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Wenn man drei Monate in Mexiko
Stadt zugebracht hat, ist man weit von dem Gedanken entfernt, es könne
hübschere Orte als Frankfurts Stadtteil Neuberesinchen geben (wohlgemerkt,
ich spreche von meinem Frankfurt, dem an der Oder – auch dort nämlich
kann man sogar einen Plattenbau hübsch finden, wenn man die mexikanischen
Slums gesehen hat). Nach zwei Tagen auf dem Uni-Campus in Vancouver, auf
einer Landzunge gelegen und praktisch eine Stadt für sich, bietet sich ein
Vergleich mit dem geächtetsten Viertel der Oderstadt immerhin an.
Was die Größe
betrifft, kommen sich beide ziemlich nahe. Auch sonst ähneln sie sich
verblüffend. Anders sind nur Wetter, Strände, Baustil, Landschaftsgestaltung
und Vegetation. Man tritt zur Tür hinaus und plumpst in den nächsten Pool,
wird von einem tiefschwarzen rastabelockten Inline-Skater niedergemäht oder
findet sich in einer krähenden Meute schlitzäugiger Vorschüler wieder. Alles
in allem – Frankfurt(Oder) kann doch nicht so ganz mit Vancouver mithalten,
und das liegt nicht nur daran, dass der Pazifik ganz weit weg ist.
Möglicherweise liegt es an der Art und Weise, wie die Bewohner der beiden
Städte miteinander (und mit anderen) umgehen. Was die globale Population
betrifft, nahm ich in meiner gewollt toleranten Denkweise bisher immer an,
dass alle Menschen eher mehr denn weniger gleich seien. Die kanadische
Version unserer Spezies allerdings bedarf einer genaueren Betrachtung.
Man nehme
einen Zollbeamten auf dem Flughafen von Toronto und konfrontiere ihn mit der
etwas verwirrten und übermüdeten Ausgabe einer deutschen
Backpacker-Reisenden, die die Aufgabe hat, ihr Gepäck eigenhändig durch den
Zoll zu tragen und danach sofort im nächsten Flieger zu verschwinden. Nach
erfolglosem Umherirren und mehrmaligen Herumfragen erscheint unsere
gestresste Reisende vor dem Beamten, der sie streng mustert, ihrem
Kauderwelsch kopfschüttelnd lauscht und einmal mehr mit einem Fingerzeig in
eine andere Richtung weist. “This direction“, ist seine Auskunft. Unsere
Reisende bekommt es mittlerweile mit der Angst und dem Zeitdruck zu tun und
fragt weinerlich: “And then?“ Der Beamte schaut sie an, wirft die Arme hoch
und lacht schallend. “And then? Have fun!“
Man nehme ein
Studentenwohnheim auf dem Campus von Vancouver, einen Hausverwalter und ein
Zimmer, dessen Schlüssel sich innen und dessen deutsche Bewohnerin sich
außen befindet. Der zu Hilfe gerufene Hauswart kommt und hat keinen
Zweitschlüssel, aber eine gute Idee. Im prallen Sonnenschein beginnt er, die
Außenwand zum glücklicherweise offenen Fenster zu erklimmen. Unserer
Bewohnerin ist die ganze Sache peinlich, umso mehr, da ihr Retter in der Not
wirklich ins Schwitzen kommt und seine ganze Kraft in dieses Freeclimbing
investieren muß. I’m sorry“, flüstert sie verschämt. „Oh no“, lächelt er
keuchend, „that’s fine!“
Man nehme
einen mäßig gefüllten Bus, eine deutsche Studentin und eine geplatzte Tüte
Milch, welche eben ihren Inhalt auf den sauberen Boden und um die Beine der
Anwesenden ergießt. Helfende Hände sind sofort zur Stelle und retten, was zu
retten ist. Kleider und Taschen werden gesäubert, aber der Boden bleibt in
Ermangelung eines Wischtuches, wie er ist: überschwemmt und matschig. Unsere
Studentin entschuldigt sich bei den mit angezogenen Beinen dasitzenden
Passagieren und beim Busfahrer. „Oh no“, kommt jeweils die Antwort, und sie
kommt freundlich, „that’s fine!“
Interessierte
werden angehalten, des besseren Verständnisses dieser kleinen Parabel wegen
zumindest letzteres Experiment in einer Frankfurter oder Berliner
Straßenbahn zu wiederholen.
23. Juli 2002
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Vancouvers
Kreuzberg heißt Chinatown. Wer bisher vom bunten Völkergemisch Berlins
beeindruckt bzw. verängstigt war - und wir wissen, dass der überwiegende
Teil der deutschen Bevölkerung eher zu letzterem Punkt tendiert, weil wir
nun mal so sind, wie wir sind – der sollte ohne Vorinformation ins Zentrum
Vancouvers gestellt werden und raten, wo er sich befindet.
Ein Blick in
die Statistik Vancouvers zeigt eine Bevölkerungszahl von runden zwei
Millionen, Tendenz steigend. Rund 285.000 davon sind Chinesen. Das
3,5-millionenstarke Berlin kann sich mit seinen rund 150.000 türkischen bzw.
ehemals türkischen Bewohnern damit getrost unter "ferner liefen" einordnen.
Damit keine Langeweile einzieht, vervollständigt sich das bunte Bild mit
zusätzlich rund 22.000 Japanern und 17.000 Koreanern, 16.500
Schwarzafrikanern, 41.000 Philippionos, 14.000 Lateinamerikanern, 160.000
Zuzüglern aus dem übrigen Großraum Asien und Arabien und weiteren 16.000,
von denen kein Mensch weiß, aus welcher Gegend sie ursprünglich stammen.
Bleiben nur noch lächerliche rund 75% in der Statistik für den weißen Mann,
der sich den Kontinent ja vor Jahren mal auf rücksichtsvolle Weise
angeeignet hat. Trifft man tatsächlich mal einen, handelt es sich mit
Sicherheit um einen Europäer, der sich an seiner Canon 500 festklammert und
verblüfft feststellt, dass seine Vorstellungen vom nordischen Kanada gerade
durch die Mangel gedreht werden.
Setzt man nun
in diesem Völkergebräu gewisse – rein von persönlichen Vorlieben gelenkte –
ethnische Maßstäbe und berücksichtigt zudem, dass Vancouver eine der
florierenden Homosexuellen-Hochburgen dieser Welt ist, kommt man nicht umhin
festzustellen, dass unter Umständen nicht gleich der passende Ehemann
verfügbar ist, falls man beabsichtigt, in diese zauberhafte Stadt
einzuheiraten und damit einige der Einwanderungsklippen elegant zu umfahren
(im übrigen eine, wie ich feststelle, recht beliebte Methode). Trifft man
mal einen Weißen, der KEIN Tourist ist, hat man mit Sicherheit einen gut
aussehenden Schwulen vor sich.
Politisch
fehlt Vancouver ganz und gar der Glamour. Schlagworte wie „Gelbe Gefahr“
(das vor 70 Jahren mal aktuell war und in Vergessenheit geraten ist), oder
„Ausländerproblem“ tauchen im örtlichen Jargon selten auf und rufen beim
Befragten bestenfalls ein erstauntes Blinzeln aus auffällig schmalen Augen
hervor. Den einen oder anderen Streik halten sich die Bürger "Beautiful
British Columbias", wie die Nummernschilder der Autos verkünden, zugute, sie
haben auch, fast bin ich erleichtert, es zu bemerken, ihr Quantum an
Arbeitslosen und Bettlern; ansonsten wählen die in dieser Hinsicht
verwöhnten Kanadier ihre Volksvertreter regelmäßig recht gleichmütig und
unpathetisch. Viel falsch gemacht hat hier anscheinend noch kein Politiker.
Entscheidet man sich für die gesunde Alternative, in der Zeit des deutschen
Wahlkampfes weit, weit weg zu sein, bietet sich Vancouver als Erholungsort
demnach nahezu ideal an. Wie die Kanadier ihr offizielles Staatsoberhaupt,
die englische Königin, in akzeptabler Distanz wissen, so genieße auch ich
es, die momentan aktuelle Bonusmeilen-Affäre und all die Skandale, die noch
bis September folgen werden, wenn überhaupt, nur am Rande zu betrachten. God
save the Queen!
02. August
2002
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Die beiden Worte, die mir -
neben "to laugh", das ich niemals korrekt werde aussprechen können - am
meisten zu schaffen machen, sind "low" und "fat". Beide für sich genommen
sind sie harmlos; gefährlich werden sie erst, wenn man sie miteinander
kombiniert. Sie sind es, die den Gang durch den Supermarkt zu einer
gezielten Suche nach wenigstens ein paar gut genährten Kalorien machen. Und
als genüge es nicht, dass man als verwöhnter Europäer zwischen den
bemitleidenswert mageren Milcherzeugnissen, die sich nach US-amerikanischem
Vorbild bis zur "Fat Free"-Version steigern können, ans Verzweifeln gerät,
weil man gern mal wieder etwas anderes zu sich nehmen würde als in
dicklichem Wasser konservierte synthetische Erdbeerstückchen, werden für
diese Anti-Nahrungsmittel auch noch exorbitante Preise verlangt. Ein
zweiwöchiger Aufenthalt im Land des roten Ahorns würde die Moral der
Euro-Gegner rapide erhöhen. Die Qual steigert sich aber noch, wenn man seine
Waren glücklich durch den Scanner gebracht hat. Bevor man den Gesamtpreis
erfährt, betätigt der Kassierer einen kleinen, bösartigen Knopf, der auf das
Ganze noch einmal 7% Goods & Services Tax draufschlägt (im Volksmund auch
als "Gouge & Screw Tax" bezeichnet, was zu Recht soviel wie "Schröpf &
Melksteuer" bedeutet).
Dessen ungeachtet ist es
eine Freude, zum Barbecue oder zum Sushi-Essen – was dem Deutschen sein
Döner, ist dem Kanadier der rohe Fisch – eingeladen zu werden. Das familiäre
Grill-Menü in der Farmergegend um Chilliwack besteht aus wunderbaren,
goldgelb gebratenen Maiskolben und Do-it-yourself-Hamburgern. Der Tisch
steht voller HEINZ- und KRAFT-Flaschen und diversen Schüsseln mit Gemüse,
und was die rotwangige Frauenschar durch Schnattern vom Essen verpasst,
machen die eben von der Stall- und Feldarbeit heimgekehrten schweigsamen,
bärtigen Farmer durch ihre Obelix-Portionen wieder wett.
Chilliwack,
zweieinhalb Stunden von Vancouver entfernt, ist keine echte Farmgegend mehr;
zu viele noble Eigenheime haben sich mittlerweile angesiedelt. Aber noch
gibt es die großen Höfe, die Kornspeicher und den Landgeruch. Und auch
Chilliwack besticht durch eine ethnische Vielfalt, die in
bäuerlich-bayerischen Monokulturen undenkbar wäre: am Steuer eines
rumpelnden Traktors kommt mir, den rosa Turban sorgfältig gebunden, ein
dunkelhäutiger Hindu entgegen.
Mit wildfremden Menschen
ins Gespräch zu kommen ist ohne Frage leichter als in Deutschland, weil der
Großteil der Kanadier beim Gehen nicht nur nach unten oder geradeaus starrt,
sondern mit Vorliebe die Blicke anderer Leute sucht. Ganz besonders amüsant
ist es, sich, angetan mit dem knallroten Frankfurter "Paradiesseits!"-Shirt,
auf eine Bank am Wegesrand zu setzen. Der Kanadier von nebenan ist nicht nur
das Gegenteil von schüchtern, sondern wird auch nervös, wenn er etwas nicht
versteht, und so kann es passieren, dass das vorbeiflanierende
Rentnerpärchen oder der Familienvater samt Sprössling stehenbleiben und sich
ebenso ernsthaft wie freundlich erkundigen: "Hey Girl, what's written on
your shirt?". Und sie fragen nicht nur so dahin, diese Kanadier, sie wollen
es TATSÄCHLICH wissen. Auf diese Weise habe ich bereits einem nicht
unbeträchtlichen Teil der Vancouver Bevölkerung die Existenz des kleinen
Frankfurts neben dem großen nahe gebracht, und, meine lieben Frankfurter,
ich habe es gern getan (man muss dabei ja niemandem verraten, wie es dort
aussieht).
Was meine Allgemeinbildung
betrifft, so habe ich nach eingehender bilingualer Lektüre endlich
herausgefunden, weshalb die deutschen Versionen der Pratchett'schen Bücher
dicker und umfangreicher sind als die englischen Originale. Mich wundert das
nicht mehr, seit ich entdeckt habe, dass ein Satz wie "So are they" mit "Und
für jemanden, der nichts zu lachen hat, gibt es keinen Grund, fröhlich zu
sein" übersetzt wird oder die Bemerkung "Telling him the truth would be like
kicking a spaniel" seine deutsche
Entsprechung findet in "Wenn ihm jemand die Wahrheit sagte, mochte er wie
ein kleines Kind reagieren, dem man erzählte, in Wirklichkeit sei der
Weihnachtsmann längst in Pension gegangen und ließe sich von seinem jüngeren
Bruder vertreten (der jedoch ein Faulpelz war und es vorzog, den Winter
irgendwo in den Tropen zu verbringen - aus diesem Grund mussten dauernd die
eigenen Väter einspringen)". Nun ja. Anscheinend ist Andreas Brandhorst, der
für solche Übersetzungen verantwortlich zeichnet, noch fantasievoller als
Terry Pratchett selbst. Was der Qualität der Bücher keinen Abbruch tut. Im
Gegenteil.
Mein Englisch jedenfalls
nimmt langsam, aber sicher, wie ich hoffe, zivilisierte Formen an. Und
"langsam" heißt: Ich werde weiterhin den Original-Pratchett lesen. Und ich
werde noch oft mein "Paradiesseits!"-T-Shirt anziehen müssen.
20.
August 2002
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Auffällig an
Vancouver ist, dass ich bei meinen intensiven Streifzügen noch keinem
einzigen Bestattungsinstitut begegnet bin. Im Gegensatz zu Mexiko, wo man
praktisch in jedem Gemüseladen in einen offenen Sarg purzelt, wirkt die
absolute Abwesenheit dieser Etablissements hier geradezu beängstigend.
Möglicherweise sterben die Leute hier seltener oder überhaupt nicht, und
diese Vorstellung passt ganz und gar in das perfekte Bild, das ich mir von
dieser Stadt gemacht habe.
Ganz
besonders umwerfend ist die Information, dass die Serie „21 Jump Street“,
die Freude meiner Jugendjahre und die gelegentliche nostalgische Rückkehr in
schwärmerische, unschuldige Zeiten, in Vancouver gedreht wurde. Der im
Vorspann auftauchende Bus mit dem leuchtenden „Hastings“ war mir
schon vorher geläufig; dass es sich dabei aber um MEIN Hastings handelt,
diese etwas schmuddelige, ewig lange Straße zwischen Chinatown und dem
Pacific Harbour Centre mit seinen zwielichtigen Gestalten, seinen Huren,
seinen staunenden Touristen der weißen Ozeankreuzer, seinen vergammelten
Kneipen und sündhaft teuren Geschäften – diese Erkenntnis lässt dem Touch
der Romantik längst verflossener Teenagerzeiten nun auch noch das Gefühl
angedeihen, tatsächlich dort hineinzugehören; ein wenig nur, aber das
immerhin. Booker und die anderen schicken Jungs im hinreißenden
Outfit der 80er werden lebendig, und fast warte ich darauf, dass einer der
Umstehenden einen Stern blitzen lässt und sich als Uncercover-Agent outet.
Das alles
macht es nicht leichter, diese Stadt zu verlassen. Vancouver ist das, was
man in gelegentlichen Momenten der heimatlichen Tristesse, der gähnenden
Langeweile, der Resignation vor Augen hat; hier gibt es Penthäuser und
spiegelnde Bürotürme, geruhsame, ausgedehnte Vororte, nächtliches
Farbenspiel an blitzenden Fassaden, farbige und farbenfrohe Menschen,
normale und verrückte; hier gibt es riesige Parks, Wellen, Strände und
Berge, alles zusammen und alles auf einmal, traumhaft schön und lebendig und
den Eindruck erweckend, als gäbe es nichts als Sommer und Wärme auf der
Welt. Es ist ein Ort, dessen Ansichtskarten nichts als die reine Wahrheit
verkünden.
Ich muss mir,
um nicht die gute Laune zu verlieren angesichts der Tatsache, dass ich
Vancouver morgen verlassen werde, vor Augen halten, dass es auch hier Regen
gibt (und das im Winter mitunter wochenlang). Komm zu dir, Weitgereister,
und erkenne, dass auch hier Menschen leben, die gemein,
neidisch, hinterhältig oder schlicht dämlich sind; dass sich die Leute hier
ebenso scheiden lassen oder Freundschaften zerstören wie anderswo, und dass
es auch hier keinen ewigen Frühling gibt. Komm zu dir, Weitgereister, wirf
einen Blick in die Dreckecken. Und memento mori - bedenke, dass deine
Aufenthaltsgenehmigung in ein paar Wochen abläuft. Geh davon und sieh nicht
zurück. Besser, du schaust frühzeitig nach günstigen Angeboten
Berlin-Vancouver, Sommer 2003.
29. August
2002
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"Die Wirklichkeit ist nie genug. Zauber tut not."
Hermann Hesse
Es ist
sinnvoll, die Warnung des Benutzerhandbuches, den Tank des Wohnmobils
niemals unter die Hälfte leer zu fahren, ernst zu nehmen. Die endlosen
Bergketten, Wälder und Schluchten sind so lange romantisch, bis man, die
schweißnassen Hände ums Steuer gekrampft, die Augen angstvoll zwischen der
Tanknadel und dem Straßenrand auf der Suche nach einem entsprechenden
Hinweisschild schweifen lassen muss. Das rollende Einraum-Appartement mit
Rundum-Panoramablick schluckt bequem seine 23 Liter, und bei einem
Automatikgetriebe sind zudem alle Spartricks, die sich ein Schaltwagen
gefallen lässt, nicht anwendbar. Doch irgendwann findet sich in der
Abgeschiedenheit eine nostalgische Tankstelle mit einem prall gefüllten
Minimarkt, dessen "Open" rot und freundlich blinkt.
Selbstverständlich lernt man auf einer Tour wie der unseren nicht die
tatsächliche Weite, die wahre Einsamkeit der unfassbar riesigen kanadischen
Gebiete kennen, und mir bleibt unvorstellbar, wie man das verkraften sollte,
wo einem doch schon jenes, was man auf den ausgefahrenen Touristenwegen zu
sehen bekommt, buchstäblich die Sprache verschlägt. Europa wird immer
kompakter, immer winziger, je länger man auf dem Highway 4 oder 19 unterwegs
ist, und es erscheint mit jedem Kilometer, den man tiefer in die einsamen
Wälder fährt, so unerträglich überfüllt wie der Regionalexpress
Brandenburg-Frankfurt(Oder) zwischen vier und sieben nachmittags.
Eines aber
hat Europa zu bieten, was es zur Heimat macht und was der ungebändigten
Natur Kanadas fehlt: die aus Sagen und Märchen gewobene Seele. Kein frecher,
nordischer Troll blinzelt hinter den Bäumen hervor, kein Schwarzwälder
Glasmännlein treibt seinen gutmütigen Schabernack, auf den Wiesen und
stillen Lichtungen tanzen nachts keine Elfen, und auch Rübezahl ist in der
alten Welt, im Riesengebirge, geblieben. Die jahrtausendealten Gottheiten
und Geister des indianischen Urvolkes haben sich mit ihren Schöpfern und
Geschöpfen in die Reservate zurückgezogen und sind still geworden; die
junge, ungestüme Menschenflut aus Asien und Europa aber hatte wohl zuviel an
Mut, Hartnäckigkeit und Tatendrang im Gepäck, als dass für einige alte,
verstaubte Phantasien Platz gewesen wäre.
Das heutige, seinen indianischen Wurzeln weitgehend beraubte Kanada ist zu
jung und wurde zu spät geboren, um eine solche märchenhafte Seele
eingehaucht zu bekommen. Die "zivilisierte" Menschheit war schon erwachsen,
als sie dieses riesige Land in Besitz nahm und ist imstande, die
phantastischen Launen und den Einfallsreichtum der Natur mit Worten wie
Elektrizität, Chlorophyll oder Schwerkraft zu erklären. Für Feen und Kobolde
ist in den Berechnungen und erst recht in der Statistik kein Platz. Kanadas
Wildheit ist atemberaubend, aber nicht geheimnisvoll. Es macht sie nicht arm
oder weniger wunderbar. Sie ist nur einsam.
04.
September 2002
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Wer glaubt,
dass die zahlreichen, die wilde Fauna betreffenden Warn- und Hinweisschilder
auf den Campingplätzen in den Nationalparks Jasper und Banff eine Laune der
kanadischen Parkverwaltung sind, der irrt gewaltig.
Dass ich das
drollige Eichhörnchen auf dem Tisch vor unserem Wohnmobil nicht mit selbst
gekauften Nüssen füttere, versteht sich von selbst. Auch der Fuchs, der
plötzlich aus dem Nichts auftaucht, den Grillplatz umrundet und wieder im
Dickicht verschwindet, versetzt einen nicht unbedingt in Aufregung. Was aber
tun, wenn plötzlich Hirsch Heinrich zur Frontscheibe hereinblinzelt und
seinem Harem zuraunt, guckt mal, ein Schaukasten mit lebenden Touristen?
Blitzschnell gehen den Insassen in einem bunten Reigen sämtliche
Instruktionen durch den Kopf. Bär: Tot stellen. Nicht aggressiv sein. Wolf
und Kojote: Aggressiv sein. NICHT tot stellen, sondern etwas tun, was einen
größer wirken lässt ( Nun ja...). Parkverwalter: Um fünf Dollar zu sparen,
behaupten, man hätte kein Grillfeuer an seinem Stellplatz gehabt, und die
Asche sei vom Vorbenutzer. Aber Hirsch? Wo ist der Hirsch? In den
Instruktionen gibt es keinen Hirsch. Es gibt ihn nur vor dem Wohnmobil. Ihn
und viele andere Hirsche, sein ganzes Frauenvolk. Es steht um ihn herum und
steckt kichernd die Köpfe zusammen. Schließlich wendet er sich ab, und die
anderen folgen ihm in eleganten Sprüngen. Die lebenden Touristen atmen auf
und sind um ein Erlebnis reicher.
Das Wort "Erlebnis" eignet sich zur Beschreibung der Rocky Mountains im
Übrigen wenig; "Unverschämtheit" trifft es besser. Was die Schöpferkraft
hier im Laufe von Jahrmillionen an Gipfeln aufgetürmt, an dunkel raunenden
Wäldern und türkis schimmernden Gletscherseen geschaffen hat, kann
eigentlich nur dazu dienen, der Menschheit und ganz besonders
Reisebuchautoren und Postkartenmotivfotografen ihr Unvermögen und ihre
Nichtigkeit vor Augen zu halten. Die ganze gewaltige Gegend ist ein einziges
hämisches Grinsen. Aber mehr noch ist sie unendliche Gnade, denn man hat ja
Augen, um zu sehen, und Ohren, um zu lauschen, und einen Verstand, den man
mit diesen Eindrücken umnebeln und außer Kraft setzen lassen kann. Letzterer
hat zudem auch Grenzen, wie man mir sagte; die Seele aber erweist sich als
mit erstaunlichem Fassungsvermögen ausgestattet. Jeder schneebedeckte
Dreitausender und jeder Krümel Wapitikacke passt da hinein. Sieht fast so
aus, als hätte da einer eine Menge Talent an den Tag gelegt.
Was habe ich
sonst noch zu sagen zu Kanada, außer dass Benzin billig und das Brot
miserabel ist und dass ich ihm nächste Woche den Rücken kehren werde? Gibt
es überhaupt noch irgendetwas zu sagen? KFC und deutsche Mitbürger habe ich
schließlich auch zu Hause. Die Rockies laufen nicht weg, und falls doch, so
werfe ich sie mir an dunklen Winterabenden an die Wand. Und die Kanadier,
die sind schließlich auch nur Menschen. Beneidenswerte allerdings.
Ich merke
schon, es gibt doch noch eine Menge zu sagen. Und ich will schon zurück, da
bin ich noch gar nicht weg. Aber wenn ich's recht bedenke, Frankfurt (Oder)
ist gar nicht so arg weit weg von British Columbia. Zehn Stunden braucht man
auch vom Alex bis Potsdam, wenn man läuft. Und die Gedanken sperrt
bekanntlich keiner ein. Die brauchen nicht mal ein Flugticket.
11.09.02
Text und Fotos © Dorit Müller |

Lachsfischer im
Einsatz

Vancouver B.C.
ist nicht nur bei Nacht ein Erlebnis
Vancouver B.C.'s Chinatown
ist eine der größten
der Welt
außerhalb Asiens...
... und das
sieht man auch an der kulinarischen
Auswahl.
Die Freiheit ist ganz nah
Wie in
Mexiko, so wird auch das
kanadisch-indianische Erbe für die Touristen
aufpoliert -
ein schöner Anblick ist es trotzdem
Die Kanadier
sind einfallsreich und gern mobil -
dieses
Hausboot ist schon eher eine schwimmende Villa
In Victoria, der Hauptstadt British Columbias,
geht es
sehr kontinental zu.
Einer
der berühmten türkisfarbenen Seen
Diesem Kollegen sollte man nicht zu nahe kommen
(was die miese Qualität des Fotos erklärt) - ein Grizzly.
Bei dieser
Kulisse würde selbst der guten Heidi
die Sprache
wegbleiben - aber man muss ja nicht
immer alles in
Worte fassen |