Hohes Präsidium!
Festliche Korona!
Sehr verehrte Kartell- und Bundesbrüder!

Dieser Festkommers läßt uns wieder einmal mehr erfahren und verspüren:

Das Couleur–Studententum — oder besser gesagt Farben tragende katholische Akademiker — haben ihren festen Platz in der Geschichte und in der Zukunft unseres Landes. Prinzipien wie Vaterland, Religion, Lebensfreundschaft und Pflege der Wissenschaft sind der gemeinsame Nenner so vieler Kartellbrüder, die auf den verschiedensten Ebenen unserer Heimat segensreich wirken.

Es geht aber nicht nur darum Althergebrachtes zu bewahren, sondern daraus auch die Kraft zur Zukunftsgestaltung zu schöpfen. Aus dem Gestern die Konsequenzen für das Heute ziehen und Verantwortung für Morgen ableiten.

Es geht dabei nicht nur um Wertvorstellungen allein, von denen unser Denken und Sorgen geleitet ist, sondern vielmehr auch um Einsatz und Aktivität für diese Werte.

Werte sind Rückhalt und Auftrag zum Handeln. Dabei erkennt der einzelne sehr rasch die Grenzen seiner Kräfte und Möglichkeiten.

Es bedarf des notwendigen Miteinander und Füreinander.


In einer Gemeinschaft wie der KÖL Austria–Salzburg geht es daher nicht nur um jene Familiarität, die unser modernes Leben braucht. Es geht auch um Präsenz in Gesellschaft und Öffentlichkeit. Vielleicht war in früheren Zeiten diese Präsenz in besonderer Weise durch den Akzent auf Position und Einfluß gekennzeichnet. Heute glaube ich, daß der Akzent auf anderen Begriffen liegen muß: Die Präsenz muß verwirklicht werden durch Überzeugung, Tüchtigkeit, Kompetenz, Eintreten für eine menschlichere Welt und vor allem und hinter allem durch Gottvertrauen. In seiner Bergpredigt drückt Jesus das sehr anschaulich in drei Bildern aus:

"Ihr seid das Salz der Erde — Ihr seid das Licht der Welt — Eine Stadt, die auf dem Berge liegt, kann nicht verborgen bleiben!"

Ja, Salz der Erde, Licht der Welt, Stadt auf dem Berge: Unter diesen biblischen Bildern deuten wir in den farbentragenden katholischen Verbindungen unser Selbst- und Sendungsbewußtsein.


Liebe Freunde!

Ich möchte deshalb drei Wegmarkierungen im Blick auf die Zukunft von diesem heutigen Festkommers mitgeben:

Die erste Wegmarkierung lautet: Unterwegs mit den Menschen! So lautet der Titel eines Buches aus der Feder von Franz Kardinal König. Und unser 82-jähriger Papst Johannes Paul II. plant einen Sozialkatechismus unter demselben Titel! Unterwegs mit den Menschen! Das soll die gesellschaftliche Relevanz unserer Verbindungen beleuchten. Dahinter steht das Bewußtsein: "Wir haben etwas zu sagen — wir haben etwas zu geben, was für die Menschen von heute so wichtig ist!"

Wir geben auf die Fragen der Menschen von heute nicht Antworten von gestern! Wir sind insofern immer auf aktuellem Stand, weil wir aktiv mit unseren Wertvorstellungen eingreifen und Hand anlegen, dort wo es gilt: Mehr Menschsein — Mehr Christsein — Mehr Gemeinschaft in Staat und Kirche zu pflegen.

Es ist ein unverzichtbarer Dienst — trotz aller menschlichen Schwächen und Infragestellungen, mit denen wir in unseren Verbindungen leben müssen, daß es hier Einzelpersonen gibt, die sich an gemeinsame Ideale gebunden wissen, an Ideale, die von der Gottes- und Nächstenliebe getragen sind!

"Unterwegs mit den Menschen" — dies meint zu allererst: Wir gehen auf die Menschen zu! Wir nehmen Anteil an ihren Sorgen, Freuden und Ängsten, Hoffnungen und Erwartungen.

"Unterwegs mit den Menschen" — dies meint weiters: Wir haben Interesse an der gedeihlichen Weiterentwicklung unserer menschlichen Gesellschaft. Das lateinische Wort "Interesse" bedeutet soviel wie "dazwischen sein", "mitten drin sein", "dabeisein". Eine Verbindung ist zum Untergang verurteilt und nimmt suizidale Züge an, wenn sie das Interesse am "bonum commune" verliert, wenn sie durch die menschliche, spirituelle, intellektuelle und berufliche Kompetenz ihrer Mitglieder nicht mehr sauerteigmäßig hineinwirkt in das größere Ganze unserer Mitwelt.


Im katholischen Verbindungswesen hat der Virus mit dem Namen "Ohne mich" keine Chance; eine solche Mentalität kann sich bei uns nicht breit machen. Wenn wir unsere Sinne nicht mehr am Puls des Lebens unserer Zeitgenossen haben, haben wir uns verabschiedet von den Herausforderungen und Möglichkeiten, den Lauf der Dinge maßgeblich mitzugestalten.

"Unterwegs mit den Menschen" bedeutet Solidarität, ohne sich freilich dem Zeitgeist anzupassen oder irgendwelchen Ideologien zu erliegen. Solidarität und Nächstenliebe bedingen einander.

Solidarität bedeutet vorweg Stärkung des Wir–Gefühls nach innen, in die Verbindung herein, aber auch nach außen, in die kleinen und größeren Lebenswelten unserer Mitmenschen hinein.

In einer zunehmend sich versingularisierenden, von Individualismus und Egozentrik geprägten, von Beziehungskälte heimgesuchten Gesellschaft braucht es Menschen, die das Gemeinsame vor das Trennende stellen; auch wenn es nicht modern klingt und unseren Ohren schmeichelt, wenn man sagt: Ohne gewisse Opfer zu bringen, kann unser Leben nicht gelingen!

Es muß uns klar sein, daß Solidarität nur gelebt werden kann, wenn es da Menschen gibt, die ihr Leben für andere einsetzen, ohne zu fragen, was schaut da für mich heraus, was wird dort einmal mein Gewinn und Lohn sein!

"Unterwegs mit den Menschen!" — dies bedeutet auch kein Hehl daraus zu machen, daß wir Antwort geben können auf die drei Grundfragen jedes Menschen: "Woher komme ich — wohin gehe ich — woran kann ich mich halten!"

Weil der Christ ein Mensch der Hoffnung ist und darauf vertraut, daß sein Leben einmal gut ausgehen wird, deshalb kann er auch nicht schweigen von der Hoffnung, die ihn erfüllt! Nicht nur sein Reden, auch sein Verhalten und Tun wird davon künden!

Eine zweite Wegmarkierung lautet: "Bewahrt Euch die Weite des Geistes und des Herzens in der Weite des Lebens!" Eine vor gut zehn Jahren erschienene Festschrift zu Ehren von Abt Odilo Lechner OSB trägt den Titel: "Die Weite des Geistes in der Weite des Lebens!" Für mich ist bei diesem Festkommers die Anwesenheit von so vielen dem Benediktinerorden angehörenden Kartell- und Bundesbrüdem ein schönes und lebendiges Zeichen für diese Weite des Geistes. Steht doch der heilige Benedikt als Patron Europas für eine vom christlichen Geist geprägte und getragene Kultur, ohne die wir uns unser Leben gar nicht mehr vorstellen können. Es erfüllt mich als Kartellseelsorger mit froher Zuversicht, daß hier wieder geistliche Persönlichkeiten nachwachsen, die ganz sicher dem katholischen Couleurstudententum ihren Stempel aufdrücken werden. Mit dem Dank an die Oberen verbinde ich meine aufrichtigen Glück- und Segenswünsche an die Verbindungen, denen diese jungen Theologen als Hoffnungsträger angehören!

Farbentragende katholische Verbindungen sind getragen vom Geist der Aufgeschlossenheit! Unsere vier Prinzipien geben uns das Koordinatensystem an wie diese Aufgeschlossenheit ausschaut:


Das Wort Vaterland wird für uns niemals ein abgegriffener Begriff! Wir halten es mit dem genialen Dichter, der da unüberbietbar schön es auf den Punkt bringt, wenn er sagt:

"Der Österreicher hat ein Vaterland; und er liebt es und hat auch Ursach, es zu lieben!"

Die Religion, der christliche Glaube, das katholische Selbstbewußtsein führt uns aus der Enge dieser vergänglichen Welt in die Weite des Ewigen, der Übernatur, des Reiches Gottes, wie Jesus dies in traumhaft schönen Gleichnissen und Bildern ausmalt. Ein wahrhaft religiöser Mensch kann daher niemals ein verschlossener, engherziger, furchtsamer und ängstlicher sein. Sein Gütesiegel ist das Vertrauen in die Nähe und das Wirken Gottes auch heute. Alfred Delp hat dies im Angesicht des Todes auf den Punkt gebracht, als er sein geistliches Testament auf ein kleines Zetterl im Konzentrationslager niederschrieb, wenige Stunden vor seiner Hinrichtung:

"Laßt uns dem Leben trauen, weil wir es nicht allein zu leben brauchen, sondern weil Gott selbst es mit uns lebt!"

Lebensfreundschaft kündet auf der Visitenkarte eines Couleur–Akademikers von seiner menschlichen Kompetenz, von der Fähigkeit sich anderen zuzuwenden, für sie einzustehen, Freud und Leid zu teilen, ja wenn es sein muß sogar sein Leben einzusetzen, denn "es gibt keine größere Liebe als daß einer sein Leben hingibt für seine Freunde". Dieses Wort aus den Abschiedsreden Jesu charakterisiert die Weite des Herzens im besonderen. Und ist die Richtschnur für das, was wir mit "amicitia" hochhalten wollen.

Und schließlich die Pflege der Wissenschaft ist indispensabel für einen, den das Farbenband ausweist als einen Menschen mit großen Begabungen und Charismen. Wer ein Farbenband trägt, weiß, daß er immer ein Lernender bleibt. Möge in uns ein reger Geist leben, der uns auf dem interdisziplinären Parkett unserer modernen Bildungsgesellschaft ausweist als kundige Leute in den die Menschen bewegenden Fragen. Denn uns muß es, wie Kardinal König einmal einfordert, um den Vorrang des Geistigen vor dem Materiellen gehen. Und gerade in einer Zeit des Wohlstandes und Überflusses an materiellen Gutem dürfen die geistigen Werte nicht verkümmern oder gar verfallen. Dafür haben wir einzustehen, herzustehen und zusammenzustehen!

Und schließlich noch die dritte Wegmarkierung. Ich entnehme sie den Worten eines mit Humor und Fröhlichkeit gesegneten alten Kapuzinerpaters, mit dem ich vor Jahrzehnten Glaubenskurse für hunderte Jugendliche in Rom gehalten habe. Gerne hatte er im Rückblick auf sein acht Jahrzehnte währendes Leben den Spruch auf den Lippen: "Ich wär' längst schon ein Heiliger, wenn mir nicht immer wieder etwas dazwischen gekommen wäre!" — Als ich vor dreißig Jahren meine Primiz feierte, da schenkte er mir ein Bildchen mit dem wegweisenden Wort: Den Weg nicht verlassen — das Ziel nicht vergessen — den Mut nicht verlieren!


Zu diesem Fest der Reaktivierung der Aktivitas der KÖL Austria–Salzburg scheint mir dieser Spruch ein geradezu bestens passender Wegweiser zu sein. Der Weg, der aus der großen Geschichte unseres Vaterlandes Österreich kommt, verpflichtet uns, das, was wir ererbt von unseren Vätern, treu zu hüten und mit der Sorgfalt eines guten Hausvaters weiterzugeben.

Eine Verbindung ist immer geprägt von dieser "diligentia boni patris familias". Menschenverachtende Ideologien und Systeme des 19. und 20. Jahrhunderts wollten den Menschen seiner Geschichte und damit des Erbes seiner Väter entfremden, ihn vom bewährten Weg abbringen und mit falschen Versprechungen auf Fährten locken, wo er im Kollektiv seine Individualität und kostbare Einmaligkeit, ja überhaupt sein Gesicht verlieren sollte.

Als die KÖL Austria Salzburg gegründet wurde, da war klar, daß eine ungemein gute Sache auf den Weg gebracht wurde. Illustre Persönlichkeiten des wissenschaftlichen Lebens traten in ihre Reihen, Männer mit Tatkraft und Ansehen prägten die Jahrzehnte. Ihre Namen bleiben unvergessen, wie etwa ein Prof. Carl Holböck, oder ein René Marcic, oder der international angesehene Kirchenrechtler Willibald Plöchl. Sie haben uns zusammen mit vielen anderen großen Söhnen unserer Heimat den rechten Weg gewiesen. Diesen Weg nicht zu verlassen ist bleibender Auftrag an uns.

"Das Ziel nicht vergessen!" — Von klein auf ist jeder von uns auf einen Weg geschickt mit dem Vorhaben, verschiedene Ziele zu erreichen. Zielstrebigkeit und ein gesundes Maß an Ehrgeiz sollen einen Kartell- und Bundesbruder auszeichnen. Es sind Tugenden, die es in der Gemeinschaft einer Verbindung zu leben gilt. Neben den persönlichen Zielen haben wir das gemeinsame Ziel vor Augen: Wir möchten gemeinsam in der Gesellschaft etwas Positives bewirken! — Vor allem, daß die altbewährten Werte immer wieder neu ins Auge gefaßt und gefördert werden. Wir möchten "Farbe" in unsere Gesellschaft bringen, um sie vor der Verödung im Grau des Alltags zu bewahren.

Unser Bestreben ist es, daß im Wechsel der Zeitläufte die tragenden Fundamente erhalten bleiben und immer wieder mutige Menschen darangehen, auf dem weiterzubauen, was unsere Väter grundgelegt haben.

Und schließlich gilt noch das Dritte: "Den Mut nicht verlieren". Was dies bedeutet, möchte ich am Bild des Salzburger Domes etwas anschaulich machen. Als am 24. und 25. September 1628 Fürsterzbischof Paris Lodron den Dom einweihte, war dieser noch eine große Baustelle. Das Gotteshaus hatte noch keine Fassade und keine Türme. Aber die Halle des Sakralbaues mit der mächtigen Kuppel und einem schönen Altar war errichtet. Man hatte einen Bau begonnen mit der Zuversicht, die nächsten Generationen werden dieses imposante Werk zur Ehre Gottes schon fertig stellen. Es gab keinen Zweifel daran, daß man in der Zukunft dieses einmal begonnene Werk vollenden werde.


Liebe Freunde!

Dies gilt auch für eine Verbindung! Irgendwie bleiben wir immer eine Baustelle! Wir bauen weiter an dem Werk, das frühere Generationen grundgelegt und aufzubauen begonnen haben! Sie waren damals von der Zuversicht getragen, daß man nie aufhören wird, den Stiftungsgedanken rührig weiterzupflegen. Möge uns in diesem Sinne immer Tatendrang beflügeln, möge Gottes Geist uns dabei mit seinen Eingebungen begleiten. Denn wenn der Herrgott selbst mitbaut an diesem schönen Werk, dann brauchen wir den Mut niemals zu verlieren!

Von Herzen wünsche ich zum Fest der Reaktivierung der Aktivitas der katholisch–österreichischen Landsmannschaft Austria–Salzburg den Segen Gottes, die Dynamik froher Gemeinschaft und viele gute Früchte auf dem Weg gemäß diesen aufgezeigten Markierungen. "Austria Salzburg vivat, crescat, floreat! Ad multos annos!"



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Version Nummer 2/2002 vom 28. März 2002
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