Die Geschichte vom Grünschuh
Es war einmal ein großer schwarzer Schuh.
Er hatte noch einen Zwillingsbruder und beide gehörten sie einem Bergmann.
Sie schützten seine Füße bei Wind und Wetter und sorgten dafür das sie warm und trocken blieben, denn warme und trockene Füße sind etwas sehr angenehmes, oder?
Sie stapften mit ihm durch knöcheltiefen Schlamm, Pfützen und Wassergräben, bestiegen mit ihm die Bagger, trugen ihn über weite staubige Flächen und kletterten mit ihm die Tagebauböschungen hinauf und hinab.
Der Bergmann mochte deshalb die Beiden und putzte sie regelmäßig mit Lederfett. So blieben sie weich und geschmeidig, ließen kein Wasser durch und verwöhnten die Füße.
Es war als kuschelten sie miteinander, die Füße und die Schuhe.
Doch eines Tages verlor der Bergmann seine Arbeit. Der Tagebau in dem er geholfen hatte Braunkohle zu fördern, wurde dicht gemacht.
Auf seiner letzten Heimfahrt schmiss er deshalb vor lauter Kummer und Wut die beiden Schuhe in den Straßengraben, nahe der alten Pappeln die dicht am Tagebaurand vor sich hin wuchsen.
Einer flog in ein Loch und war verschwunden für immer. Der andere fiel weich ins Laub. Dort lag er im Schatten eines umgestürzten Baumes und war unendlich traurig.
Nach einer Weile schlief er ein und träumte so tief und fest, dass er gar nicht merkte wie ihm allmählich ein dicker, weicher, schöner Pelz aus Moos wuchs.

5 Jahre vergingen, dann habe ich ihn gefunden.
Ich saß im Auto: Sommerhitze, Staub, nachmittags. Hauptverkehrszeit. Rot an der Ampel. Zäh fließender Verkehr. Um so schäumender die Gedanken. Wut!
Ich ekelte mich vor dem Auspuffgestank, den ich und die Anderen vor und hinter mir in die Luft bliesen.
Alles in mir sehnte sich nach Wald.
Meine Lunge nach frischer Luft. Meine Nase nach dem Geruch von würzigen Laub. Meine Augen nach dem angenehmen, satten Grün der Bäume. Meine Ohren nach einem Konzert für Stille, raschelnde Blätter und Vogelgesang. Meine Füße nach weichem Waldboden und meine Seele nach Ruhe.
Ich aber stand im dicksten Straßenverkehr.
Neben mir auf dem Beifahrersitz lag ein regionales Werbeblättchen, das ich neugierig aus dem Wartezimmer einer Behörde mitgenommen hatte. Auf diesem, zu neudeutsch Flyer genannt, prangte der Titel:
„Den Wandel zeigen“.
Es zierte ihn das Abbild unseres schönen neuen Kraftwerkes und der Text bestand aus klugen Sätzen eines tollen Politikers, der für eine neue Autobahn und allen Fortschritt warb von dem er sich Reichtum für diese Gegend versprach.
Die goldene Gans lässt grüßen, dachte ich und wendete den Blick aus dem Autofenster.
In dem Moment sah ich ihn liegen. Den Schuh, von dem die Natur völlig Besitz ergriffen hatte.
So was modisches hatte ich noch nie entdeckt!
“Den Wandel zeigen“
Genau, das ist es!..., schoss es mir durch den Kopf. Warte mein Dicker, dich nehme ich mit. Dich bringe ich zu neuen Ehren.
Du bist das Symbol!
Nichts zeigt so deutlich wie du, was notwendig ist.
Und so ist der alte, weggeworfene Schuh nun mein Begleiter geworden. Jedenfalls dessen Bild. Es hängt zu Hause an der Wand, wurde Visitenkärtchen und Werbung, Kunstobjekt und Kartengruß.
Der alte Kult - Schuh begleitet mich bei meinen Fragen, Antworten, Irrtümern, Streitereien und Neuanfängen und gibt den Namen für mein Probieren, Suchen und Finden, die:
Grünschuh - Projekte
(...aufgeschrieben: im Frühling 2001)