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 fensterblick

 

    FENSTERBLICK                      


    Er stand am Fenster, schaute auf die winzig kleinen Menschen da unten auf der Kreuzung und liess los. Es war keine Agression, kein Aufbäumen mehr, eher ein leises Erschlaffen. Er fühlte nichts ausser dem Wasser, das langsam in seine Schuhe drang. Selbst das Wimmern in seinem Kopf war verstummt. Unaufhaltsam jetzt. Er beugte sich vor, um dem Glas nachzuschauen, das langsam trudend aus seinem Blickfeld verschwand. Den Aufprall auf dem Pflaster sah er nicht mehr, und auch sonst beachtete ihn niemand. Achtlos stiegen ihre Füsse über die kleine Pfütze hinweg, die wimmelnd von Leben vor ihnen auf dem Boden lag.  Ihre Körper sogen die Luft achtlos in ihre Lungen, jetzt bereits reduziert auf ihr Blut, das sich zu breiigen Klumpen zu vermischen begann. Wie immer wussten sie es nicht.
    Sie hatten noch dreissig Stunden zu leben. Wir sind alle Ratten, dachte er und schickte sich an zu gehen.
    Aber diesmal wird es wenigstens interessant.

    IT


    Er stand am Fenster, schaute auf die winzig kleinen Menschen da unten auf der Kreuzung und dachte an seine Höhenangst, die er glaubte überwunden zu haben.
    Hatte er aber nicht.
    Die zu Beginn noch faßbaren Gesichter mutierten unmerklich aber stetig zu einem Ameisengewimmel, und Watte schien den Lärm der Straße zu filtern.
    Aus.
    Vorbei.
    Er hatte sich Woche für Woche höhergearbeitet, nach fünf Wochen nun die vorletzte Etage, es hatte nichts genutzt. Die Erfolgserlebnisse der letzten Wochen waren Makulatur. Morgens trat er mit festem Schritt an die Flurfenster und schaute auf die Kreuzung. Von Etage zu Etage wurde er zuversichtlicher, obwohl es ihn störte, daß die Menschen dort unten von Stockwerk zu Stockwerk anonymer wurden.
    Kurz vor dem Ziel hatte es ihn nun eingeholt. Schweißtropfen auf seiner Stirn. Die Hände klamm vor Feuchtigkeit. Sein Kreislauf spielte verrückt.
    An der Fassade gegenüber arbeitete sich sein Blick noch einmal Zeile für Zeile hoch, Fixpunkte suchend, Hilfslinien ertastend. Kein Anker.
    Blieb ihm also für immer die Arbeit im Kellerarchiv.

    HERR MEIER


    Er stand am Fenster, schaute auf die winzig kleinen Menschen da unten auf der Kreuzung und sprang. Er hatte drei von ihnen mit dem linken Fuß erwischt. Mit dem Rechten eins der, wie Spielzeugautos erscheinenden Wagen, die am Straßenrand standen, zerbeult. Er weinte und die Tränen bildeten Teiche auf dem Gehsteig. Am Anfang war er vorsichtig  gewesen, hatte acht gegeben, keinen von ihnen zu zertreten, aber mit der Zeit war
    es für ihn so, als laufe er durch einen Wald und würde versuchen den Ameisen auszuweichen. Unmöglich. Er konnte nicht mehr mit ihnen reden. Ihre Stimmen waren ein hohes Summen und im Wortlaut nicht zu verstehen. Hatten sie noch ein Bewußtsein? Er wusste es nicht. Woher auch. Er hatte am dem Tag geschlafen, als es passierte. Die Morgensonne weckte ihn sanft und er setzte sich auf, um sich zu strecken. Plötzlich nahm er diese Stille wahr. Er schaute aus dem Fenster und sah es. Sah, daß alles ausser ihm selbst und dem Haus in dem er wohnte so klein war wie die Häuser, Fahrzeuge und Menschen auf dem Gelände der Modelleisenbahn in seinem Keller. Die Modelleisenbahn. Alles hatte er für sie getan. Bäume gepflanzt. Die neusten Züge gekauft. Den ICE, den französischen TGV. Und auch an die Radfahrer hatte er gedacht: Eine wunderbare glatt geteerte Strecke neben den Schienen. Eine kleine Ortschaft an jeder größeren Kurve. Seine ganze Liebe steckte in den paar Quadratmetern mit künstlichem Rasen. Er trocknete sich mit einem Taschentuch die Tränen, atmete tief ein, schlug den Kragen seines Mantels hoch und machte sich auf, um andere Modelleisenbahnliebhaber zu suchen.

    ESMERALDA


    Er stand am Fenster, schaute auf die winzig kleinen Menschen da unten auf der Kreuzung und dachte,

    wenn da unten vor dem Überweg jemand stände und hier heraufschaute und den winzig kleinen Menschen da oben am Fenster sähe, dann könnte in dem kleinen Cafe an der Ecke jemand sitzen und auf den Menschen schauen, der gerade an dem Hochhaus nach oben sieht und wenn er dessen Blick folgt, dann könnte er auch ihn sehen, der oben am Fenster steht und auf die winzig kleinen Menschen da unten vor dem Überweg an der Kreuzung schaut.

    Aber an dem Überweg stand keiner und die Rolläden an dem geschlossenen Cafe waren heruntergelassen und er dachte ...
     

    WILLHELM


    Er stand am Fenster, schaute auf die winzig kleinen Menschen da unten auf der Kreuzung und dachte über das Telefonat mit Lisa nach. Diese Sache zwischen Ihnen schien nun endgültig überwunden zu sein, - sie würden sich trennen, klar, aber die Zeit der Mißverständnisse, der gekränkten Eitelkeiten und des gegenseitigen Verletzens war vorbei. Endlich vorbei.
    Er holte den Glenfiddich aus dem Schrank, schenkte sich ein Glas voll ein und setzte sich wieder auf die Fensterbank. Ein großartiges Gefühl, wieder frei durchatmen zu können, mal wieder die Welt und das Leben so richtig spüren zu können. Er steckte sich eine Zigarette an und nahm mit geschlossenen Augen einen tiefen Zug. Die Realität hatte plötzlich wieder einen ganz anderen Geschmack.
    Hinter ihm lagen sechs Wochen Psychoterror, Beschimpfungen und Beleidigungen, klägliche Versöhnungsversuche, die meistens mit Alkohol und Sex begonnen und mit Wut und Tränen geendet hatten. Sechs Wochen Hölle.
    Er schloß das Fenster wieder, trank sein Glas aus und brachte es in die Küche. Dann ging er ins Bad und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser, schaute in den Spiegel, zog Fratzen, lachte. Überall lag noch Zeug von Lisa herum, Lippenstifte, Nagellack, Parfums. Er hatte keine Lust, ihr den Krempel per Post zuzuschicken, wollte ihn aber auch nicht wegwerfen. Eigentlich störte er ihn überhaupt nicht, seltsamerweise war der Anblick dieser Sachen für ihn mit keinen unschönen Erinnerungen verbunden. Er konnte sie getrost ignorieren.
    Er verließ das Bad, überlegte, ob er noch einen Whisky trinken solle, ließ es und ging wieder zum Fenster. Er öffnete es, stieg auf die Fensterbank und sprang.

    MARK


     

    Und Piro

    Er stand am Fenster, schaute auf die winzig kleinen Menschen da unten auf der Kreuzung und dann auf seine Füße, die schon in den Schuhen steckten. Ob er sich da hinunter zu diesen Winzlingen bewegen sollte? Sich dazugesellen? Mit ihnen einmal die eine, einmal die andere Straße gehen?  Das hat man ihm schon oft geraten. Geh doch unter die Leute, Piro. Geh doch irgendwo dazu, Piro. Geh doch mal hinaus wenigstens, Piro. Ja doch. Ja doch, er hat doch die Schuhe ohnehin schon angezogen. Gestern? War das gestern gewesen oder vorgestern? Wie oft ist die Straßenbeleuchtung ein- und ausgeschaltet worden? Und war das etwa schon Staub, was da das Schwarz des Leders so ins Graue zog? Er putzte sich die Schuhe - einen nach dem anderen - am Hosenbein. So konnte er weiter auf die Straße schauen. Und wer garantierte ihm, dass keiner hier oben hinter seinem Fenster blieb, wenn er da hinunterging? Wenn er womöglich wirklich da hinunterging? Immer kleiner werdend dann? Er würde sich ein Fernrohr kaufen müssen. Piro löste seinen Blick von der Kreuzung. Mit dem Fernrohr würde er herausbekommen, zu welcher Zeit niemand hinter einem Fenster stand. Zumindest mit einer gewissen Sicherheit würde er das nach ein oder zwei Wochen Beobachtung sagen können. Er zog seine Schuhe aus und holte sich aus dem Schrank seine Holzschlapfen, mit denen er dann in Richtung Computer klapperte. Er fühlte sich jetzt fast richtig fröhlich. Er würde sich jetzt erst einmal umtun, was es da so gab an Fernrohren und welche für seine Zwecke geeignet wären. Und weil ihm jetzt direkt zum Feiern zumute war, bestellte er sich zu seiner Pizza auch eine Nachspeise und sogar eine Flasche Wein.

    ANDREA


    "Er stand am Fenster, schaute auf die winzig kleinen Menschen da unten auf der Kreuzung und.....drückte seine schweissnassen Hände mit ihren Innenflächen krampfhaft gegen die eiskalte Fensterscheibe. „Nur nicht hochkommen lassen.....nur nicht hochkommen lassen...." hörte er sich immer wieder sagen; doch in seinem Nacken spürte er die Anspannung und er konnte sich nicht dagegen wehren. Die Angst kam in ihm hoch. Er wandte seinen Blick von der Kreuzung ab, versuchte zwangsweise, sich horizontal zu orientieren, aber der niederprasselnde Regen hinderte ihn daran, irgend etwas zu erkennen, woran er seinen Blick hätte fixieren können. Er spürte und wusste, dass hinter ihm jemand im Raum war, er spannte alle seine Sinne und jedesmal, wenn er glaubte, eine Stimme zu hören oder Sprachfetzen zu erkennen, peitschte der Regen mit einer neuen Welle gegen die Fassade. Er wusste nicht mehr, wie lange er schon da gestanden hatte, erkannte nur für sich selbst, dass er sich noch nie in eine solche Situation hatte bringen lassen. Sein Leben lang hatte er alles im Griff und nie die Kontrolle über sich selbst verloren. Am meisten ärgerte ihn, dass ausgerechnet eine Frau ihn so erniedrigen musste. „Mein Gott...." begann er leise vor sich hin zu sprechen. In wie vielen Filmen hatte er gesehen, dass die Protagonisten in aussichtslos scheinenden Szenen immer auf Gott zu sprechen kamen. Gerade als er zu überlegen begann, was er denn seinem neu erfundenen Gott versprechen sollte für den Fall, dass er hier heil heraus kam, öffnete sich, für ihn unerwartet, das Fenster. Er stolperte, mehr aus Verwunderung als vor Schreck, rückwärts in das Schlafzimmer seiner Eroberung der letzten Nacht. Während er versuchte, sich instinktiv auf den Beinen zu halten und die neue Lage zu beurteilen, huschte ihm, trotz der bewussten Peinlichkeit, ein Lächeln auf die Lippen. Er sah den Mann drohend in der Schlafzimmertüre stehen, auf dessen Kopf er durch die sich beschlagenden Brillengläser ein wunderschönes Geweih entdeckte........."
     

    light_house


    Er stand am Fenster und schaute auf die winzig kleinen Menschen da  unten auf der Kreuzung und ...... zählte im Kopf die Kostüme, die er noch entwerfen mußte. Nächste Woche sollte er die Entwürfe für den nächsten Sommer abgeben. Doch sein Kopf hatte bisher wenig geeignete Kreationen entwickelt. Wie sollte er die Frau 2000 anziehen? Oben ohne, unten ohne, mitten ohne, kariert, liniert, plissiert, schlicht, elegant, üppig, rüschig? Wie wäre es eigentlich, von der slim-line abzuweichen und Kräftiges Mode werden zu lassen?
    Die Menschen da unten waren so, wie sie waren. Warum sollte man etwas  machen, das nur in ihren Träumen existiert? Oder wollten die Menschen  etwa träumen? Wäre er derjenige, der schließlich ausgelacht werden  würde, wenn er sagte: „Das habe ich für Euch gemacht."? Würden sie vielleicht antworten: „Pommes ist man auch besser an der Bude als zu Hause."?
    Aber warum sollte es nicht möglich sein, das Normale zu feiern? Hatte der Alte im Bleibtreu etwa Recht, als er von ‚Freiheit in der Gemeinsamkeit der Werte‘ gesprochen hatte? Nein, so formuliert, mußte das einfach auf Reaktion hinausführen. Trotzdem steckte in dieser Aussage der common sense, der sich im Studio seit seinem Einstieg mehr und mehr im Nichts auflöste. Auffallen, profilieren, Markierungen setzen.
    „Schatz, bist Du soweit?", hörte er.
    Viel lieber wollte er jetzt über sie in ihrem bezaubernden Kleid herfallen und ihren Körper fühlen.
    „Was machst Du? Mmm ... mein Lippenstift!"
    „Wollen wir nicht hier bleiben?"
    „Los, komm jetzt! Ich zeig Dir was! Du hast ja noch den Fahrstuhl."

    MALTE


    Brief an meinen Enkel Patrick (6)

    Da standen wir nun, hoch oben über der Stadt. Mit dem Schritt ins Freie war mir der Schreck durch die Glieder gefahren: Wir standen auf einem schmalen Sims, gerade breit genug für eine Person und sahen über eine gemauerte Balustrade steil hinab auf die Dächer der alten Stadt. Mir stockte der Atem. Mit zittrigen Knien standen wir an die Turmwand gepreßt, weil wir der dreißig Zentimeter dicken Brüstung nicht trauten. Erst allmählich wagten wir uns vor und riskierten einen ersten kühnen Blick über die Brüstung hinweg, steil nach unten.

    Wir standen hoch über Nördlingen und sahen hinunter auf unsere Geschichte. In der Ferne konnten wir die Ränder des Rieskraters erkennen, eine kreisrunde Hügelkette, die eine riesige, in das Zenit gerichtete Parabolschüssel umgibt. An dieser Stelle war vor 15 Millionen Jahren ein  Asteroid auf die Erde gestürzt und hatte einen 150 kubikkilometergroßen Krater aus der Erde gefetzt.

    Unter uns die Dächer der mittelalterlichen Stadt. Bizarr verschachtelte Häuser, deren Dachgebälk in die Jahre gekommen ist und sich mitunter wie losgelöst vom Grundriß des Mauerwerks eine eigene Richtung gesucht hat. Enge verwinkelte Gassen mit Kopfsteinpflaster, über das die Händler und Bauern ihre zweirädrigen Karren geschoben hatten.

    Sehr gut konnten wir das alte Rathaus erkennen, das wie die Kirche und der Turm, auf dem wir standen, aus dem Gestein errichtet worden war das sich bei der Verschmelzung des Asteroiden mit den irdischen Gesteinsarten gebildet hatte. Wir erkannten das Tanzhaus, das eindrucksvolle, renovierte „Klösterle ", die Gerberhäuser, die alte Schranne und das alte Spital.

    Ein kleiner Mikrokosmos zu unseren Füßen, umgeben von der mächtigen, vollständig erhaltenen Stadtmauer, die nie bezwungen wurde und 1634 doch für den Kaiser geöffnet werden mußte, der nun nach der Reformation nicht mehr als Freund, sondern als Gegner kam.

    Obwohl keiner unserer Vorfahren aus Nördlingen kommt, nahm ich hoch oben auf dem Daniel für einen Moment Besitz von der schönen, alten Stadt und ich bildete mir ein, hinabzusehen auf meine eigene Geschichte, auf unsere, auch deine. Ich dachte an die Ahnentafeln, die ich von meinen Vorfahren besitze und die frühestens aus der Zeit nach der Reformation datieren, als sich drei Brüder aus dem Salzburger Land auf die Wanderschaft begaben, weil sie unter den Habsburgern ihrem reformierten Glauben nicht angehören durften. Ob sie auf ihrer langen Wanderschaft bis in das heutige Saarland auch durch
    Nördlingen gekommen waren?

    Nur noch ganz, ganz wenige Orte, die wenigstens teilweise ihr mittelalterliches Bild bewahrt haben, ermöglichen uns unter Zuhilfenahme unserer Phantasie, den Blick in die Vergangenheit, wie das hier in Nördlingen möglich ist. Darum mußt du die Stadt unbedingt besuchen. Wenn du diesen kleinen Reisebericht gelesen hast. Und wenn du mein Interesse für die Geschichte teilst.

    Ich frage mich, wann das sein wird. Wenn es dir so ergeht wie mir, wird dich Geschichte in der Schule nicht übermäßig interessieren und so mußt du vielleicht Sechsundfünfzig werden, bis du nach Nördlingen kommst. Keine Angst, die Stadt wird da sein.

    Und denke daran: Du muß unbedingt auf den Daniel steigen! Beim Türmer, in 80 Metern Höhe liegt das Gästebuch. Wir stehen drin, am 24. August 1996.

    MARTH