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Der Theseusmythos

Das Labyrinth als Irrgarten, als
unterirdische Verirrungsfalle, wird üblicherweise mit der Geschichte von
Theseus, der den Minotaurus mit Ariadnes Hilfe besiegt, verbunden. Die
Vorstellung von einem großen, verzweigten Höhlen-, Gang- und Kammernsystem mit
vielen Seitengängen und Sackgassen weckt die Urangst vor dem Verlorengehen, vor
dem Verdursten in Orientierungslosigkeit, gefangen von etwas zu Großem, als das
man es mit seinen Sinnen, und mit dem Verstand in den Griff bekommen würde.
Wenn der Mut und die Kräfte schwinden, bleibt nur das Warten auf das
Ungeheuer....
Der britische Forscher Arthur Evans hat im
Grundriss das Palastes von Knossos mit seinen unzähligen Kammern geglaubt das
Labyrinth finden zu können, doch er hat eines nicht bedacht. Das Labyrinth
wurde in alter Zeit nie als Irrgarten verstanden. Die 3000 Jahre alten
Darstellungen auf den kretischen Münzen überraschen. Das Labyrinth ist eine
perfekt geplante einheitliche Figur. Sie wird nach genauen Regeln konstruiert,
und sie hat nur einen Weg zur Mitte. Es gibt gar keine Möglichkeit sich zu
verirren. Der Weg führt verschlungen hin und her, und umkreist sieben Mal die
Mitte, bevor er sie erreicht. Jeder der nicht zu früh umkehrt, kommt an. Sitzt
das Ungeheuer nun wartend in der Mitte?
Wozu braucht der Held den Faden der Ariadne? Und was soll das Labyrinth nun
Bedeuten, wenn man sich darin gar nicht verirren kann?
Von der alten griechischen Sage gibt es verschiedene Fassungen und eine vielfältige Wiederverwendung des Themas in Opern (z.B. Ariadne auf Naxos) und modernen Erzählungen. Der Grundaufbau der Geschichte ist folgender:
König Minos von Kreta möchte ein Opfer
bringen und bittet den Gott Poseidon um einen Opferstier. Dieser lässt aus dem
Meer einen weißen Stier hervortreten, der so prächtig und schön ist, dass ihn
König Minos lieber in seinen eigenen Stall stellt und an seiner statt einen
anderen opfert. Dies erzürnt Poseidon und er sinnt auf Rache. Dazu denkt er
sich etwas ganz besonderes aus. Er bewirkt, dass sich die Frau des Königs,
Pasiphae, in den weißen Stier verliebt. Sie ist so entbrannt, dass sie Dädalos
bitten, ihr eine hölzerne Kuh zu bauen, in die sie schlüpfen kann, um vom
Geliebten begattet werden zu können. Das Ergebnis dieser seltsamen Liebschaft
ist Minotaurus ein ungeheuerliches Stier-Mensch Mischwesen.
König Minos weiß um seine Mitschuld an dieser unangenehmen Geschichte und wagt
daher nicht den Minotaurus zu töten, sondern gibt dem „Leonardo da Vinci der
Antike“ Dädalos den Auftrag eine Lösung für das Problem zu finden. Der
Architekt und Künstler entwirft ein Labyrinth, in dem man den Minotaurus
verbergen und gefangen halten konnte.
In der Folge bekommt König Minos mit seiner Frau einen Sohn und eine Tochter
die Ariadne heißt. Der Sohn fällt in einem Kampf gegen Athen und der
Rachefeldzug bringt einen Sieg für die Kreter. Als Strafe müssen nun die
Athener alle neun Jahre sieben Jungfrauen und sieben Männer als Opfer für den
Minotaurus abliefern. Als zum dritten Male die Auslosung stattfindet, murren,
die Leute, dass das Königshaus ausgenommen ist. Daraufhin meldet sich der junge
Königssohn Theseus, der außer Haus aufgewachsen war, freiwillig als eines der
Opfer. Er verspricht seinem Vater bei einer glücklichen Rückkehr ein weißes
Segel zu setzten. Das Schiff mit den Auserwählten fährt mit schwarzen Segeln
nach Kreta.
Dort angekommen verliebt sich Ariadne in Theseus und steckt ihm vor dem Gang ins
Labyrinth ein Schwert und einen Fadenknäuel zu. Theseus tötet den Minotaurus
in der Mitte des Labyrinths und findet mit Hilfe des Fadens der Ariadne den
Ausgang wieder. Zusammen mit ihr und den befreiten Geiseln flüchten sie von
Kreta und machen Station in Delos, wo sie ihre Befreiung mit einem fröhlichen
Tanz feiern. Beim nächsten Halt auf der Insel Naxos lässt Theseus überraschend
Ariadne sitzen und segelt ohne sie heim nach Athen. Er vergisst die Segel zu
wechseln und als Ägeus, der Vater, des Theseus, das schwarze Segel sieht, stürzt
er sich voller Grimm ins Meer. Theseus wird daraufhin König von Athen.
Interpretation zum Theseusmythos:
Märchen und Mythen sind Geschichten über unsere Seele, manchmal an reale geschichtliche Personen angelehnt, aber nie als Geschichtsbeschreibung gedacht.
Beim König Minos beginnt die
Seelengeschichte der Habgier. Er will den schönen Stier besitzen und nicht
einem anderen opfern. Das Resultat ist die Vermischung von menschlichem und
tierischem. Gleich zu Beginn ein ewiges Thema der Menschheit. Wie menschlich
sind wir? Wie tierisch benehmen wir uns? Dabei wird das Böse ja nur auf die
Tiere projiziert. Tier sind nicht böse, und wenn wir sagen: Du Schwein!, so ist
das genaugenommen eine Beleidigung des Schweins. Aber wenn wir in uns oder in
anderen das Böse bemerken, so nehmen wir gern das Wilde, das Tierische um es zu
beschreiben.
Minotaurus ist die Verkörperung des tierischen Menschen, ein Ungeheuer, eine
Schande, eine Bedrohung. Er ist der „Unmensch“, die logische Folge
amoralischen Handelns. Die Rolle der Königin tritt in den Hintergrund, trotzdem
scheint es seltsam, wie sie von einem Stier nur so besessen sein kann. Ist die
Verzauberung des Poseidon so überwältigend? Lässt sie sich zu schnell von Gefühlen
treiben? Ihr Name Pasiphe, ist praktisch ident mit passiv. Soll damit angedeutet
werden, dass allzu passive Weiblichkeit, das Tierische weckt? Die Lösung dieser
Frage ist kompliziert und vielschichtig. Die Königin so ganz in die Schublade
der apssiven, gefühlsdirigierten Frau zu stecken geht nicht. Dazu lässt sie
mit zu viel aktivem Kalkül, von Dädalus den „Weg“ zum Geliebten bauen.
Minos und Pasiphe sind beide gefangen von der Gier, Minos will besitzen was ihm
nicht zusteht, Pasiphe will geliebt und fruchtbar sein, egal um welchen Preis.
Theseus ist der Held der Geschichte. Er ist von reiner Tapferkeit. Er meldet
sich freiwillig zum Abenteuer, er zieht fort vom Vaterhaus, um das Leben zu
erobern. Aber was nützt der größte Heldenmut, wenn nicht die Liebe ins
menschliche Herz einzieht?
Ariadne bewahrt Theseus nicht nur vom blinden Draufgängertum und gibt ihm das
Schwert, das Werkzeug zum Siegen, sie gibt ihm auch den Faden, um den Weg zurück
zu finden. Theseus ist ein zielstrebiger und erfolgreicher Mann. Das Böse wird
rasch gestellt und zerstört. Kein großer Kampf, kein Sieg im letzen
Augenblick. Wer mit solcher Energie auf ein Ziel losgeht, hat meist keine großen
Gegner mehr. So einfach wird dem Minotaurus der Kopf abgeschnitten, dass man
fast noch Mitleid bekommt. Was kann er auch dafür, der Arme, das Schicksalsbündel
seiner Eltern. Vielleicht war er gar nicht das böse Grauen, sonder das gute
Biest. So betrachte, fällt auf, dass genaugenommen die Geschichte nicht erzählt,
dass Minotaurus die ausgelosten Jünglinge und Jungfrauen getötet und gefressen
hat, sondern es heißt, sie wurden ihm geopfert. Wer hat also die Kinder getötet?
Die Schergen des Königs? Egal, wer es war, das Böse ist Projektion, wir
brauchen immer eine Figur, ein Biest, einen Menschen, eine Partei, ein Volk,
eine Nation, in die wir das Böse hinein projizieren können. Es gibt nur einen
Ort, wo das Böse wirklich ist. Dieser Ort ist in uns.
Wenn man der Bedeutung des Fadens der Ariadne auf die Spur kommen will, steht
sich zunächst die Frage. Warum braucht Theseus, der den Weg nach innen
scheinbar mühelos findet, eine Hilfe um den Ausgang wieder zu finden? Für
Theseus, der ja den Prototyp des tollen Mannes darstellt, ist es offenbar
leichter den Weg zu Heldentaten zu finden, als den Weg zurück. Aber dieser Weg
zurück ist der Weg zur Liebsten, es ist der Weg zur Liebe. Der „Heldenweg“
fällt dem Mann sichtlich leichter. Kaum ist ein Ziel erreicht, sucht er ein
neues, kaum ist ein Feind besiegt, sucht er den nächsten. Aber das ist nur der
Weg in eine Richtung, man muss auch zurückgehen können, zu dem, was den
Heldensieg erst ermöglicht hat. Liebe lässt sich weder auf Schlachtfeldern
noch in Bürotürmen finden. Ohne Faden der Ariadne würden viele Männer das
nicht merken.
Wenn ein Sieg errungen ist, muss auch gefeiert werden. Die befreiten Geiseln
tanzen mit Theseus und Ariadne auf Delos den Kranichtanz, ein Tanz der Liebe,
der Lebensfreude und Erneuerung.
Warum Theseus Ariadne auf Naxos sitzen lässt, ist ein seltsamer Teil der
Geschichte, denn normalerweise müsste es ja heißen: Und sie lebten glücklich
und zufrieden bis an das Ende ihrer Tage. Interessanterweise unterscheiden sich
an dieser Stelle die einzelnen Fassungen der Geschichte am deutlichsten. Da wird
ein rascher (unreifer?) Wechsel des Helden zu einer anderen Geliebten angeboten,
der Tod Ariadnes bei einer Fehlgeburt, oder sie verschläft gar die Abfahrt des
Schiffes, usw. Deshalb bleibt der Verdacht, dass alle Versionen nachträgliche
Versuche sind, etwas zu beschreiben, das letztlich nicht erklärbar ist. Es gibt
manchmal in Beziehungen, die sich gerade bestens zu entwickeln scheinen, ein „Blitz-aus-erlebnis“:
„Sie/Er ist es nicht!“ Dieses Wissen ist glasklar und scheint auf
irgendwelchen Tiefen der Seele zu kommen. In so einem Fall bleiben alle
Antworten auf die Frage: „Warum hast du mich eigentlich verlassen?“ auf ewig
unbefriedigend.
Warum Theseus vor der Heimkehr die schwarzen Segel gegen die weißen zu tauschen
vergisst, ist schon leichter zu verstehen. Der mächtige Vater wird überwunden,
der Junge löst den Alten ab und wird König. Dass es gleich ein tragischer
Selbstmord sein muss, liegt an der üblichen Dramaturgie dieser Geschichten.
Die Bedeutung des Labyrinthes selbst in der
Erzählung legt den Grundstein für seine weitere Verwendung in der
Kulturgeschichte.
Das Labyrinth ist die Gebärmutter der Seele, der Initiationsweg, der Weg der
Wandlung. ES ist ein dunkler ein schwieriger Weg. Nichts ist einfach, nichts
geradlinig. Kaum meint man anzukommen, führt eine Wendung schon wieder woanders
hin. Dieser Weg ist wie jedes Leben auch, damit ist das Labyrinth ein Symbol des
Lebensweges. Aber es ist nicht nur schwierig und lang, man kommt auch an, wenn
man nur immer weitergeht. In der Mitte ist das Ziel (nicht das Ende!). Ort der
Begegnung mit dem Bösen, Ort der Erkenntnis, Ort der Umkehr. Wer umkehrt macht
den Eingangsweg zum Ausgangsweg. Nach dem Sieg über das Böse, muss der Gewinn
der Liebe kommen. Hinein führt ein spannender, abenteuerlicher Weg, hin auf ein
Ziel. Heraus führt ein stiller, demütiger Weg, ein Weg wo man zwar schon sagen
darf: „Ich weiß“, aber noch nicht am eigentlichen Ziel ist. Nur das Wissen
um beide Wege, den Heldenweg und den Liebesweg, das Wissen wie das Leben läuft,
wie schwach und schuldig man selbst ist, wie wenig eine Heldentat ist, führt
zur Milde, zur Barmherzigkeit und letztlich zur Liebe.[1]
[1] Candolini Gernot, Labyrinhte. Geheimnisvolle Symbolik, (Skriptum) Seite 8ff