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Kapitel 18: Kleinprojekte und Großprojekte

       Am Morgen regnete es. Beim Frühstück schlug der Bürgermeister vor, die Leute des Gemeinderates in ihren Büros zu besuchen. Sie räumten gemeinsam zusammen.
      Danach griff sich Brigitte ein Buch und machte es sich auf der Terrasse - jetzt zur Veranda zugeschoben - bequem, die Männer gingen zum Bürotrakt des Rathauses.
      Beim ersten Büro steckte im Türschild ein Zettel, worauf ,,Bin beim Umweltschutz stand, beim nächsten dasselbe, beim nächsten ebenfalls. Das nächste war das Büro des Fachmannes für Umweltschutz. Der Bürgermeister klopfte an und sie traten ein. Um einen Tisch saßen fünf Leute bei Kuchen und Tee, drei Männer und zwei Frauen, eine davon war Paula. Sie lud den Bürgermeister und Alfa ein: ,,Setzt Euch zu uns, wir haben noch genug Kuchen. ,,Bitte gerne, wenn wir Euch nicht stören, nahm der Bürgermeister an. Der Bürgermeister setzte sich an einen freien Platz, Alfa ebenso. Paula stellte Alfa die einzelnen Leute vor: ,,Gunter, zuständig für Tiefbau; Gisela, für Hochbau; Gebhard, für Maschinenbau; Gerhard, für Koordination. ,,Er kann gleich seines Amtes walten, übergab sie lachend das Wort an Gerhard. Dieser wandte sich an den Bürgermeister: ,,Bruno, ich nehme an, Du kommst mit Alfa, damit wir ihm unsere Arbeitsweise zeigen. Stimmts? ,,Stimmt genau, bestätigte der Bürgermeister. ,,Gut, dann werde ich Alfa einen Einblick geben, sagte Gerhard und wandte sich an Alfa:
       ,,Wir planen und organisieren in Zusammenarbeit mit den interessierten Bürgern des Ortes die Erhaltung und den Neubau der Gebäude und Anlagen der Ortschaft, im Verein mit anderen Ortschaften auch die Großprojekte, die einem größeren Raum nützen. Da unsere Gebäude für Jahrtausende gebaut sind, haben wir nicht allzuviel zu tun. Derzeit ist unsere Hauptaufgabe, nicht mehr zeitgemäße Bauwerke zu ersetzen, das sind vor allem Gebäude aus der Zeit vor der ,Umgestaltung, die nicht mehr erhaltungswürdig sind; zum Beispiel planen wir jetzt gerade eine Stahlbetonbrücke aus der Zeit vor der ,Umgestaltung neu, weil sie schätzungsweise in zehn bis fünfzehn Jahren erneuert werden muß. Wir planen weit voraus und haben darum keine Eile. Deshalb geht es auch bei uns gemütlich zu ...
       ,,Entschuldige, daß ich Dich unterbreche, Gerhard. Aber damit kein Mißverständnis entsteht, fiel Gisela ein, ,,es geht gemütlich zu, aber wir trödeln nicht herum. Wir haben diese Aufgabe übernommen, weil sie uns Spaß macht und wir uns gerne damit die Zeit vertreiben. Dasselbe gilt auch für die Leute, die die Bauwerke ausführen. Es stellen sich dafür vorwiegend jene zur Verfügung, denen diese Arbeit Spaß macht und die darin einen sinnvollen Zeitvertreib sehen. Unsere Bauwerke haben darum eine Qualität, von der frühere Generationen nur träumen konnten, denn wir haben die nötigen technischen Hilfsmittel und Zeit. Leute, die lediglich aus Pflichtgefühl mittun, übernehmen die Zulieferung, wozu mensch weder Liebe noch Handfertigkeit braucht.
      Gisela schwieg und Gerhard nahm wieder das Wort:
       ,,Bei einem Projekt gehen wir nach allen Regeln der Demokratie vor. Wenn wir - oder Mitbürger - eine Aufgabe für uns geortet haben, so zeigen wir die Notwendigkeit des Projektes und unseren Lösungsvorschlag an Hand eines Fernsehfilmes über das TKS unseren Mitbürgern. Danach warten wir auf Zusatz- oder Gegenvorschläge. Mit diesen arbeiten wir, zusammen mit interessierten Mitbürgern, die entsprechenden Varianten aus. Diese stellen wir der ganzen Ortschaft zur Diskussion. In einer Vorabstimmung entscheiden sich die Bürger für eine der dargebotenen Varianten. Die gewählte Variante wird eingehender ausgearbeitet, auch bezüglich des Arbeitsaufwandes. Beim Arbeitsaufwand pro Person setzen wir 69 % der Bürger, - die Mindestanzahl für ein positives Ergebnis -, in Rechnung. Das ganze Projekt in der gewählten Variante, samt Arbeitsaufwand, wird über das TKS nochmals zur Diskussion gestellt. Nach einer angemessenen Nachdenkzeit entscheiden sich die Bürger endgültig in einer Abstimmung. Wer zustimmt, erklärt sich damit zugleich bereit, seinen Arbeitsanteil beizusteuern, und daher gibt er bei der Abstimmung auch gleich die Arbeit an, die er übernehmen will und kann. Sind mindestens 69 % der stimmberechtigten Bürger dafür und sind dabei genug geeignete Leute, so wird das Projekt angegangen. In allen anderen Fällen wird das Projekt fallengelassen. Bei Großprojekten gehen wir ähnlich vor, nur eben in größerem Rahmen.
      Gerhard schwieg und Paula ergänzte:
       ,,Wir achten bei allen Projekten, daß sie sich in unsere Welt tadellos einfügen, also die Landschaft eher verschönern, - oder zumindest nicht verunstalten -, und weder Gift noch Lärm noch Schmutz in die Umgebung abgeben.
      Sollte sich trotzdem ein Bürger durch ein gemeinnütziges Projekt in seinem Lebensgefühl beeinträchtigt fühlen, so ist die Gemeinschaft verpflichtet, diesem etwas Gleichwertiges zu geben oder zu schaffen. Gemeinnutz auf Kosten weniger Einzelner grenzt die Betroffenen unschuldig aus der Gemeinschaft aus, denn sie sind den anderen gegenüber benachteiligt. Das läßt unser Gerechtigkeitssinn nicht zu. Gerechtigkeit ...
      Paula besann sich kurz, brach ab und meinte: ,,Ich rede zuviel! Sie wollen sicher lieber die Einrichtung sehen. ,,Es war für mich aufschlußreich zu hören, wie Menschen denken, antwortete Alfa. ,,Natürlich interessiert mich aber auch die Einrichtung. ,,Gut, dann zeige ich sie Ihnen gleich, sagte Paula und stand auf. Alfa erhob sich ebenfalls. Paula führte Alfa zur Fensterfront. Sie wies in die Runde und erklärte:
       ,,Ein L-förmiger Schreibtisch, ein Schrank für Fachbücher und die Unterlagen der laufenden Projekte, ein Zeichenbrett, ein AO-Bildschirm für computerunterstütztes Konstruieren und das TKS. Durch die Schiebetüre links geht es in Gebhards Büro, durch die rechte vorbei an Teeküche und Abstellraum in Gerhards Büro und dann weiter in den EDV-Raum mit Zentralrechner, Plotter, Fax und Scanner. Die Büros sind also über den Gang wie Einzelräume und innerlich durch die Schiebetüren zu einem Großbüro verbunden, was die Zusammenarbeit erleichtert. Die Durchgehtüren teilen den Raum in zwei Teile. In der zweiten Hälfte ist die Besprechungsecke, - im Augenblick sitzt unsere Teerunde dort. Paula wandte sich zur rechten Türe, aber Alfa hielt sie zurück: ,,Lassen wir es, ich kann es mir vorstellen. Setzen wir uns lieber wieder zu den anderen.
       ,,Gut, lächelte Paula. Sie setzten sich wieder. Das Gespräch plätscherte belanglos dahin. Als Alfa sein Kuchenstück gegessen hatte, drängte der Bürgermeister aufzubrechen. Der Bürgermeister und Alfa bedankten sich und verließen die Runde. Am Gang sagte der Bürgermeister: ,,Ich möchte Ihnen noch den ,Bauhof zeigen, wenn Sie wollen. ,,Bitte, gerne, nahm Alfa an. Sie gingen zum Auto und fuhren hin.
      Der Bauhof lag an der großen Ausfallsstraße am Rande des Ortes. ,,Wir müssen zu Bernhard, dem zuständigen Systemerhalter. Ich möchte ihn nicht übergehen, erklärte der Bürgermeister. Er parkte vor Bernhards Haus. Sie gingen zur Haustüre. Dort erwartete sie bereits Bernhard: ,,Grüß Euch, Bruno und Alfa. Alfa, Sie wollen sicher den Bauhof sehen, nicht wahr? ,,Ja, bitte! antwortete Alfa. ,,Gut, gehen wir hinüber; der Weg hinüber ist überdacht, weil ich dort in der Nähe meine Garage habe, schlug Bernhard vor. Also gingen sie den mit Steinplatten belegten und überdachten Weg zur Garage, von dort mußten sie durch den Regen einige Meter über einen gepflasterten Vorplatz zum Bauhof.
      Alfa fielen sofort die großen Tore auf. Als sie im Gebäude standen, war Alfa sofort klar wozu. In der Halle befanden sich große Fahrzeuge und Maschinen. Im Gehen erklärte Bernhard:
       ,,Das hier sind drei Lastwagen mit Anhänger, davon der letzte besonders geländegängig. Da drei Traktoren mit Anhänger, ein großer und zwei kleine, wendige für Arbeiten im Forst. Dann eine Bohrraupe, eine Schubraupe, ein Bagger, ein Straßenhobel, eine Asphaltierungsmaschine, eine Straßenwalze. Zum Schluß ein Baukran in Wartestellung. Das ist die Standardausrüstung einer jeden Ortschaft, damit können die üblichen Bauvorhaben der Gemeinde durchgeführt werden. Bei größeren Projekten setzen wir die Maschinen von mehreren Ortschaften ein. Überregional haben wir noch einige Sondermaschinen, die nur selten zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel Autokräne, Lastenhubschrauber. Sie gingen wieder zurück.
       ,,Die Maschinen sehen sehr gepflegt aus, dachte Alfa laut. ,,Sie sind auch gepflegt, bestätigte Bernhard. ,,Dafür bin ich ja da. Zudem unterstützt mich die Jugend. Sie dürfen dann als Belohnung mit den Maschinen fahren, - selbstverständlich nur unter meiner Aufsicht -. Bis jetzt hat es mir daher noch nie an Hilfskräften gemangelt. Bernhard lachte. Der Bürgermeister meinte nachdenklich: ,,Eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung für die Jugend. Ich erinnere mich noch gut, ich habe stundenlang am Bagger geputzt, um eine Viertelstunde damit fahren zu dürfen und ich war sehr stolz darauf, so ein großes Ungetüm tadellos zu meistern. Ich glaube, es ist ein guter Grundsatz, das natürliche Bedürfnis der Jugend nach sinnvoller Tätigkeit spielerisch zu befriedigen.
      Sie waren wieder am Ausgangspunkt angekommen. Bernhard führte Alfa in einen Nebentrakt.
       ,,Hier ist das kleinere Gerät, erklärte er. ,,Zum Beispiel hier Baugerüste, Mischmaschinen, Hilfsaufzüge, Druckluft- und Hydraulikhämmer, da ein Hochdruck-Wasserstrahl-Schneidgerät, ein Laserstrahl-Schneidgerät, dort Trenn-, Bohr- und Schleifmaschinen für Steinquader, dort hinten Kleinzeug wie zum Beispiel Brecheisen, Hämmer, Meißel, Maurerkellen, und was man sonst so alles am Bau braucht. Sie gingen in den Raum nebenan. Bernhard setzte fort: ,,Hier ist eine Werkstatt für Wartungs- und Reparaturarbeiten. Hier drei Werkbänke mit dem zugehörigen Werkzeug, da ein Elektro- und ein Autogen-Schweißgerät. Die Rampe am Ende des Raumes erleichtert die Arbeiten auf der Unterseite der Maschinen. Mit dem Hebezeug kann der Motor in den Nebenraum gebracht werden. Dort sind die Prüf- und Einstellungseinrichtungen für Dieselmotoren. Die großen verglasten Schwenktore verbinden die Werkstatt mit dem Waschplatz. ,,Entschuldigen Sie, daß ich Sie unterbreche, fiel Alfa in Bernhards Redefluß.
       ,,Ich dachte, sie betreiben ihre Verbrennungsmotoren mit Wasserstoff und Sauerstoff, nun höre ich Diesel. ,,Ganz richtig, antwortete Bernhard. ,,Die Motoren unserer privaten Autos laufen mit Strom und mit Wasserstoff und Sauerstoff; letzteres ist nicht ungefährlich und erfordert besondere Umsicht und Vorsicht. Wir wollten auf unseren Baustellen durch den Antrieb der Fahrzeuge nicht noch eine Gefahrenquelle dazubringen, die zusätzlich Aufmerksamkeit fordert; deshalb haben wir unsere Baumaschinen und Baufahrzeuge mit Dieselmotoren bestückt. Den nötigen Diesel erzeugen wir aus Ölsaaten, die wir entlang der Straßen anbauen.
      Bernhard dachte kurz nach, dann meinte er: ,,So! Ich glaube, ich habe Ihnen das Wesentliche gezeigt. Ich würde sagen, wir können umkehren. Der Bürgermeister und Alfa bejahten, also gingen sie zurück. Auf dem Weg zum Haus lud Bernhard den Bürgermeister und Alfa ein, mit ihm und Barbara Mittag zu essen. Der Bürgermeister rief mit dem TKS Brigitte an und diese kam umgehend mit ihrem Auto.
      Sie richteten sich zu fünft das Essen; Alfa preßte dabei mittels der Universal-Küchenmaschine frischen Most. Sie aßen im Eßzimmer. Nachher räumten sie gemeinsam auf. Anschließend machten sie es sich auf der Terrasse bei zugeschobenen Glasteilen bequem. Zuerst plauderten sie noch angeregt, doch dann machte das eintönige Tropfen des Regens alle schläfrig.
      Alfa spürte, daß in dieser Schläfrigkeit eine gewisse erotische Spannung aufkam. Der Bürgermeister empfand dies offenbar ebenso, jedenfalls drängte er zum Aufbruch. Sie bedankten sich, verabschiedeten sich und fuhren los. Im Fahren sagte der Bürgermeister: ,,Wenn Sie nichts dagegen haben, bringe ich Sie zu Noras Haus. Alfa verstand und bat darum.
      Als Alfa in Noras Haus trat, spürte er sofort, daß Nora da war. Er fand sie im Arbeitszimmer; sie schnitt gerade Stoff nach dem Muster zu. Sie begrüßten sich, - freundschaftlich -, Alfa hätte sie gerne umarmt und geküßt, aber er spürte, daß es Nora nicht danach war. Nora lächelte ihn an und sagte: ,,Du solltest einmal bei Karin vorbeischauen, Du weißt schon, die junge Frau im Krankenhaus. Alfa antwortete seinerseits lächelnd: ,,Danke für den Rat. Danach sah er auf den Stoff und erkannte ihn als den, den sie im Warenhaus für seinen Anzug ausgesucht hatten. ,,Richtig, bestätigte Nora, ,,ich schneidere gerade Deinen Anzug. ,,Kann ich mich dabei nützlich machen? fragte Alfa. ,,Möglich, meinte Nora, ,,es ist jedenfalls gut, wenn Du dableibst. So blieb Alfa, sah zu und ging Nora zur Hand.
      Am späten Nachmittag gongte das TKS. Es war der Bürgermeister, der sich an Alfa wandte: ,,Ich habe mich nach laufenden Projekten erkundigt, wir haben ein kleines im Ort und ein größeres in 400 km Entfernung. Morgen wird das Wetter wieder schön. Da werde ich vormittags und nachmittags je ein Stündchen meinen Garten bestellen. Dazwischen, sagen wir um etwa zehn Uhr, könnten wir das Projekt im Ort besichtigen. Über das größere unterhalten wir uns besser morgen persönlich. Einverstanden? ,,Gut, antwortete Alfa, ,,dann bis morgen.
      Nora hatte inzwischen ihre Näharbeiten zusammengelegt. Sie lud Alfa zu Reinhold ein, aber Alfa lehnte dankend ab. Daraufhin richtete sie ihm ein Abendessen und entschwand. Alfa aß, räumte auf und setzte sich ins Wohnzimmer. Dort suchte er über das TKS die Adresse von Karin und den Weg zu ihrem Haus. Anschließend bildete er sich in Gartenbau weiter. Als er müde wurde, legte er sich schlafen.
      Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne. Alfa erfrischte sich zuerst im Swimmingpool, dann frühstückte er. Mitten im Zusammenräumen kamen Nora und Reinhold. Sie plauderten ein bißchen mit ihm. Dann sah Nora nach den Tieren; Reinhold ging in den Garten, jätete, und setzte neue Pflänzchen. Als Alfa fertig aufgeräumt hatte, gesellte er sich zu Reinhold und jätete mit. Bald darauf kam auch Nora dazu. Zu dritt waren sie bald fertig. Sie duschten sich. Anschließend machten sie es sich am Schwimmbecken bequem.
      Nach einer Weile kam der Bürgermeister. Er plauderte zuerst mit Reinhold und Nora. Dann nahm er Alfa mit zum Auto. Sie fuhren eine Zeitlang quer durch den Ort und parkten bei der Garage eines Grundstücks.
      Alfa konnte von da aus schon das Haus sehen. Das Dach war nur zu einem Drittel gedeckt. Im ungedeckten Dachstuhl standen, knieten und hockten Leute in Arbeitsanzügen, Alfa hatte den Eindruck, daß es sowohl Männer als auch Frauen waren. Der Bürgermeister und Alfa gingen zum Haus. Auf dem Zufahrtsweg standen Paletten mit Solarzellen. Frauen in Arbeitsanzügen und mit Lederhandschuhen hoben die einzelnen Solarzellen vom Stapel, trugen sie zu einem Hilfsaufzug und schlichteten sie in den Förderkorb. Als sie den Bürgermeister und Alfa sahen, deuteten sie durch lässiges Heben einer Hand einen Gruß an, ohne zu unterbrechen.
      Der Bürgermeister führte Alfa weiter auf eine Gruppe Leute zu, die in einiger Entfernung um einen großen, langen Holztisch lagerte. ,,Das ist die zweite Partie, erklärte der Bürgermeister im Gehen.
       ,,Wir meinen, daß ein Mensch nur ungefähr eine Stunde lang konzentriert arbeiten und somit gediegene Arbeit liefern kann. Deshalb arbeiten bei jedem Projekt immer mindestens zwei Partien, die sich stündlich abwechseln, das heißt, während eine arbeitet erholt sich die andere. Dieses System entspricht unserer Einstellung zur Arbeit und ermöglicht jene Gediegenheit, die alles bei uns auszeichnet.
      Sie waren bei der Gruppe angekommen und grüßten; die Leute grüßten zurück und umringten gemächlich die beiden. ,,Wie gehts? fragte sie der Bürgermeister. ,,Tut richtig gut, nach Jahren wieder einmal bei einem Hausbau mitzutun, sagte ein älterer Mann, ,,ich hätte nie gedacht, daß mensch beim Hausbauen so viel Spaß hat, gab eine junge Frau zu. ,,Dann ist ja alles bestens, lachte der Bürgermeister, ,,und wir wollen Euch nicht länger aufhalten. Wie ich sehe, bereitet Ihr gerade eine Grillpartie vor. Also dann, macht es gut. Auf Wiederschauen! ,,Auf Wiedersehen! verabschiedete sich auch Alfa. Sie gingen zum Auto zurück. Im Gehen erklärte der Bürgermeister:
       ,,Der Hausbau ist bei uns eine Aufgabe der Gemeinschaft. Da unsere Häuser viele Generationen überdauern, wollen wir keine individuelle Gestaltung, sondern vielmehr zeitlose Schönheit, Behaglichkeit und Zweckmäßigkeit, und das alles nach einem möglichst allgemeinen Maßstab. Und das läßt sich eher erreichen, wenn die Gemeinschaft das Haus baut und nicht ein einzelner für sich selbst. Deshalb teilen wir das Hausbauen der Gemeinschaft zu. Da dadurch der Arbeitsanteil für den einzelnen klein bleibt, empfindet mensch das nicht als Arbeit, sondern eher als sinnvollen Zeitvertreib. Zeit haben wir im Überfluß, deshalb können wir uns den Stolz leisten, nur höchstwertige Arbeit zu liefern. Der Bürgermeister dachte kurz nach und setzte dann wieder fort: ,,Natürlich werden so die Häuser alle sehr ähnlich. Das stört aber nicht, da jedes Haus in einem großen Grundstück mit Bäumen, Büschen und Heckenzaun steht, sodaß mensch vom nächsten Haus nur wenig oder gar nichts sieht. Der Vorteil ist, daß mensch ,sein Haus bei Bedarf ohne viel Bedauern tauscht, sich im neuen wieder sofort zurechtfindet und daß niemand dem anderen ,sein Haus neiden kann. Im übrigen, eine gewisse Individualität im Wohnbereich schaffen wir durch die kleinen Dinge, vor allem durch Textilien wie Vorhänge und Teppiche, oder auch durch die Einrichtung. Im großen und ganzen sind jedenfalls die meisten mit ,ihren Häusern sehr zufrieden. Wer nicht zufrieden ist, kann das Haus umbauen, das bedarf allerdings einer Genehmigung durch die Mitbrger - vor allem wenn dazu Metall gebraucht wird. Wer gar nicht zufriedenzustellen ist, dem steht immer noch der Weg ins ,marktwirtschaftliche Reservat Australien offen - allerdings liegen dort 90% der H�ser weit unter unserem Standard.
      Sie waren beim Auto angelangt. ,,Darf ich Sie zum Essen einladen? fragte der Bürgermeister. ,,Bitte, gerne, antwortete Alfa. Also fuhren sie zum Bürgermeister nach Hause.
      Dort war bereits Brigitte schon da. Zu dritt richteten sie sich einen Gemüseeintopf. Sie aßen auf der Terrasse. Anschließend räumten sie gemeinsam zusammen. Danach machten sie es sich am Schwimmbecken bequem. Der Bürgermeister eröffnete Alfa, daß sie das Großprojekt besichtigen könnten. Alfa stimmte erfreut zu. Nach der Mittagsruhe ging der Bürgermeister an die Arbeit im Garten. Alfa schloß sich an. Sie waren bald fertig, duschten und planschten im Swimmingpool. Anschließend bereitete der Bürgermeister die Verpflegung für die Reise vor. Dann war es Zeit für das Abendessen. Sie richteten gemeinsam eine kalte Platte, aßen auf der Terrasse bei zugeschobener Verglasung, räumten gemeinsam auf und machten es sich auf der Terrasse gemütlich. Sie plauderten, bis die Kühle der Nacht hereindrang. Dann legten sie sich schlafen.
      Am nächsten Morgen standen der Bürgermeister und Alfa früh auf. Sie richten sich das Frühstück, aßen geruhsam und brachten Küche und Eßzimmer wieder in Ordnung.
      Nachher fuhr der Bürgermeister das Auto vor. ,,Vorsichtshalber werden wir das Auto auf ,Reise umbauen, erklärte der Bürgermeister. Sie nahmen die hinteren Sitzreihen heraus und brachten die Camping-Einrichtung an. Schlußendlich luden sie die Reiseverpflegung ein. Der Bürgermeister vergewisserte sich nochmals, ob alles in Ordnung war. Dann starteten sie los. Sie fuhren gemächlich durch eine gebirgige Gegend. Sie rasteten an einem See, richteten sich ein Mittagessen, aßen geruhsam, hielten ein Mittagsschläfchen und badeten danach im See. Dann fuhren sie weiter. Gegen abend sagte der Bürgermeister: ,,Wir können zu einem ,Bahnhofshotel fahren oder in den ,Naturstreifen entlang des Flusses und im Auto übernachten. Was ist Ihnen lieber? ,,Ich bin für ,im Auto übernachten, weil ich das noch nicht kenne, antwortete Alfa. ,,Gut, sagte der Bürgermeister und bog bei der nächsten Abzweigung ein. Er stellte das Auto unmittelbar am Fluß ab. Sie machten sich ein Lagerfeuer, aßen zu abend, genossen noch eine Weile die einfallende Nacht. Als das Feuer nur noch schwach glühte, löschten sie es ganz. Dann zogen sie sich ins Auto zurück und legten sich schlafen.
      Sie ließen sich von der Sonne wecken, machten sich am Fluß frisch, frühstückten und brachten den Platz wieder in seinen früheren Zustand. Dann nahm der Bürgermeister über das kleine TKS im Auto Verbindung mit dem Baustellenleiter auf und vereinbarte die Vorgangsweise. Daraufhin fuhren sie wieder los. Nach einer Weile kamen sie in ein enges Seitental.
      Ziemlich am Talende konnte Alfa eine hohe Mauer sehen. Auf ihr standen und bewegten sich gelbe Punkte. Als sie näher waren, erkannte Alfa, daß es Maschinen und Leute waren - und daß mit der Mauer irgend etwas nicht stimmte. Sie parkten auf einem Platz vor einer Barackensiedlung. Der Bürgermeister verständigte über das Auto-TKS den Baustellenleiter. Es dauerte nicht lange, da kam ein kleiner Lastkraftwagen und blieb neben dem Auto des Bürgermeisters stehen. Ein Mann sprang heraus. Sie stellten sich vor. Auf Geheiß des Bauleiters stiegen sie in den Lastkraftwagen. Der Bauleiter fuhr an der Barackensiedlung vorbei, eine steile kurvenreiche Straße hoch und stellte den Lastkraftwagen in eine Ausweiche, von wo man die ganze Baustelle überblickte. Dann beschrieb er die Lage:
       ,,Die Staumauer wurde vor der ,großen Umgestaltung gebaut, also in einer Zeit, in der Geld alles entschied. Im Streben nach Wirtschaftlichkeit wurden in der Planung und in der Bauausführung am falschen Platz gespart, jedenfalls war die Mauer undicht und blieb das auch, trotz mehrerer Dichtungsversuche. Damals konnte sich niemand entschließen, viel Geld auszugeben, um die Mauer abzutragen und wieder neu aufzubauen. So blieb sie, bis sie uns auf die Nerven ging. Für uns, eine geldlose Gesellschaft, war es leichter. Wir sehen im Abbruch der fragwürdigen alten Mauer und im Neubau ein ,Abenteuer für ganze Männer. Es fanden sich darum genug Männer, die bereit waren, ihre Arbeitskraft in den Dienst dieses Projektes zu stellen. Dem Projekt stimmten aber auch genug Frauen zu. Sie leisten auch ihren Anteil: Sie bestellen die Gärten und hegen die Tiere der Männer im Einsatz, - meistens sind es die Lebensgefährtinnen der Männer -, und beschaffen die Verpflegung für die Männer auf dem Bau. Wir halten diese Arbeitsteilung für natürlich und sinnvoll.
      Der Bauleiter hielt kurz inne, wies in die Tiefe und erklärte:
       ,,Die Baracken bestehen aus Fertigteilen, sie gehören den verschiedenen überregionalen Bauhöfen. Die Baumaschinen und Lastkraftwagen kommen von den Bauhöfen der Ortschaften, Sondermaschinen und Sondergeräte von überregionalen Bauhöfen; bedient werden sie von Leuten aus den betreffenden Ortschaften, das gewährleistet die richtige Instandsetzung nach dem Einsatz.
      Der Bauleiter schwieg. Alfa sah in die Runde.
      Ihm fiel auf, daß ein Teil der Leute arbeitete und ein Teil in der Nähe der Baustelle saßen, lagen, allein oder in Gruppen.
      Alfa wandte sich an den Bauleiter: ,,Deute ich das richtig, daß ein Teil der Leute sich ausruht? ,,Sie deuten das richtig, antwortete der Bauleiter.
       ,,Es arbeiten hier zwei Schichten, die sich ungefähr stündlich abwechseln, sodaß jeder nach einer Stunde Arbeit wieder eine Stunde Ruhe hat. Diese Einteilung deshalb, weil der Mensch nur etwa eine Stunde konzentriert arbeiten kann, weil bei längerer durchgehender Arbeitszeit infolge von Konzentrationsschwächen die Wahrscheinlichkeit von Unfällen steigt, weil auch das Abenteuer Pause machen muß und weil wir nicht ,roboten wollen wie eine Maschine. Deshalb arbeitet jeder nur vierzehn Tage, dann wird er abgelöst, wobei die Ablöse so gestaffelt ist, daß immer ,alte Hasen und ,Neulinge auf der Baustelle zusammenarbeiten. Das hat sich hier so ergeben, weil sich so viele zur Arbeit gemeldet haben. Sonst halten wir uns an einen Vierzehn-Tage-Rhythmus, nämlich vierzehn Tage Arbeit und vierzehn Tage zu Hause. Aber das kommt nur selten vor, weil sich normalerweise viel mehr Leute zur Arbeit bereitstellen als gebraucht werden.
      Der Bauleiter schwieg kurz, dann schlug er vor: ,,Fahren wir wieder hinunter. Ich zeige Ihnen die Unterkünfte und dann gehen wir essen, Einverstanden? ,,Ja, danke, sagten der Bürgermeister und Alfa. Sie stiegen ein und fuhren hinunter. Alfa sah ins Tal hinab und bemerkte einen Autobus gefolgt von einem Lastkraftwagen, die sich vom Talausgang der Barackensiedlung näherten. Unten parkte der Baustellenleiter vor der Baracke der Bauleitung.
      Der Bauleiter führte Alfa, - der Bürgermeister blieb heraußen, weil er Baubaracken von eigenen Einsätzen her schon kannte -, in eine Bauunterkunft. Sie war eingerichtet für sieben Leute: ein kleiner Aufenthaltsraum mit Sitzecke und Kochnische; ein Schlafabteil mit Stockbetten, jeder Schlafplatz mit eigener Belüftung; ein Sanitärteil mit zwei Waschbecken, Dusche und WC. Weil kein Bewohner da war, zeigte der Bauleiter alles nur übersichtsweise.
      Dann gingen sie hinüber in die Baracke der Bauleitung. Diese war für drei Leute eingerichtet, ähnlich wie die Mannschaftsunterkünfte, zusätzlich noch ein Büro mit drei Schreibtischen, Aktenschrank und TKS. Der Bauleiter bot seinen Gästen einen Platz an und bewirtete sie mit Süßmost. Sie plauderten, bis es Zeit war, essen zu gehen.
      Die Kantine lag in der Mitte der Bausiedlung. Im Speisesaal setzten sie sich an einen freien Tisch. Auf dem Tisch standen zwei große Flaschen, auf einem Tablett umgedrehte Gläser und in einem Körbchen verschiedenes Brot. ,,Bis mensch uns das Essen bringt, können wir etwas trinken, sagte der Bauleiter, drehte drei Gläser um, füllte sie aus einer Flasche und stellte jedem eines hin.
      Alfa sah sich unauffällig um. Es war alles sauber. Die Männer an den Tischen hatten saubere Gesichter, Hände, Kleidung und Schuhe. Frauen, vorwiegend junge, brachten das Essen an die Tische, immer mit einem freundlichen Lächeln, ab und zu mit einem Scherz oder einer kleinen Neckerei. Der Bauleiter wandte sich an Alfa: ,,Das sind junge Frauen aus der Umgebung, die bei der Verpflegung unserer ,Helden mithelfen und so ihren Beitrag zur Gemeinschaft leisten. Da sich genug gemeldet haben, kommt jede nur einmal im Monat herauf. Das ganze ist also auch für die jungen Frauen keine Arbeit, sondern ebenfalls ein Abenteuer. Denn selbstverständlich ergeben sich manchmal Liebesbeziehungen. Das ist auch durchaus erwünscht, weil dadurch das Erbgut wieder aufgefrischt wird. In den Bergtälern ... Der Bauleiter wurde unterbrochen, weil drei Frauen ihnen die Suppe, eine Bouillon mit Ei, brachten, Jeder nahm seinen Teller mit Dank entgegen. Sie löffelten ihre Suppe. Als sie fertig waren, brachten drei Frauen die Hauptspeise, Tafelspitz mit Apfelkren und gerösteten Kartoffeln, und nahmen die Suppenteller gleich mit. Als Nachtisch bekamen sie Birnenkompott. Als sie fertig waren, brachten sie die Kompottschalen zu einer Durchreiche in die Küche und verließen dann den Speisesaal.
      Draußen bedankten sich der Bürgermeister und Alfa. Sie verabschiedeten sich und gingen hinunter zum Auto.
      Im Auto meinte der Bürgermeister, daß er lieber mit der Bahn zurückfahren würde. Über das TKS des Autos nahm er Verbindung mit dem Bahncomputer auf und fragte nach einem Pkw-Platz. Es war erst morgen einer frei, und auch da nicht ganz bis Neuheim. Nach einer kurzen Rücksprache mit Alfa buchte der Bürgermeister diesen Pkw-Platz. Dann fuhren sie in den Naturstreifen am Fluß und verbrachten einen geruhsamen Tag.
      Am nächsten Morgen begaben sie sich zum Bahnhof.


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