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Labyrinth
Das
Labyrinth ist ein Rätsel.
Es ist das All um die Welt, das Leben des Menschen und der Schoß der Mutter
Erde,
die Windungen des Hirns, die Pilgerfahrt, die Reise, der Tod und die
Wiedergeburt,
der Weg zu uns selbst und der Weg zu Gott.
Wer ein Labyrinth begehen will, geht von außen nach innen.
Er macht sich auf einen Weg der Wandlung.[1]
Das Labyrinth gehört zu den ältesten symbolischen Zeichen der Menschheit. Seit Jahrtausenden wird es in Felsen oder Ton geritzt, auf Keramiken gemalt, mit Steinen am Boden ausgelegt oder in alte Handschriften gezeichnet. Das Labyrinth entstand im Mittelmeerraum. Das älteste Labyrinth, das man datieren konnte, fand man bei Ausgrabungen in Pylos in Griechenland. (vor 3200 Jahren) In bestimmten Kulturen war das Labyrinth jahrhundertelang in Gebrauch, manchmal jedoch ist die Geschichte seiner Verwendung kurz. Am Ende unseres Jahrhunderts erlebt das Labyrinth erneut eine Renaissance.[2]
Das ursprüngliche Labyrinth hat im wesentlichen immer die gleiche Form. Von einem Kreuz ausgehend werden anfangs sieben, später mehrere Kreise gezogen, die einen verschlungenen Weg bilden. Dieser Weg hat keine Abzweigungen und bildet keine Sackgassen oder Irrwege. Er führt hin und her, biegt immer wieder nach innen und nach außen ab und gelangt schließlich zur Mitte. Die einzige Sackgasse des Labyrinths liegt im Zentrum selbst. Dort angelangt, muss der Besucher seine Richtung ändern. Nur dann findet er zurück, wenn er sich vollständig umwendet und seinen Eingangsweg zum Ausgangsweg macht. Wer das Labyrinth betritt, ist eingeschlossen. Alles was bis dahin war, muss er zurücklassen. Dieser Weg ist linksläufig: ein Todesweg. Doch wer nicht aufgibt, kommt zur Mitte. Hier geht es um vollständige Wandlung. Die Umkehr im Zentrum ist Tod und Auferstehung zugleich. Dort ist der Ort der Umkehr. Es führt der gleiche Weg wieder nach außen zurück.[3]
sich
auf den Weg zu machen und nicht aufzugeben,
sondern weiterzugehen, weil es ein Ziel gibt.
Am Ende des Weges wartet die Mitte.
Das Labyrinth ist ein Spiegel, ein Bild, ein Symbol für den schwierigen und verschlungenen Lebensweg des Menschen. Es spricht von den Wahrheiten des Lebens, von den Schwierigkeiten und den Kämpfen, aber auch vom Ankommen, von der Mitte und von der neuen Freiheit, wenn man aus dem Labyrinth wieder heraus ist.
Wer ein Labyrinth betritt, hat das Ziel bereits vor Augen. Die Distanz scheint nur kurz zu sein. Doch der Weg führt um die Mitte herum, und dann sogar immer weiter weg bis man fast wieder am Eingang ist. Langsam stellt sich die Frage ein, ob man überhaupt noch auf dem richtigen Weg ist, ob es noch sinnvoll ist weiterzugehen.
Das gotische Labyrinth zieht elf Kreise. Elf ist in der christlichen Zahlensymbolik die Zahl der Unvollkommenheit. Man geht den Weg zur Mitte immer als unvollkommener Mensch, mit allen Fehlern und Irrtümern. Unvollkommenheit, ja Schuld gehören zum Weg des Menschen.
Das Labyrinth ist ein Hinweis darauf, dass der Weg des Menschen zu seiner Mitte ein anspruchsvoller Weg ist. Rasch und billig ist hier nichts zu haben.
Das Labyrinth ist ein Symbol des Lebens. Auch wenn das Leben geprägt ist von Unvollkommenheit, Leid, Entfremdung. Verwirrung. Erfolglosigkeit und Durststrecken, das Labyrinth ist eine Ermutigung und eine Einladung, sich auf den Weg zu machen. Es will ermutigen, zu gehen und weiterzugehen, weil es ein Ziel gibt: Am Ende des Weges wartet die Mitte.
„Keiner
ist so nahe, dass er nicht sehr weit weg kommen kann. Keiner ist so weit weg,
dass er nicht zu Mitte finden kann. Nicht ein bestimmter Abschnitt des Weges ist
ausschlaggebend, sondern der ganze Weg – Nähe und Ferne, Anfang und Ende.“
(nach einem Text von Wilhelm Müller)
Das Geheimnis vom Weg heraus:
Das Labyrinth hat zwei Wege, den
hinein in die Mitte, und den heraus aus der Mitte. Theseus braucht keine Hilfe,
um in der Mitte den Minotaurus zu finden, aber er brauchte den Faden der
Ariadne, um den Weg hinaus zu finden. Es ist leichter zu einer Heldentat
aufzubrechen, als zur Liebe. Der Weg hinein ist ein starker, ein spannender Weg
auf ein Ziel zu. Der Weg heraus ist ein stiller, ein demütiger Weg. Man kennt
ihn schon, und doch ist er wieder lang, für manche zu lang. (vgl. Der
Theseusmythos – Anhang)
Der Weg heraus ist der Weg nach Hause. Das Abenteuer ist vollbracht, Erkenntnis
ist gewonnen, aber jetzt erst kommt das Wichtigere. Wer aus dem Labyrinth
herauseilt, über alle Begrenzungen steigt, und dabei meint, dass ja die Mitte
erreicht und damit alles erledigt ist, hat den wichtigeren Teil versäumt. Denn
der Weg heraus führt zur Güte, zur Demut und zur Liebe.[4]
Der Bedeutungsbereich von Tod und Wiedergeburt verbindet sich mit allen Labyrinthen, seien sie vorchristlich oder christlich. Dabei verknüpft sich der Eintritt ins Labyrinth immer mit der Todessymbolik: Der Innenraum ist durch eine fast geschlossene Grenzlinie gegen die übrige Welt abgehoben, nur an einer Stelle befindet sich ein kleiner, unbetonter Eingang. Hinter diesem Eingang beginnt das „Prinzip Umweg“. Der verfügbare Raum wird mit einem Maximum an Wegen ausgefüllt, das heißt auch mit einem Maximum an Zeitverlust und Belastung; glaubt man sich dem Ziel zum Greifen nahe, sieht man sich gleich darauf wieder an der Peripherie. Dennoch kann die Mitte nicht verfehlt werden. Im Gesichtsfeld unserer Betrachtung bedeutet sie Tod. Dort ist der Weg zu Ende; es geht nicht mehr weiter, es sei denn, nun würde ein grundlegender Richtungswechsel erfolgen, eine Kehrtwendung um 180 Grad. Allerdings darf man den nun folgenden Weg nicht nur als eine Negation des Hinweges sehen, denn er liegt keineswegs auf derselben Ebene. Wer die Mitte erreichte und von dort zurückkehrt, tut es nicht als „alter Adam“, sondern wiedergeboren zu einer neuen Existenz: im Zentrum vollziehen sich Tod und Wiedergeburt.[5]
Das Christentum hat das Labyrinth schon früh in seinen Symbolschatz aufgenommen. In einer der ältesten erhaltenen Kathedralen der Welt, der 324 n. Chr. Erbauten Reparatusbasilika in El Asnam in Algerien gibt es ein Bodenmosaik mit einem Labyrinth römischen Typus und einem seltsamen Spruchspiel in der Mitte. Vom Mittelpunkt (S) aus, ist in jede erdenkliche Richtung das gleiche Wort zu lesen. Es ist, als ob damit ausgedrückt werden soll, dass Christus den Kampf mit dem Ungeheuer für die Menschen gewinnt, und in der Umkehr zu neuem Leben führt. Von ihm aus wächst in jede Richtung die SANTA ECCLESIA – die Heilige Kirche.
In frühmittelalterlichen Handschriften finden sich immer wieder Labyrinthdarstellungen. Die ältesten Überlieferungen verwenden das Labyrinth klassischen Typs. Mit der Zeit verändert es seine Form. Es entstand das sogenannte Otfriedlabyrinth und das gotische Labyrinth. In der Gotik erlebte das Labyrinth eine Blütezeit und wurde in vielen gotischen Kathedralen eingebaut. Das gotische oder mittelalterlich-christliche Labyrinth ist dadurch gekennzeichnet, dass Kreis- und Kreuzmitte miteinander verschmelzen. Das Kreuz rückt in den Mittelpunkt und die Anordnung der Wege wird am Kreuz ausgerichtet.[6]
Da ich das Labyrinth der Kathedrale von Chartres schon ergehen konnte, und es mir so vertraut geworden ist, möchte ich auf dieses Labyrinth näher eingehen. Die großen Kathedralen hatten in ihren Langhäusern Bodenlabyrinthe. Diese waren nach Westen geöffnet, zur Todesrichtung hin. In voller Breite schöpften die Labyrinthe das Kirchenschiff aus. Niemand konnte ihnen auf dem Weg zum Altar ausweichen. Jeder sollte das Labyrinth durchschreiten, um sich zu läutern und neu zu werden. In diesen Kirchenlabyrinthen bilden Halbachsen ein Kreuz über der labyrinthischen Welt: Wie Theseus, der griechische Held, hat Christus aus dem Tod zu neuem Leben befreit.[7]
Eine Zerstörung der Bodenlabyrinthe in französischen Kathedralen war der Renovierung dieser Labyrinthe vorausgegangen. Die Prälaten hatten das Verständnis für deren theologische Bedeutung längst verloren und ärgerten sich allenfalls über die Kinder und einfachen Leute, die mit spielerischer Freude und etwas Lärm „la lieue“ (die Meile“ durchmaßen, wie in Chartres das Labyrinth in Anspielung auf die angebliche Länge des Weges genannt wurde.
Da die großen Labyrinthe Umgangsfiguren waren mit einem Durchmesser zwischen 10 und 12 m, luden sie die Kirchenbesucher zum Abschreiten des ganzen Weges (in Chartres 294m) ein.[8]
Das besondere an diesem Labyrinth ist jedoch, dass es mit der Fensterrosette im Westen korrespondiert (würde man die Westmauer umlegen deckt sich das Labyrinth mit der Rosette).[9]

Das Labyrinth ist ein heiliges und
heilendes Zeichen.
Wer es begeht wird gewandelt.
Wer
die Mitte erreicht wird umarmt.
Wer zurückgeht trägt einen Schatz mit sich.
Viele Völker feiern die Einführung der
Jugendlichen in die Welt und den Stand eines Erwachsenen mit großen, oft
wochenlangen Festen. In unserer Kultur ist dieses Ereignis ziemlich verkümmert.
Die kirchlichen Feste der Firmung und der Konfirmation beinhalten noch ein wenig
von diesem Ritual. Aber die Aufnahme als Vollmitglieder in eine christliche
Gemeinde ist letztlich sehr abstrakt, es fehlen die Männer, die den Jungen
sagen, dass sie jetzt Männer sind, und die Frauen, die die Mädchen in ihrem
Frausein willkommen heißen.
In allen Kulturen wird die Initiation von Jungen und Mädchen getrennt gefeiert.
Das hat gute Gründe. Mädchen wissen manches über das Leben (z.B. dass es
schmerzvoll und blutig ist) von alleine. Jungen müssen das erst mühsam lernen.
Es gibt mehrere Hinweise, dass das Labyrinth im Rahmen von Initiationsriten
verwendet wurde. Das ist nicht verwunderlich, denn im Labyrinth werden
grundlegende Lebensweisheiten ausgedrückt. Diese Wahrheiten soll der
Jugendliche, der in die Erwachsenenwelt eintritt lernen, erfahren und
verinnerlichen. Leider gibt es kaum Material zu authentischen Initiationsriten
in unserer eigenen Kultur, deshalb ist man auf neue Erfindungen zum Ablauf eines
solchen Rituals angewiesen. Die Initiationsfeier auf einen Abend zu beschränken,
ist natürlich auch nur ein „leichtgewichtiges“ Feiern, aber ein
eindrucksvolles Erlebnis kann daraus dennoch entstehen. Vielleicht kann durch
bessere Erforschung alter Bräuche und Erfindungsreichtum engagierter
„Paten“ ein gutes und passendes Initiieren von Jugendlichen in unserer
Kultur entwickelt werden.
Fünf Grundwahrheiten des Lebens, die im Labyrinth ausgedrückt werden:
" Das Leben ist schwierig.
" Du wirst sterben.
" Du bist ein Teil vom Ganzen.
" Das Leben dreht sich nicht um dich.
" Es gibt Verwandlung.[10]
[1] Halbfas Hubertus, Religionsbuch für das 4. Schuljahr, Düsseldorf 1986 (Patmos) Seite 87
[2] Candolini Gernot, Labyrinhte. Ein Praxisbuch zum Malen, Bauen, Tanzen, Spielen, Meditieren und Feiern, Augsburg 1999 (Pattloch) Seite 5f
[3] Candolini Gernot, Labyrinhte. Ein Praxisbuch zum Malen, Bauen, Tanzen, Spielen, Meditieren und Feiern, Augsburg 1999 (Pattloch) Seite 6
[4] Candolini Gernot, Labyrinhte. Ein Praxisbuch zum Malen, Bauen, Tanzen, Spielen, Meditieren und Feiern, Augsburg 1999 (Pattloch) Seite 16ff
[5] Halbfas Hubertus, Religionsunterricht in der Grundschule. Lehrerhandbuch 4, Düsseldorf 1986 (Patmos) Seite 508f
[6] Candolini Gernot, Labyrinhte. Ein Praxisbuch zum Malen, Bauen, Tanzen, Spielen, Meditieren und Feiern, Augsburg 1999 (Pattloch) Seite 9f
[7] Halbfas Hubertus, Religionsbuch für das 4. Schuljahr, Düsseldorf 1986 (Patmos) Seite 90
[8] Halbfas Hubertus, Religionsunterricht in der Grundschule. Lehrerhandbuch 4, Düsseldorf 1986 (Patmos) Seite 506
[9] Candolini Gernot, Labyrinhte. Geheimnisvolle Symbolik, (Skriptum) Seite 34
[10] Candolini Gernot, Labyrinhte. Ein Praxisbuch zum Malen, Bauen, Tanzen, Spielen, Meditieren und Feiern, Augsburg 1999 (Pattloch) Seite 47