Guatemala: Ex-Guerilla nimmt erstmals an
Wahlen teil
Nach 36 Jahren bewaffneten Widerstandes und 42 Jahren Arbeit in
derKlandestinität, in denen die vier Organisationen der URNG1
(Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca) die guatemaltekische Armee
militärisch nicht besiegen konnten, kam es am 29.Dezember 1996 zur
Unterzeichnung des Friedensvertrages. Am 7. November 1999 fanden allgemeine
Wahlen statt, an denen die Ex-Guerilla zum ersten Mal teilnahm. Die Ergebnisse,
vor allem jene der Stichwahl um das Präsidentenamt am 26. Dezember 1999, lassen
wenig Hoffnung aufkommen.
Die größte Wahlverliererin: die PAN
Die neoliberale PAN (Partido de Avanzada Nacional — Nationale
Fortschrittspartei) bekam bei den Wahlen am 7. November 1999 die Rechnung für
ihre desaströse Wirschaftspolitik der Privatisierungen präsentiert. Nichts
Außergewöhnliches in Guatemala: Seit der Kontrarevolution von 1954 schaffte es
noch keine Partei, für eine zweite Amtsperiode gewählt zu werden. Die PAN, in
deren Regierungsperiode (1996 — 2000) der Friedensvertrag unterzeichnet wurde,
versäumte ihre historische Chance, mit der absoluten Mehrheit im Kongreß, die
für Guatemala so wichtigen und grundlegenden Friedensabkommen umzusetzen.
Indessen vertrat sie die Interessen der städtischen Oberschicht und bereicherte
sich am Verkauf der wenigen rentablen Staatsbetriebe, z.B. der Post und der
Elektrizitätswerke.
FRG: "Portillo Präsident — Ríos Montt an die Macht"
So lautete einer der Wahlslogans der rechtsextremen FRG (Frente
Republicano Guatemalteco), der Siegerpartei. Der christlich-evangelikale
Fundamentalist General Ríos Montt, gegen den in Spanien ein Verfahren
wegen Völkermord eingeleitet wird, putschte sich 1982 an die Macht, die er 1 _
Jahre später an den nächsten Putschisten, Mejía Víctores, abgeben mußte. In
dieser Zeit intensivierte er die bereits von Romeo Lucas (1978 — 1982)
begonnene "Politik der verbrannten Erde" und ist verantwortlich für
zahlreiche Massaker an der Zivilbevölkerung, wie es auch der Bericht der
Wahrheitskommision aufzeigt. Seine Strategie, dem Fisch (der Guerilla) das
Wasser zu entziehen, ging jedoch nicht auf. Seit dem "Fall Pinochet"
verließ er das Land nicht mehr. Mehrmals versuchte er bereits die Verfassung,
die ehemaligen Putschisten das Präsidentenamt verweigert, abzuändern. Doch das
gelang dem General auch als Parlamentspräsident während der PAN-Regierung
nicht. Nun schickte er den Populisten Alfonso Portillo ins Rennen, der
sich als "Kandidat der Armen" präsentierte und in der Stichwahl um
das Präsidentenamt den PAN-Kandidaten überwältigend schlug. Der sog. Chilpancingo-Effekt
schadete ihm kein bißchen, im Gegenteil: er erschoß in seiner Studienzeit in
Chilpansingo, Mexiko, auf einem Fest zwei Studenten und füchtete danach aus dem
Land. Portillo — Macho ist auf mehreren Graffitis in Guatemala City zu
lesen. Er erreichte 68% der Stimmen, wobei nur 1,9 Mio der 4,5 Mio der im
Wahlregister eingetragenen zur Wahl gingen. Auch im Kongreß dominieren die
rechtsextremen FRGisten mit absoluter Mehrheit. General Ríos Montt begnügt sich
mittlerweilen wiederum mit dem Parlamentspräsidentenamt und zieht die Fäden aus
dem Hintergrund. Bis die FRG in guatemaltekischer Tradition bei den nächsten
Wahlen in vier Jahren wieder abdanken wird.
Die URNG etabliert sich als 3. Kraft
Als Erfolg bezeichnet die ehemalige Guerilla URNG die 12%, welche die
von ihr dominierte linke Wahlallianz ANN (Alianza Nueva Nación) bei den
Wahlen erreichte. Sie repäsentiert die einzige politische Partei, die sich
weiterhin gemeinsam mit der Volks-, Menschrenrechts-, Bauern-, Indígena-,
Gewerkschafts-, und StudentInnenbewegung, um nur einige zu nennen, für die Umsetzung
der Friedensabkommen einsetzt. Betrachtet frau die Unsumme an Nachteilen, denen
sich die URNG bei den Wahlen gegenübersah, so sind die Ergebnisse, vor allem
auf Gemeindeebebe nicht zu unterschätzen (17 Bürgermeister, + weitere URNG-nahe
Bürgerkomitees).
Die Nachteile begannen bereits bei dem Wahlgesetz und Gesetz der
Politischen Parteien, dessen Reformierung zwar im Zuge der
Friedensverhandlungen beschlossen wurde, die PAN jedoch mit ihrer absloluten
Mehrheit im Kongreß verhindern konnte. Weiters verfügte die URNG über so gut
wie keine finanziellen Resourcen um einen Wahlkampf zu führen. Aber auch Angst
vor Repression spielte eine große Rolle. Die FRG verteilte im Wahlkampf unter
anderem an alle Ex-Militärbeauftragten (comisionados militares) und Ex-Zivilpatrouillen
(PACs- Patrullas de Autodefensa Civil) in den ländlichen Regionen
"Wahlzuckerl", und verbreitete somit das Gerücht, mit der Rückkehr
des Generals, kämen auch die alten gefürchteten Spitzelstrukturen der comisionados
und patrulleros wieder an die Macht. Und was es unter diesen
Umständen bedeutet, als URNG-nahe Gemeinde — als guerilleros —
bezeichnet zu werden, das ist vielen der Überlebenden noch gut in Erinnerung.
Der Spitzenkandidat der ANN Alavaro Colom, Neffe des bekannten 1979
ermordeten Sozialdemokraten Manuel Colom Argueta, sieht sich in der selben
ideologischen Tradition seines Onkels: "socialdemócrata y
nacionalista". Bleibt zu hoffen, daß ihn nicht dessen Schicksal
ereilt, und auch daß das Projekt der ANN, die dritte Regierung der Revolution
zu bilden, nicht in einem Alptraum, wie die zweite Revolutionsregierung 1954,
endet.
Zusammensetzung des Kongresses:
FRG: 63
PAN: 37
ANN: 9
DCG: 2
PLP: 1
UD-LOV: 1
__________
Total: 113
Die von der ANN ausgeschlossene ehemalige Linkspartei FDNG, welche 1995
gegründet wurde und damals erstmals an den allgemeienen Wahlen teilnahm,
verfehlte nun mit 1,1 % den Einzug in den Kongreß ebenso wie alle anderen 6
Kleinparteien (erforderlich wären mind 4 % oder ein Direktmandat). Sie werden
somit laut Wahlgesetz aufgelöst. Je ein Mandat schafften die rechte PLP
(Partido Libertador Progresista — Fortschrittliche Freiheitspartei) und die
rechtsgerichteten Grünen LOV-UD. Zwei Mandate schafften die Christdemokraten
DCG, die auch ein Beispiel für die Bedeutungslosigkeit politischer Parteien in
Guatemala darstellen: Von der mitgliedsstärksten Partei in der Geschichte des
Landes (1986 stellten sie den ersten "demokratisch" gewählten
Präsidenten — eine Marionette des Militärs) versinken sie nun in die Bedeutungslosigkeit.
Und die Friedensabkommen?
In ihrer vor kurzem veröffentlichten Analyse des bisherigen Verlaufs des
Friedensprozesses (Balances del Proceso de Paz 1997 — 1999) erklärte die
URNG, daß es keinerlei Fortschrite gegeben habe. Außer der Beendigung des internen
bewaffneten Konflikts und der Öffnung politischer Spielräume wurde keine einzige
Reform durchgeführt. So ist auch das gescheiterte Referendum im Mai 1999 der
größte Mißerfolg dieses Jahres, denn damit hätten die Vorgaben der
Fridensabkommen endlich verfassungsmäßig abgesichert werden sollen. Nun haben
die Rechtsextremen die absolute Mehrheit im Kongreß und stellen die Regierung.
Die Eskalation der Gewalt, die bereits in der Wahlnacht zu spüren war, als
FRGisten ein Wahllokal niederbrannten, oder gröhlend und ihr faschistisches
Fingerzeichen schwenkend die Säle der offiziellen Wahlbehörde TSE stürmten, die
Aggressivität gegenüber ihren politischen Gegenern, läßt erahnen, sie sich
diese Regierung auf den bereits jetzt auf wackeligen Beinen stehenden Friedensprozeß
auswirken könnte. Die Menschen in Guatemala werden selbst entscheiden, wie sie
darauf reagieren.
Die Menschenrechtsverletzungen haben 1999 laut dem 10. Bericht der
UN-Beobachtungsmission für Guatemala, MINUGUA2, besorgniserregende
Ausmaße angenommen. War in ihrem achten Bericht die Rede von 1900
Menschenrechtsverletzungen, im neunten von 1200 (in vermehrtem Maß jedoch Fälle
von Folter in Polizeigewahrsam und außergerichtlichen Hinrichtungen), so stieg
die Zahl im zehnten Bericht von 1999, der im Jänner veröffentlicht wurde, auf
4800!
Portillo hat es mit seiner Rethorik und einigen politischen Schachzügen
geschafft, sich im Ausland als Verfechter der Menschenrechte zu präsentieren.
Er versprach z.B. den Fall des von Militärangehörigen 1998 ermordeten Bischof
Gerardi aufzuklären, was er auch zu tun scheint. Weiters nahm er einige
Dissidenten und andere oppotunistische Ex-Linke in sein Team auf, und
unterstreicht v.a. im Ausland seinen Willen, die Friedensabkommen umzusetzen.
Im Inneren jedoch konzentriert er sich auf das Zustandekommen eines dubiosen
"Regierungspaktes", den er mit allen politischen Akteuren schließen
will. Den genauen Inhalt desselben hat er noch nicht verraten. Die URNG warnte
bereits vor jeglichen Pakten, die in irgendeiner Form versuchen sollten, die
Friedensabkommen auszuschließen.
-mary-