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Rituale

In Symbol und Ritual wird gleichermaßen versucht, dem Menschen eine Wirklichkeit nahe zubringen über seine biologischen Wahrnehmungsmöglichkeiten hinaus.“

(Harald Schützeichel)[1]

Annäherungen an den Begriff „Ritual“

Es gibt eine Reihe von Wörtern mit vergleichbarem Begriffsinhalt. Zu ihnen gehören „Gewohnheit“, „Brauch“, „Tradition“, „Sitte“, „Zeremonie“ und auch „Symbol“. Am Beispiel des Rauchens kann dies erläutert werden.
Wenn jemand pro Tag zwanzig Zigaretten raucht, ist das eine Angewohnheit. Zum Ritual wird sie dann, wenn sie zu bestimmten Zeiten in gleicher Weise, die auch anderen bekannt ist, abläuft. Als typisch für Indianer Nordamerikas gilt, eine Friedenspfeife zu rauchen; dies kann als Brauch, bei stärkerem Bezug auf den Ablauf als Zeremonie oder auch als Symbol für Frieden gesehen werden. Ein Ritus wird zu einem „Klischee“, wenn ein „rituelles Verhalten“ ohne innere Beteiligung abläuft.

 

Ritual und Sakrament

Nach Leonardo Boff zeichnet sich ein Sakrament, allgemeiner ein Ritual, durch drei Merkmale aus:

  1. Immanenz („Da-sein“)
    Es muss da sein – also spürbar, hörbar, sehbar
  2. Transparenz („Entschlüsselbarkeit“)
    Es muss klar sein – jedem Teilnehmer muss bewusst sein, was geschieht
  3. Transzendenz (übergeordneter Sinn)
    Es muss über sich selbst hinausweisen – es muss mehr sein als seine Handlung

„Leonardo Boffs Aufzählung ist für mich damit immer noch die schlüssigste Definition nicht nur eines Sakraments, sondern auch eines Rituals. Gleichzeitig beinhaltet es die Lösung eines Problems: Scheinen dem einen Rituale als Ballast, die das Leben komplizierter machen, als es ohnehin schon ist, sind Rituale, Feiern aus dieser Warte mehr als Frage eines erweiterten Bewusstseins, der Sinngebung als einer besonderen wirtschaftlichen oder zeitlichen Kapazität. Weder Geld noch Zeit machen ein Ritual zum Ritual, sondern der Sinn, den es macht.“ (Kathrin Kiss)

Jugendrituale – Versuch einer Definition

"           Jugendrituale – sind typische Gesten, standardisierte Handlungsabläufe und komplexe Verhaltensmuster aus der Alltagsästhetik von 13- bis 21-Jährigen. Als Subjekte dieser Selbstinszenierungen agieren einzelne Kids oder ihre informellen Gruppen (Cliquen und Szenen).
Wesentliche Elemente dieser symbolisch-expressiven („Zeichen“-) Handlungen sind:
* Outfit
* Körperkonzept (soft/hardcore/cool/macho...)
* Musikstil (Lebensrhythmus/Feeling/Stimmung)
*Sprachmuster (Szene-Slang)
* Erlebnisparadigmen (Action/Protest/Unterhaltung)
* Genussschemata (Akzeptanz bzw. Ablehnung bestimmter Drogen)

"           Jugendrituale – dienen der Demonstration des eigenen Lebensgefühls sowie des persönlichen Lebensstils. Als Form der Selbstinszenierung sind Jugendrituale bestimmt durch die Suche nach Sinn, Ganzheit und Gemeinschaft. Sie distanzieren von alltäglich erfahrener Entfremdung, stellen zugleich Intimität und Öffentlichkeit her: Die eigene Szene wird in ritualisierten Handlungen gegenüber verordneten Lebenswelten abgegrenzt (Schule/Betrieb/Elternhaus) und zugleich als Gegenwelt vergegenwärtigt.

"           Jugendrituale – besitzen die Ambivalenz aller Rituale: Sie können kreative, offene spielerische Inszenierungen sein, die Partizipation ermöglichen, Alltag konturieren und neue, freie Umgangsformen wagen. Im negativen Sinn dieser Ambivalenz stehen manche Jugendrituale in der Gefahr, fremde Stile (Jugend-)Kulturen und Andersdenkende aggressiv zu entwerten.

"           Jugendrituale – unterliegen häufig den offensiven Strategien der Konsumindustrie. Die Selbstinszenierung Jugendlicher wird in diesem Kontext zum Playback künstlich erwirkter Trends und Stile, Jugendliche werden zur Werbefläche eines bestimmten Konzerns, verkörpern Träume und Visionen aus zweiter Hand.

 

Einige Schwellenrituale konkret

a)      Christliche Schwellenrituale wie Taufe und Kommunion werden auch heute nachgefragt, ihre das Leben bestimmende Bedeutung wird allerdings schwächer. Dies mag auch für andere Sakramente gelten.

b)      Die Firmung und die Konfirmation sind von ihrer Idee her Marksteine auf dem Weg zum mündigen Christen, eine „Stärkung“ (firmus = stark, fest), die zum Weitergehen auf dem Weg zum Christsein befähigen will. Firmling bzw. Konfirmand/in sollen getragen sein von der glaubenden Gemeinschaft. Die Individualisierung des Lebens mag die Bedeutung dieser Riten nicht mehr so bedeutsam erscheinen lassen.

c)      Es kann überlegt werden, welche Ereignisse im Leben eines Jugendlichen oder jungen Erwachsenen eine große Bedeutung besitzen. Genannt seien Schulabschlüsse und die bestandene Führerscheinprüfung. Im ersten Fall wird seit einigen Jahren der letzte Schultag der Abschlussklasse in besonderer Weise gestaltet. Hier haben sich vielfach neue Riten ausgebildet; der Tag der feierlichen Entlassung wird auch durch Gottesdienste mitgestaltet.[2]

 

[1] Kall Alfred, Mingenbach Hans-Michael. Rituale, aus Religion betrifft uns (Zeitschrift) Nr. 5/2000 Rituale. Stützpfeiler im Lebensgebäude, Seite 1

[2] Kall Alfred, Mingenbach Hans-Michael. Rituale, aus Religion betrifft uns (Zeitschrift) Nr. 5/2000 Rituale. Stützpfeiler im Lebensgebäude, Seite 1ff

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