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Dieses traurige Kapitel habe ich bewußt erst Ende Oktober 2009 meiner seit vielen Jahren bestehenden Homepage über die Stadt Hof hinzugefügt, weil ich noch an eine erfolgreiche Gerechtigkeit glaubte. Nachdem nun seit fast 65 Jahren von gewissen Kreisen alles getan wird, um diese Verbrechen unbegreiflicher Weise zu verharmlosen, etwa 3/4 der Bevölkerung der heutigen Tschechischen Republik die Vertreibungsvorgänge und alles Geschehene für gerecht und in Ordnung befindent glaube ich gut daran zu tun, die folgenden Berichte in Erinnerung bzw. zur Kenntnis zu bringen.
Die sogen. Benesch-Dekrete besitzen heute noch in der zur EU gehörenden Tschechischen Republik Gesetzes-Kraft, die begangenen Straftaten von damals sind gesetzlich gedeckt und sanktioniert. Nicht einmal ein Wort der Entschuldigung wurde bis heute für nötig befunden. Der Präsident dieses Staates sucht nun hinsichtlich des Lissabonvertrages eine Ausnahme-Zusatzklausel für diese menschenverachtenden Dekrete zu erlangen.
Meine alten Eltern waren beim 1. Vertreibungstransport aus Hof, den Bezirksrichter Dr. Mildner hier beschreibt, auch dabei.
DI. Kurt Beier
Der Untergang unserer Heimat 1945/46
von Fritz Mildner, Hof
Die nachfolgenden Aufzeichnungen habe ich dem Tagebuch meines Vaters Dr. Franz Mildner, Bezirksrichter in Hof von 1923 -1945 entnommen. Sie schildern die Begebenheiten der letzten Kriegsmonate in der alten Heimat, aber auch das Ende des Dritten Reiches im Jahre 1945 sowie die Zeit nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht bis zur Vertreibung der Bevölkerung von Hof im Laufe des Jahres 1946. Das Schicksal der Hofer ist identisch mit dem Hunderttausender, die einem der größten Verbrechen der neuern Zeitgeschichte zum Opfer fielen. Mögen sich unsere Landsleute beim Lesen der Leidensgeschichte jener Zeit, die unsägliches Leid und Demütigung insbesonders über die Sudetendeutschen gebracht hat, der geliebten Heimat erinnern und Kindern und Enkeln berichten, dass auch an deutschsprachigen Menschen tausendfach Verbrechen begangen wurden.
Das Jahr 1945
12.1. Beginn der sowjetischen Winteroffensive an der Ostfront.
17. 1. Seit 10 Tagen liegt viel Schnee und es ist ziemlich kalt. Schneesturm, gestern Abend -20°, heute -8°.
18. 1. Warschau und Tschenstochau verloren, die Ostfront ist aufgerissen, der Russe greift mit gewaltiger Übermacht an.
20.1. Krakau, Lotsch und Tilsit verloren, alle reden vom Flüchten; die Russen stehen vor Oppeln, Wien bombardiert.
24. l. Bromberg gefallen, schwere Kämpfe im Kurland. Die Russen stehen vor Breslau.
Seit Tage ziehen lange Flüchtlingstrecks aus Schlesien durch Hof, die Frauen des Roten Kreuzes versuchen zu helfen, aber viele Kleinkinder sterben an Unterkühlung, wir können kaum helfen.
25. 1. Oppeln gefallen, Fritz aus dem Urlaub zurückberufen, muss am 26. nach Troppau und sich bei seiner Ersatzeinheit melden. Auch alle anderen Urlauber müssen sich umgehend bei ihren Einheiten melden. Am Abend kommt Fritz über das Wochenende heim.
28. l. Kattowitz, Gleiwitz und Görlitz verloren. Wir haben militärische Einquartierung im Gericht.
30. l. KdF-Schiff „Wilhelm Gustloff" mit etwa 8000 Flüchtlingen und Verwundeten an bord! von den Russen in der Ostsee torpediert und gesunken, nur wenige Menschen von Kriegsmarine aus dem eisigen Wasser gerettet. Viele Flüchtlingstrecks ziehen weiter durch die Stadt Hof.
13.2. Dresden von Engländern und Amerikanern mehrfach bombardiert, über 200.000 Tote, meist Zivilpersonen und Tausende Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Dresden war zur „Offenen Stadt" erklärt worden, besaß keinerlei Verteidigung oder militärische Anlagen. Was hatten diese armen Menschen getan? Eines der größten Kriegsverbrechen der Alliierten. Wir können es kaum fassen! In Breslau in der Osternacht u. a. auch der Dom zerstört.
16. 2. Fritz sollte mit 40 Hitlerjungen zum Einsatz nach Görlitz, sie kamen aber nur noch bis nach Reichenberg, da Russen die Stadt bereits eingeschlossen hatten und kein Zug mehr fuhr. Er musste mit den Jungen wieder nach Troppau zurück.
19.2. Fritz nach Sternberg, am 20. wieder nach Troppau.
23.2. Fritz hat Marschbefehl nach Ungarn über Wien erhalten. Im Kurland schwere Kämpfe, unser lieber Franzl ist auch dort, ob wir ihn noch einmal wiedersehen werden?
24.4. Türkei befindet sich ab sofort im Krieg gegen Deutschland. Seit Tagen Tauwetter, Straßen schneefrei.
25.2. Breslau eingeschlossen.
1.3. Endlich Brief von Franz vom 30. 1.- Heftige Straßenkämpfe in Breslau.
6.3. Feind in Köln eingedrungen.
12.3. Frau von Oberförster Letfuß, Heidenpiltsch, bei Luftangriff in Wien umgekommen.
13.3. Fritz in der Slowakei bei Altsohl verwundet, das 3. Mal.
18.3. Russen vor Leobschütz und Neisse.
19. 3. Fritz im Lazarett in Znaim, hat Telegramm geschickt.
24.3. Feind am rechten Rheinufer. Noch immer rollen Trecks durch Hof.
28.3. Troppau bombardiert, Häuser brennen. Schwägerinnen Lydia und Hanna aus Troppau bei uns eingetroffen.
3.4.Troppau abermals bombardiert, wieder große Brände
3.4. Unterlagen aus Grundbuchamt und unser Hab und Gut nach Sternberg geschickt. Ob wir sie je wieder sehen?
13.4. Die Russen in Wien.
13.4.US-Präsident Roosevelt hatte Schlaganfall.
15.4.Troppau von Artillerie beschossen.
16.4. In der Ostsee wieder großes Schiff mit 10.000 Flüchtlingen und Verwundeten von Russen versenkt, nur 195 konnten gerettet werden. Russen stehen vor Leipzig. Das ganze Frühjahr bisher trocken, meist kalt. Die Russen in Troppau. Ausgiebiger Regen. Mussolini in Oberitalien von italienischen Partisanen erschossen.
1.5. Brief von Fritz aus Lazarett in Prag. Mähr.-Ostrau gefallen. Hitler's Tod am 30.4. in der Reichskanzlei. Damit dürfte wohl das bittere Ende gekommen sein. Gott beschütze unser armes Volk!
5. Wigstadl brennt.
5. Fliegerangriff auf Hof, wir sind alle im Luftschutzkeller. In der Nacht versuchen noch Hofer in Richtung Sternberg zu entkommen.
5. Zeitig in der Früh Luftangriff u.Artillerie-Feuer auf Hof, die ersten Russen in unserer Stadt. Wir waren viele Menschen im Luftschutzkeller die ganze Nacht über. Familie Kluger (Fleischer, Troppauer Straße) wollte auch flüchten, sie hatten bereits alles gepackt. Schließlich blieben sie bei uns. Als uns die Russen aus dem Keller trieben, nahmen sie mir sofort als erstes die Armbanduhr weg. Die folgende Nacht auf Sonntag (6. 5.) war ein Schrecken ohnegleichen. Das Gericht wimmelt von Russen. Sie ließen Schwägerin Lydia und Sohn Toni nicht fort. Ich bin mit meiner Olly bei Kluger-Fleischer. Die ganze Nacht kommen Russen und mißhandelten Herrn Kluger. Frauen und Mädchen in der Stadt wurden wie Freiwild gejagt, wiederholt geschändet und vergewaltigt. Viele Leute brachten sich aus Verzweiflung um. Im Beamtenhaus allein haben sich 7 Frauen und Kinder am Oberboden erhängt. Das Haus vom Köhler Schuhmacher musste geräumt werden. Mittwoch Nachmittag brannte es ab, ebenso daneben das Haus vom Herrn Hipsch. Daher musste jetzt das Haus vom Rösner-Schlosser für die Russen geräumt werden. Wir wurden alle in größter Eile und unter dem Gebrüll der russischen Soldateska herausgejagt. Ein Großteil unserer mitgenommenen Sachen durften wir dabei nicht mitnehmen, sie wurden von den Russen kassiert. Teilweise hatten wir die Sachen in unserem großen Reisekoffer und außerdem in ein Tischtuch eingebunden, dabei auch meine letzte Uhr. Endlich nach langem Suchen gelang es uns, am Ringplatz bei der Drössler Reli, (Schmied) die schon mehrere Flüchtlinge im Quartier hatte, unterzukommen.
11.5.Freitag räumten die Russen das Amtsgericht und nahmen trotz meiner Bitten einen Teil der Möbel u. a. aus unserer Wohnung mit. Unsere 5 Hühner hatten sie aufgefressen, die Federn flogen im Hof umher, es sah aus wie in einem Saustall. Ein russischer Major, der im Pfarrhof wohnte, wollte mir helfen und schrieb einen Brief an den Kommandanten, doch dieser zerriss ihn sofort, nachdem er ihn gelesen hatte. Am 9. Mai kapitulierte die Deutsche Wehrmacht bedingungslos, wir machten uns großen Kummer um unseren Sohn Fritz, der in einem Prager Lazarett lag. An diesem Tag stand vor dem Gericht ein russischer Lastwagen, auf dem unsere Möbel und sonstigen Sachen verladen waren. Ich kletterte hinauf, um zu retten, was noch zu retten war, wurde aber von einem Soldaten gepackt und herunter gestoßen. Mehrere seiner Genossen ergriffen mich und schleiften mich unter Gebrüll über den Hof vom Bittner-Bauer nebenan bis hinter die Scheune. Dort angekommen musste ich mich hinknien und ein Russe verprügelte mich mit einem Knüppel, wobei die ganze Horde um uns herumstand und den Schläger anfeuerte. Alle brüllten mich an und so viel ich daraus entnehmen konnte, beschuldigten sie mich, Menschen zum Tode verurteilt zu haben. Dabei hatte ich bereits mit meinem Leben abgeschlossen, als sie mich schließlich in den unweit gelegenen Hühnerstall stießen und ihn verriegelten. Durch Losreißen eines Brettes gelangte ich dann in den Kuhstall und sprang durch ein Fenster hinaus, wobei ich mir beide Fersen prellte. Unter großen Schmerzen schleppte ich mich weg.
13.5.Heute trauten wir uns am Tage endlich wieder in das Gericht. Alles war gestohlen und wir mussten wieder in unser Quartier bei der Reli zurück.
13.5.In der Nacht brannte am Judenberg das Haus von Herrn Demel ab. Die Stadt ist voller Russen.
19.5. Grundbuchführer Herr Klus kommt von der Flucht zurück, war bis Reichenberg gekommen und hat alles verloren, was er bei sich trug.
31.5.Fronleichnam musste ich zusammen mit Viktor Kubek auf Niederles Feld Kühe hüten. Wohnung und Anstellung verloren. Ab l.5.1945 kein Gehalt mehr oder sonstiges Einkommen. Vom eigenen Geld bekommt man monatlich für 2 Personen 750 Kč frei, alles andere ist gesperrt. Seit Mai gab es weder Fleisch noch Milch, anfangs nur schlechtes Kleiebrot. Die Deutschen müssen aus ihren Wohnungen und Häusern heraus, die von ankommenden Tschechen besetzt werden.
Viele Menschen sind verschleppt und in Lagern interniert, wo sie fürchterliche Strapazen und Leiden erdulden müssen
4. 6. Schwager aus Troppau mit Sohn machte sich zu Fuß auf den Weg über das Gebirge nach Adelsdorf bei Freiwaldau, da es für Deutsche keine Bahnbenutzung gibt. Wir haben mit der Reinigung des Gerichts begonnen. Massen von Russen strömten tagelang durch Hof, ebenso riesige Viehherden, die vor Hunger brüllend, von deutschen Frauen und Männern durch die Straßen getrieben wurden. Alle Viehställe sind geplündert worden, ebenso Lebensrnittell-Läden, Getreidevorräte usw.
Als Schwägerin Lydia zu Fuß in Troppau ankam, war ihr Haus bereits von Tschechen besetzt, die sie nicht mehr hineinließen. Sie kam am 26. 5. wieder zu uns.
12.6.Heute kam der tschechische Bezirksrichter Dr. Franz Urbaček als mein Nachfolger im Amt nach Hof und gab mir bekannt, dass ich entlassen sei. Ich durfte daher auch nicht mehr im Gericht wohnen. Für mich ein schwerer Schlag. Übergabe der Amtsgeschäfte.
18. 6.Kluger Hilda aus dem Krankenhaus, in dem sie seit 1. 6. lag, wieder entlassen. Aus Furcht vor den Russen blieb sie länger und hielt sich noch bis 26. 6. bei uns verborgen, ebenso Theimer Emmi und Rösner Else. Die Russen suchten jede Nacht deutsche Frauen und Mädchen, weshalb viele nicht in ihren Wohnungen übernachteten. Alle Deutschen müssen das große „N" tragen, ein schwarzer Buchstabe in weißem Kreis.
29. 6. Mit Übersiedlung aus dem Gericht in's Beamtenhaus begonnen, wo wir schon von 1924-1940 gewohnt hatten.
27. 7. Habe Gesuch an Justiz-Ministerium um Weiteranstellung, bzw. Pensionierung gestellt. Schwiegereltern aus Thomasdorf, Kr. Freiwaldau, sowie beide Schwägerinnen mussten innerhalb von 2 Stunden packen (angeblich für mehrere Tage zum Arbeitseinsatz) und wurden in offenen Viehwaggons bis an die reichsdeutsche Grenze gebracht. Von dort nach tagelangen Strapazen in Mühlhausen/Thüringen bei Verwandten angekommen.
4.8. Russengrab am Krisenpark mit mehreren Männern (Peikert, Thomas, u. a.) ausgehoben. Die Vertreibung aller Sudetendeutschen aus der Heimat ist gemeinsam von den Siegermächten beschlossen worden. Die meisten von uns halten dies aber für ein Gerücht, um die Menschen noch mehr zu quälen.
10.8. Umwechseln der Reichsmark in tschechische Kronen. Japan kapituliert.
26. 9. Sohn Fritz aus russischer Kriegsgefangenschaft aus Odessa zurück, war in Prager Lazarett in Gefangenschaft geraten, als Verwundeter mit Tausenden Deutschen nach Brünn getrieben und von dort im Juni über Rumänien nach Odessa gekommen. Er erzählt, dass auf dem Marsch von Prag nach Brunn Hunderte erschöpfter Kameraden starben. Er berichtet von grauenhaften Massakern in Prag gegen alles was Deutsch war. Er berichtet auch, dass er und mehrere Gefangene in Prag von russischen Soldaten vor dem Erschießen gerettet wurden. Wir hatten ihn 14 Tage bei uns versteckt, am 11.10. musste er mit Hungertyphus in's Hofer Krankenhaus.
23.10.Tierarzt Bittner in Hof gestorben.
8. - 15.11.Einwechslung des alten tschechischen Geldes gegen neues.
8. - 30.11.Anmeldung der Sparkasseneinlagen und Lebensversicherungen.
16.11.Beisetzung der bei der „Fichte" exhumierten russischen Kriegsgefangenen im Massengrab am Krisenpark.
Musste dabei helfen, bekam „Hexenschuss" und lag eine Woche im Bett.
27. 11. Sohn Fritz ist wieder erneut zum Kriegsgefangenen gemacht worden, mit ihm noch eine ganze Reihe anderer Hofer, die entweder entlassen oder als Versehrte daheim waren. Fußmarsch nach Bärn-Andersdorf in das ehemalige RAD-Lager, von dort mit der Bahn nach Mähr.-Schönberg und zu Fuß weiter nach Frankstadt, wo sich im Dorf ein sogen. Kriegsgefangenenlager befindet.
24. 12. Unser traurigstes Weihnachten. Von unserm Franz bisher keine Nachricht, wir hoffen und beten, dass er sich lebend noch in Gefangenschaft befindet. Teilnahme an der Christmette war für uns nicht gestattet, nur für Tschechen. 1945 war ein furchtbares Jahr. Die Russen haben alles ausgeplündert. Unsere Kleidung, Wäsche u. a. ist weg.
Das Jahr 1946
10. l. Fabrik,.„Körble-Blaschke" abgebrannt. Fritz aus dem Lager Frankstadt in das Lager Kutiny bei Brünn verlegt.
20. I. Beginn der offiziellen Vertreibung der Sudetendeutschen.
1. 2. Das Russengrab am Krisenpark wird wieder geöffnet, Tag und Nacht wird gearbeitet. Die Särge werden, wie man hört, nach Troppau auf einen russischen Friedhof gebracht. Seit Anfang Jänner liegt Schnee.
8. 2. Hochwasser in Mähren, viel Regen und Tauwetter, ab 10. 2. wieder kalt und Frost. Von Freiwaldau, Mähr.- Schönberg, Sternberg und Freudenthal sind die ersten Transporte abgegangen, bald wird es wohl auch uns treffen. Wir glauben jetzt nicht mehr an ein Wunder, das uns noch vor dem bisher Unfassbaren retten könnte.
2.. 3. Die Gendarmerie hat von
vielen, auch von mir, die Personaldokumente kontrolliert, wir schließen
daher auf unsere Abschiebung im Laufe der kommenden Woche.
Vertreibung aus Hof
25. 3. Der erste Transport aus unserer Stadt wird zusammengestellt, es sind 450 Personen. Auch Olly und ich sind dabei. Als Termin wurde uns der 27. 3., nachmittags 16.00 Uhr, genannt. Das Gepäck einschl. Handgepäck und Lebensmittel für 7 Tage darf nicht mehr als 50 kg betragen. Man weiß daher nicht, was man mitnehmen soll, die Leute machen zudem noch einander verrückt. Der Abschied von jedem Stück, das uns noch verblieben war, fällt sehr schwer.
Beinah alles muss man dalassen und in der Fremde werden uns die Sachen fehlen.
27. 3. Es ist Mittwoch. „Pumpen-Blaschke"
fährt unser Gepäck auf einem Bretterwagen zum Ringplatz, der von allen
Seiten abgesperrt und bewacht ist. Im Rathaus wird alles gewogen,
kontrolliert und ausgeplündert. Uns wurde unter anderem gestohlen:
Bügeleisen, Silberbesteck, Weckeruhr, Geschirr, Hausschuhe, Wolljacke,
sämtliches Geld, Sparkassenbücher, Lebensversicherungs-Polizzen, Tabak
u.v.a. Ich verfluche das Diebsgesindel bis in's Grab!
Gegen 19.30 Uhr, es ist schon dunkel, wurden wir mit dem letzten Auto in
das Lager nach Bärn gefahren, wo wir hinter Stacheldraht, von Gendarmen
bewacht, bis Sonntag (31.3-) nachmittags verblieben, dann zu Fuß nach
Andersdorf zum Bahnhof getrieben wurden. Am Abend begann die Einwaggonierung, 30 Leute mit ihrem Gepäck kamen in jeden Viehwaggon,
der von außen verschlossen wurde, ebenso die Fensterklappen. Der
Transport bestand aus 1200 Personen der verschiedensten Altersgruppen.
Bei Ausbruch einer Panik wären wir rettungslos verloren gewesen. Kein
Klosett! Auf unser Klopfen antworteten die Wachen": Ihr könnt euch
selbst ansch....!" Erst gegen Mitternacht erfolgt die Abfahrt von
Andersdorf. In Olmütz stehen wir einige Stunden eingesperrt am Bahnhof.
Dann ging es über Hohenstadt, Böhm.-Trübau, Prag bis Pilsen.
2. 4. Dienstag, die Grenzstation
Furth im Walde erreicht. Dort wieder in Viehwaggons umgestiegen. Über
Schweinfurt, Nürnberg, Fulda erreichte der Transport Bebra.
4. 4. Gegen Morgen Ankunft in Eschwege/Werra, Hessen. Zu Mittag
transportierte man uns in das Lager am Schulberg..
8. 4. Auf Lastautos auf die umliegenden Dörfer verteilt, wir werden in Germerode ausgeladen, mit uns u. a. Fam. Verwalter Pietsch, Polzer-Tischler, Prätsch, Theimer Friseur, Miltner Patz, Kluger Fleischer, Kluger Emil und Karl, Krones, Öhler, Drößler Reli. Germerode ist ein Dorf mit etwa 900 Einwohnern.
Wir wurden elend in einem alten, kleinen Fachwerkhaus bei einem Schuhmacher untergebracht. Von Bedarfsgegenständen ist nicht das Mindeste zu haben, nicht einmal ein Schuhbandl oder ein Stück Papier. Die meisten Dorfbewohner zeigen sich verschlossen und unfreundlich. Sie haben kein Verständnis für unsere Not, obwohl sie selbst nichts verloren haben.Unser „Zimmer" ist so niedrig, dass ich mich unter dem Deckenbalken bücken muss. Nur ein Bett vorhanden. Kein Schrank für die Kleider, nichts für Geschirr, der Ofen fürchterlich. Trotz aller Bemühungen konnten wir kein besseres Quartier bekommen. Wenn ich im Bett liege, habe ich meine Beine auf dem Wäschekorb, weil es zu kurz ist. Es fehlt auch an Heizmaterial und meine Frau muss es aus dem Wald mit dem Handwagen holen. Ich selbst kann nicht mit, da ich an einem schrecklichen Katarrh und Husten leide.
Ich fürchte, wieder Asthma zu bekommen. Wir alle sind oft ganz verzweifelt. Wenn wir an zu Hause denken, und das tun wir jeden Tag, müssen wir weinen.
Nachwort: An dieser Stelle will ich das Tagebuch schließen. Nach 40 Jahren sind aus den Ärmsten der Armen „Reichsdeutsche" geworden, die sich in der zweiten Heimat eingelebt und bewiesen haben, dass sie aus dem Nichts der Nachkriegszeit und dem Elend der Vertreibung ihren Weg unbeirrbar weitergegangen sind. In diesen Tagen und Wochen sollten wir aber ganz besonders innig unserer verlorenen Heimat, der Opfer der Vertreibung, aber ganz besonders unserer Eltern und Großeltern gedenken, die am härtesten vom Schicksal betroffen wurden und die Heimat trotz allen Hoffen's auf eine bessere Welt nicht wieder sahen.Abschließend grüsse ich alle Landsleute in Nah und Fern und rufe Euch zu: „Wer die Heimat nicht liebt und die Heimat nicht ehrt, ist ein Lump und des Glücks in der Heimat nicht wert!"
Gottfried Mildner
Der 27. November 1945
Vor 50 Jahren (aus dem Jahr 1995) – von Fritz Mildner, hof
An diesem nasskalten, grauen Novembermorgen stehen wir, die meisten ehemaligen Kriegsgefangenen, ältere und jünger Männer, mehrere von ihnen bein- oder armamputiert, auf dem Ringplatz in Hof. Auch unsere Angehörigen sind dabei, um uns das letzte Geleit zu geben. Wieder einmal hat der tschechische Pöbel, der nach den Bolschewiken unsere Dörfer und Städte besetzte und die Bevölkerung auf das Grausamste schikanierte, zugeschlagen. So stehen wir alle schweigend in Grüppchen zusammen, auf alles gefasst. Wir haben am eigenen Leibe erfahren müssen, dass die Tschechen wie auch die Russen in ihrem Handeln unberechenbar sind. Neben uns liegt das kärgliche Gepäck, meist Rucksäcke mit aufgeschnallten Decken. Einige der Männer, so auch ich, sind erst vor wenigen Wochen aufgrund ihrer schweren Verwundung oder Erkrankung aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt. Nun ereilt sie ein grausames Geschick abermals und führt sie einer ungewissen Zukunft entgegen. Keiner weiß, wohin der Transport gehen soll, und die zahlreichen herumlungernden Milizionäre wollen uns weismachen, dass wir nur zu einer zweitägigen Vernehmung nach Bärn kämen. Niemand glaubt ihnen allerdings das Märchen, steht es doch im krassen Widerspruch zu der Anordnung, Arbeitszeug, derbe Schuhe, Schlafdecken u.a.m. mitzunehmen. Von allen Seiten treffen bepackte Männer ein, viele kommen aus den umliegenden Orten. Aus Karlsberg kommen u. a. Bartsch Tischler, Ganzer Rudi, aus Rautenberg Fischer Emil und Beier, aus Maiwald Klein, aus Hof Demel Tischler, Stricker Richter, der Sohn vom Gendarm Zaloudek und Mildner Fritz, aus Kunzendorf der Viehhändler Mildner Robert, aus Bautsch Meier Schuster, aus Hartau Schnaubelt, aus Bäm Sauer Jupp, Jilg Lois und viele andere, deren Namen ich vergessen habe, an die ich mich aber noch gut erinnere. Im Bärner Arbeitsdienstlager ist die Sammelstelle. Doch gehen wir noch einmal in Gedanken auf den Ringplatz in Hof zurück. Gegen acht Uhr erscheinen schwer bewaffnete Polizisten, die anhand einer Liste die Namen der »Opfer« aufrufen. Inzwischen wurden die Habseligkeiten der »Kriegsgefangenen«, denn als solche wurden wir wieder bezeichnet, auf zwei Pferdefuhrwerke verladen, die Gehbehinderten kletterten mühsam auf das Gepäck und dann ist es soweit! Mit Tränen in den Augen wurde von unseren Lieben Abschied genommen. Noch einmal gingen die Blicke zum so vertrauten Kirchturm und zum Neptun-Brunnen. Wir ahnten wohl alle, dass es ein Abschied für immer sein würde, dass wir die liebe Heimatstadt so nicht wiedersehen sollten. Dann setzten sich die beiden Gefährte in Bewegung und die Kolonne, die einem Leichenzug ähnelte, verließ über den Judenberg, an der Silvet-Fabrik und dem Postkreuz vorbei in Richtung Bärn unser geliebtes Städtchen. Im Arbeitsdienstlager Bärn wurde am nächsten Tag der Transport zusammengestellt, der etwa 200 Männer verschiedener Altersgruppen umfasste. Nach zwei Tagen ging es nach Bärn-Andersdorf zum Bahnhof. Eilig wurde verladen und der Zug setzte sich mit unbekanntem Ziel in Bewegung. In Mähr.-Schönberg endete die Fahrt und in einer Schule wurde übernachtet. Am nächsten Morgen ging es nach dem nahe gelegenen Dorf Frankstadt. Wohl keiner von den noch Lebenden wird bis heute die folgenden Wochen vergessen haben. Während bis zum Weihnachtsfest 1945 das Leben noch einigermaßen erträglich war, begannen, wie ich später von Betroffenen hörte, ab Januar die Schikanen verschiedenster Art. Dem Kommandanten des Lagers, Frantisek Holi, bereitete die Erprobung neuer KZ-Methoden sichtlich immer mehr Spaß. Ich selbst habe diese Zeit ab Januar 1946 in Frankstadt nicht mehr mitmachen müssen, da ich mit mehreren Kameraden am 5. Januar in das Lager Kutiny bei Brünn überstellt worden war. Es handelte sich hierbei um ein ehemaliges Arbeitslager, bestehend aus den bekannten Holzbaracken, in denen mit zunehmender Wärme im Frühjahr Milliarden von Wanzen vom Winterschlaf erwachten, so dass wir bereits ab März die Nächte im Freien verbringen mussten. Die tägliche Verpflegung bestand aus einem Laib Brot für 12 Mann, zu Mittag wurde, auch an Sonn- und Feiertagen, Graupenwasser ohne Salz und Fett ausgegeben. In den folgenden Monaten brachten die Tschechen Hunderte halbverhungerte, kranke Gefangene ins Lager, wo sie nach kurzer Zeit an Unterernährung starben. Auf einer Wiese unterhalb des Lagers fanden sie ihre letzte Ruhe. Die meisten waren aus Krankheitsgründen aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden. An der tschechischen Grenze haben sie die Tschechen in Empfang genommen und in die Ostrauer Kohlegruben gebracht, aus denen sie, bereits vom Tode gezeichnet, in das Todeslager Kutiny zum Sterben kamen. Meine Aufgabe bestand darin, die Holzkreuze der Verstorbenen mit ihren Namen zu versehen. Eine Namensliste wurde mir bei der Entlassung im August 1946 abgenommen, so dass ich die Familienangehörigen nicht benachrichtigen konnte. Es handelte sich vorwiegend um Männer aus dem sogenannten Altreich, die als vermisst galten. Als ich im August entlassen wurde, weideten bereits die Kühe auf der Wiese, die Kreuze hatte man entfernt. So wollen wir noch Lebenden jener schweren Zeit zum Allerheiligenfest zuallererst unserer Verstorbenen in Liebe gedenken.Wir gedenken auch der bei der Vertreibung Verstorbenen. Wir gedenken ganz besonders der im Krieg gefallenen Väter, Söhne und Brüder und der in Gefangenschaft Verschollenen. Wir gedenken unserer Lieben, die in der neuen Heimat ihre ewige Ruhe gefunden haben und all derer, die noch vor einem Jahr in unserer Mitte weilten. Sie alle leben in unserem Gedächtnis und mit unserer Liebe weiter. »Nicht alle sind tot, deren Hügel sich hebt, wir lieben, und was wir geliebt, das lebt. Das lebt, bis uns selber das Leben zerrinnt. Nicht alle sind tot, die gestorben sind.«
Gottfried Mildner
Zum Gedenken an die Opfer der Hofer Zivilbevölkerung im Mai 1945
Veröffentlicht auch in der Heimatzeitschrift „Bärner Ländchen" von Fritz Mildner, ehem. Hof.
In den
bundesdeutschen Medien verging in den vergangenen
Monaten kaum eine Woche, in der nicht mindestens einmal,
vor allem in Fernsehsendungen, an die Verbrechen des
Deutschen Volkes in der Zeit von 1933-45 hingewiesen und
angeklagt wird. Die Nachkriegsgenerationen sollen per
manent daran erinnert werden und nie vergessen, ihre
Eltern und Großeltern als sog. Gefolgsleute des
„Nazi-Regimes" anzuklagen und ihnen vorzuwerfen, sich an
den Greueltaten der verschiede
nen Organisationen einschließlich der Wehrmacht
beteiligt zu haben und sich somit für alle Zeiten
schuldig gemacht zu haben. -
Die Massenverbrechen unserer Gegner während und nach dem Krieg an Deutschen werden verschwiegen und unsere Politiker wagen nicht, die Tatsachen richtig zustellen. Als die sog. Siegermächte in den Maitagen 1945 und den darauf folgenden die Deutsche Bevölkerung in Ost und West zu Freiwild erklärten, wurden Tausende unschuldiger Menschen ermordet. Sie wurden zu Tode gemartert, erschlagen, erhängt und erschossen. Ungezählte schieden freiwillig aus dem für sie zur Hölle gewordenen irdischen Dasein.
Auch in unserer Heimatstadt Hof brachte der Einmarsch der Roten Armee Tod, Qualen und Vernichtung. Hier sei heute, stellvertretend für die damaligen Todesopfer unter der Zivilbevölkerung und der Wehrmacht, an das Schicksal von sieben Frauen und Kindern erinnert, die im „Beamtenhaus" in der Rotterallee aus Verzweiflung den Tod als Erlöser suchten. Unser verstorbener Landsmann Ferdinand Polzer schrieb im Mai 1945 einen erschütternden Brief an den Ehemann einer der Toten, den ich zur Erinnerung und im Gedenken an die Mordopfer meinen Landsleuten, besonders auch den Jüngeren, nicht vorenthalten möchte:
„Sehr geehrter Herr Rundt!
Ihrem Wunsche
entsprechend will ich Ihnen in der bewussten traurigen
Angelegenheit folgendes mitteilen: V.....
(Namen von 4 Frauen und 3 Kindern)
Den
Genannten wurde seinerzeit eine Wohnung im hiesigen
Beamtenwohnhaus Nr. 302 zugewiesen, wo sie sich bis zu
ihrem Tode am 6. Mai 1945 aufgehalten haben.
Am 5. Mai wurde die Stadtgemeinde Hof frühmorgens von den Russen besetzt. An diesem Tage und in den nächstfolgenden Tagen wurden die einzelnen Häuser von den Russen nach versteckten deutschen Soldaten durchsucht und alles durchwühlt, als willkommene Beute natürlich vor allem Alkohol beschlagnahmt und sofort getrunken. Im Beamtenhaus dürfte sich wahrscheinlich von den dort ebenfalls befindlichen Troppauer Flüchtlingen eine größere Menge Alkohol befunden haben, denn wie ich von den dort wohnhaften Mietparteien später erfuhr, soll es in der Nacht vom 5. zum 6. Mai einfach toll hergegangen sein. (Nach meinen Erkenntnissen hatte Herr Kubek in seinem Keller mehrere Fässer mit südmährischem Wein stehen, den sich die plündernden Russen einverleibten. Der Alkohol stammte mit Sicherheit nicht von den Troppauer Flüchtlingen. (Mildner). Die drei jungen Frauen wurden angeblich in dieser Nacht von den Besatzungstruppen sehr oft vergewaltigt und befanden sich am Morgen des 6. Mai in einem beklagenswerten Zustand. Auch die übrigen Ortsansässigen können von dieser ersten Nacht ein furchtbares Lied singen. Am 6. Mai war ich vormittags am Rathaus, als Herr Steuerinspektor Kubek, welcher gleichfalls im Hause 302 wohnte, kam und meldete, dass schon wieder die russischen Soldaten im Hause eingefallen seien und dass die armen Frauen schon keinen Rat mehr wüssten und dem Verzweifeln nahe seien. Ich war damals ganz allein im Rathaus und die Ortseinwohner, welche zurückgeblieben waren, sollten sich nach einer Weisung des russischen Ortskommandanten alle dort melden. An eine Hilfe für die armen Frauen war leider nicht zu denken, weil ja keine Gewalt da war, welche die Plünderungen und die ständigen Vergewaltigungen hätten verhindern können. Niemand hatte aber auch eine Ahnung, dass die armen Frauen auf diese grauenhafte Art aus dem Leben scheiden würden. In ihrer großen Not und um den weiteren Vergewaltigungen zu entgehen, fassten sie den Entschluss, den Freitod zu wählen (Erhängen). Um etwa 12.30 Uhr mittags wurde ich vom Hausmeister Blaschke Josef verständigt, dass die oben genannten Frauen mit den Kindern und der alten, blinden Mutter, auf dem Dachboden des Beamtenhauses tot aufgefunden wurden. Wer sie zuerst fand, weiß ich heute schon nicht mehr. Ich begab mich unverzüglich zum hiesigen Staatsdistriktsarzte, Herrn Dr. Bayer, weicher sofort zum Beamtenhause eilte, dort aber schon den Tod der ganzen Familie feststellen musste. Es ist betrüblich, dass ihre liebe Frau und die anderen Anverwandten auf so tragische Weise aus dem Leben schieden.
Im Zuge der Gemeinschaftshilfe wurde sodann am hiesigen evangelischen Ortsfriedhof ein Gemeinschaftsgrab ausgehoben, und zwar befindet sich dasselbe links vom Eingang. Mit weiteren 17 anderen Opfern wurden sodann Ihre lieben Toten in einfacher, schlichter Weise zur letzten Ruhe gebettet. Der katholische Ortspfarrer sprach ein kurzes Gebet und die Männer standen im stummen Gedenken am offenen Grabe.
Es ist hart und schwer, wenn man an das unendliche Leid denkt, welches in diesen Tagen über uns alle gekommen ist. Nur Gott der Allmächtige kann uns die Kraft und Stärke verleihen, dass wir dieses Leid und die schwere Zeit überwinden können.
Ihnen, lieber Herr Rundt, der Sie an diesem einen Tage Ihr liebes Kind und Ihre treue Frau verloren haben, spreche ich meine tiefste Anteilnahme aus. Wenn es Ihnen vielleicht möglich sein sollte, die Männer der ebenfalls hier ruhenden Frauen zu verständigen, so bitte ich Sie, Ihnen auch in meinem Namen das herzlichste Beileid auszudrücken.
Mit besten Grüßen Ihr sehr ergebener Ferdinand Polzer, Gemeindeangestellter.
Nachwort:
Von solchen und ähnlichen schrecklichen Erlebnissen und Geschehen jener Tage könnten wohl viele der noch lebenden Leser des „Bärner Ländchens" aus eigener Erfahrung berichten. Wichtig wäre es, diese Erlebnisse schriftlich festzuhalten und an Kinder und Kindeskinder weiterzugeben, damit auch sie erfahren, wie es damals in der verlorenen Heimat wirklich zuging und welche Leiden das sudetendeutsche Volk über sich ergehen lassen musste. Sein „Verbrechen" bestand darin, dass es sich zum Deutschen Volk und Vaterland bekannt hatte.
Fritz Mildner
45 Jahre Vertreibung
Erinnerungen von Fritz Mildner 1991, ehem. Hof
Ab 20. Januar 1946 rollten pausenlos die Vertreibungstransporte aus allen Teilen des Sudetenlandes an die tschechisch - deutschen Grenzübergänge, um von dort in das vom Krieg schwer gezeichnete Deutschland weitergeleitet zu werden. Betroffen wurden aus unserer engeren Region besonders die Bewohner der Städte Freiwaldau, Freudenthal, Sternberg und Mähr. Schönberg.
Anfang März war es dann auch bei uns in Hof so weit. Die Gendarmerie kontrollierte die Personaldokumente vieler Bewohner, so dass sich die bis dahin umlaufenden Gerüchte über den bevorstehenden "Abschub", wie ihn die Tschechen nannten, zu bewahrheiten schienen. An einem Montag, es war der 25. März 1946, wurde von der sog. Bezirksverwaltungskommision in Bärn der erste Hofer Transport zusammengestellt. Davon betroffen waren 450 Personen, deren Namen veröffentlicht wurden und die sich für den Abtransport am 27. März vorbereiten sollten. Dazu wurde ihnen ein amtliches Schreiben der o. a. Kommission folgenden Inhaltes zugestellt:
Preklad - Übersetzung
Die Bezirksverwaltungskommission in Bärn hat gem. § l des Dekretes des Präsidenten der Republik vom 17. Juni 1945 Sie zum Abschub hinter die Grenzen der Tschechoslowakischen Republik bestimmt.
Diese Maßnahme bezieht sich auf Sie und auf folgende, mit Ihnen im gemeinsamen Haushalt wohnenden Mitglieder Ihrer Familie: (Name der Familienmitglieder) Hiervon werden Sie mit der Aufforderung verständigt, sich selbst und Ihre Familie binnen 48 Stunden nach Zustellung dieses Bescheids zwecks Überführung ins Sammellager vorzubereiten. Es ist deshalb nötig, ein Gepäck für Sie und Ihre Familienmitglieder im Gewicht von höchstens 50 kg für jede Person,
Lebensmittel
auf 7 Tage, welche Verderben nicht unterliegen,
eingerechnet, vorzubereiten.
Dieses Gepäck darf mitgenommen werden. Zu diesem Zwecke
ist Ankauf von Lebensmitteln auf Lebensmittelkarten
vorzunehmen. Außer diesem Gepäcke haben Sie ein kleines
Handgepäck mitzunehmen, in welchem sich alle
Personalausweise, wie Taufschein, Taufschein mit
Heimatschein, Evidenzkarte, Bürgerlegitimation
(Kennkarte) und Haushaltskarte, weiter Handtuch, Seife
und übrige Toilettenzubehör, Essschüssel, Besteck und
ähnl. zu befinden haben. Gleichzeitig ist das
Einlagebuch zwecks Auszahlung der für den Abschub
erheischten Markenbeträge mitzunehmen. Jede einzelne
Person muß ordentlich angezogen und mit Schuhwerk
ausgerüstet sein und eine Decke mithaben. Beim Verlassen
der Wohnung zwecks Erscheinens auf dem Sammelorte sind
Sie verpflichtet, sämtliche von Ihnen bewohnte Haus-
oder Raumeingänge bzw. allfällige Betriebsräumlichkeiten
mit einem Schlüssel zu schließen. Sie sind verpflichtet,
die Schlüsselöffnungen mit einem Papierstreifen in der
Art und Weise zu überkleben, dass die Türen ohne
Verletzung dieses Streifens nicht geöffnet werden
können. Diese Streifen sind mit Ihrem Namen zu versehen.
Die Schlüssel von der Wohnung und Betriebsräumlichkeiten
sind ordentlich gebunden und mit Ihrem Namen/Adresse/
versehen, an die Sammelstelle mitzubringen. .
Nachdrücklich werden Sie darauf aufmerksam gemacht, dass die Nichtbefolgung der Maßnahmen über den Abschub, besonders eine Beschädigung, Vernichtung oder Verheimlichung des verlassenen und zur Übergabe bestimmten Vermögens, weiter die Unterstützung einer solchen Handlung werden streng bestraft. Gegen diese Maßnahme über Ihren Abschub ist keine Berufung zulässig.
Die Bezirksverwaltungskommission
Dotrel Janota
(Abschiebungs-Referent) (Beschlagnahmungs-Referent)
Pouzar (Vorsitzender)
Die Opfer des Russeneinmarsches im Mai 1945 in Hof
Beitrag von Fritz Mildner, ehem Hof
Als ich mit unserer Hofer Reisegruppe im Mai vor einem Jahr u.a. auch den Friedhof aufsuchte, standen wir in stillem Gedenken an den Grabstellen neben der Mauer des ehemaligen evangelischen Friedhofteiles. Nichts erinnert mehr daran, dass dort 47 Männer, Frauen und Kinder in den Mai- und Julitagen 1945 ihre letzte Ruhe fanden.
Es sind 12 gefallene Soldaten der Deutschen Wehrmacht, 2 erschossene deutsche Kriegsgefangene und 33 Zivilpersonen beiderlei Geschlechtes.
Mit freundlicher Hilfe von Frau Traude Lichtblau gelang es jetzt endlich, die Namen der Toten zu erfahren und sie für unsere Hofer Landsleute bekannt zugeben. Todesursachen waren Erschießen, Gift und die Folge schwerer Verwundung sowie als letzter Ausweg in größter Verzweiflung die Selbsttötung. Wir gedenken in diesen Tagen aller Opfer des Russeneinmarsches und ihres sowie unseres damaligen Leidensweges am Ende des verlorenen Krieges, der den Exodus des sudetendeutschen Volkes einleitete.
Die Aufzeichnungen stammen von unserem unvergessenen Polzer Ferdl, der sie seinerzeit der Heimatstube zur Verfügung stellte. Leider ist das Original des Berichtes nicht mehr auffindbar.
Die Namen in alphabetischer Reihenfolge (ohne Soldaten)
Arbter, Josef geb. 24. 10. 10. gest. 6. 5. 45, erschossen;
Beyer, Otto geb. 21. 12. 85. gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
Beyer, Viktor geb. 21. 7. 84 gest. 5. 5. 45 erschossen;
Biefel, Gustav-Adolf geb. 7. 2. 64 gest. 5. 5. 45 erschossen, (Privatgrab);
Bielecky, Gabriel geb. 3. 3. 77 gest. 4. 5. 45, Bordwaffen-Beschuss;
Blasius, Oswald geb. 26. l, 38 gest. 29. 7. 45 Krankheit, b. Brunn;
Brückner, Gerlinde geb. 24. 1. 34 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
Brückner, Marie geb. 8. 11. 16 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
Brückner, Monika geb. 20. 5. 41 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
Flüchtlingsfrau, unbekannt, gest. 4. 5. 45, erschossen;
Flüchtlingskind, unbekannt, gest. 4. 5. 45, erschossen;
Giller, Agnes geb. 13. 1. 74 gest. 8. 5. 45 Selbsttötung;
Giller, Ferdinand geb. 26. 7. 67 gest. 8. 5. 45, Selbsttötung;
Heinz, Berta geb. 13. 6. 56 gest. 7. 5. 45 Rautenberg;
Janitschke, Julie geb. 26. 1. 71 gest. 4. 5. 45, Bordwaffen-Beschuss,
Kern, Anna geb. 7. 7. 97 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
Kern, Edith geb. 19. 11. 34 gest. 6. 5. 45 Selbsttötung;
Kern, Hans geb. 11. 9. 00 gest. 6. 5. 45 Selbsttötung;
Kiehl, Karl geb. 1. 11. 76 gest. 5. 5. 45 Bordwaffen-Beschuss,
Klappetz, Aloisia geb. 16. 1. 03 gest. 6. 5. 45 Selbsttötung;
Klappetz, Ernst geb. 10. 5. 00 gest. 6. 5. 45 Selbsttötung;
Klappetz, Ingeborg geb. 1. 5. 29 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
König, Adolf geb, nicht bekannt gest. 4. 5. 45, Bordwaffen-Beschuss;
Kreitler, Eduard geb. 10. 3. 93 gest. 4. 5. 45, Bordwaffen-Beschuss;
Krumpholz, Josef geb. 28. 2. 69 gest. 20. 6. 45, Johnsdorf;
Laudi, Frauke geb. 1. 12. 40 gest. 24. 7. 45, Hof, Priv. Grab;
Lorenz, Josefa geb. 31. 5. 76 gest. 5. 5. 45, erschossen;
Lorentz, Moritz geb. 20. 4. 79 gest. 5. 5. 45, erschossen;
Pastuschek, Herta geb. 20. 9. 09 gest. 6. 5. 45 Selbsttötung;
Reiche!, Gustav geb. 8. 6. 59 gest. 5.5. 45, a. d. Flucht;
Rundt, Elli geb. 17. 2. 11 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
Rundt, Heinz geb. 14. 4. 42 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
Schneider, Gertrud geb. ? gest. Mai 45 Bordwaffen-Beschuss;
geb. Ullmann, Luise geb. 28. 4. 84 gest. 6. 5. 45 Selbsttötung;
Zimmer, Ida geb. 17. 5. 91 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung;
Zimmer, Karl geb. 3. 9. 87 gest. 6. 5. 45, Selbsttötung.
Fritz Mildner