Wenn der nationale Wahn einmal
ausgebrochen ist...
..scheint er immer noch große Teile der Linken anzusprechen. Auch wenn es
sich angesichts der Kriegsgreul, Vertreibungen und NATO-Bomben wie eine
Nebensache anhört, so ist das Verhalten vieler Gruppierungen der
Österreichischen Linken symptomatisch für ihre unreflektierte Unterstützung
aller möglicher Nationalisten, wenn sie nur dem Kampf gegen den Westen dienen
oder aber im jeweiligen antiimperialistischen schwarz-weiß-Denken gerade auf
der "richtigen Seite" stehen. Ein Rundumschlag gegen eine Linke
zwischen "Kosovo bleibt serbisch!"- Rufen und der Unterstützung für
die UCK.
Bereits vor den NATO-Militärschlägen fühlten sich eine Reihe
dogmatisch-marxistischer Gruppierungen der hiesigen Linken bemüßigt für eine
der nationalistischen Kriegsparteien Partei zu ergreifen. Für die Revolutionär
Kommunistische Liga (RKL) stand von Anfang an fest, daß Milosevic
Antiimperialist und damit zu unterstützen wäre, während der
ArbeiterInnenstandpunkt (ASt) - einst vor Jahren aus einer Abspaltung der
damals noch trotzkistischen RKL hervorgegangen - sich "vorbehaltlos"
auf die Seite der UCK schlug.
Nationale Mobilmachung von Links
Obwohl bereits lange vor den NATO-Schlägen der mörderische Nationalismus
beider Kriegsparteien im Kosovo bekannt war hatten es so gleich eine Reihe verschiedener
Gruppierungen eilig für einen der beiden Nationalisms Partei zu ergreifen.
In der ersten Hälfte 1998 waren zwar noch keine Informationen von Verbrechen
der UCK an serbischer Zivilbevölkerung bekannt, trotzdem klingt die Beurteilung
der Politik der UCK als "nur eine berechtigte Gegenwehr" wie es der
ASt in einer Broschüre im April 1998 formulierte im besten Fall naiv. Der ASt
kritisierte damals ausführlich die kmpromißbereite Haltung der Demokratischen
Liga des Kosovo unter dem Präsidenten der Rep Kosovo Rugova um stattdessen die
Unterstützung der UCK zu fordern.
Nun muß zwar festgehalten werden, daß in der UCK des Frühjahrs 1998 noch
eine Reihe von albanischen Kommunisten (Enver Hodscha-Anhänger) aktiv waren und
noch nicht die ausschließlich prowestlich-nationalistische Führung das Kommando
der UCK übernommen hatte, die Entwicklung zu einem exzessiven Nationalismus war
aber bereits damals absehbar und der ASt hält bis heute - auch nach einer Reihe
von nationalistisch motivierten Morden der UCK an serbischen ZivilistInnen und
auch von dieser Seite betriebenen Kriegshetze - trotz Kritik am NATO-Schlag an
der Grundsätzlichen Unterstützung der UCK fest.
Während der ASt sich schon seit 1997 auf die Seite der albanischen
"nationalen Befreiungsbewegung" UCK schlug, fühlten sich schon längst
einige andere Gruppen der Österreichischen Linken bemüßigt für den sich gerade
an der Macht befindlichen serbischen Nationalismus zu erwärmen.
Neben einer Reihe von kleineren maoistischen und antiimperialistischen Gruppen
wie die "Kommunistische Aktion" (KOMAK) die aber kaum von Bedeutung
sind, unterstützte die Unifraktion BING (BasisInitiative Nawi/Grüne) auf der
Naturwissenschaftlichen Fakultät immer wieder proserbische Demonstrationen. Vor
allem machte sich die letzten Jahre aber immer wieder die extrotzkistische
"Revolutionär Kommunistische Liga" (RKL) für den angeblichen
Antiimperialismus der Jugoslamwischen Führung stark.
Unterstützung für den "Antiimperialisten" Milosevic
Daß der von Milosevic seit Jahren angeheitzte serbische Nationalismus
gemeinsam mit seinem kroatischen Pendant und der deutschen und österreichischen
Außenpolitik eine Hauptschuld am blutigen Zerfall des multiethnischen
Jugoslawien hatte und die Geschichte dieses Zerfallsprozesses auch mit der Abschaffung
der Autonomie des Kosovo durch Milisevic begann wollte natürlich keine dieser
Gruppierungen sehen. Im vereinfachten "antiimperialistischen"
Weltbild dieser Gruppen gibt es nur gut (=antiimperialistisch) und böse (=NATO,
USA). Diktatoren die zufällig mit diesen Bösen dann in Konflikt geraten werden
allein schon deshalb für RKL und Co. zu Antiimperialisten. Nicht nur Milosevic
wurde so von RKL, KOMAK, Infoverteiler oder der "Kampagne zur Verteidigung
politischer und sozialer Rechte" - die sich im Übrigen überweigend mit der
Unterstützung des Abu Nidal Terroristen Tawik Chaowali beschäftigt - zu
Antiimperialisten geadelt, sondern auch Saddam Hussein, der immerhin bis Ende
der Achzigerjahre mit US-Waffen den Iran bekämpfte und die Iraqische KP und Linke
nach seinem Machtantritt blutig vernichtete.
Aber warum sollten Gruppen die bei der Unterstützung des Bath-Regimes des
Iraq keine Probleme haben, bei Milosevic Bedenken anmelden. Die RKL machte so
die Unterstützung des serbischen Nationalismus gegen den Imperialismus des
Westens zu einem ihrer Hauptanliegen. Im Sommer 1998 organisierte sie sogar ein
Unterstützungscamp in Jugoslawien an dem die verschiedensten Fraktionen
nationalistischer und "links"nationalistischer Gruppen aus ganz
Restjugoslawien teilnahmen.
Ausgerechnet an der antimilitaristischen Kundgebung zum Nationalfeiertag am
28. Oktober letzten Jahres kam es zur ersten großen Auseinandersetzung
antinationaler Linker mit VertreterInnen des "Dachverbandes der
Jugoslawischen Sport- und Kulturvereine", der ein Transparent mit der
Aufschrift "Schützen sie das Serbische Volk am Amselfeld" mit sich
getragen hatte. In den folgenden Auseinandersetzungen wurden antinationale
Linke von einigen AntiImps sogar bedroht. Eine Reihe von antinationalen Gruppen
verließen nachdem es nicht möglich war die Nationalfahnen zu entfernen die
Kundgebung.
Demos mit serbischen FaschistInnen
Nach dem Beginn des NATO-Luftkrieges gegen Jugoslawien waren für Gruppen wie
die RKL alle Dämme gebrochen. Aber auch die KPÖ und ihre Jugendorganisation
KJÖ-Junge Linke erlag sogleich der Faszination der Masse. Gemeinsam mit dem
"Dachverband der Jugoslawischen Sport- und Kulturvereine", der sich
seit einiger Zeit immer öfter "Serbischer Dachverband" nennen läßt,
gingen bereits wenige Tage nach den Angriffen RKL, KPÖ, KJÖ, KOMAK und die im
"Komitee für Antiimperialistische Solidarität" (KAS) versammelten
AntiImp-Gruppen auf die Straße. In einem Meer von serbischen Fahnen,
Cetnik-Fahnen, Transparenten mit Aufschriften wie "Clinton is the new
Hitler" oder andere den Nationalsozialismus verharmlosende Parolen reckten
sich auch die Transparente und Fahnen von KPÖ, RKL und KOMAK. Die RKL
platzierte sich keine vier Mater von uniformierten serbischen Faschisten die
mit Cetnik-Gruß sich ihr "Serbia" zum Hals raus schrien.
Mitglieder des Jugoslawischen Dachverbandes gefielen sich zudem schon kurz
nach den Angriffen darin für das Magazin FORMAT mit Cetnik-Gruß in ihren von
der KPÖ zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten - aus denen die KPÖ übrigens
extra für den Dachverband im Sommer 1997 die BesetzerInnen der Rosa Antifa und
der Antifaschistischen Front mittels Polizeigewalt rausräumen ließ - zu
posieren.
Ethnische Säuberungen als "untergeordnetes Element"
Dementsprechend deutlich waren auch die schriftlichen Stellungnahmen von RKL
und Co.
Die RKL schaffte es in ihrem Aufruf für die Demo am 17.April das Jugoslawien
Milosevics mit dem Republikanischen Spanien in seinem Kampf gegen die
Franco-Faschisten gleichzusetzen und meint schließlich: "Serbien ist das
neue Spanien." Gerüchte wonach die wackeren Kämper (Innen?) der RKL in
Kürze als "Internationale Brigaden" das Milosevic-Regime gegen NATO
und UCK mit der Waffe in der Hand verteidigen werden haben bisher allerdings
nicht ihre Bestätigung gefunden.
Zu den ethnischen Säuberungen - von der RKL natürlich unter
Anführungszeichen gesetzt - meinen die potentiellen SpanienkämpfeInnen am
Balkan in selbigem Aufruf: "Die nationalistischen Untaten, die oft von der
selbst akut bedrohten lokalen serbischen Bevölkerung ausgehen, sind ein
untergeordnetes Element in einem umfassenden Konflikt zwischen der NATO und
Jugoslawien."
Dem Jugoslawischen Dachverband gefiel trotz aller Solidarität aller
möglicher Linker die Mehrzahl der AufruferInnen zur Anti-NATO-Demo am 17. April
nicht. Die KPÖ die auf den Vorbereitungsplenas noch jede Distanzierung von
Milosevic auf Flugis und Plakaten verhindert hatte überließ die Demo daraufhin
dem Dachverband welcher nun zum Alleinveranstalter mutierte. Dies hinderte die RKL
aber immer noch nicht daran weiterhin zur Demo aufzurufen und für einen
neuerlichen Aufruf für eine Anti-NATO-Plattform festzustellen, daß sich der
Dachverband "aus verständlichen Gründen geweigert" habe "mit
Gruppen die in schizophrener Weise zwar die NATO-Agression verurteilen, aber
dennoch das territorial-nationale Selbstbestimmungsrech der Kosovo-Albaner
vertreten [...] gemeinsam zu demonstrieren"
Milosevic statt Mumia
Der "Kampagne zur Verteidigung politischer und sozialer Rechte",
der RKL, KAS und KOMAK gelang es in all dem nationalen Taumel sogar noch die
Mumia Abu-Jamal Solidemo am internationalen Mumia-Solidaritätstag, den 24.
April für ihre Zwecke umzuinterpretieren. Selbst diese - ursprünglich von den
verschiedensten Gruppen getragene - Demo wurde weitgehend für den serbischen
Nationalismus instrumentalisiert. Neben Serbischen Fahnen und mit Cetnik-Barett
bekleideten Fahnenschwingern fand sich auch noch eine Russische Nationalfahne
und die üblichen Transparente.
AktivistInnen der Ökologischen Linken (ÖKOLI), Rosa Antifa Wien (RAW), Freie
ArbeiterInnen Union (FAU) und Jugend gegen Rassismus in Europa (JRE) die bei
der Demoleitung die Entfernung der nationalistischen Symbole einforderten
wurden von dieser abgewiesen. Es wurde ihnen nicht einmal gestattet einige
Worte dazu durch das Demomikrophon durchzugeben, worauf sich ÖKOLI, RAW und FAU
geschlossen von der Demo entfernten und anschließend eine gemeinsame Erklärung
veröffentlichten. Auch einige AktivistInnen von JRE verließen die Demo, während
einige Führungskader der Organisation anwesend blieben.
Von den Serbischen NationalistInnen und ihren Österreichischen Verbündeten
wurde die Demonstration nun völlig vereinnahmt. Nach außen hin war sie
überhaupt nicht mehr als Mumis Abu-Jamal Demo, sondern nur noch als
Serbien-Demo zu erkennen. RKL, KOMAK, KAS und co. haben damit nicht zuletzt der
hiesigen Solidaritätsbewegung mit Mumia Abu-Jamal einen fatalen Schlag
versetzt.
Linke SchreibtischtäterInnen
Für den ersten Mai rief die RKL bereits am 18. April zur Bildung eines
pro-Jugoslawien Blockes auf mit dem sie u.a. "für den vollständigen Sieg
Jugoslawiens" demonstrieren will. In ihrer scharfsinnigen Analyse kommt
die RKL dabei zum Schluß, daß "der NATO-Krieg gegen Jugoslawien [...] der
Krieg des imperialistischen Kapitalismus gegen die unterdrückten und
ausgebeuteten Völker" ist.
In der Mai-Ausgabe des "Klassenkampf" - der Zeitung der RKL -
schaffen es die scheinbar so Revolutionären KommunistInnen sogar noch die
plumpesten und menschenverachtendsten Vorurteile Serbischer NationalistInnen zu
verbreiten, denn laut RKL "wäre die Behauptung mancher Serben, die
Kosovo-Albaner würden sich wie die Karnikel vermehren, durchaus realistisch"
Im Vergleich zu den bürgerlichen Medien, den Deutschen Grünen,
SozialdemokratInnen und ihren Österreichischen Verbündeten schafft es die RKL
so gerade in ihrem antiimperialistischen Weltbild den Spieß umzudrehen. Jene
Kriegspartei die Krone, Standard oder Profil als "böse" betrachten
wird durch die RKL plötzlich "gut" und umgekehrt. Die völkischen und
kriegstreiberischen Denkkategorien bleiben dabei die gleichen. Letztlich
handelt es sich damit bei RKL, KOMAK und KAS um die gleichen SchreibtischtäterInnen
wie sie in den Redaktionen Österreichischer und Deutscher Zeitungen zu finden
sind. Während die einen den NATO-Bomben den Boden bereiten bereiten RKL, KOMAK
und KAS dem Serbischen Nationalismus und seinen Ethnischen Säuberungen den
Boden. Sie liefern damit ein eindrucksvolles Beispiel zu welch mörderischer
Konsequenz auch linker Nationalismus fähig ist.
Thomas Schmidinger
Antinationale Aktivitäten gegen den Krieg
Rechte und linke NationalistInnen haben kein Patent auf Aktionen gegen den
Krieg. Kaum hatten die NATO-Angriffe begonnen begannen Revolutionsbräuhof, Rosa
Antifa Wien, TATblatt, FAU, Infoladen Wels, EKH, Arge Kriegsdienstverweigerung
Graz und die Ökologische Linke (ÖKOLI) mit der Verbreitung eines Flugblattes,
das wir auch in dieser radiX als gemeinsamen Beitrag abdrucken. In mehreren
Auflagen wurden seither tausende Flugis unter die Leute gestreut, die sich
sowohl gegen die NATO-Angriffe als auch gegen jeden Nationalismus, ethnische
Säuberungen,... richten.
Wöchentlich veranstalten diese Gruppen gemeinsam mit der Arge für
Wehrdienstverweigerung und Gewaltfreiheit eine kleine Kundgebung mit Infotisch
in der Mariahilferstraße.
Eine erweiterte Plattform "Nein zum Krieg" die neben den oben
erwähnten Gruppen u.a. auch von der AUGE-UG, Linkswende, GRAS, GRAL, GAJ,
Fachschaft Informatik, Zecken, Forum TransGender, KPÖ, Internationaler
Versöhnungsbund, SCI, Deserteurs- und Flüchtlingsberatung, Hilfe für die
Vergessenen und den Grünen Wien unterstützt wird plakatierte 3.000 Plakate
gegen den Krieg. Die meisten Gruppen davon unterstützten auch ein weiteres
gemeinsames Flugi gegen Nationalismus und Krieg.
Ebenfalls wöchentliche Kundgebungen hält der eher
christlich-befreiungstheologisch orientierte Internationale Versöhnungsbund ab.
Verschiedene trotzkistische Gruppierungen veranstalteten am 23. April gemeinsam
mit der SJ Wien eine Demonstration die zwar keine antinationale Ausrichtung
hatte, aber sich immerhin nicht auf einen der beiden Nationalismen bezog.