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    Man kann Petanque auch nackt spielen

    Man kann Petanque auch nackt spielen

    Berthold Link wundert sich. Daß sein Nachname Eingang in die
    Computersprache gefunden hat und was dort mit ihm anstellen kann.
    Das hat er sich lange nicht vorstellen können. Vorgestellt hat er sich
    eigentlich immer so: Guten Tag. Mein Name ist Link, Berthold Link.
    Das ist das normale Leben - "real live" sagen die Freaks. Aber: online ist
    alles anders.
    Im normalen Leben geht alles viel langsamer. Da ist der Link noch der
    Berthold oder der Herr Link und für seine Mitmenschen kein Rätsel. Im
    Internet wird der Link zum ultraschnellen unberechenbaren Sprung. Ein
    Name zieht um die Welt.
    Eigentlich wollte Berthold nur ein Ostergedicht machen, doch dann wurde
    er gelinkt und gelockt. Vom Literaturcafe ins Reimlexikon, von "hase" zu
    "ase" und Nase, keine Phrase. Und irgendwann klärte ihn ein Schriftzug so
    ganz nebenbei darüber auf, daß man Petanque auch nackt spielen kann.
    Und zwar in Frankreich. Aber Berthold Link zog sich nicht aus. Er öffnete
    lediglich den obersten Knopf seines blütenweißen Hemdes.
     

    Die Schritte: 1. Literarische Links 2. Ein Reimlexikon 3. Wörter mit
    gleicher Endung suchen "hase" 4. Wörter mit gleicher Endung suchen
    "ase" 5. Werbebanner "Wußten Sie, daß man Petanque auch nackt
    spielen kann?" (der Werbebanner kam bei nachfolgenden Link-Versuchen
    nicht mehr, aber es gibt diese FKK-Seite)

    MIKE BARTEL


    DER AUFTRAG

    Es schien ein einfacher Job zu sein, - leicht verdientes Geld, das ich mir
    auch diesmal wieder in Whisky auszahlen lassen würde.
    "Unsere Putze geht fremd!" sagte sie in einem Tonfall, in dem sie auch
    hätte sagen können: "Ich kaufe mir ein neues Kleid!" Sie schob den
    zweiten Glenfiddich über die blankpolierte Theke in meine Richtung; ich
    nahm ihn und blinzelte sie über den Rand des Glases hinweg an." Wretch
    putzt in fremden Revieren!" Zuerst glaubte ich, ich hätte mich verhört, dann
    dachte ich, o. k., sie nimmt dich auf den Arm, Cowboy! Doch nicht unsere
    Wretch, nie und nimmer!... Aber Critic sah mich an mit diesem Blick, bei
    dem du denkst: shit! Für diese Braut würdest du deine gottverdammte
    Seele verkaufen! Und ich wußte, sie meint es ernst.
    Ich hatte den Job, ich wußte, daß ich ihn hatte und daß ich ihn machen
    würde; ich wußte es, als ich in diese lasziven aber irgendwie doch
    aufrichtigen Augen schaute, und es war, als hätte er schon seit ewigen
    Zeiten in dieser verrauchten Bar auf mich gewartet.
    Sie gab mir noch ein paar Instruktionen, aber ich hörte nur mit einem Ohr
    zu, denn hier war ich der Profi. Ich wußte, wie man solche Fälle löst.
    "O. k., Schätzchen, bringen wir's hinter uns!"
    Ich kippte mir den Whisky in den Hals, drückte die Chesterfield in dem
    sauberen Glasaschenbecher aus und marschierte los. "Mark!" rief sie mir
    noch mit ängstlicher Zuversicht hinterher (nur Frauen können einem etwas
    mit ängstlicher Zuversicht hinterherrufen), "ich weiß, Du wirst es schaffen!
    Du wirst sie finden und zu mir zurückbringen! Ich schätze, sie ist keine fünf
    Mausklicks von hier entfernt."
    Aber in diesem Punkt irrte sie sich gewaltig, denn wie sich später
    herausstellte, waren es exakt fünf Mausklicks.
    Die Tür trug die Aufschrift "Literarische Links", die erstbeste Tür, die nach
    draußen führte...
    KLICK!
    ... und ich ging hindurch. Die Bude, die ich vorfand, hatte was verwirrendes,
    aber zwischen "Aaleskorte", "Tendenz Toastessen" und ähnlichen
    gescheiterten Existenzen fand ich etwas, das förmlich danach schrie, die
    Lösung unseres Problems zu sein.
    "Die Leserattenseite" stand da, und ich spürte, wie sich mein rechter
    Mundwinkel selbständig zu einem Lächeln verbog. Wretch war eine
    Leseratte, o yeah, das war sie bei Gott! Zwischen Wischeimern und
    Schrubbern stapelten sich in Willis Abstellkammer ihre Bücher, hunderte
    von Büchern, von Adorno bis Zweig.
    Ich ging auf die Tür zu und nahm bereits diesen Duft von Ammoniak und
    Kernseife wahr. Mein linker Mundwinkel folgte dem anderen, und ohne
    lange nachzudenken, ...
    KLICK!
    ... stieß ich sie auf und ging durch.
    Von nun an brauchte ich nur noch meiner bewährten Schnüffler-Nase zu
    folgen. Aus allen Ecken und Winkeln drang der verräterische Geruch, der
    zu ihrem Job gehörte wie der Geruch von Whisky, Zigarettenrauch,
    Schießpulver und billigen Parfums zu meinem.
    Ich suchte die Linkliste (es war immer die Linkliste, hinter der sie sich
    versteckten - sie machten alle den gleichen Fehler) und hatte sie schnell
    gefunden.
    KLICK!
    Ich starrte sofort auf "Petras Bücherforum". Das klang nach Wretch, und
    dort war auch das Meister-Proper-Aroma am intensivsten.
    KLICK!
    Die Tür öffnete sich; lautlos glitt ich hindurch. Eine Menge Leute waren hier
    versammelt - Gestrandete, Entwurzelte, Typen mit vollgestopften Köpfen
    und leergeräumten Taschen. Ich kenne diese Sorte.
    Und endlich: Wretch!
    KLICK!
    Ich hatte es mir bereits gedacht. Sie putzte hier nicht, sie wischte nicht
    Staub, sie spülte keine Gläser. Wretch redete über Dorothy L. Sayers und
    meinen alten Kumpel Raymond Chandler, und mir wurde klar, daß es mir
    nur mit einer ganzen Flasche Tequila gelingen würde, sie hier
    rauszulocken und bei der Chefin abzuliefern...

    MARK


    Ein Klick zu kurz

    Vor mir die Eingangsseite zum Literaturcafe, noch ist alles möglich.
    Click 1 - Literarische Links
    Spontane Entscheidung: der Mausklick für's Scrollen gilt nicht!
    Humhamhom, was nehm ich denn, was nehm ich denn?
    Click 2 - Englische Gedichte
    So als alte Anglophile...
    In der Poets Corner bin ich jetzt und da links entdecke ich
    Click 3 - Mutual Links
    Wuff! 220 Links, die scheint's mit Literatur zu tun haben. Instinktive Wahl,
    nur dem Klang nach:
    Click 4 - Literary Landscapes
    A thoughtscape of literary culture, soso
    scrolling, scrolling, scrolling, aha, da sind Links!
    Click 5 - Literary Calendar
    Endstation
    "The uncertain glory of an April day" meldet sich Shakespeare zu Wort.
    Und wenn ich meinen Blick vom virtuellen zum realen Fenster wende:
    stimmt.
    Darunter ein Kalenderblatt dieses Monats. Hätte ich noch einen Klick,
    könnte ich mal am 6.4. nachschauen, wer an einem solchen geboren,
    gestorben, veröffentlicht worden oder sonstwie in Erscheinung getreten ist.
    So verrecke ich leider einen Meter vor dem Ziel. Schaut's halt selber nach.

    WRETCH