Kurdistan, Türkei und die Befreiung
Die Verhaftung und völkerrechtswidrige Entführung des PKK-Vorsitzenden
Abdullah Öcalan hat wieder einmal für kurze Zeit die Unterdrückung der
KurdInnen durch den Türkischen Staat in das Licht der Öffentlichkeit gerückt.
In Europa sorgte mensch sich aber mehr um befürchtete Ausschreitungen von
ExilkurdInnen als um das Schicksal einer mehrere Millionen Menschen umfassenden
Bevölkerungsgruppe in Ostanatolien.
Dabei muß mensch die PKK keineswegs mögen um die real existierenden
Unterdrückungsverhältnisse in der Türkei kritisieren zu können, denn was sich
in der Türkei seit Jahrzehnten abspielt kann durchaus mit der Vertreibunspolitik
Milosevics im Kosovo mithalten; mit einem Unterschied allerdings: Die Türkei
ist selbst NATO-Mitglied und so werden die NATO-Bomben wohl auch weiterhin zwar
auf Belgrad fallen um "die Menschenrechte zu verteidigen", jedoch nicht
auf Ankara. Ganz im Gegenteil: Die NATO wird den Krieg gegen die Kurdische
Bevölkerung weiterhin mit Geld und Waffen unterstützen.
Von der Umma zum Türkischen Nationalismus
Die Geschichte der modernen Türkischen Republik beginnt als Geschichte des
Türkischen Nationalismus. Während das Osmanische Reich sich als multinational
verstand und den einzelnen millet - ein Zwischending zwischen den Europäsichen
Begriffen von "Nation" und "Religionsgemeinschaft" - in der
Türkei eine weitrechende Autonomie zugestanden wurde verstand sich der
Gesamtstaat primär als Gemeinschaft der umma - der islamischen Gemeinschaft -
und nicht der "Türkischen Nation". Vor allem die verschiedenen
christlichen Minderheiten hatten - teilweise auf Druck der Europäischen Mächte
hin - so weitgehende Autonomierechte, daß sie nicht einmal der osmanischen
Rechtssprechung unterstellt waren, sondern eine Art Doppelstaatsbürgerschaft
mit einer Europäsichen Schutzmacht besaßen.
Dem Zerfallsprozeß des Osmanischen Reiches versuchte die
liberal-nationalistische Sammelbewegung der Jungtürken - der auch Mustafa Kemal
angehörte - einen republikanisch-türksichen Nationalismus entgegenzusetzen, der
kurz vor dem Zerfall des Osmanischen Reichen in den Wirren des 1. Weltkrieges
zum Genozid an der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches führte.
Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und der Besetzung großer
Teile der heutigen Türkei durch griechische, französische und britische Truppen
begannen Teile der Jungtürken unter der Führung Mustafa Kemals - der später den
Ehrennamen Atatürk, "Vater der Türken" bekommen sollte - einen
Guerillakrieg gegen die Besatzung an dem sich auch kurdische Einheiten
beteiligten die zu einem gemeinsamen Widerstand der muslimischen Bevölkerung
gegen die christlichen Besatzer bereit waren.
Kaum hatte Mustafa Kemal aber diesen Krieg gegen die Alliierten gewonnen und
die moderne Türkische Republik gegründet verabschiedete er sich von seiner
Zusammenarbeit mit den KurdInnen und predigte als Kontrapunkt zum islamischen
Osmanischen Reich einen sekularen türksichen Nationalismus. Es wurde nun ein
türksicher Nationalstaat propagiert in dem als einzige Amtssprache von allen
Türkisch gesprochen werden sollte und in dem zunehmend sogar die Existenz einer
kurdischen Bevölkerung geleugnet wurde. JedeR BürgerIn der Türkei hatte nunmehr
Türke zu sein.
Kemalismus kämpft gegen "Bergtürken"
So reduzierte der Kemalismus als Türkischer Nationalismus die Kurdische
Bevölkerung zu "Bergtürken". Selbst die Existenz der kurdischen
Bevölkerung und Sprache wurde geleugnet. Mustafa Kemal errichtete einen
nationalistischen, autoritären Einparteienstaat der sich den italienischen
Faschismus in vielen Bereichen als Vorbild aussuchte und so viele
Charakteristika eines faschistischen Regimes innehatte. Auch wenn später Teile
der Türkischen Linken den Kemalismus wegen seiner etatistischen
Wirtschaftspolitik und seiner brutal durchgezogenen Modernisierungspolitik als
linke politische Strömung betrachteten, so kann das nicht darüber
hinwegtäuschen, daß das Regime Mustafa Kemals in seinem Nationalismus, seinem
Totalitarismus, seiner Verfolgung linker Opposition und seinem Fehlen jeder
sozialen Reformen eher als faschistische Entwicklungsdikatur zu charakterisieren
wäre, denn als ein linkes Modernisierungsprojekt.
So wurden denn auch oppositionelle Strömungen massiv unterdrückt. Politische
Gegner wurden massenhaft hingerichtet, Aufstände in Kurdistan mit militärischer
Gewalt zerschlagen. Immer wieder wurden auch Massaker an der Zivilbevölkerung
in Kurdistan bekannt.
Politische Liberalisierung - nicht für KurdInnen
In der Ära nach Mustafa Kemal kam es zwar - unterbrochen von einer Reiche
von Militärputschs und anderen Einflußnahmen des Militärs - zu einer
politischen Liberalisierung, diese galt jedoch nie für die Kurdische
Bevölkerung. Nach dem letzten Militärputsch vom 21. September 1980 behielt sich
das Militär auch nach einer Rückkehr zum Mehrparteiensystem einen großen - auch
in der Verfaßung verankerten - Einfluß. Seither werden nicht nur islamistische
Parteien ständig verboten, das selbe Schicksal traf bisher auch noch jede
legale kurdische Partei. Auch gegen die derzeit noch existierende HADEP (Halkin
Demokrasi Partisi / Partei des Volkes für Demokratie) - die als Nachfolgepartei
der verbotenen HEP gegründet worden war - läuft seit der Entführung Öcalans
eine massive Hetzkampanie sie wäre von der PKK ferngesteuert. Es droht ihr nun
nach den Wahlen damit wohl ein ähnliches Schicksal wie ihrer Vorgängerin.
Die PKK nimmt ihren Kampf auf
In der politischen Situation des Post-1980er Regimes nahm nun die PKK ihren
bewaffneten Kampf gegen das Regime in Ankara auf.
Die Partei war während der Siebzigerjahre aus kleinen StudentInnengruppen
entstanden und hatte sich unter dem Eindruck der Repression nach dem
Militärputsch rasch ausgebreitet. Es gelang ihr zu Beginn der Achziger Jahre
auch in den ländlichen Gebieten Kurdistans Fuß zu faßen und so konnte sie ab
1984 den bewaffneten Kampf gegen das Regime in Ankara aufnehmen.
Die PKK verband dabei vor allem in den ersten Jahren ihres Kampfes ihren
nationalen Befreiungskampf mit einem sozialen Befreiungskampf, der die
Gesellschaft in den kurdischen Teilen Ostanatoliens teilweise nachhaltig
veränderte. Traditionelle Feudalstrukturen wurden zumindest in Frage gestellt.
Frauen wurden integraler Bestandteil des Kampfes.
Ob dies - hätte es die PKK geschafft ein unabhängiges Kurdistan zu errichten
Bestand gehabt hätte ist allerdings durchaus fraglich. Schließlich ist es in
jeder bewaffneten Befreiungsbewegung zu beobachten, daß Frauen während des
bewaffneten Kampfes benötigt werden und damit eine stärkere Position bekommen,
die sie aber nach dem Ende der Kämpfe sehr schnell wieder einbüßen.
Nationalismus und Antisemitismus
Im Laufe ihres fünfzehnjährigen Kampfes traten auch andere soziale Aspekte
des Befreiungskampfes zunehmend hinter den nationalen Befreiungskampf zurück.
Die PKK war so auch immer wieder zu Bündnissen mit "patriotisch"
eingestellten kurdischen Großgrundbesitzern bereit und stellte wie viele
"nationale Befreiungsbewegungen" des Trikont immer wieder den
nationalen über den sozialen Befreiungskampf.
Auch der Antisemitismus - der fast alle nationalistischen Bewegungen dieser
Welt mehr oder weniger intesiv begleitet - blieb der PKK so nicht fern.
Besonders seit dem Beginn der engeren militärischen Zusammenarbeit der Türkei
mit Israel waren antisemitische Attacken von hohen PKK-Funktionären und
ebensolche Artikel in PKK-nahen Medien immer wieder zu hören.
Bündnisse der PKK mit Teilen der revolutionären türkischen Linken
scheiterten immer wieder. Die Gründe dafür sind jedoch nicht nur im
Nationalismus der PKK selbst zu suchen, sondern auch im Nationalismus vieler
türkischer Linker. Gerade nach der Aufnahme des bewaffneten Kampfes durch die
PKK kam es Mitte der Achziger Jahre sowohl in der Türkei als auch in Europa zu
bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen Linken die
viele Verletzte und einige Tote forderten.
Bürgerkrieg und Waffenstillstand
Der PKK gelang es trotzdem in Kurdistan relativ rasch eine Massenbasis in
der Bevölkerung zu bekommen. Bereits Ende der Achzigerjahre hatte sie große
Teile der Bevölkerung hinter sich gebracht. Dies gelang ihr einerseits durch
ihre Enge Zusammenarbeit mit der einfachen, ländlichen Bevölkerung in
Kurdistan, andererseits aber auch durch die - teilweise blutige - Ausschaltung
rivalisierender Kurdenorganisationen.
Auch die interne Struktur der PKK ist bis heute alles andere als
demokratisch. Bis zu seiner Entführung in die Türkei regierte Abdullah Öcalan
die Partei mit eiserner Faust. Interne Opposition wurde nicht geduldet,
Machtkämpfe endeten oft mit der Hinrichtung von Funktionären die gegen die
Linie Öcalans opponierten.
Trotz dieser innerparteilichen Exzesse sahen viele KurdInnen angesichts der
Massaker und "ethnischen Säuberungen" die die türkische Armee in
Kurdistan anrichtete, in der PKK immer noch das geringere Übel als im
türkischen Staat, der den Ausnahmezustand in Ostanatolien nie Aufhob und seit
Mitte der Neunzigerjahre die PKK sogar bis weit auf iraqisches Staatsgebiet
hinein verfolgte. Aus einmaligen "Strafaktionen" ist zwischenzeitlich
eine ständige Besetzung iraqischen Territoriums geworden gegen die international
niemand etwas einzuwenden hat.
Trotz intensivster Kriegsführung der Türkei mit Unterstützung verschiedener
NATO-Staaten gegen die PKK, gelang es der Guerilla immer wieder kleinere
Gebiete zu "befreien". "Ruhe und Ordnung" konnte die
türkische Armee seit 1984 in Kurdistan nie mehr herstellen.
In den "befreiten Gebieten" der PKK waren die KurdInnen zwar vor
"etnischen Säuberungen" und Verfolgungen der türksichen Armee sicher,
litten aber unter dem Aufbau eines sehr autoritären Regimes unter der Führung
Öcalans.
Nach einer Reihe von militärischen Niederlagen ab Mitte der Neunzigerjahre
erklärte die PKK mehrfach einseitige Waffenstillstände und versuchte ihren
Kampf von der militärischen Konfrontation die für keine der beiden Parteien zu
gewinnen war auf eine diplomatische Ebene zu verlagern, was aber nur in
Ansätzen gelang. Die Türkei stieg auf keinen der PKK-Waffenstillstände ein.
Eine diplomatische Anerkennung wie sie etwa Yassir Arafat seit einigen Jahren
zuteil wird blieb Abdullah Öcalan verwehrt.
Verbote und Ausweisungen
Gleichzeitig verschärfte sich auch die Gangart mancher europäischer Staaten
gegenüber der PKK, allen voran Deutschland, wo die PKK und eine Reihe von
kurdischen Organisationen und Vereinen ab Mitte der Neunzigerjahre verboten
wurden. Während in Österreich solche Verbote nie erlassen wurden und sich bei
den jährlichen Newroz-Feiern der PKK fast alle Parlamentsparteien als
Gratulantinnen einfinden hält Deutschland auch unter der rot-grünen Regierung
an diesen Verboten fest.
Im Laufe des Jahren 1998 verstärkte sich dann auch noch der Druck der Türkei
auf Syrien, wo die PKK bisher ihr Hauptquartier hatte, was schließlich zur
Ausweisung des PKK-Vorsitzenden Abdullah Öcalan und zu dessen Flucht quer durch
die halbe Welt führte und mit seiner Verhaftung und Entführung aus Kenia
endete.
Proteste und Jubel
Während verschiedenste kurdische Organisationen in der Türkei und Europa,
sowie die verschiedensten Menschenrechtsorganisationen auf die Entführung und
Zurschaustellung Öcalans, vor allem aber der darauffolgenden Repressionswelle
und Pogromstimmung gegen die kurdische Bevölkerung und die demokratische
Opposition entsetzt reagierten, jubelten die aufgepeitschten nationalistischen
Massen in der Türkei. Nicht zuletzt der "Öcalan-Bonus " verhalf der
regierenden Demokratischen Linkspartei (DSP) unter Bülent Ecevit zu seinem
Wahlsieg vom 18. April bei dem es der DSP gelang die bisher stärkste Partei,
die islamistische Tugendpartei - die als Nachfolgeorganisation der verbotenen
Wohlfahrtspartei gegründet worden war - zu überholen.
Aber nicht nur die vom antikurdischen Hardliner Ecevit geführte DSP
erreichte mehr Stimmen als die bislang IslamistInnen. Der faschistischen
Nationalen Aktionspartei (MHP) - die 1995 nicht einmal die 10% Hürde zum Einzug
in das Parlament schaffte - gelang es diesmal im nationalen Taumel mit 18% zur
zweitstärksten Partei zu werden. In den Siebziger- und Achzigerjahren trat die
damals noch vom nunmehr verstorbenen Militärputschisten Alparslan Türkes
geführte Partei vor allem in Gestalt ihrer terroristischen Jugendorganisation
"Graue Wölfe" mit Anschlägen und Morden gegen linke und kurdische
PolitikerInnen, KünstlerInnen und Intellektuellen in Erscheinung.
Auf der Strecke werden einmal mehr Menschenrechte und Demokratie bleiben und
so wird u.U. die bereits geschwächte PKK gerade durch die türkische Politik
erneuten Zulauf erhalten und dem türkischen Staat weiterhin das Leben schwer
machen.
Thomas Schmidinger