Chronik
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Entwicklung + Funktion

Hagelschäden verursachen im süddeutschen Raum Jahr für Jahr beträchtliche volkswirtschaftliche Schäden. Diese können, wie das Beispiel der "Münchner Hagelkatastrophe" vom 12. Juli 1984 zeigt, Milliardenhöhe erreichen.


Obwohl der gesamte süddeutsche Raum von Hagelfällen in Mitleidenschaft gezogen werden kann, gibt es doch Gebiete, die sich im langjährigen Mittel als besonders gefährdet herausgestellt haben. Ein solcher Bereich zieht sich in einem etwa 40 km breiten Streifen vom Allgäu bis zum Chiemgau am Alpenrand entlang. Es ist daher nicht verwunderlich, daß insbesondere in den Landkreisen Rosenheim und Miesbach die Versuche, den Hägel abzuwehren, schon eine lange Tradition haben. Bereits in den dreißige Jahren wurden Hagelabwehrversuche mittels Raketen unternommen.

Im Jahr 1947 wurde entdeckt, daß Silberjodid (AgJ) eine dem Eis ähnliche kristalline Struktur besitzt. In Wolkenkammer - Experimenten fand man heraus, daß es als künstlicher Eiskeim schon bei Temperaturen von -3 Grad Celsius wirksam wird. Erste Tests in unterkühlten Wolken verdeutlichten die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf natürliche atmosphärische Bedingungen. In den geimpften Teilen einer Stratus - Wolkendecke entstanden "Löcher" und das Ausfallen von Schnee konnte beobachtet werden.

Im Landkreis Rosenheim wurde im Jahre 1958 aufgrund einer Initiative des damaligen Landrates, Georg Knott, ein zehnjähriger Versuch gestartet, bei dem Silberjodid mit Hilfe von Raketen sowie durch Freisetzung vom Boden aus (Bodengeneratoren) bei hagelträchtigen Wetterlagen in die Atmosphäre eingebracht wurde. Im Vergleich mit einem Zehnjahreszeitraum vor den Impfversuchen wurde als wesentlichstes Ergebnis ein Rückgang der Hagelschadenstage pro Gemeinde im Landkreis Rosenheim um 27% festgestellt. Damals wurden 72 Abschußrampen für die Hagelraketen an der westlichen Landkreisgrenze eingerichtet und 30 Bodengeneratoren, 15 Kilometer westlich der Landkreisgrenze vorgelagert, installiert. Damals waren 140 Hagelschützen, 30 Betreuer der Bodengeneratoren und 210 Wetterbeobachter eingesetzt. Die Einsätze leitete Hermann Seibold, genannt der "Hagelgeneral".

Aufgrund der positiven Ergebnisse wurde in den folgenden Jahren 1968 bis 1973 die Impfung mittels Raketen und Bodengeneratoren fortgeführt. Mit Ablauf des Jahres 1973 mußte diese Form der Wolkenimpfung aufgrund der geänderten Sprengstoffgesetze eingestellt werden.

Nachdem im Folgejahr 1974 aber Schäden in Höhe von rund 23 Millio DM durch Hagelschlag im Landkreis Rosenheim aufgetreten waren, wurde die Hagelabwehr 1975 erneut aufgenommen. Geimpft wurde nun vom Flugzeug aus, ebenfalls mit Silberjodid, weiches an der Wolkenbasis direkt in die Aufwinde von Gewittern eingebracht wird. Hermann Selbertinger, ein flugbegeisterter Bauingenieur konstruierte die Spezialgeneratoren und rüstete eine Piaggio 149, die er selbst flog, für die Einsätze aus.

Die beiden neuen, zweimotorigen Hagel Flugzeuge des Landkreises Rosenheim, die auf Initiative von Landrat Dr. Max Gimple und Dr. Alexander Euler beschafft wurden, tragen an ihren Flügelenden Spezialgeneratoren, raketenförmige Behälter, die mit einem Gemisch aus Silberjodid und Aceton gefüllt sind. Dieses Gemisch wird in eine Brennkammer gespritzt und per Knopfdruck vom Cockpit aus im Aufwindbereich der neu heranwachsenden Gewitterzellen gezündet. Aus dem Silberjodid entstehen Milliarden winzigster Eiskeime. An diesen Eiskeimen lagert sich das unterkühlte Wasser der Gewitterwolken an und es bilden sich anstelle weniger großer Hagelkörner Milliarden kleinster Körnchen, die nach dem Durchfallen der wärmeren unteren Luftschichten zu Regentropfen schmelzen oder höchstens noch einen Graupelschauer bilden.

Zur Umweltverträglichkeit der Impfaktion wurde vom Landesamt für Umweltschutz in Baden-Württemberg festgestellt, daß aufgrund der geringen Menge (ca. 8 Liter/Stunde) das verwendete Silberjodid im Niederschlag nicht nachgewiesen werden konnte.


Als im Sommer 1993 ein Bericht der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt zur Wirksamkeit der Hagelbekämpfung vorgelegt wurde, herrschte helle Aufregung. Die Wissenschaftler räumten der Hagelabwehr einen verschwindend geringen Nutzen ein. In einer Sondersitzung des Kreistages akzeptierten zwar die meisten Abgeordneten die im Zeitraum von 6 Jahren zusammengetragenen Daten, jedoch fielen bei der Befragung der Forscher vor allem zwei Punkte ins Gewicht: die kurze Laufzeit der Studie und die fehlenden Untersuchungen darüber, welche Schäden durch Hagelschlag in den letzten Jahren tatsächlich am Boden entstanden sind. Es komme doch nicht nur darauf an, wurde resümmiert, daß Hagel in der Gewitterwolke gebildet wurde, sondern ob und in welcher Größe die Hagelkörner den Boden erreichen.

In dieser Situation stellte sich in einer spontane Unterschriftenaktion die Bevölkerung hinter die Hagelabwehr, worauf sich eine deutliche Mehrheit des Rosenheimer Kreistages für eine Fortführung der Hagelbekämpfung aussprach, allerdings unter der Maßgabe, daß die Wirksamkeit der Hagelabwehr durch empirische Forschung weiter geprüft und die Hagelbekämpfung auch finanziell auf eine neue Basis gestellt wird.

Die Größe des
Einsatzgebietes
beträgt ca. 4000 km2