Weg vom Fenster
Montag morgen, ich schau in den Spiegel
und lese, daß Oskar Lafontaine zurückgetreten ist.
Ich gehe ins Bad. Ich muß austreten.
Nein, nicht aus der SPD.
Da bin ich ja gar nicht drin.
Ich bin in Gedanken.
Deshalb fällt es mir zunächst gar nicht auf,
daß der Spiegel im Badezimmer fehlt.
Der von letzter Woche.
Ich hatte ihn auf dem Fenstersims abgelegt.
Doch jetzt will ich etwas nachlesen und er ist weg.
Weg vom Fenster.
So weg vom Fenster wie Oskar.
Eigentlich heißt es ja „frech wie Oskar".
Frech war das aber nicht, was der Oskar gemacht hat.
Eher eine Frechheit.
Jahrelang der Macht hinterhergehechelt
und dann nach so kurzer Zeit das Handtuch geworfen.
Ich trockne meine Hände ab.
Er wäscht seine wahrscheinlich in Unschuld.
Und dennoch:
Wenn ich an seiner Stelle wäre,
könnte ich mich morgens nicht mehr im Spiegel ansehen.
MIKE
Es ist Montagmorgen
ich schaue in den Spiegel
(aktuell Montagmorgen, 19.4.99, 6.45Uhr)
Alle Welt erwartet jetzt von mir, daß ich mich darüber auslasse, wie
schrecklich es doch am Montagmorgen ist, wenn mann sein
verknittertertes, unrasiertes, unausgeschlafenenes Gesicht mit den kleinen
roten Schweinsäuglein im Spiegel ansehen muß.
WEIT GEFEHLT!
Ich finde mich heute im Spiegel frisch wie den jungen Morgen, der die
Sonnenstrahlen in meinen quicklebendigen blauen Augen glitzern läßt, die
junge rosa Haut macht einen lebendigen Eindruck, und es scheint, als ob
mein Spiegelbild sich so richtig auf die kommende Woche freut und froh
ist, daß das Wochenende endlich vorbei ist.
Oh mein Gott, auch Männer können sich am Montagmorgen vor dem
Spiegel anlügen, ohne rot zu werden!
HERR MEIER
Montag Morgen, ich schaue in den Spiegel, der letzte Montag mit
Bedeutung. Noch ein wenig Rasierwasser in die hohle Hand, leichtes
Einklopfen, die verbliebenen Haare werden sorgsam über die kahlen
Stellen verteilt, dennoch blitzt immer wieder die Kopfhaut durch. Das
ist eben der Lauf der Welt. Die Krawatte noch zurechtgezupft, der Sitz
des Jacketts nochmal überprüft. Magda hat den Frühstückstisch bereits
gedeckt, gießt den Kaffee ein, ewig das gleiche einschläfernde, doch
liebgewonnene Ritual. Ich verstecke mich hinter der Zeitung, wissend,
die Tage werden von nun an ein einziger Klumpen aus unstrukturierten
Stunden sein, nutzlos die Zeit dahinplätschern, und er, der ehemals
eisenharte Personalchef einer Stahlhütte, wird langsam vor sich
hinrosten. Sie schaut mich an, weiß was in mir vorgeht, schweigend.
Haben uns zulange aneinander gerieben in den Mühlen unseres Alltags,
keine Kanten mehr übrig, keine Reibungspunkte, kein Gesprächsansatz,
nur ein stilles, trauriges Einverständnis umhüllt uns wie ein alter
mottenzerfressener Mantel.
Es klingelt, ein Bote bringt einen wunderschönen Blumenstrauß, auf der
beigefügten Karte steht: „Alle guten Wünsche zur Pensionierung - die
Werksleitung."
ELAN
Über den sieben Bergen ...
Ey Alter,
bevor wir da weitermachen,
ein Wort:
Ich will vollständige Antworten,
in ganzen Sätzen,
kein Wortwechsel,
keine Gegenfragen.
Also:
Wieso sind deine Augen so klein?
Wieso siehst du so schmutzig aus?
Wie sehen deine Haare aus?
Warum kriegst du das Maul nicht auf?
Wer war das gestern?
Was war gestern?
WAAAS, es ist erst fünf Uhr???
Ey, mach das Licht wieder an.....