Spassguerilla

Hier wieder ein paar Beispiele aus der Rubrik “Spassguerilla”, die wir dem gleichnamigen Buch (Unrast-Verlag Münster 2001, 14,00 Euro) und dem “Handbuch der Kommunikationsguerilla” (autonome a.f.r.i.k.a gruppe) entnommen haben.


Frankfurter Rundschau – Letzte AusgabeScheinbesetzung in Stadtfeld - auch eine Form von Spassguerilla

Im Herbst 1994 tauchten in den Briefkästen in einigen Frankfurter Stadtteilen eine “Letzte Ausgabe” der Frankfurter Rundschau (FR) auf, die der FR in Format, Farbgebung und Layout täuschend ähnlich sah. Das Anliegen der Verteilerinnen bestand darin, den alltäglichen Rassismus der FR zu verdeutlichen und zu zeigen, daß Eine linksliberale Haltung nicht automatisch vor rassistischen Stereotypen bei der Berichterstattung (z.B. über sogenannte “Ausländerkriminalität”) schützt. Die fiktive Redaktion veröffentlichte ein ausführliches Interview der FR mit “einigen Autonomen, um jenseits von Schlagzeilen unsere Leser und Leserinnen über die Motivation dieser Gruppen zu informieren”. Darüber hinaus übten die Herausgeber in dieser besonderen Ausgabe gegenüber ihren Leserinnen Selbstkritik: “Wir haben uns nicht der Aufklärung, sondern der Manipulation verschrieben.” Mit der Aussage: “Wir – die FR, als ein Teil der Medienlandschaft – sind, wenn es um Rassismus geht, ein Teil des Problems” vertraten sie eine für Medienmacher ungewöhnliche Rassismusanalyse. Die beteiligten Gruppen versuchten mit dieser Camouflage die ästhetischen Gewohnheiten von FR- Leserinnen zu nutzen, um in einem größeren Kreis Informationen und Meinungen zum alltäglichen Rassismus in den Medien zu verbreiten. Gleichzeitig thematisierten sie, dass die FR derartiges natürlich nie veröffentlichen würden. Obwohl diese Camouflage relativ einfach als solche erkennbar war, gab es empörte Anrufe in der FR-Redaktion. Der Chefredakteur der FR versuchte Gelassenheit zu demonstrieren und zog sich auf die antifaschistische Tradition der Zeitung in der unmittelbaren Gründungszeit nach 1945 zurück.


Telefonmann

Im süddeutschen Raum kamen 1995 Kassetten in Umlauf, die von Jugendlichen als Geheimtip weitergegeben wurden und auf zahllosen Parties für minutenlange Lachanfälle sorgten. Bespielt waren sie mit nichts anderem als dem Wortwechsel zwischen einem Anrufer und verschiedenen Telefonistinnen bei der Auskunft. Ein Sprachjongleur türkischer Herkunft, der vier Sprachen fließend beherrscht (Türkisch, Deutsch, Türkisch-Deutsch und Schwäbisch, dazu noch etwas Italienisch- Deutsch) führte darauf alle Möglichkeiten des Nicht- und Falschverstehens vor, die den Alltag von Deutschen und Nichtdeutschen prägen.

Erste Szene:
Er: “Bitte Telfonummer. Des isch in Hrrb.”
Die Telefonistin: ”Was?”
Er: “In Furrb.”
Die Telefonistin (genervt): ”Ich kann sie nicht verstehen.”
Er (leicht verzweifelt): “Fhrrubb!”
Die Telefonistin (empört): ”So macht man im Kindergarten, gell, aber nicht bei uns. Bitte gescheit buchstabieren. K wie Konrad oder C wie Cäsar?”
Er: “Entschuldigung, i kann nicht richtig gut deitsch spreke.”
Die Telefonistin (ultimativ): “Ja, dann tut`s mir leid, dann lernen sie`s und kommen dann wieder.” (legt auf)
Er (wütend): “Du Arschloch!”

Ein solches Gespräch beschreibt den Alltag von Menschen ohne bundesdeutschen Paß in Deutschland. Wenn Deutschsprachige sich mit einer solchen Situation konfrontiert sehen, fühlen sie sich auf der richtigen Seite und vergessen das Ganze schnell. Für nicht Deutschsprachige kann Deutsch wie auch die jeweiligen Dialekte ein unüberwindliches Hindernis darstellen. Was aber diesen Fall von anderen unterscheidet, ist, dass diese Anrufe bei der Auskunft nicht dazu dienen, Telefonnummern zu erfahren, sondern ein Spiel mit Sprachverwirrungen und amtlicher Kommunikation zu treiben. Nach einigen eher kurzen und wenig erfolgreichen Versuchen begann unser Sprachjongleur, die Gespräche mit den Telefonistinnen auf längen über zehn Minuten auszudehenen und legte sich – manchmal sogar in ein und demselben Telefonat – mehrere Rollen zu. Er spielte gleichzeitig neben dem radebrechenden Türken auch den holprig sprechenden Italiener und den breit schwäbelnden Einheimischen.

Zweite Szene:
Er (Salvatore): “Ik mökte Nummer von Caraza.”
Die Telefonistin: “Können Sie das buchstabieren?”
Er: “Das ist mit eine Sä. Sie musse mage jetzt die Ha. Un dann die Www.”
Die Telefonistin (hilflos): “Ich verstehe Sie nicht. Gibt es bei Ihnen niemand, der Deutsch kann?”
Er: “Oügen, Oüüügen, kommsch du mal bei de Telefon nei?” (Pause; Eugen spricht aus dem Hintergrund) “Was wittsch?” “Kussmaul, Jetz, was isch?”
(Die Telefonistin bittet ihn, den Namen zu buchstabieren.)
Er (Eugen): “Erscht a Ze ond dann a A ond noh a R wie Ranza voll.”
Sie (nicht mehr auf hochdeutsch, sondern nun ebenfalls in breitem schwäbisch): Mir send net aufm Baurahof!”
Er (Eugen): “Werdet se net frech, i kennt Ihr Vadder sei. Do kennt mr durchs Telefo langa ond dir oene an Riesel nahaua. Da kennt i grad kotza, was i vor acht dag gfressa han. I bin grad narred wia d`Sau!”
(Eugen Kussmaul buchstabiert zu Ende. Es stellt sich heraus, dass es unter dem gesuchten Nachnamen drei Nummern gibt. Eugen meint, die Nummern könnte nun auch wieder Salvatore aufsagen. Salvatore liefert sich mit der Telefonistein ein Wortgefecht aus für beide Seiten unverständlichen Silben, dabei bringt er die Telefonistin dazu, selbst zu buchstabieren. Als nichts mehr geht, mischt sich
Eugen Kussmaul wieder ein.)
Er (Eugen): “Salvatore, du bisch riegeldomm.”
Die Telefonistin (lacht im Hintergrund und wiederholt, ohne zu merken, dass sie gehört werden kann): “Salvatore, du bisch riegeldomm. Hihihi!”
(Es stellt sich heraus, dass der angegebene Ort falsch war. Salvatore versucht nun, ihn zu buchstabieren)
Er (Salvatore): “L wie Lugabeitel. Unten wie Hund. Mu wie Mustafa. S wie Siege.”
(Die Telefonistin bittet darum, wieder Eugen an den Apperat zu holen, dessen schwäbisch auch nicht zur Erhellung beiträgt. Zahlreiche weitere Verwicklungen stellen sich ein.)
Repeat and Fade.

Telefonstreiche sind etwas für Kinder und nicht als Instrument für politische Alltagsaktionen geeignet. Oder? Abgesehen von dem Ärger der armen Telefonistinnen, die in ihrem Job mit unzähligen seltsamen Angeboten und Belästigungen leben müssen, besteht die Bedeutung dieser Aktion und ihre Wirkung darin, dass die Gespräche nicht nur als Privatvergnügen inszeniert, sondern auf Kassetten vervielfältigt in Umlauf gebracht wurden. Der Witz der Sache liegt nicht nur in der Schadenfreude des Streichs. Über die Situationskomik vermittelt sich eine ganze Reihe von Erkenntnissen, in welcher Weise Sprache die Ausgrenzung von Minderheiten im Alltag fortschreibt, aber auch darüber, welche Vorurteile gegenüber Nichtdeutschen bestehen. Selbstverständlich sprechen viele Immigrantinnen der ersten Generation nur wenig deutsch; durch die Sprache, die Deutsche ihnen gegenüber häufig wählen, nämlich in ebenso bruchstückhaftem “Ausländerdeutsch”, grenzen sie sie ein weiters Mal aus. Nicht wenige Deutschsprachige gehen von vorneherein davon aus, dass, wer nichtdeutscher Herkunft ist, sowieso weder willens noch fähig sei, sich in ganzen deutschen Sätzen zu äußern. Was diese Einstellung in den Telefonaten sichtbar macht und in frage stellt, ist, dass der Anrufer den schwäbischen Dialekt in gleicher Weise einsetzt, wie das Türken- oder Italienerdeutsch. Das schwäbische erscheint in diesem Kontext genauso skurril und unverständlich, und dadurch werden die Hierarchisierungen der verschiedenen Sprachen aufgebrochen. Die Gedanken, zu denen dieser Telefon-Prank anregen, gehen aber noch weiter: Es ist auf einmal nicht mehr selbstverständlich, daß daß Türkisch-deutsch eine defizitäre, wertlose Da hat doch jemand seine Stimme behalten (!).Ausdrucksweise ist, sondern es ist in der Zwischenzeit zu einer eigenen Sprache geworden. Diese Sprache wird, neben andern, souverän beherrscht und in den entsprechenden Alltagssituationen selbstbewusst eingesetzt, vergleichbar mit dem Englisch der Afro-Americans in den USA, das sich nicht nur als Alltags- sondern auch als Musiksprache etabliert hat.


Weg mit den Bäumen!

November `81, die Rodung im Tegeler Forst schien unmittelbar bevorzustehen. Am 24.11.81 gibt es in Tegel ein Flugblatt des “Polizeipräsidenten”: Der Tegeler Forst wird darin zum Sperrbezirk erklärt und die Tegeler werden inständig darum gebeten, den Rodungen nicht durch “Spaziergänge” in die Quere zu kommen. Am 30.11.81 besetzen 35 Leute für 10 Min. die Kreuzung Mehringdamm/Gneisenaustraße und legen tote Bäume auf die Straßen. Sie verteilen auch Einladungen zu einem “Preisausschreiben des Senats” unter dem Motto “Weg mit den 80.000 Bäumen in Tegel”. Der beste Vorschlag für die “Gestaltung einer pflanzenfreien Umwelt” soll ausgezeichnet werden. 1. Preis: Ein “zubetonierter Kleingarten an der Autobahn” – durch den Tegeler Forst sollte die von vielen für überflüssig angesehene Autobahn nach Hamburg gelegt werden.
Ebenfalls im November ´81 erhielten 100.000 haushalte eine “Offizielle” Aufforderung, sich an dem “Losverfahren zur Vergabe der 17.000 Atomsicheren Bunkerplätze” zu beteiligen. Bei dieser Aktion wurden 4 Leute geschnappt und am 11.08.82 freigesprochen. Der Richter folgte ihrer Begründung, es handle sich um eine “politische Satire”.