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19: Verkehr, Handel, Industrie
Sie bogen in eine Nebenfahrbahn ein, von der mensch in numerierte Parkplätze einfahren konnte. Sie parkten ein auf Platz 7, den ihnen der Bahncomputer gestern beim Buchen zugewiesen hatte. Der Zug kam pünktlich. Alfa registrierte gewohnheitsmäßig seine Zusammensetzung: Lok, sechs Personenwaggons, zwei Gepäck- und Postwaggons, neun Pkw-Waggons mit Platz für zwei Pkw hintereinander und am vorderen und hinteren Ende jeweils ein Personenabteil.
Der Zug hielt so, daß die Personenwaggons im, die Gepäckwaggons genau vor dem Bahnhofsgebäude und die Pkw-Waggons entlang der Warteplätze zum Stehen kamen. Vor ihrem Warteplatz blieb ein Waggon mit einer leeren Plattform stehen. Der Bürgermeister drückte auf einen Knopf am TKS. Die Plattform drehte aus; sie glitt dabei auf Rollen etwa 20 cm über dem Boden. Bei etwa 45 Grad blieb die Plattform stehen, das letzte Ende knickte auf den Boden, sodaß eine Auffahrtsrampe entstand. Der Bürgermeister fuhr auf die Plattform auf. Als er richtig stand, drückte er auf einen Knopf am TKS. Die Plattform drehte daraufhin zurück, verriegelte mit einem deutlich hörbaren Klicken und fixierte das Auto längs durch Hochknicken und Verschieben der Plattformenden.
Sie stiegen aus und gingen nach vor in das Personenabteil. Dort saßen bereits ein Mann und eine Frau, offenbar die Insassen des zweiten Autos auf dem Waggon. Der Bürgermeister fragte, ob Platz sei. Die beiden bejahten. Also setzten sich der Bürgermeister und Alfa dazu und machten es sich bequem.
Alfa entschuldigte sich und ging nochmals auf die Plattform hinaus, um dem Treiben auf dem Bahnhof zuzuschauen. Bei dem einen Gepäckswaggon stand ein Fahrzeug, von dem aus Säcke und Pakete in den Waggon geladen wurden, von jungen Leuten. In den anderen Gepäckswaggon hievten junge Leute ihre bepackten Fahrräder. Dann gingen sie nach vor und stiegen in die Personenwaggons. Als das Paketfahrzeug vom Gepäckwaggon wegfuhr, fiel Alfa auf, daß an dieser Stelle der Bahnsteig sich auf das Gleisniveau senkte. Das Treiben um den Zug verebbte. Nach einer Weile kündigte eine Stimme die Abfahrt des Zuges an und der Zug setzte sich in Bewegung. Vom fahrenden Zug aus sah Alfa, daß auf dem linken Bahnsteig Autos warteten und im Vorbeifahren sah er, daß diese nur auf der tieferliegenden Stelle des Bahnsteigs das Gleis überqueren und somit den Bahnhof verlassen konnten. Alfa ging wieder ins Abteil und setzte sich auf seinen Platz.
Der Bürgermeister und die zwei Mitreisenden sprachen miteinander, - über die Vorteile des Auto-Bahn-Reisens und einschlägige Erlebnisse. Alfa schaute zum Fenster hinaus. Die Straße lief neben der Bahn, lediglich durch einen abgeernteten Streifen von Ölpflanzen getrennt. Die Straße war belebt: kleine Flitzer, Großraumautos, einige Busse, wenige Lastwagen. Das Gespräch war ausgelaufen. Der Bürgermeister sah zum Fenster hinaus auf die Autos. Nach einer Weile Schweigen wandte er sich an Alfa:
,,Das ist vorwiegend Ausflugsverkehr. Die Leute fahren zu entfernteren Bekannten oder an schöne Plätzchen am Fluß oder an die Seen in der Umgebung. Oder weiter weg mit den Bussen, dann haben sie gleich die Verpflegung mit.
Als sie an einem Lastwagen vorbeizogen, setzte der Bürgermeister fort:
,,Wir halten den Lastenverkehr auf der Straße so gering wie möglich. Unser Lebensstil begünstigt das auch: Jeder schafft sich seine Lebensmittel auf ,seinem Grundstück; wir haben unsere Industrie auf jene Erzeugnisse beschränkt die unsere Lebensqualität echt erhöhen; unsere Industrieerzeugnisse haben eine lange Lebensdauer; beim Recycling verwenden wir die brauchbaren Teile der alten Dinge; unsere Fabriken sind so verteilt und verkoppelt, daß unter anderem auch wenig Transporte auf die Straße kommen.
Der Bürgermeister schwieg. Alfa überlegte und meinte dann:
,,In Eurem System paßt alles ganz gut zusammen. Auf ,seinem Grundstück schafft sich jeder selbst seine Lebensmittel und jeder hat auch alles, was das Leben angenehm macht. Die Mittel dazu oder die Sachen selbst liefert eine intelligent vernetzte, vollautomatische Industrie, die lediglich von Systemerhaltern und ,Maturareisenden instand- und am laufen gehalten wird. Die Industrie ist nicht Broterwerb für die Mehrzahl der Menschen, wie in meiner Stammheimat, sondern sie dient ausschließlich dazu, die gehobeneren materiellen Bedürfnisse zu decken. Somit unterliegt die Industrie nicht mehr dem Zwang, erzeugen zu müssen, damit die Leute Arbeit und damit Brot haben. Daher kann die Industrie nunmehr Erzeugnisse bester Qualität und langer Lebensdauer liefern, denn wenn kein Bedarf ist, kann die Erzeugung kurzerhand ausgesetzt werden. Das ganze System kommt auch mit wenig Lastverkehr aus. Es gibt übrigens auch keinen morgendlichen und abendlichen Berufsverkehr mit Stau und Streß, wie ich es aus Filmen von meiner Stammheimat kenne.
,,Entschuldigung, daß ich mich einmische. Aber mir scheint, mensch hat Ihnen etwas Wesentliches in unserem System noch nicht gesagt, wandte sich die Frau an Alfa.
,,In unserem System gibt es kein Geld. Geld war früher ein übergeordnetes Tauschmittel, das heißt, alles konnte mensch in beziehungsweise für Geld eintauschen. Geld erleichterte den Handel und ermöglichte den Fachmann, der sich ausschließlich einem Fachgebiet widmen konnte. Dadurch entwickelte sich die Menschheit rasch. Zu rasch und teilweise in die falsche Richtung, denn die Fachleute wurden oft zu Fachidioten und die Menschen allesamt zu Sklaven des Geldes, - sogar damals klar ausgedrückt in dem Spruch: ,Geld regiert die Welt!.
Die Richtschnur für jede Entscheidung wurde die ,Wirtschaftlichkeit, also eingesetztes Geld und in absehbarer Zeit herausfließendes Geld. Damit wurden Entscheidungen sehr kurzsichtig, denn welchen Menschen interessiert ein Gewinn in hundert Jahren. Und Gewinn hieß das Zauberwort. Viel Geld ermöglichte ein Leben in Luxus: Villa mit Swimmingpool, Diener, hervorstechende Autos, Segeljacht, Ansehen, Macht, Sex.
Die Jagd nach Luxus wurde immer verrückter und dabei wurde die Natur immer verantwortungsloser ausgebeutet und belastet. Große Teile der Menschheit wichen vom Schöpfungsplan ab, zumindest schien es so; jedenfalls zeigte die Natur viele Anzeichen von Überlastung: Gifte in der Luft, saurer Regen, vergiftetes Trinkwasser, vergiftete Nahrungsmittel, Unfruchtbarwerden des Bodens, Vergiftung der Meere; und auch viele Menschen fühlten sich unbehaglich, überlastet, nicht voll gesund und bekamen ,Zivilisationskrankheiten.
,,Das kenne ich aus Filmen von meiner Stammheimat, unterbrach Alfa, ,,nur, die Bewohner meines Stammplaneten hatten nicht genug Vernunft und sind kläglich untergegangen. Ich frage mich, wie die Menschheit auf der Erde es geschafft hat?
,,Im einzelnen weiß ich das nicht, ich habe den Umbruch nicht miterlebt, nahm die Frau wieder das Wort, ,,Zweifellos hat die Abschaffung des Geldes mitgeholfen, die Menschheit wieder zu sich selbst zurückzuführen. Natürlich ergibt sich dadurch ein bestimmter Lebensstil. So haben wir fast keinen Handel mehr. Wir holen nicht mehr Nahrungs- und Genußmittel von weit her, sondern ernähren uns ausschließlich von den Pflanzen und Tieren der Umgebung. Wir meinen, daß die Pflanzen und Tiere der Umgebung genau die richtige Zusammensetzung an Mineralstoffen und Vitaminen für das Klima dieser Gegend haben und somit auch für den Menschen dieser Gegend am bekömmlichsten sind, - schließlich sind sie ja eine Schicksalsgemeinschaft im Klima. Gegenden, in denen eine ausgewogene Ernährung nicht möglich ist, besiedeln wir nicht, sondern überlassen sie der freien Natur.
Nach einer einige Augenschläge langen Nachdenkpause fügte sie hinzu:
,,Ich vermisse deshalb nichts. Durch meine Reisen habe ich viele Freunde in fernen Ländern. Wir schicken uns ab und zu gegenseitig Leckerbissen unserer Gegenden. Aber ehrlich gesagt, was ich dort im Lande köstlich fand, schmeckt mir hier nur ausgefallen.
Die Frau schwieg.
,,Wir brauchen auch sonst keinen Handel, nahm der Mann das Wort. ,,Rohstoffe gehören, - unserem Weltverständnis nach -, allen Menschen aller Generationen, also verteilen wir sie gerecht auf alle Gebiete der Erde. In den Bergwerken arbeiten ja auch Jugendliche aller Gebiete der Erde, eben im Zuge ihrer Maturareise. Unter Tage in den Schächten buddeln Roboter; über Tage sitzen die Jugendlichen an Bildschirmen und steuern die Roboter. Dieses ,Videospiel ist bei den jungen Leuten sehr beliebt, es wird selbstverständlich vorher auf entsprechenden Simulatoren geübt. Die Roboter haben selbst Sicherheitseinrichtungen und es gibt auch Bergeroboter. Müssen trotzdem Menschen in die Stollen, so gibt es dafür Einsatztruppen, die aus ,Männern so um die sechzig bestehen. Wir setzen unsere Jugend keiner Gefahr aus, für solche Arbeiten ,opfern sich die rüstigen Alten; diese haben die Freuden des Lebens schon ausreichend genossen und verkraften daher körperliche Beschädigungen leichter.
,,Das stimmt, fiel die Frau ein, ,,ich habe als junges Mädchen einen solchen Mann, der bei einem Grubeneinsatz das Augenlicht verloren hatte, gepflegt, bis sich eine altersmäßig passende Frau gefunden hatte. Der Mann wurde im Dienst für die Gemeinschaft versehrt, hatte daher ein Anrecht auf Pflege und ich meldete mich im Zuge meiner ,Maturareise zu diesem Dienst. Es wurde für mich ein beeindruckendes Erlebnis. Der Mann hatte so viel erlebt, daß er seine Augen nach innen richten konnte. Er faszinierte mich dadurch so, daß er von mir mehr Pflege bekam, als ihm von Rechts wegen zustand. Die Frau schwieg und lächelte versonnen.
Der Mann nahm wieder das Wort:
,,Unsere Industrie kommt ebenfalls ohne Handel aus. Unsere Industrieprodukte werden von anpassungsfähigen Robotern vollautomatisch gefertigt. ,Systemerhalter und ,Maturareisende halten alles am Laufen. Jeder Mensch leistet während seiner Maturareise seinen Anteil an Arbeit und erwirbt sich damit das Recht auf seinen Anteil an allen Industrieerzeugnissen.
Die Industrie deckt ausschließlich die gehobenen materiellen Bedürfnisse aller Menschen. Die erzeugte Menge wird dabei der Bevölkerungszahl angepaßt.
Da die Industrie nicht der Broterwerb für die Menschen ist, die Arbeit also nicht mit Geld abgegolten werden muß, unterliegt die Industrie nicht dem Zwang, erzeugen zu müssen. Dadurch haben wir die Freiheit gewonnen, in unserer Industrie dem Schöpferplan zu entsprechen: Verwendung bestmöglicher Materialien, nur giftfreie Herstellverfahren, kein Ausstoß von giftigen oder störenden Stoffen, nahezu verlustloses Recycling von Metallen, bestmögliche Koppelung von Prozessen, kein Abfall, keine unnütze Energieverschwendung. Deshalb werden zum Beispiel alte ausgediente Gegenstände zerlegt, die Einzelteile geprüft, noch brauchbare Teile werden übernommen, unbrauchbare Teile werden recycelt, dann wird alles wieder zusammengesetzt: somit haben wir wieder ein neuwertiges Produkt. Darum muß auch jeder den alten Gegenstand dem Recycling zuführen, bevor er einen neuen nehmen kann.
Der Mann schwieg kurz, setzte aber dann fort:
,,Die Energieträger sind elektrischer Strom, Wasserstoff mit Sauerstoff und in geringem Maße Biodiesel. Den Strom erzeugen wir in gekühlten Solarzellen auf den Hausdächern, in Wasserkraftwerken und Blockkraftwerken, selbstverständlich alles im Verbund. Mit dem überschüssigen Strom zerlegen wir Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff, mit denen wir die Verbrennungsmotoren betreiben und Wärme hoher Temperatur erzeugen. Mit Biodiesel betreiben wir die Maschinen, die bei Arbeiten mit Unfallgefahr eingesetzt werden.
Der Mann schwieg und die Frau ergänzte:
,,Wir achten bei allem auf Kreisläufe, die beliebig lange laufen können; zum Beispiel Sonnenenergie über die Solarzelle zu elektrischem Strom, damit Wasser zerlegt in Wasserstoff und Sauerstoff und schließlich nach der Verbrennung wieder Wasser, wobei die Sonnenenergie lediglich einen Umweg gemacht hat.
,,Mir scheint, Sie kennen sich gut aus, sagte Alfa. ,,Das gehört bei uns zur Allgemeinbildung. Schließlich wollen wir ungefähr wissen, wie unsere Welt läuft, erklärte die Frau.
Nach einer kurzen Pause meinte sie, daß Alfa erzählen könne, wie es im Raumschiff laufe. Daraufhin erzählte Alfa.
Gegen Mittag holten sie während eines Aufenthaltes ihre Verpflegung aus den Autos. Sie aßen geruhsam während der Fahrt, wobei sie sich gegenseitig Kostproben anboten. Anschließend säuberten sie gemeinsam das Abteil mit dem handlichen Gerät aus dem Schrank neben dem WC.
Der volle Magen, die wohlige Wärme im Abteil und das eintönige Rauschen des Fahrtwindes machten alle schläfrig. Der Mann und die Frau entschuldigten sich und zogen sich beim nächsten Aufenthalt auf ein Nickerchen in ihr Auto zurück. Der Bürgermeister und Alfa zogen sich die Sitze in die Schlafstellung aus und dösten vor sich hin. Nach einer Weile schlief Alfa wirklich ein.
Ein ,,Dong-Ding weckte ihn. Auf der Anzeigetafel sah er ,,Nr. 7, bitte fertigmachen zum Abfahren. ,,Bei der nächsten Station müssen wir runter, sagte der Bürgermeister. Sie brachten alles wieder in den ursprünglichen Zustand; der Bürgermeister überprüfte, ob alles in Ordnung sei; dann setzten sie sich wieder. Als der Zug in der Station hielt, gingen sie hinaus. Sie stiegen ins Auto, der Bürgermeister drückte auf einen Knopf am TKS, die Plattform drehte aus und sie fuhren auf den Bahnsteig hinunter und blieben dann stehen. Alfa blickte zurück und sah, daß ein Auto auf ,ihre Plattform aufgefahren war und diese dann zurückdrehte. Als der Zug den Bahnhof verlassen hatte, fuhren sie den Bahnsteig entlang, überquerten an den tieferliegenden Stellen die Geleise, verließen den Bahnhof und scherten auf die Überlandstraße ein.
Nach einer zügigen Fahrt kamen sie am späten Nachmittag in Neuheim an. Der Bürgermeister lud Alfa zum Abendessen ein. Alfa nahm dankend an. Sie richteten sich zusammen mit Brigitte ein Abendessen, räumten zusammen, setzten sich ins Wohnzimmer und plauderten. Es wurde spät und Alfa übernachtete bei seinen Gastgebern. Am nächsten Morgen, nach dem Frühstück, meinte Alfa, daß er die Gastfreundschaft nicht über Gebühr genießen möchte und wieder in Noras Haus wolle. Der Bürgermeister versicherte Alfa, daß er seine Anwesenheit als Bereicherung empfinde. Alfa dankte für das Kompliment, blieb aber bei seinem Entschluß, - gefühlsmäßig, auch wegen Karin. Er entschuldigte sich und ging in sein Zimmer. Dort zog er das Bett ab und säuberte das Zimmer peinlich genau. Dann brachte er die gebrauchte Wäsche zur Schmutzwäsche. Schließlich bedanke er sich, verabschiedete sich und schlenderte gemächlich ,nach Hause.
Nach dem Mittagessen döste er ein wenig am Swimmingpool. Dann machte er sich auf zu Karin. Aus dem Aufleuchten ihrer Augen schloß er, daß sie sich über seinen Besuch freute. Durch ihre liebreizende Art kamen sie sich bald näher. Karin war sehr sanft, zärtlich und einfühlend. So blieb Alfa die Nacht und anschließend gleich zwei Tage bei ihr.