Agenda 2000 - Fortsetzung der verfehlten
EU-Landwirtschaftpolitik
Die Landwirtschaft war nach dem 2. Weltkrieg - als die 3 ersten
Teilorganisationen der späteren Europäischen Gemeinschaft gegründet wurden -
kein Schwerpunkt der gemeinsamen (Wirtschafts-)politik. Auch wenn die
Landwirtschaft heute einer der Hauptbudgetposten der EU geworden ist waren die
Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, die Europäische Atomgemeinschaft
und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft nicht primär um die Landwirtschaft
der einzelnen Mitgliedsstaaten bemüht.
Industrialisierung der Landwirtschaft
Die zunehmende Industrialisierung der Landwirtschaft und die verbesserten
Verkehrswege ermöglichten es aber auch in den EU-Staaten von den lokal
angepaßten bäuerlichen Familienbetrieben zu größeren industriellen Formen der
Landwirtschaft zu wechseln. vollmechanisierte Bewirtschaftungsformen
ermöglichten die Bewirtschaftung immer größerer Flächen durch immer weniger
Menschen. Der schnelle Transport der halb- und ganzfertigen Agrarprodukte
mittels LKW ermöglichte es auch zunehmend schnellverderbliche Produkte von
einem Ende Europas zum anderen zu transportieren.
BäuerInnensterben
Es liegt in der Natur des Kapitalismus, daß Kleinbetriebe - mit Ausnahme
einiger weniger Nieschenproduktionen - weniger konkurrenzfähig sind als
vollmechenisierte Großbetriebe. Dies gilt nicht nur, aber eben auch für die
Landwirtschaft. Also führte die Entstehung großer agroindustrieller Betriebe
automatisch auch zu einem Preisverfall für bäuerliche Familienbetriebe, welche
immer weniger mit den Großbetrieben mithalten konnten. In allen EU-Staaten
begann so bereits in den Sechzigerjahren ein Prozeß der sich in den Siebziger-,
Achziger- und Neunzigerjahren noch verschärfen sollte: Kleine Familienbetriebe
mußten ihre Produktion einstellen oder wurden zu Nebenerwerbsbetrieben in die
oft mehr Geld aus dem "Zweitberuf" fließen mußte, als die
Landwirtschaft ergab, also schwer defizitär arbeiteten. So mußten in
Deutschland, Frankreich, Italien und den anderen EG-Staaten der ersten Stunde
im Laufe dieses Prozesses 4/5 der bäuerlichen Vollerwerbsbetriebe ihre Arbeit
einstellen.
Was hier seit dem EU-Beitritt Österreichs mit dem Jahr 1995 vollzieht ist
nichts anderes als der Nachvollzug einer Entwicklung die die anderen EU-Staaten
schon in den Jahzehnten zuvor durchmachten. Besonders hart trifft es dabei
allerdings die Alpenregionen Österreichs, da diese aufgrund ihrer Geographie
überhaupt nur von bäuerlichen Kleinbetrieben in arbeitsintensiver Kleinarbeit
bewirtschaftet werden können. Die Vermietung von "Fremdenzimmern"
kann hier nur eine äußerst unbefriedigende Zwischenlösung für die betroffenen
BäuerInnen sein.
Die Produktion der Lebensmittel wurde in der gesamten EU immer mehr von der
Agrarindustrie übernommen. KleinbäuerInnen blieb als einzige Überlebenschance
die Umstellung auf Bioprodukte.
Der Biomarkt ist erschöpft
Konnte in den Achzigerjahren mit Bioprodukten teilweise noch ein Mehrfaches
von den Preisen der industriellen Landwirtschaft erzielt werden, so hat sich
dies in den letzten Jahren immer mehr geändert. Durch die Umstellung von immer
mehr Kleinbetrieben auf "biologische Landwirtschaft" entsteht seit einigen
Jahren ein Bio-Angebot das den Bedarf zunehmend übersteigt. So blieb dem
größten Österreichischen Bio-Verband, dem "ERNTE"-Verband gar nichts
anderes mehr über als seine Produkte zu viel niederen Preisen in den
"normalen" Handel zu bringen und dort mit "Ja
natürlich"-Produkten die Regale von Billa und Merkur zu füllen. Auch Spar,
Adeg und andere Handelsketten haben mittlerweile mit eigenen Bio-Produktlinien
nachgezogen.
Diese billigeren Bioprodukte im "normalen" Handel drückten wieder
die Preise für die anderen Bioprodukte und so setzt sich der Teufelskreislauf
auch für die BiobäuerInnen fort.
Hinzu kommt, daß sich in Zeiten des Sozialabbaues immer weniger Leute
überhaupt biologische Produkte leisten können, die Nachfrage also eher sinkt
als steigt. Die Perspektive für die Österreichische Landwirtschaft als
"Feinkostladen Europas" - wie sie der damalige
Landwirtschaftsminister Fischler sah - ist heute also absurder denn je.
Agenda 2000
Die Reform der EU-Finanzen, die im Rahmen der Agenda 2000 Ende März dieses
Jahres in Berlin unter deutschem EU-Vorsitz beschlossen wurde, bringt nun
weitere Wettbewerbsverschärfungen für KleinbäuerInnen. Zwar werden die
Garantie-Preise für Agrarprodukte nicht so drastisch gesenkt wie dies der erste
Reformentwurf vorsah, aber immerhin wurde beschlossen für Rindfleisch zukünftig
um 20 Prozent weniger zu zahlen. Für Getreide und Milch wurden die Preise nach
französischem Vorschlag um 15 Prozent reduziert.
Dabei geht es der EU vermutlich nicht nur im eine Reduzierung des Agrarbudgets,
sondern auch darum die EUropäische Landwirtschaft für den Weltmarkt
fitzumachen, also konkurrenzfähig auch mit US-amerikanischen Großfarmen und
anderen Agroindustriellen Komplexen. Die Welthandelsorganisation (WTO)
protestierte bereits mehrmals gegen die protektionistische Agrarpolitik der EU
und will in Zukunft überhaupt keine Preisstützungen mehr sehen.
Damit aber keine Mißverständnisse aufkommen: Die nun beschlossenen
Preissenkungen sind keine Verbilligung des Einzelhandelspreises. Der/die KonsumentIn
wird für ihr/sein Kilo Rindfleisch im Laden vermutlich weiterhin die gleichen
Preise zahlen. Bei der Verringerung der Garantie-Preise handelt es sich um eine
Verringerung der EU-gestützten Einkommen der BäuerInnen und nicht um eine
Verbilligung für den/die LiebhaberInnen von Käse oder Fleisch.
EU-Landwirtschaft: Biotechnologien und Förderungen
Nun sieht der nach dem Sturz der EU-Komission über ihre eigene
Misswirtschaft nur mehr interimistische EU-Landwirtschaftskommissar Franz
Fischler die Zukunft der EUropäischen Landwirtschaft in anderen Bereichen als
dem "Feinkostladen Europas". Fischler stellt heute klar:
"Agrarisches Wirtschaften, das der Gesundheit von Mensch, Tier und
Pflanze Priorität einräumt, darf keinesfalls mit einer rückwärtsgewandten
Technologiefeindlichkeit verwechselt werden. Im Gegenteil: Neue
Errungenschaften, wie etwa die Biotechnologie, sind willkommen, jedoch immer
unter der Prämisse, daß sie weder dem Verbraucher noch der Umwelt Schaden
zufügen.
Der Glaubenskrieg um die Gentechnologie ist ein gutes Beispiel, wie eine an
und für sich sinnvolle Technologie in Verruf geraten kann." (FISCHLER,
1998: 111)
Bio- und Gentechnologie in agroindustriellen Komplexen soll so die Basis der
Lebensmittelproduktion in der EU bilden. Bioprodukte bleiben für eine Elite
vorbehalten die es sich leisten kann diese zu kaufen.
Die andere Seite der EU-Landwirtschaftspolitik bilden jedoch wiederum
Förderungen für Nichtproduktion, bzw. stillgelegte Flächen, sowie Fördermittel für
"Landschaftspflege".
Gerade in Gebirgsregionen wie dem Großteil Österreichs wäre eine fehlende
"Landschaftspflege" durch die Landwirtschaft mit so katastrophalen
Folgen verbunden, daß diese mit großem finanziellen Aufwand aufrecht erhalten
werden muß. Die Alpen würden als Kulturlandschaft ohne Bewirtschaftung der
Wälder und Almen durch Lawinen, Bergrutsche und ähnliche Naturkatastrophen
großflächig unbewohnbar werden. Alpiner Tourismus ohne alpine Landwirtschaft
wäre undenkbar.
Jedoch auch wenn so mancheR "unwirtschaftliche" BäuerIn so als
bezahlteR LandschaftspflegerIn von EU-Fördertöpfen noch am Leben erhalten wird,
so ist kaum einE solche BäuerIn damit zufrieden. Bei Gesprächen mit
BergbäuerInnen wird immer wieder klar: Sie wollen Lebensmittel herstellen und
davon leben. Niemand hat Lust als AlmosenempfängerIn der EU die Berghänge zu
bewirtschaften.
Petra Meier
FISCHLER, Franz: Das Land neu bestellen, Betrachtungen zur Zukunft der
europäischen Landwirtschaft; in: Wolfgang Schüssel (Hg.): Zur ersten
EU-Präsidentschaft Österreichs 1998, Wien 1998