Das Unbegreifliche greifbar zu machen wird nie möglich sein. Die Ereignisse des 9.November, an die wir erinnern, markieren einen entscheidenden Punkt bei der systematischen Entrechtung und Ermordung von 6 Millionen Juden und Jüdinnen. Die Namen der deutschen Vernichtungslager in Sobibor, Treblinka, Riga, Majdanek, Auschwitz-Birkenau und Auschwitz sind in die Geschichte eingegangen. Einer Geschichte, die nicht allein dazu mahnt, den letzten überlebenden Opfern und ihren Nachkommen die höchste Form des menschenmöglichen Respekts entgegenzubringen. Sondern sie fordert auch dazu auf, sich mit den Ursachen des antisemitischen Wahns, wie er uns in deutscher Fratze geschichtlich einmalig entgegenblickt, auseinander zu setzen. Nur so kann das Unbegreifliche in fassbare Nähe rücken, auf dass es sich nicht in dieser und in keiner abgewandelten Form wiederhole.
Der christlich motivierte Antijudaismus reicht bis ins Mittelalter zurück. Er reicht in die Zeit der Kreuzzüge, in der Juden für die Pest oder für das Verschwinden von Säuglingen unter dem Vorwurf des „Ritualmordes“ vertrieben und ermordet wurden. Gott werde, so das biblische Heilsversprechen, die Christen von der jüdischen Verschwörung befreien. Mit zunehmender Säkularisierung verliert das göttliche Versprechen an Kraft, während die Angst vor „jüdischen Umtrieben“ nicht schwächer wird: Der christliche Mensch, so die Vorstellung, müsste sich der „jüdischen Macht“ nun selbst erwehren. Die als äußere, undurchsichtige Mächte wahrgenommenen Spannungen innerhalb der Gesellschaft, die auf jeden einzelnen wirken, wachsen gleichzeitig mit zunehmender Industrialisierung: Innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise und des bürgerlichen Rechtsstaates gibt es im Unterschied zur feudalen Herrschaft im Mittelalter keine direkten Verantwortlichen für das eigene Glück oder Unglück. Dass eine jede Person nach den gleichen abstrakten Gesetzen des Marktes handeln muss, bleibt aber all jenen verborgen, die nach einfachen Erklärungen für den Zustand der Welt suchen. Jene Gesetze des Marktes zeigen in der Weltwirtschaftskrise von 1929 in der Moderne in Deutschland ihr destruktives Potential.
Der Antisemitismus, wie er sich seit Beginn der 30er Jahre des 20ten Jahrhunderts in Deutschland als eliminatorisch herauszukristallisieren begann, drängte zur vollständigen Vernichtung des Judentums. Auch jüdische Kinder mussten in diesem Wahn ermordet werden, damit alles ausgerottet werde, was die Deutschen auf jene, die sie nach den Nürnberger Rassegesetzen als Juden eingeordnet hatten, projizierten. Spätestens hier zeigt sich der Übergang von einer religiös motivierten zu einer biologisch-rassistischen Wahnidee. Die Juden und Jüdinnen stellten in dieser Vorstellung „die zersetzende Kraft im deutschen Volkskörper“ dar und damit gleichzeitig den Gegensatz zu dem, was als deutsch galt. Dies ist ein spezifisch deutscher Volksbegriffs, der sich schon immer über das Blutsrecht konstituierte.
Juden wurden für die destruktiven Auswirkungen im Kapitalismus verantwortlich gemacht, indem sie – so hieß es – all jenes gierig raffend verschlängen, was der ehrliche deutsche Arbeiter produziert hätte. Gleichzeitig haftete ihnen der Vorwurf des „bolschewistischen Juden“ an. So unterschiedlich die Vorwürfe des „geldgierigen Finanzbosses“ und des „feigen Sozialisten“ auch sind, so sehr zeigt sich die verbindende Klammer: Historische Dynamiken, die der direkten Wahrnehmung verborgen bleiben und eine Bedrohung für den vermeintlichen „Volkskörper“ entwickeln, werden auf das Judentum projiziert. Dieser vermeintlichen „Macht“ der Juden galt es per totaler Vernichtung beizukommen. Dieses Motiv und die industrielle Perfektion, in der das Vorhaben durchgeführt wurde, ist in der Geschichte einmalig. In anderen Verbrechen wie dem Genozid in Ruanda oder dem Völkermord an den Armeniern zeigt sich ein Grauen, das kaum vom menschlichen Geiste zu fassen ist. Doch sucht der von den Deutschen ersehnte, sorgfältig geplante und schließlich industriell vollzogene Genozid in der Geschichte vergeblich nach Vergleichen.
In den sechzig Jahren seit der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager durch die Alliierten durchliefen antisemitische Denkstrukturen Modernisierungen, die den neuen politischen Konstellationen geschuldet sind. Während Konrad Adenauer noch ungehindert von der großen Macht der Juden schwadronieren konnte, stießen die antisemitischen Äußerungen des CDU Abgeordneten Martin Hohmann, die in eine ähnliche Richtung gingen, auf breiten Widerstand in der etablierten Parteienlandschaft. Man hatte gelernt, dass offener Antisemitismus nicht zum guten Ton gehörte. Im weit verbreiteten Glauben an eine „jüdisch-zionistische Lobby“ in den USA zeigt sich jedoch eine Modernisierung dieses Gedankens. Zum einen wären die „Finanzmärkte an der Ostküste“ und mit ihnen der „entfesselte angloamerikanische Kapitalismus“ verantwortlich für die ökonomischen Krisen unserer Zeit. Zum anderen würde die USA in ihrer Nahostpolitik von eben jener „jüdisch-zionistischen Lobby“ gelenkt werden.
In der Auseinandersetzung um den Nahostkonflikt zeigen sich immer wieder antisemitische Argumentationen, die sich mehr schlecht als recht in ein Gewand legitimer Kritik am konkreten Handeln Israels kleiden. Nicht nur, dass an Israel Maßstäbe wie an keinen anderen Staat gesetzt werden. In der gängigen Berichterstattung wird Israel permanent eine „rassistische“ und „völkerrechtswidrige Politik“ gegenüber den Palästinensern vorgeworfen, während islamistische Terrorgruppen wie die Hamas oder der Islamische Djihad nahezu durchweg beschönigend als militante Palästinenser bezeichnet werden. Dabei wird allzu oft übersehen, dass der demokratische Staat Israel von ihm feindlich gesinnten, reaktionären arabischen Regimes umgeben ist. Hannah Arendt brachte diesen Sachverhalt schon kurz nach Ende des Krieges auf den Punkt als sie Israel als „Jude unter den Staaten“ bezeichnete.
Israel wird in antizionistischer Manier der Vorwurf gemacht, ein gänzlich unnatürliches Gebilde zu sein. Dies verkennt, dass zum einen keinem einzigen Staat eine wie auch immer geartete Natürlichkeit zukommt. Zum anderen verleugnet dies die besondere Notwendigkeit eines jüdischen Staates, um Jüdinnen und Juden vor Entrechtung, Verfolgung und Ermordung zu schützen. Ist Israel erst mal als unnatürlich benannt und die Wahrung seiner existentiellen Interessen als menschenrechtswidrig diffamiert, kann das wohlwollende Verständnis, das Selbstmord-attentätern entgegengebracht wird, nicht weiter verwundern. Aber gerade im Selbstmordattentat zeigt sich das Ziel nur allzu deutlich, möglichst viele Juden und Jüdinnen sei es in vollbesetzten Bussen oder in viel besuchten Cafés, in den Tod zu reißen. Dass islamistische Organisationen wie die Hamas so keineswegs für die Wahrung der Menschenrechte auf palästinensischer Seite kämpfen, sondern für einen Gottesstaat, in dem alle Juden vernichtet sind, sowie die Sharia als Rechtssystem gilt, auf deren Grundlage alle Frauen entrechtet würden und homosexuelles Begehren unter Todesstrafe stände, spielt scheinbar weder für das Gros der Öffentlichkeit noch für die EU, die Beziehungen zur Hamas unterhält, eine gewichtige Rolle. Und wenn das Erstarken dieser Kräfte dann doch mal beklagt wird, ist der dafür allein Schuldige meist in Israel schnell ausgemacht.
In diesen Kontext gilt es auch die Aufforderung des iranischen Regimes, Israel von der Landkarte zu tilgen, zu verstehen. Sie lässt sich als nichts anderes als ein Aufruf zur antisemitischen „Endlösung“ interpretieren. Schaut man sich die Pläne der iranischen Atombombe an, ist zweifellos zu erkennen, wie ernst zu nehmen diese Bedrohung ist.
In Deutschland, dem Land, das sich zu keinem Zeitpunkt mit der eigenen Täterschaft in wirklich angemessener Weise auseinandergesetzt und daraus entsprechende Konsequenzen gezogen hat, zeigt sich eine neue Form des Antisemitismus, der nun Juden und Jüdinnen zu „Nutznießern der Shoa“ stilisiert. Martin Walser sprach in diesem Kontext von der „Auschwitz-Keule“. Die Täterschaft der deutschen Volksgemeinschaft hinge wie ein Damoklesschwert über dem Versuch, eine positive deutsche Nationalidentität zu konstruieren, so die These. Erstaunlicherweise ist es nun gelungen, das einmalige Menschheitsverbrechen in eine positive deutsche Identität zu integrieren. Nicht zuletzt passierte dies über eine öffentlichkeitswirksame Zementierung der deutschen Vergangen-heitsbewältigung in Form des Holocaust-Mahnmals in Berlin und einer Abspeisung ehemaliger NS-ZwangsarbeiterInnen mit Beträgen, welche als „Brosamen vom Herrentisch“ nicht weniger als eine letzte Beleidigung für die wenigen noch lebenden Zwangsarbeit darstellen.
Ein Teil der deutschen Vergangenheitsbewältigung lag seit jeher darin, die Deutschen in eine Reihe mit den Opfern der von ihnen angezettelten Vernichtung zu stellen. So werden die Bombardierungen deutscher Städte – insbesondere Dresdens – gleichwertig mit Coventry und Guernica als gleichsame „Opfer des Krieges“ aufgeführt. Hierbei könnte man sich die Frage stellen um Konkret-Herausgeber Hermann Gremliza zu zitieren: „Waren die Bewohner Coventrys und Guernicas Mitglieder und Wähler einer Partei, die sich die Vernichtung der Juden, der Kommunisten, der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Behinderten auf die Fahne geschrieben hat? Haben auch sie sich an dem Vermögen der vor ihren Augen abgeholten Nachbarn bereichert, dem obersten Mörder zwölf Jahre lang ‚Wir wollen unseren Führer sehen’ zugerufen und auf die Frage, ob sie den totalen Krieg wollten ‚Ja!’ Gebrüllt? Gar auf die Nachfrage ‚Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?’ noch lauter gerufen? Wurden sie deshalb Opfer ein und desselben Täters – nämlich – ‚der Unmenschlichkeit des Krieges’?“ (Konkret, März 2005). Obwohl sie sich von selbst beantworten, werden solche Fragen stets umgangen. Viel leichter scheint es dann auf den Konsens des allgemeinen Leids zu kommen, das sowohl die Deutschen, als auch ihre Opfer einschließt. Bestes Beispiel hierfür ist der alljährlich auch in Lippstadt zelebrierte sogenannte „Volkstrauertag“, der seit Jahren von der Stadt gepflegt wird. Und auch weitere Beispiele lassen sich zahlreich finden. Der Volksbund deutscher Kriegsgräberfürsorge will etwa mit einer breit angelegten Gedenksteinaktion den deutschen Soldaten huldigen, die im Vernichtungskrieg vor den Toren von Stalingrad gefallen sind. In zahlreiche große Granitsteine sollen die Namen von 100.000 in Stalingrad gefallenen Wehr-machtssoldaten eingraviert werden. Muss Landrat Riebniger, der diese unselige Aktion bereitwillig unterstützt, noch ernsthaft darauf hingewiesen werden, dass es ohne den Vernichtungskrieg der deutschen Wehrmacht keinen Holocaust gegeben hätte?
Gerade in der Gegenwart, in der antisemitische Denkstrukturen wieder verstärkte Konjunktur haben, muss der 9. November uns auch Mahnung sein, jeder Form des Antisemitismus entschieden entgegenzuwirken.
Junge Linke Lippstadt, November 2005