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Spiritualität

Nimm dir Zeit...

... den Himmel zu betrachten.
Suche Gestalten in den Wolken.
Höre das Wehen des Windes.
Und berühre das kühle Wasser.
Gehe mit leisen Schritten.

 Grundlegende Überlegung zum Wort Spiritualität

Spiritualität ist zu einem Schlüsselwort heutiger Religiosität geworden. Einen großen Aufschwung hat das Wort durch das New Age-Denken und die sogenannte Esoterik genommen. Hier werden unter Spiritualität persönliche und direkte Erfahrungen „transpersonaler“ oder transzendenter Art verstanden. Dieser „direkte“ Zugang zum „Göttlichen“ stehe im Gegensatz zur „Religion“. Religion meint dabei die Riten und Glaubenslehren einer organisierten Religion, wie z.B. der christlichen Kirchen. Die Hochschätzung des Wortes in New Age und Esoterik-Kreisen beruhte auf der Hoffnung, dass „Spiritualität“ Mensch und Gesellschaft auf eine „höhere Bewusstseinsstufe“ heben könne.
“Spiritualität“ ist für manche zum Reizwort geworden.
Doch auch im christlichen und kirchlichen Bereich wird das Wort ausgiebig verwendet, hier ebenfalls nicht selten in der Hoffnung, dass „Spiritualität“ die ausgezehrte Frömmigkeit der Großkirchen beleben und erneuern könne.[1]

 

Biblisch-christliche Wurzeln zum Wort Spiritualität

Das Wort Spiritualität geht über den Bereich des Christentums hinaus, sein Ursprung liegt aber in der biblischen und christlichen Tradition.

„Spiritualität“ geht auf das lateinische „spiritualis“, dies wieder auf das griechische „pneumatikos“ zurück. Diese Ausdrücke werden im allgemeinen mit „geistlich“ übersetzt. Spiritualität wäre dann: der Sinn für „geistliche“ Dinge, „geistliches“ Leben. Damit verbinden sich aber Vorstellungen, die für die wenigsten von uns einladend wirken. (Nicht einmal Pfarrer wollen heute mehr „Geistliche“ sein!) Und so verwendet man lieber die Bezeichnungen „spirituell“ und „Spiritualität“. Doch unser Wort „geistlich“ trifft die biblische Ursprungsbedeutung von pneumatikos kaum mehr. Das dazugehörige Nomen Pneuma (das für das hebräische ruach steht und dem lateinischen spiritus entspricht) bedeutet „Wind, Hauch, Lebenskraft“ und dann im übertragenen Sinne „Seele, Geist“ (als den Zentren menschlicher Lebensäußerungen). Für die Menschen der Bibel war also der Ausdruck „Geist Gottes“ ganz anders gefüllt als unser „Heiliger Geist“!

Auf Gott bezogen bezeichnet pneuma in der Bibel den schöpferischen „Geist“ Gottes, der die Dinge und Wesen des Kosmos ins Dasein gerufen und zu einem sinnvollen Miteinander geordnet und bestimmt hat. Pneuma wird weiterhin die lebensschaffende und –erhaltende „Kraft“ Gottes genannt, die Schöpfung und Mensch durchwaltet. Des weiteren wird die „Inspiriertheit“ von Propheten und anderen Gottesmännern und –frauen auf das Pneuma Gottes zurückgeführt.
Nach dem Neuen Testament erweckt er den Glauben und ermöglicht das neue Leben in Jesus Christus. Seine Wirkungen sind Liebe, Hoffnung, Erkenntnis und andere Gaben. Überhaupt ist die christliche Existenz durch das Leben aus und im Geiste Gottes bestimmt. Der Geist Gottes führt den Menschen durch den Glauben an Jesus Christus und den Weg der Nachfolge wieder zum Ursprung und zur Mitte seines Lebens zurück, wovon er sich getrennt hat. Der Geist Gottes befreit den Menschen zu sich selbst und lässt ihn wahrnehmen, was er ursprünglich und im innersten ist: „Ebenbild“ und „Kind“ Gottes.[2]

 

Kinder/Jugendliche und Spiritualität – Psychologische und Religionspädagogische Überlegungen

Kinder haben andere spirituelle Bedürfnisse als Erwachsene, und ihnen entspricht eine andere Art von Spiritualität, als Erwachsene sie praktizieren.
Spiritualität erwächst aus der Lebenslinie und der darin enthaltenen Gottesbeziehung. Angebote an junge Menschen müssen sich an deren Entwicklung, an ihre religiöse Stufe anschließen.
Es ist religionspädagogisch bedenklich, Kinder und Jugendliche in eine vollentwickelte und fest geprägte Form der Spiritualität hinein zu nehmen, die von Erwachsenen ausgeht. Solche Formen lassen der eigenen Suche, den eigenen Gestaltungsfähigkeiten und der eigenen Entwicklung von jungen Menschen keinen Raum mehr. Irgendwann einmal kommt die Ablehnung. Dann suchen Jugendliche eine ganz andere Spiritualität oder lehnen eine spirituelle Lebensgestaltung ab. Im letzteren Falle kann dann die spirituelle Entwicklung im Erwachsenenalter blockiert sein.
Sicher ist es ein Unterschied, ob Kinder und Jugendliche Spiritualität in der Familie, in der Jugendgruppe, in der Schule oder in der Gemeinde kennen lernen. Das Maß an Geprägtheit und Verbindlichkeit kann hier unterschiedlich sein. Aber Spiritualität, in die junge Menschen hineingenommen werden, sollte immer einladenden Charakter haben, sie sollte ein Angebot sein und Distanzierung ermöglichen. Sie hat für Kinder und Jugendliche nur einen Sinn, wenn diese sich mit ihrer Person in sie einbringen und sie auch mit- oder umgestalten können.
Kinder sind daraufhin ansprechbar, wenn elementare Lebensvorgänge wie Essen, Trinken, Atmen, Bewegung, Ruhe, Wachsen, Vergehen u.a. auf Gott hin, den Geber alles Lebens, „transparent“ gemacht werden. Sie möchten Grunderfahrungen wie Staunen, Freude, Dankbarkeit, Trauer mitteilen und können dafür aufgeschlossen werden, dabei auch Gott einzubeziehen.

* Sie schätzen Aufgaben und Übungen, die ihr Vertrauen zu sich, zu ihren Fähigkeiten, zu Mitmenschen und Umwelt, zum Leben, stärken.

* Sie haben ein Bedürfnis, zu sich selbst, zu ihrer Mitte, zu Ruhe zu finden.

* Sie suchen nach Ritualen, die den Tageslauf und andere Zeiten gliedern und bewältigen helfen.

* Sie feiern gerne Feste, die sich auf die Ereignisse ihres Lebens und des Jahres beziehen.

* Sie sind meist leicht zu bewegen, bei „guten Taten „ mitzumachen.

Bei Jugendlichen kann die Suche nach Identität, Sinn, Lebensorientierung und ihr Bedürfnis, damit zu experimentieren, aufgenommen werden. Sie sind für Übungen aufgeschlossen, in denen Selbsterforschung, Selbsterprobung, intensives Erleben, Trance und Ekstase eine Rolle spielen. Der Blick auf die verschiedenen Spielarten der Jugendkultur zeigt die geheime Sehnsucht und Suche nach Spiritualität: Symbole, Musik, Aktivitäten und Idole können oft Chiffren für Ich-Entgrenzung, Alltagstranszendierung und Sinnverortung erkannt werden. (Jugendokkultismus)

Kinder und Jugendliche entwickeln aber auch eine Spiritualität, die über diese mehr oder weniger verborgenen Bedürfnisse und Suchbewegungen hinausgeht. Sie resultiert aus einer expliziteren und bewussteren Gottesbeziehung.
In der Jugendphase wird die religiöse Welt noch einmal überprüft und neu aufgebaut – sofern der Anreiz dazu da ist. Viele Jugendliche setzen sich intensiv mit ihrer bisherigen Gottesbeziehung auseinander und möchten sie neu, persönlicher, „geistiger“ und oft auch verbindlicher gestalten als bisher. Mit zunehmenden Alter sind Jugendliche auch für entwickeltere Formen der Spiritualität empfänglich. Einige engagieren sich in kirchlich-diakonischen Gruppen. Andere schließen sich evangelikalen Kreisen an, wo sie eine feste Orientierung finden. Manche finden ihre geistliche Heimat in charismatischen Gemeinden, die ihnen intensive Erfahrungen ermöglichen. Wieder andere orientieren sich an esoterisch-synkretischer Sinnfindung.
Jugendliche brauchen Räume, in denen sie Spiritualität leben und entfalten können. Sie brauchen spirituell erfahrene Erwachsene, die sie in ihrer religiösen Entwicklung begleiten und fördern und die ihnen dabei behilflich sind, ihre Gottesbeziehung zu gestalten.[3]

[1] Janzen Wolfram, Spiritualität. Suchen und leben mit Kindern und Jugendlichen, in: Religion heute 29/1997 Seite 12

[2] Janzen Wolfram, Spiritualität. Suchen und leben mit Kindern und Jugendlichen, in: Religion heute 29/1997 Seite 13

[3] Janzen Wolfram, Spiritualität. Suchen und leben mit Kindern und Jugendlichen, in: Religion heute 29/1997 Seite 15

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