Sofortiger Atomausstieg in hundert Jahren
Wer sich der Illusion hingegeben hat die rot-grüne Koalition in
Deutschland würde für die Abschaltung der dortigen AKWs sorgen wurde bald eines
besseren belehrt. Weder in Frankreich oder Italien, noch in Deutschland ist ein
Ausstieg aus der Atomindustrie in Aussicht. In allen drei Staaten sind die
Grünen in der Regierung und übernehmen dort die Rolle die Pro-AKW-Politik der
Ökologiebewegung als Atomausstieg zu verkaufen.
Im Deutschen Bundestagswahlkampf vor einem halben Jahr hatten die Grünen
noch ihre WählerInnen mit Versprechungen vom "sofortigen
Atomausstieg" umgarnt um ihnen die Stimme zu geben. Dabei waren die Grünen
bereits zuvor seit Jahren in die AKW-Politik der BRD eingebunden. Grüne
Regierungsbeteiligungen auf Länderebene führten maximal zu einer Modernisierung
von AKWs, aber nie zur Abschaltung derselben. Die bayrischen Grünen hatten sich
bereits 1993 durch ihre Landesvorstandssprecherin Margarate Bause von der
sofortigen Stillegung der Atomkraftwerke verabschiedet. Die
schleswig-holsteinischen Grünen lehnten im September 1996 auf ihrer
Landesversammlung die sofortige Stillegung des AKW Krümmel ab, da der Antrag
die rot-grüne Koalition in Kiel gefährde. Die nordrheiwestfälischen Grünen
setzten sich in ihrer Koalition mit der SPD seit 1995 nie ernsthaft für die
Stillegung der dortigen AKWs Ahaus, Jülich, Gronau oder Duisburg ein.
Prügler und Geprügelte
Die Deutschen Grünen verfolgten eine Doppelstrategie. Vor Wahlkämpfen wurde
rhetorisch der sofortige Atomausstieg gefordert, in ihrer Politik
verabschiedeten sie sich systematisch davon. Daß sich einzelne Grüne immer noch
konsequent für das einstige Ziel engagierten ändert an dieser Politik nichts.
Kam es zur Konfrontation der Atomlobby mit AKW-GegnerInnen standen sich
Grüne plötzlich auf beiden Seiten gegenüber.
Am 19. März etwa wurde Gila Altmann, Bundestagsabgeordnete der Grünen, nach
Anti-Castor-Protesten in Ahaus auf dem Heimweg von Polizeibeamten
krankenhausreif geschlagen und erlitt ein Schädelhirntraume ersten Grades.
Verantwortlich dafür war der neue Polizeipräsident von Münster, der Grüne
Hubert Wimber.
Trotzdem wurde bis zu den Wahlen weiterhin der AKW-Ausstieg gefordert. Die
WählerInnen mußten schließlich bei der Stange gehalten werden.
Regierungsverantwortung für AKWs
Bereits in den Koalitionsverhandlungen wurde dieser sofortige Atomausstieg
jedoch weit nach hinten verschoben. Vertäge mit der AKW-Lobby mußten zuerst
überprüft werden, ein möglicher Ausstieg bis weit über das Ende der
Legislaturperiode hinaus verschoben werden. Der Koalitionskompromiß sah ein
Verbot der Wiederaufbereitung von Brennstäben ab dem Jahr 2000 vor. Die Förderung
von Atomenergie im Atomgesetz sollte gestrichen werden und die Beweislast bei
begründetem Gefahrenverdacht umgekehrt werden. Weiters sollte die
Deckungsvorsorge sollte von 500 Millionen auf 5 Milliarden Mark erhöht werden.
Diese Summe war jedoch so hoch, daß die AKW-BetreiberInnen keine
Versicherungsgesellschaften dafür fanden, worauf sich der Bund bereit erklärte
diese Aufgabe zu übernehmen.
Von einem Ausstieg aus der Kernspaltung war jedoch keine Rede mehr. Ganz im
Gegenteil, der Betrieb der AKWs wird den BetreiberInnen weiterhin garantiert.
Eine Reihe von Grünen sehen sogar in der Kernfusion die neue Hoffnung für eine
ökologische Elektrizitätsgewinnung.
Der Transport von abgebrannten Kernbrennstäben soll nun unter rot-grüner
Bundesregierung wieder aufgenommen werden. Neue Castor-Transporten werden
vermutlich ab Herbst wieder rollen. Ob dann noch deutsche Grüne gegen ihre
eigenen Minister auf die Straße gehen wird sich erst zeigen müssen.
AKW-Großmacht EUropa
Die EU ist der größte AKW-Standort der Welt. Deutschland, Frankreich,
Großbritannien, Italien und eine Reihe anderer EU-Staaten decken große Teile
ihres Energiebedarfes aus AKWs. Grüne Gerierungsbeteiligungen in Frankreich,
Deutschland und Italien haben keinerlei Hoffnungen auf den Ausstieg aus dieser
Technologie erfüllt. Im EU-Parlament gibt es keine einzige Fraktion die sich
konsequent für den Ausstieg aus der Kernspaltung einsetzt. Nur einzelne,
kleinere Parteien der Grünen und der Linken Fraktion im EUropaparlament setzen
noch auf dem AKW-Ausstieg. Ihr Einfluß ist allerdings marginal.
Damit läßt sich von der großen Politik wenig erwarten. Auch die nächsten
Jahre werden neue AKWs gebaut und alte weiterbetrieben werden. Ein AKW-Ausstieg
läßt sich nur durch starke und militante Ökologiebewegungen von unten
erkämpfen, auch gegen grüne Regierungsparteien!
Petra Meier