Manchmal fragen wir uns, d.h.
wir, die Mitwirkenden im Blaue-Welt-Archiv: Wie alleine stehen wir eigentlich? Welchen Sinn macht unsere Arbeit und wo befinden wir uns auf dem
„richtigen“ Weg? Natürlich kann man diese Fragen plakativ beantworten. Nein, wir stehen nicht alleine.
Ja, unsere Arbeit macht Sinn, schon allein deswegen, weil wir uns selbst mit den uns wichtigen Themen der Zeitgeschichte befassen. Und doch
bleiben da immer ein paar Zweifel und man wünscht sich Konkreteres.
Nun, unserem unbestimmten Wunsch wurde nachgegeben, denn in Berlin fanden sich eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen aus der sogenannten
freien Archivszene zusammen, um gemeinsam unter dem Motto „Archive von Unten“ einen Workshop zu veranstalten. Eingeladen hatte hierzu das Archiv
Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung mit Unterstützung der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Informationswesen.
Insgesamt waren ca. 60 ArchivarInnen gekommen, um ca. 32 Archive bzw. andere Einrichtungen aus dem gesamten Bundesgebiet und darüber hinaus
(Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich und ID-Archiv im internationalen Institut für Sozialgeschichte, Amsterdam) zu vertreten. Allerdings muss
bemerkt werden, dass bei weitem nicht alle teilnehmenden Archive dem Anspruch „von Unten“ gerecht werden konnten. Doch das spielte auf Grund der
interessanten Themenstellungen keine entscheidende Rolle, sondern bereicherte eher die Veranstaltung, da wir (als „Laien“) von den
professionellen Archivarinnen doch so einige Ratschläge erhalten konnten. Um eine effektive Arbeit zu gewährleisten, wurden verschiedene
Arbeitsgruppen zu Themen wie Archivische Bearbeitung, Bibliothek/Graue Literatur/ Zeitschriften, Fotoarchivierung, Datenschutz, Bildungs- und
Öffentlichkeitsarbeit, Archivsoftware, Förderung/ Fundraising gebildet.
Es ist klar, dass in diesem Artikel nicht auf alle Ergebnisse der einzelnen Arbeitsgruppen eingegangen werden kann. Statt dessen sei darauf
verwiesen, dass voraussichtlich bis Ende des Sommers 2003 eine Handreichung für die ArchivarInnen der Archive der neuen sozialen Bewegungen
erscheint, in die die Anregungen des Workshopseinfliessen.
Im folgenden soll nur auf die Erkenntnisse eingegangen werden, die sich konkret für die aktuelle Situation bzw. die zukünftige Arbeit des
Blaue-Welt-Archiv ergeben.
Als erstes wurde ziemlich klar, dass unser Archiv zur Zeit im eigentlichen Sinne gar kein Archiv ist, sondern eher eine Zeitschriften- und
Broschürenbibliothek mit Präsenzbestand. Bis auf das im letzten Quartal eingegangene umfangreiche Antifa-Material, besitzen wir kaum eigentliche
Archivalien, wie z.B. Dokumente, Fotos, Flugblätter oder Plakate. Zum Vergleich seien hierzu zwei Beispiele angeführt.
Erstes Beispiel ist das Archiv Soziale Bewegungen in Baden mit Sitz in Freiburg, das seit 1983 besteht. Dort liegt der Schwerpunkt der Arbeit in
der Archivierung aller Flugblätter und Plakate die entweder direkt aus der Region (Baden) stammen bzw. irgendeinen direkten Bezug dazu haben. Auf
Grundlage der gesammelten Materialien können ziemlich exakt lokale Vorgänge bzw. Zusammenhänge bis in die frühen 70er Jahre hinein verfolgt
werden, wobei die selbsterstellte, speziell auf dieses Problem zugeschnittene Archivsoftware „Alexandria“ von großem Vorteil ist. Da gerade
kleine, oftmals auch nur kurzlebige Strömungen der Sozialen Bewegungen kaum in den Printmedien auftauchen erfährt dieses Archiv nicht zuletzt
wegen der Einzigartigkeit seiner Bestände immer größeren Zulauf.
In unserem zweiten Beispiel sei auf die Dokumentationsstelle für unkonventionelle Literatur mit Sitz in Stuttgart verwiesen, die bereits seit
1972 existiert. Mal abgesehen von Zeitschriften und Broschüren sind dort 120 000 Flugblätter archiviert von denen ca. 20000 in einer Datenbank
erfasst sind. Außerdem beinhaltet die Sammlung noch 25 000 Plakate und 40 Kästen mit Aufklebern, Anstecknadeln, Stickern, Spuckis und Postkarten,
die gewissen Sammelschwerpunkten zugeordnet sind.
Zur Relativierung sei hier gesagt, dass derartige Zahlen nur mit staatlicher Förderung zu erreichen sind. Doch darum geht es auch gar nicht,
sondern darum, dass klar wird, was alles archiviert und wie es zugänglich gemacht werden kann. Vor allem aber, dass es Sinn macht, auch kleinste
Informationen aufzubereiten. Es wird sich in der Zukunft zeigen müssen, inwieweit das Blaue-Welt-Archiv neben seiner bisherigen Funktion als
Veranstaltungsort und Zeitschriftenbibliothek hierfür Strukturen schaffen kann.
Ein weiteres für uns spannendes Thema war die Diskussion über die Systematik und Verschlagwortung.
Klar würden wir uns wünschen, die Informationen, die in unseren Beständen schlummern, gut verschlagwortet bis auf Artikel ebene anbieten zu
können. Doch können wir davon ausgehen, dass wir hierzu weder jetzt noch später die Kapazitäten haben. Doch es zeigte sich, dass es vielen
kleineren Archiven ebenso geht, und dass eine gute Systematik mit sogenannten Wundertüten (Ordner, in denen sich verschiedenste Schriften zu
einem Thema befinden) ebenfalls sehr sinnvoll ist. Auf der anderen Seite wurde aber auch klar, dass wir keineswegs alle Arbeit alleine
durchführen müssen. Es gibt Archivverbünde, wie z.B. die Kooperation der Dritte Welt Archive, die eine sehr große Anzahl von Zeitungen und
Zeitschriften pflegen, wobei sowohl die Anschaffung, als auch die Arbeit der Verschlagwortung auf mehrere Schultern verteilt wird. Hierzu lohnt
sich übrigens ein Blick in die entsprechende Broschüre „Archiv“ (in unserem Archiv zu finden im Ordner B-00), in der eine Liste mit allen
Zeitschriften, ihren Standorten, sowie den Zuständigkeiten enthalten ist.
Ebenfalls noch zu erwähnen ist, dass in nächster Zeit vom Archiv der Sozialen Bewegungen Bremen, ein Archivführer erstellt wird. Hierin werden
dann praktische Informationen über die wichtigsten Bestände, den Umfang, die Organisationsform und natürlich die Adresse angeboten, was
hoffentlich zu einer besseren regionalen wie auch überregionalen Vernetzung führt. Noch unklar (trotz vieler Diskussion) blieb die Art dieses
Angebots, d.h. ob in traditioneller Buchform oder auf einem elektronischen Medium veröffentlicht wird. Wie auch immer, wir lassen uns
überraschen. Abschließend soll noch ein Blick aufs Geschehen im Internet geworfen werden. Auch hier war der Stand der einzelnen Archive bzgl.
ihrer Präsentation in höchstem Maße inhomogen. Während es Archive gibt, wie z.B. den Infoladen Leipzig, der große Teile seiner Bestände über eine
Datenbank im Internet präsentiert, gibt es andere, die weder eine eigene Homepage haben, noch ihre Bestände überhaupt in elektronischer Form
(welcher Art auch immer) erschlossen haben. Bezüglich dieser Problematik wurde über die Möglichkeiten zur Einrichtung eines Web-Portals für
Archive von Unten diskutiert. Hier wollten sich vor allem die Papiertiger, Berlin (http://portal.archivtiger.de)
mit Unterstützung des Vereins Openisis (http://www.openisis.org/openisis/doc/UeberSicht.htm)
kümmern. Leider hat sich unseres Wissens bislang da noch nicht viel getan. Allerdings lohnt sich ein Blick auf diese Seiten allemal.
Als Ausblick sei an dieser Stelle gesagt, dass noch kein Archiv vom Himmel gefallen ist. Wir werden uns also weiter bemühen und hoffen dabei auf
Eure Mitarbeit oder zumindest auf Euer Interesse. Ausserdem möchten wir noch mal den Veranstaltern danken und hoffen darauf, dass im nächsten
Jahr, wie geplant, die Fortsetzung des Workshops stattfinden kann. |