Sex in der patriachalen Warengesellschaft
In einer Patriachalen Warengesellschaft ist auch der Sex ein patriachaler
Warenaustausch. Insbesondere in heterosexuellen Beziehungen spielt der
patriachale Charakter unserer Gesellschaft auch beim Sex und in sexuellen
Beziehungen eine Rolle. Den Warencharakter behalten Beziehungen aber auch
lesbische und schwule Beziehungen bei.
Einige unsystematische Gedanken über Patriachat, Kapitalismus,
Warengesellschaft, Monogamie, Polygamie und "Freie Liebe"...
HERRschaft und Fortpflanzungskontrolle
Niemand weiß genau wann, warum und wie sich das Patriachat herausgebildet
hat, wann,warum und wie sich die Monogamie herausgebildet hat. Der Mythos vom
"Urmatriachat" läßt sich ebensowenig beweisen wie jener eines
"Urkommunismus" oder einer ursprünglichen Patrilinearität.
Tatsache ist aber auf jeden Fall, daß die Herausbildung patriachaler
Gesellschaftssysteme sich erst in einem relativ jungen Stadium der
Menschheitsgeschichte endgültig durchsetzte. Noch heute gibt es (Rest-?)
Gesellschaften die egalitär oder matriachalisch organisiert sind. In der
"alten Welt" dürfte der Siegeszug des Patriachats aber spätestens mit
der Herausbildung der ersten frühen Staaten, der Hirtengemeinschaften,.. im 10
Jahrtausend v.Chr. weitgehend abgeschlossen worden sein (wenn sich auch oft
noch lange stärkere Positionen von Frauen hielten).
Zeitgleich ist auch das Aufkommen monogamer Einehen oder polygyner Eheformen
zu beobachten.
Es liegt die These nahe, daß das Herausbilden der Monogamie, bzw. der
"Treue" der Frau eng mit dem Patriachat und der Entstehung eines
Erbrechtes verbunden ist.
Mit der Schaffung von Privateigentum das über persönliche Gegenstände
hinausging wurde ein Erbrecht notwendig. Dieses bedingte, daß Männer wissen
wollten wer ihre Kinder sind. Die Mütter von Kindern sind ja immer bekannt. Ein
Mann konnte jedoch erst die Sicherheit haben, daß ein Kind das seine ist, wenn
er die Frau dazu bringen konnte nur noch mit ihm Geschlechtsverkehr zu
betreiben, er also die Kontrolle über die Fortpflanzung der Frau ausüben
konnte. HERRschaft bedeutete also von allem Anfang an die Kontrolle der Männer
über die Sexualität und Fortpflanzung der Frauen.
Das Mittel dazu war die Monogamie. Nur ein Mann der verhindern konnte, daß
seine Frau mit anderen Männer Sex hatte konnte sich sicher sein, daß die
Nachkommen dieser Frau auch seine Nachkommen sind. So wurde die Monogamie die
konkrete Beziehungsform des Patriachats. In bestimmten Weltgegenden wurden
daneben - wohl auch als Folge eines Frauenüberschußes den Kriege, Blutrache und
Stammesfehden unter den Männern erzeugt hatten - auch polygyne Beziehungen
erlaubt, die aber dieselbe Funktion erfüllten. Auch hier hatte ein Mann die
alleinige Verfügungsgewalt über die Fortpflanzung seiner Frau(en).
die "Freie Liebe" der Männer
Erst im Zuge der "Sexuellen Revolution" der späten Sechziger und
Siebzigerjahre in Europa und Nordamerika lösten sich diese starre Monogamie
auf. Nicht uninteressant dabei, daß die Lockerung der totalen Verfügungsgewalt
eines einzelnen Mannes über eine einzelne Frau parallel zur Entwicklung von
Technologien ging die die unzweifelhafte Feststellung der Vaterschaft
ermöglichten (DNA-Analyse, Bluttests,...). Genetische Vaterschaft konnte
nunmehr mit anderen Mitteln festgestellt werden wie mit der alleinigen
Fortpflanzungsmöglichkeit einer Frau mit einem Mann. Mit anderen Worten: Auch
wenn eine Frau mit verschiedenen Männern "freie Liebe" praktizierte
konnte sich dann ein bestimmter Mann durchaus in seiner Vaterschaft sicher
sein, sollte das Kondom einmal geplatzt sein oder die Pille versagt haben...
"Freie Liebe" wurde als Befreiung der Sexualität verkauft. In der
Realität war sie jedoch die Befreiung männlicher Sexualität. Sie wurde zur
offeneren Möglichkeit für Männer verschiedene Frauen "zu ficken" und
ignorierte, daß im Patriachat auch weiterhin unterschiedliche Zugangsweisen und
Beurteilungen der Gesellschaft gegenüber männlicher und Weiblicher Sexualität
existieren. Männer wurden nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch in
der Linken als besonders toll betrachtet wenn sie viele Frauen
"hatten". Frauen die es ebenso machten waren auch allzuoft in der
Linken suspekt. Und wenn nicht, dann namen sie im Doppelgestirn von
"Heiliger und Hure" eben nur den zweiteren Part ein.
Zudem verkehrten sich die Zwänge der Monogamie in Teilen der Gesellschaft zu
einen regelrechten Fickzwang. Nicht umsonst hieß es bei den ach so freien
68ern: "Wer zweimal mit der gleichen pennt gehört schon zum
Establishment". Zu beachten ist dabei, daß es selbst in diesem Satz wieder
die Männer waren die mit einer Frau pennen und nicht umgekehrt.
verschiedene falsche Antworten
Die richtige Kritik daran führte Teile der feministischen Szene zu einer
Rückkehr zur Monogamie oder zur Propagierung eines politischen Lesbischen
Separatismus der sexuelle Orientierung zum politischen Programm erklärte und
hetero- und bisexulle Frauen zu Kollaborateurinnen des Patriachats.
Dabei wurde von jenen die die Rückkehr zur Monogamie forderten übersehen,
daß monogame Zweierbeziehungen auch unter veränderten Vorzeichen das Produkt
des Patriachats bleiben, daß sie zwecks Fortpflanzungskontrolle der Frauen
geschaffen wurde und nur sehr schwer umzufunktionieren ist. Das Resultat waren
neue Geschlechterrollen im wahrsten Sinne des Wortes. Männer spielten Theater
und Frauen ließen sich was vorspielen.
Wie viele scheinbar emanzipierte Männer haben es jahrelang geschafft ihren
feministischen Frauen eine emanzipatorische Monogamie vorzuspielen, die sich am
Ende in Lug unt Trug verpuffte. Auch in Wien sind diese linken Männer in der
Linken geblieben und die Frauen haben sich nur zu oft aus dieser Linken
verletzt zurückgezogen. Eine Thematisierung des "Privaten" von dem
wir so oft gesagt haben, daß es "politisch" ist fand in den konkreten
Fällen nie statt. Männer spielen sich und den Frauen vor monogam und
emanzipiert zu sein. Eine wirklich emanzipatorische Beziehungsform wurde damit
auch nicht erreicht
Die andere Antwort darauf bestand zwar in einer Revision der
"Fickzwänge" der Siebzigerjahre. Das grundsätzliche theoretische
Modell wurde aber nur selten hinterfragt. Die Illusion sich innerhalb einer
patriachalen Warengesellschaft eine private Welt zu schaffen die zugleich frei
und emanzipiert ist blieb - wenn auch manchmal unausgesprochen - bestehen.
Sexualbeziehungen als Warenbeziehungen
Sexualbeziehungen sind in einer Warengesellschaft Warenbeziehungen. Das
bleiben sie so lange der Kapitalismus und das Patriachat existieren und das
bleiben sie auch in der Linken. Die Waren "Liebe", "Sex",
"Zuwendung", "Sicherheit", "Geld",
"Ansehen",... werden getauscht. In der Linken ändert sich da zwar teilweise
der Tauschwert dieser Waren, der grundsätzliche Charakter der Sexualbeziehung
als Warenbeziehung ändert sich aber nicht.
Was Gerog Lukács bereits in "Geschichte und Klassenbewußtsein" als
"Verdinglichung" beschrieben hat ist wohl weniger die Veränderung von
allem zu einem "Ding" im Kapitalismus, als die Veränderung zur Ware.
Zu so einer Ware mit Tausch- und Gebrauchswert ist eben auch Liebe, Sex,
Beziehung,... geworden.
An einer Veränderung dieser Situation zu arbeiten ist zwar wichtig und gut,
kann aber nur durch die Abschaffung der Warengesellschaft an sich erreicht
werden. In einer Gesellschaft in der alles "Ware" ist, können die
menschlichen Beziehungen davon nicht ausgenommen sein.
Trotzdem versuche natürlich auch ich mit dieser Warengesellschaft wo möglich
zu verweigern, denn schließlich scheint die Abschaffung der Warengesellschaft
in ziemlich weiter Ferne gerückt. Zu behaupten mensch hätte dies aber für sich
selbst schon geschafft und müsse nur noch auch den Rest der Gesellschaft von
dieser Art der "freien Liebe" überzeugen, ist jedoch genauso naiv wie
zu glauben, daß mensch in einer kleinen Gruppe den Kapitalismus abgeschafft
hätte.
Sebst bei größten Bemühungen bleiben wir immer von einer patriachalen,
heterosexistischen, besitzergreifenden Warengesellschaft umgeben und
beeinflußt, auch und gerade in der Sexualität.
Marktplatz der Beziehungen
Dabei ist es durchaus nicht nur die Ebene sexueller Beziehungen die sich
nach Marktwirtschaftlichen Kriterien zu einem Marktplatz des Wert- und
Warenaustausches entwickelt hat. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts interagieren
Menschen beinahe in jeder Beziehung nur mehr als Marktsubjekte, als Anbieter
und "Verbraucher" von Werten. Soziale Bindungen, Freundschaften,
Liebe,... funktionieren hier genau gleich wie ein Markt an dem Äpfel oder
Birnen, Wertpapiere oder meinetwegen Kaffee gehandelt wird.
Es wird in Freundschaften, Beziehungen investiert (Zeit, Geld, Liebe,
Unterhaltung,...) um später irgend etwas zurückzubekommen. Auf dem Marktplatz
der Beziehungen befinden sich Menschen mit höherem und niederem Tauschwert. Schönheit,
Beliebtheit, Wortgewandtheit, Bildung, Macht, Wohlstand,... all dies sind Werte
die den Tauschwert einer Person erhöhen oder verringern können.
Finden solche Freundschaften oder Beziehungen zwischen verschiedenen
Geschlechtern statt kommt noch ein gesellschaftliches Machtgefälle dazu das
sich auch auf dem konkreten Marktplatz manifestiert.
Was tun?
Was die Konsequenzen aus diesen halbfertigen Überlegungen sein sollen weiß
ich auch nicht, weder was sie für die allgemeine menschliche Interaktion bedeuten,
noch für (sexuelle) Beziehungen zwischen Männern und Frauen.
Was das persönliche Verhalten betrifft halte ich die Rückkehr zur Monogamie
ich wie oben beschrieben auch für keinen gangbaren Weg. Und da nicht alle
Menschen die auch mit andersgeschlechtlichen Menschen Sex haben wollen bis zur
Revolution im Zölibat leben wollen müssen wir wohl mit Widersprüchen leben und
offen sagen, daß auch wir keine jetzt bereits gangbaren Konzepte einer
"freien Liebe" kennen.
Eine wirklich "freie Liebe" wird es wohl erst in einer freien
Gesellschaft geben. Trotzdem wird es sich lohnen immer wieder zu versuchen
möglichst emanzipatorische und freie Beziehungsformen zu leben, nicht zuletzt
um am Scheitern dieser wieder neue Fragen aufzuwerfen und die Diskussion weiterzutreiben.
Was aber sicher eine Konsequenz dieser Überlegungen ist, ist die
Aufforderung weiterhin radikale Kritik an der gesamten patriachalen
Warengesellschaft zu üben. Denn letztlich kann nur die Abschaffung des
Kapitalismus und des Patriachats die konkrete Markt- und Warenförmigkeit jeder
menschlicher Interaktion abschaffen. Und damit wären wir endlich nicht mehr
WarenanbieterInnen und NachfragerInnen, sondern Menschen!
Thomas Schmidinger