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Überlegungen vor einem Gespräch mit einem Kind über sexuellen Mißbrauch
Sollte eher ein Mann oder eine Frau die folgenden Gespräche mit dem Kind führen und wer sollte daran teilnehmen? Wo könnten solche Gespräche stattfinden, um dem Kind das Reden zu erleichtern? Welche Tageszeit, welche Situation erscheinen Ihnen besonders geeignet? Was sollte, was könnte mit Gesprächen erreicht werden?
Natürlich müssen alle Gespräche in einer ungestörten Atmosphäre stattfinden. Wenn möglich, sollte gerade bei den ersten Gesprächen in einer fremden Umgebung die Person mit anwesend sein, der das Kind am meisten Vertrauen entgegenbringt.
Freunde oder Schulkameraden können aber unter Umständen die Offenheit des Gespräches beeinträchtigen, wenn es um Einzelheiten geht, die das Kind dem Freund oder der Kameradin nicht zumuten will oder kann. In der Vorbereitung solcher Gespräche ist es wichtig, daß wir uns vergegenwärtigen, welche Fragen geklärt werden sollen und in welchem Zusammenhang sie miteinander stehen. Anderenfalls besteht die Gefahr, daß mechanisch etwas abgefragt wird oder oberflächliche Antworten hingenommen werden, deren möglicherweise tieferliegende Bedeutung noch gar nicht erfaßt worden ist. Für das betroffene Kind kann dadurch die Ernsthaftigkeit des Hilfsangebotes und des Interesses für seine Probleme in Zweifel geraten.
Im Gespräch selbst kommt alles darauf an, dem Kind zu signalisieren:

In den Gesprächen soll das Kind Vertrauen zu seinem Gegenüber entwickeln, damit es offen über seine Nöte reden kann. Es ist daher darauf zu achten, daß das Kind nicht übermäßig belastet wird, indem Auskünfte gefordert werden, die es noch nicht zu geben bereit ist.
Es ist notwendig herauszufinden, was das Kind möchte. Kinder wollen zumeist, daß der Mißbrauch aufhört, aber sie wollen nicht ihre Eltern oder den Freund verlieren. Es muß genau überlegt werden, wie das Gespräch begonnen und wie es beendet werden kann. Manchmal ist es einem Kind wichtig, seinen Mantel oder seine Jacke nicht auszuziehen, um sein Inneres 'geschützt' zu halten: es sollte auch in dieser Hinsicht nicht zu 'Offenheit' überredet oder gezwungen werden. Vertraulichkeit oder gar Anonymität müssen zugesichert und eventuell wiederholt bestätigt werden. Nach unseren Erfahrungen ist es günstig, die Angebote des Kindes im Gespräch aufzugreifen und weiterzuführen; seine Worte und Begriffe zu benutzen und möglichst in seiner Sprache zu reden, ohne es natürlich 'nachzuäffen'; immer wieder zusammenzufassen, was es gesagt hat und darüber sicherzustellen, daß man es richtig verstanden hat; eventuell Teile des Gespräches zu wiederholen, anstatt immer nur Fragen zu stellen, damit kein 'Verhör' entsteht; Fragen zu vermeiden, die auf eine Mitschuld der SchülerIn hindeuten könnten ("Warum?" "Weshalb?" "Wieso?" "Wie konntest Du?"); keine wertenden Kommentare oder Interpretationen abzugeben; auf nonverbale Signale und die Körpersprache des Kindes zu achten; möglichst nicht zu zeigen, wenn man durch die Mitteilungen des Kindes schockiert, angeekelt oder entrüstet ist - über das Kind, die Eltern oder andere Beteiligte, oder die ganze Situation.
Bei jüngeren Kinder kann es hilfreich sein, das, was man schon von dem Kind weiß, als die Geschichte eines anderen Kindes zu erzählen ("Ich kannte mal ein Kind, das ..."). Wenn das Kind dann für sich diese Geschichte zurückweist, kann man ihm folgen, indem man seine Antwort weiterführt ("Ja, das hat dieses Kind auch immer gesagt ..."). Wenn der Widerstand und die Angst zu groß sind, kann auch das ganze Gespräch in der dritten Person' stattfinden ("Kanntest Du auch mal so ein Kind? Was hat es Dir erzählt?").
Wenn möglich, werden Auswege und Lösungen skizziert und zusammen mit dem Kind überlegt, welche Maßnahmen ergriffen werden könnten und was jeder einzelne Schritt an weiteren Konsequenzen nach sich ziehen könnte. Dabei ist es unbedingt erforderlich, keine Versprechungen abzugeben, vor allem nicht für Dritte!
Im Anschluß an ein solches Gespräch muß genügend Zeit für eine gründliche Nachbereitung zur Verfügung stehen, in der die Informationen vom Kind, die Gefühle, die bei allen Beteiligten entstanden sind, und die neuen Fragen, die sich stellen, reflektiert werden können, denn: Der Umgang mit sexuellem Mißbrauch ist belastend, da sehr tiefe, sehr intensive, sehr geheime und auch sehr beängstigende Gefühle angesprochen werden können. Dies gilt auch für die professionellen Helfer, die sich beruflich mit diesem Problem auseinandersetzen. Falls Sie, mit dieser Problematik konfrontiert, von ähnlichen Gefühlen überrollt werden, sollten Sie daher nicht erschrecken, sondern sich ebenfalls geeignete Hilfe suchen.