Ein- bis
Drei-Zimmerwohnungen entstehen. Im Schlosshof ist ein Biergarten, nebenan eine Schlossgaststätte mit 50 Sitzplätzen und für Feiern ein
“Rittersaal” für 60 Personen geplant. Dementsprechend war der Preis der Immobilie auch etwas höher. Die Deutsche Grundstücksauktionen AG aus
Berlin versteigerte das Objekt im März 2001 im Auftrag des Landkreises Bernburg. Für 100.000 DM erhielten der NPD-Kreisvorsitzende Uwe Meenen aus
Würzburg den Zuschlag. Die Verantwortung für das Schloss und seinen Ausbau ging direkt per Vollmacht, an den wie Meenen 1963 geborenen Hupka
über. Das überrascht. Meenen, der wie Horst Mahler Mitglied des Deutschen Kollegs ist, muss zum vorstandstreuen Flügel der NPD gerechnet werden.
Hupka hingegen versuchte zuletzt beim NPD-Bundesparteitag am 16./17. März diesen Jahres gegen den Vorstand zu putschen. Doch mit diesem Vorstoß
scheiterten er und seine Kameraden der aufgelösten Revolutionären Plattform in der NPD (RPF), kläglich. Für ihn wandelte sich spätestens damit
die NPD zum politischen Gegner. Der Konflikt gärt schon seit längerem und wurde bisweilen vor Gericht ausgetragen. Aufgrund der Härte der
Auseinandersetzungen stehen sich beide Fraktionen unversöhnlich gegenüber. Trotzdem gibt einer von Voigts und Mahlers Getreuen 100.000 DM für ein
Objekt aus, dass dann von Hupka betrieben und fortgeführt werden soll? Obwohl zum Zeitpunkt des Schlosskaufs bereits ein bis dahin erfolgloses
Partei-ausschlussverfahren gegen Hupka angestrengt wurde, bemühte man sich in der Bundesgeschäftsstelle noch, die konkurrierenden Flügel
zusammenzuhalten. Und Horst Mahler, wie Meenen in NPD und Deutschem Kolleg aktiv, erklärte 2001 bei einer Landesvorstandsitzung in
Sachsen-Anhalt: “Wir müssen Steffen Hupka nicht aus der Partei ausschließen, sondern ihn einbinden um ihn erziehen zu können...” Aufbau und
Verwaltung eines Schulungszentrums als Integrationsmaßnahme für den ehemaligen NPD-Schulungsleiter? Die NPD hat in jedem Fall ein Problem. Das
laufende Verbotsverfahren gegen die Partei stellt diese vor die Frage, wie das Parteivermögen vor staatlichem Zugriff gesichert werden kann. Dass
Privatbesitz an Immobilien einer der sichersten Wege dazu ist, ist allen Beteiligten klar. Ein anderes Problem stellt der fehlende
Führungsnachwuchs der Partei dar. Wie insbesondere von der RPF kritisiert, tut die NPD wenig, um die Mitglieder zu schulen. Blitzkarrieren wie
die des Landes vorsitzenden in Sachsen-Anhalt, Frank Kerkhoff sprechen Bände. Kerkhoff, angeblich von 1976 bis 1980 Mitglied des KBW
(Kommunistischer Bund Westdeutschland) und von 1996 bis 1998 in der PDS, trat nach Aussage des NPD-Kreisvorsitzenden Magdeburg, Matthias Güttler,
Anfang Februar 2001 in die NPD ein. Im Juni 2001 wird er bereits zum Kreisbeauftragten für Aschersleben ernannt und avancierte wiederum kurze
Zeit später zum Landesvorsitzenden in Sachsen-Anhalt. Mittlerweile liegt auch er mit Hupka in heftigstem Streit, nachdem der ihm keinen Büroraum
in Trebnitz zu Verfügung stellen wollte. Kerkhoff versuchte vorher, sich Hupkas Unterstützung für seine Wahl zum Landesvorsitzenden mit 10.000 DM
zu erkaufen. Das Geld wurde von Hupka angeblich in sein Trebnitzer Projekt investiert. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass auch Kerkhoff
inzwischen Mitglied im Deutschen Kolleg ist.
Hupka ist aufgrund seiner langjährigen Erfahrung als Schulungsleiter sowohl im Zentrum der verbotenen
nationalistischen Front in Detmold Pivitsheide, als auch innerhalb der NPD sowie als Betreiber rechter Zentren wie das der NF oder im kleineren
Rahmen mit der ehemaligen Dorfschule in Timmenrode bei Quedlinburg, bestens geeignet, das Bildungsniveau der Kameraden auf Vordermann zu bringen.
In diese Richtung gingen auch seine Überlegungen zur “Reform” der NPD. Da dieses Projekt für ihn gescheitert ist, bleibt nur der Aufbau einer
anderen bundesweiten Organisation. Nach seiner Überzeugung ist das Konzept der Freien Kameradschaften bald an seinen Grenzen angelangt. Um über
die Möglichkeiten einer neuen Organisation außerhalb der NPD zu beraten, wurde von Hupka am 27. April 2002 allerdings mit geringer Beteiligung,
zu einem Treffen ins Schloss nach Trebnitz eingeladen. Seinem “Schlossprojekt” misst er bei der Schaffung von Alternativen zur NPD eine zentrale
Bedeutung bei. Der Einladung war zudem eine ausführliche Beschreibung der noch benötigten Baumaterialien beigelegt. Am zweiten Tag des Treffens
sollte die Zukunft des Schulungszentrums alleiniger Tagesordnungspunkt sein.
Wichtige Infrastruktur
Ob nun mit NPD-Geldern oder aus anderen Quellen finanziert - Zentren wie das geplante in Trebnitz sind wichtige Teile der Infrastruktur von
Neonazis. Sie reihen sich in das Konzept der “Befreiten Zonen” ein, dass innerhalb der extremen Rechten noch immer diskutiert und punktuell
umzusetzen versucht wird. Das der Erwerb von Immobilien einen zentralen Punkt in diesem Konzept darstellt, erläutert Hupka in einem Artikel in
der NPD-Zeitung “Deutsche Stimme” Der gezielte Ankauf von Immobilien soll demnach nicht der Versuch der totalen Abgrenzung von der bestehenden
Gesellschaft, also Selbstzweck im Sinne von Neonazis als Aussteiger sein, sondern Mittel zu einer politischen Veränderung im neonazistischen
Sinne. So wird ein Objekt nach diesem Konzept als materielle und moralische Basis definiert. “Sie muß unsere Nachschubbasis und unsere Heimatfront
sein. Aus ihr heraus müssen wir die eigentliche Front weiter vorschieben, müssen wir neue Nebenkriegsschauplätze, sprich Befreite Zonen,
eröffnen.” Und weiter: “Steht das Objekt auf relativ sicheren Füßen, kann man daran gehen, weitere Freiräume zu erobern. Wer bereits ein Haus
hat, erhält von der Bank auch meist einen Kredit für ein zweites. Ist der erste und schwerste Schritt einmal getan, dann sind die weiteren
Schritte wesentlich einfacher umzusetzen.” Eine Immobilie auf dem Land, als Keimzelle neuer “Befreiter Zonen”? Ein so zu schaffendes Netzwerk von
Objekten, sieht Hupka als die zentrale Aufgabe des “gesamten nationalen Widerstandes” an. Die für diesen Zweck nötigen Vorraussetzungen eines
Objektes werden ebenfalls klar formuliert. “Dieses Projekt sollte mindestens folgendes erfüllen: einen Wohnraum für Kameraden (optimal für vier
Personen), ein Versammlungsraum für die örtliche Gruppe (optimal für rund 100 Personen). Zur Optimierung des Hausprojektes zählen noch ein Sport-
bzw. Kraftraum, eine Kneipe für gesellige Anlässe, eine Werkstatt sowie ein Laden, in dem ´Szeneklamotten´ verkauft werden.”
Anspruch und Realität
So weitgehend einzelne der Nutzungskonzepte auch sein mögen, an der praktischen Umsetzung werden sie sich messen lassen müssen. Auffällig ist,
dass im Gegensatz zu früheren Neonazi-Zentren wie in Hetendorf oder Detmold-Pivitsheide, die beschriebenen Projekte nicht allein nach innen in
die Szene hinein, sondern auch und gerade nach außen wirken. Leuten wie Hupka geht es eben neben der Stärkung der eigenen Strukturen durch die
Schaffung von Infrastruktur, auch um die Akzeptanz und letztlich auch Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung. Die daraus resultierende
Tolerierung rechter Ideologie bzw. ihre weitergehende Etablierung im öffentlichen Raum, würde sie ihrem Konzept der “Befreiten Zonen” ein
erhebliches Stück näherbringen. Die Neonazis die entweder in ihren politischen Karrieren mehrere Organisationswechsel, sei es Aufgrund
staatlicher Repression oder durch interne Querelen, vollzogen haben oder durch solche Kader maßgeblich beeinfl usst wurden, sind es in erster
Linie, die jetzt durch Immobilienkäufe versuchen, dauerhafte Strukturen zu schaffen. Ihre Rechnung, durch die Schaffung solcher in Privatbesitz
befindlicher Objekte nachhaltige über Jahre bestehende Projekte zu schaffen, die, wenn sie funktionieren im Gegensatz zu Vereins- und
Organisationsstrukturen stabiler und weniger angreifbar sind, könnte aufgehen. Ihr Wille zur strukturellen Unabhängigkeit zeigt sich jedenfalls
deutlicher denn je. Ganz einfach funktioniert das jedoch nicht. Das bereits vor drei Jahren von Thomas Wulff und Michael Grewe aus dem Kreis der
Freien Kameradschaften in Norddeutschland erworbene Anwesen im niedersächsischen Amholz, zeigt die damit verbundenen Schwierigkeiten. Das
Gebäude, dass angeblich 300.000 DM gekostet haben soll, konnte durch den hohen Aufwand bei Ausbau und Renovierung bisher nicht fertiggestellt
werden. Die Motivation der “Kameraden” über längere Zeiträume Zeit und Geld in die notwendigen Arbeitseinsätze zu investieren, stellte sich als
relativ begrenzt heraus.
Stark gekürzter Vorabdurck aus Antifaschistisches INFO-Blatt Nr. 56,
erscheint Anfang Juli 2002
AIB, Gneisenaustraße 2a, 10961 Berlin
http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib |