Obwohl sich
meine Feder sträubt, soll an dieser Stelle der Jubiläumsmeierei genüge getan werden: am 5. Oktober ist der 195. Geburtstag Weitlings!
Hier soll keine ausführliche Lebensbeschreibung Weitling’s gebracht werden, sondern nur einige Eckdaten. Dagegen werden heute noch gültige
Ansichten Weitlings über gesellschaftliche Zustände ohne Kommentar zitiert, die zwar keine grundlegend neuen Erkenntnisse bringen, dafür aber
einige Grundtendenzen einer vieltausendjährigen Geschichte aufzeigen.
Wilhelm Christian Weitling
wird am 5.10.1808 in Magdeburg geboren, er ist gelernter Schneider und seit 1826 als Geselle auf Wanderschaft durch Deutschland, Österreich, die
Schweiz, Belgien und Frankreich. Ab 1835 ist er im revolutionären Schmelztiegel Paris zu finden, wo sich eine Hochburg freiheitlich gesinnter
deutscher Handwerker und Schriftsteller, unter anderem Heinrich Heine, etabliert hat. Er wird Mitglied und Führer im Bund der Geächteten, aus dem
später der Bund der Gerechten hervorgeht, letzterer wiederum Vorgänger des späteren „Bund der Communisten“. Weitling beginnt hier seine
schriftstellerische Tätigkeit. 1838/39 erscheint die Schrift »Die Menschheit wie sie ist und wie sie sein sollte« und 1841 ist er unter dem
Pseudonym Freimann mit zwölf Liedern im Liederbuch »Volks-Klänge« vertreten, einer Sammlung älterer und neuerer Handwerkslieder.
Ab 1841 ist er in der Schweiz tätig und gibt im gleichen Jahr die Schrift »Der Hülferuf der deutschen
Jugend« heraus. 1842 erscheint das Buch »Garantien der Harmonie und Freiheit«, sein politisches Hauptwerk und eine gedankliche Fortsetzung seiner
ersten Schrift. 1843 wird er aufgrund einer Anzeige klerikaler Kreise verhaftet. Als Vorwand dienen die Vorbereitungen zu seiner Schrift »Das
Evangelium des armen Sünders«, einer aufklärerischen Auslegung der christlichen Botschaft, die auch heute noch gut als Handbuch für eine
kirchenkritische Bibelauslegung geeignet ist.
Über Eigentum, Erbschaft und Geld:
Die heutige Gesellschaft gleicht in ihrem Eigentumsbegriff Schiffbrüchigen, von denen ein jeder sich noch wohlfühlt, wenn es ihm gelingt, im
Strudel einen Balken zu erwischen, besonders wenn er sieht, wie seine Nachbarn verzweifelt gegen die Wogen des Elends ankämpfen, aber würden jene
wohl darum verweigern, sich mit diesen in ein Schiff aufnehmen zu lassen, das zu ihrer Rettung herbeieilt.
Viel Geld und Güter haben, heißt also, viele Mittel haben, andere durch Gewalt, List und Trug für sich
mitarbeiten zu machen, um entweder weniger als sie oder gar nicht zu arbeiten oder besser als sie zu leben. Geld und Güter sind Müßiggänger- und
Gutschmeckerprivilegien, für die wir arme Sünder die Kosten bestreiten müssen. Die Übertragung dieser abscheulichen unmoralischen, unchristlichen
Gewohnheiten von den Vätern auf die Kinder nennt man Erbschaft! Du mußt sterben, wenn du kein Geld hast, und um welches zu erhalten, mußt du dich
den Bedingungen fügen, welche die setzen, die das Geld haben. Alles, was von der Arbeit leben muß, läßt sich von denen Bedingungen vorschreiben,
welche die Arbeit bezahlen, obgleich es meistens Müßiggänger sind, welche gar nichts von der Arbeit verstehen und welche sich nur in
Spekulationen mit den Arbeitenden einlassen, um sie vermittelst des Geldes um einen Teil ihrer Kräfte zu betrügen und zu bestehlen. So ist mit
dem Geldsystem aller Austausch nach und nach erlaubter Betrug und Diebstahl geworden.
Die Sachen sind noch so verwickelt, daß es gar niemanden einfällt, daß er mit dem Gelde, auf dem Wege
einer sogenannten rechtschaffenen Übereinkunft, andere betrügen oder von ihnen betrogen werden kann. Dem kann nur durch Abschaffung des Geldes
und Einführung eines neuen Tauschsystems abgeholfen werden, welches den Diebstahl und Betrug beim Austausch unmöglich macht. Das Geld kann nur in
einer solchen christlichen Gemeinschaft unschädlich sein, in der man in Gemeinschaft lebt, sich einander nicht betrügt und bestiehlt und weder
Polizei noch Richter nötig hat; wo die Gesellschaft den Grad von Glückseligkeit und Bildung noch nicht erreicht hat, muß es abgeschafft oder doch
in einer Art ausgegeben werden, welche dem angegebenen Zwecke entspricht.
Drum werden wir, solange das Geldsystem existiert, auch mehr oder weniger Sklaven damit machen müssen.
Wohl dem, der - habe ihn das Schicksal zum Sklaven oder zum Herrn des Geldes gestempelt - dabei nicht unterläßt, klug wie die Kinder dieser Welt
im Interesse des christlichen Prinzips zu handeln.
Aus: »Das Evangelium des armen Sünders« 1841
Nach einjähriger Haft erfolgt 1844 seine Abschiebung ins preußische Magdeburg, von wo er aber sofort
wieder des Landes verwiesen wird. Er geht dann über Hamburg und längeren Aufenthalten in London und Brüssel 1846 nach New York. Im Jahr 1844
erscheinen die »Kerkerpoesien« in Hamburg bei Hoffmann und Campe, der auch der Verleger von Heinrich Heine ist. Er schreibt sein Buch
»Gerechtigkeit: ein Studium in 500 Tagen; Bilder der Wirklichkeit und Betrachtungen des Gefangenen«, das aber erst über achtzig Jahre später, im
Jahr 1929 erscheint.
Von 1848 bis 1849 ist er während der revolutionären Ereignisse erneut in Deutschland tätig. Nach deren Scheitern kann er nur knapp einer
wiederholten Verhaftung entgehen und übersiedelt endgültig nach New York. In den USA ist er tätig als Schneider, Erfinder und Schriftsteller
sowie zwischen 1850 bis 1854 einer der Initiatoren der nordamerikanischen Arbeiterbewegung. Er ist Gründer und Redakteur der bis 1854
erscheinenden Zeitschrift »Republik der Arbeiter, Centralblatt für die Verbrüderung «.
1854 gründet er mit Caroline Toedt eine Familie, woraus 6 Kinder hervorgehen. Seine Schriften befassen
sich nun auch mit Problemen der Kindererziehung, an deren Ziel für ihn eine charakterlich integere, emanzipierte Persönlichkeit steht. Nach einem
kämpferischen Leben und wie die meisten seiner Arbeitergenossen in fortwährender Existennot stirbt Wilhelm Weitling am 25.1.1871 in New York.
Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts galt Weitling in weiten Kreisen als führende Persönlichkeit der
Arbeiterbewegung, ehe er durch die marxistische Geschichtsschreibung nach und nach aus dem Bewußtsein verdrängt wurde und höchstens noch als
irregeleitete Randfigur Erwähnung fand, was wahrscheinlich auf dem 1846 erfolgten Bruch mit dem damals noch bedeutungslosen Karl Marx
zurückzuführen ist, der Weitling vorwarf, einem religiös-utopischen Kommunismus zu huldigen. Dabei wurde aber wissentlich übersehen, daß Weitling
als Arbeiter mit seinen gefühlsbetonten Schriften dem Volk wesentlich näher stand als Marx mit seiner abstrakten Gesellschaftskritik.
Über politische Führungseliten:
Seit Menschengedenken verfochten immer andere unsere oder vielmehr ihre
Interessen, darum ist es doch wahrlich bald Zeit, daß wir einmal mündig und dieser gehässigen, langweiligen Vormundschaft los werden. Wie kann
jemand, der unser Wohl und Wehe nicht teilt, sich einen Begriff davon machen; und ohne diesen Begriff, diese praktische Erfahrung, wie ist er
imstande, Verbesserungen in unserem physischen und moralischen Zustande vorzuschlagen und einzuführen? Selbst wenn er es aufrichtig wollte,
könnte er es nicht, denn nur Erfahrung macht klug und weise. Wer die Lage des Arbeiters richtig beurteilen will, muß selber Arbeiter sein, sonst
kann er keinen Begriff haben von den Mühen, die damit verbunden sind.
Aus: »Der Hülferuf der deutschen Jugend« (1841)
Als Schlußsatz dient ein Zitat von Waltraud Seidel-Höppner, langjährige Herausgeberin der Werke und
Biographin Weitling’s (geschrieben 1966, zu einer Zeit, als die Welt noch glücklich in zwei große, sauber voneinander getrennte Lager geteilt
war, das real-sozialistische bzw. real-kapitalistische):
„Weitling scheitert wie alle von der Aufklärung ausgehenden Utopisten,
letztlich an dem Fakt, daß die Menschen Produkte ihrer Umwelt und ihrer Erziehung sind, man folglich Umwelt und Erziehung ändern muß, dies aber
nicht anders kann als eben mit den Menschen der alten Umwelt und Erziehung. Erst das marxistische Verständnis der revolutionären Praxis, in der
die Menschen mit den Umständen auch sich selbst ändern, löst das Problem. Anfänglich baut Weitling auf Aufklärung und Vernunft der arbeitenden
Klasse, jedoch ohne den erhofften Erfolg.“
Mag der geneigte Leser daraus seine eigenen Schlüsse ziehen.
Lesetips
In realsozialistischer Zeit hat man sich auch dieses Sohnes der Stadt Magdeburg erinnert und nach ihm eine Schule, eine Straße und die
Stadtbibliothek benannt. Während Straße und Schule heute noch den Namen Wilhelm Weitlings tragen, folgt die Stadtbibliothek offiziell wieder
anderen Traditionen. Trotzdem sind in der Magdeburger Stadtbibliothek noch einige Schriften von und über Weitling erhältlich, allerdings, mit
einer Ausnahme, nur im Lesesaal. Ausgeliehen werden kann lediglich von Weitling »Das Evangelium des armen Sünders«. Angesprochen auf diese
Tatsache gab es erst mehrere ausweichende bis unsinnige Anworten, ehe man sich zu der Version entschloß, dies sei notwedig, um Weitlings Bücher
für die wissenschaftliche Forschung immer zur Verfügung zu haben. Nun gut, immerhin hat der Interessent ja die Möglichkeit den Lesesaal zu
benutzen.
Roger G.
Anmerkung:
die Zitate sind immer in der Originalschreibweise belassen worden.
Hörtip
Die Lieder „Das Geld“ und „Lob der Dummheit“ von Wilhelm Weitling alias Freimann sind in der Vertonung von G. Hause im Internet als mp3 auf
http://g-hause.bei.t-online.de zu finden.
Lob der Dummheit
Weil wir heut beim Glase Bier doch so
manches singen,
will ich, liebe Dummheit, dir auch ein
Liedchen bringen.
In dem Dummen regen sich niemals
bange Zweifel,
er glaubt alles, fürchtet sich vor
Gespenst und Teufel.
Einigkeit im Völkerbund kümmert ihn
sehr wenig,
Volksherrschaft ist ihm zu rund; wo
bleibt sonst sein König?
Wenn ein wütender Tyrann Stadt und
Land verwüstet,
spricht der Dumme: „Großer Mann, dich
hat Gott gerüstet.”
Wenn in Flitterstaat und Pracht sich die
Großen blähen,
spricht der Dumme: „Gut, das macht den
Commerz doch gehen.”
Muß der Herren gnäd’ger Huld halb
umsonst er dienen,
schiebet er die ganze Schuld nur auf die
Maschinen.
Und wenn man zuweilen fragt, warum
schlecht die Zeiten,
gleich der nächste Dummkopf sagt: „ ‘s
Geld fehlt untern Leuten.”
Drängt um schmale Kost und Lohn
hungernd man zum Ziele,
spricht der lieben Dummheit Sohn:
„Unserer sind zu viele.”
Wird er endlich matt und bleich, stirbt er
froh im Glauben
an ein schönes Himmelreich voll
gebratner Tauben.
Wohl dem, der für Dummheit glüht, dem
der Kopf vernagelt,
der den Himmel schief ansieht, wie die
Gans, wenn’s hagelt.
Aus: »Volks-Klänge« (1841) |