Die Nation - zur Entstehung eines
folgenreiches Konstruktes
"Nation" ist - entgegen dem Mythos der VertreterInnen dieses
Konzeptes selbst - keine "natürliche" oder "immer schon da
gewesene" Einheit, sondern ein relativ junges Konzept einer
"vorgestellten Gemeinschaft", das im Zusammenhang mit der Entwicklung
kapitalistischer Binnenmärkte im 18. und 19. Jahrhundert seinen historischen
Durchbruch erreichte.
"Es ist der Nationalismus, der die Nationen hervorbringt, nicht
umgekehrt."
Die "Erfindung der Nation" ist relativ jungen Datums und zudem
eine Europäische Erfindung, die zwar durch Kolonialismus, Imperialismus und den
Widerstand dagegen in alle Welt exportiert wurde, deren Ursprung aber in der
Europäischen Neuzeit, in der Entstehung des Kapitalismus,.. zu suchen ist.
Nationalismus ist für Ernest Gellner, der mit "Nationalismus und
Moderne" eine der wichtigsten Arbeiten zu diesem Thema geschrieben hat,
"eine Theorie der politischen Legitimität, der zufolge sich die ethnischen
Grenzen nicht mit den politischen überschneiden dürfen; insbesondere dürfen
innerhalb eines Staates keine ethnischen Grenzen die Machthaber von den
Beherrschten trennen - eine Möglichkeit, die bereits formal durch die
allgemeine Fromulierung des Prinzips ausgeschlossen ist."
M. Rainer Lepsius sieht in der Nation "zunächst eine gedachte Ordnung,
eine kulturell definierte Vorstellung, die eine Kollektivität von Menschen als
Einheit bestimmt."
Die Erfindung der Nation
"Nation" ist damit nichts existierenden, sondern etwas gemachtes,
erfundenes. Die "Nation" ist, wie jede Gemeinschaft die größer ist
als eine Gemeinschaft unmittelbarer Kontakte in der quasi JedeR JedeN kennt,
eine vorgestellte Gemeinschaft. Aufgrund bestimmter historischer Etnwicklungen
und bestimmter ökonomischer und politischer Interessen werden in Europa seit
dem 17. Jahrhundert, in den meisten Staaten Asiens und Afrikas seit dem 20.
Jahrundert "Nationen" als solche "vorgestellte
Gemeinschaften" konstruiert und schrittweise in das Massenbewußtsein der
Bevölkerung übertragen.
Welche historischen Bedingungen sind dies aber nun die in Europa erstmals
das Konzept einer Nation entstehen ließen?
Der bereits erwähnte Sozialanthropologe Ernest Gellner bringt die Entstehung
des Nationsgedankens primär mit der Ausbreitung der"Hochkultur", der
Fähigkeit des Lesens und Schreibens und des Buchdruckes in Verbindung. Während
er die Mehrheitsbevölkerung des Mittelalters als in einer Agrargesellschaft
lebend erkennt deren "kleine Bauerngemeinden [...] ein nach innen
gerichtetes Leben, ortsgebunden durch wirtschaftliche Notwendigkeit, wenn nicht
durch politischen Zwang" führen, steht dieser Masse schriftunkundiger
Bauern eine elitäre Minderheit gegenüber die in einer ganz anderen Sprache -
nämlcih Latein - ihre Schriften verfaßt und liest.
Diese Elite ist damit von der in eine Vielzahl von Dialekten und
Lokalsprechen zerfallenden bäuerlichen Lokalgesellschaft verschiedener wie
unter sich. Während eine Elite in Latein über alle späteren nationalen Grenzen
hinweg kommuniziert, sprechen die BäuerInnen ihre unverschrifteten Dialekte in
ihren Dörfern und Regionen. Die Kultur der Elite ist somit wesentlich
großräumiger als die späteren Nationen, die Kultur der BäuerInnen un Bauern
wesentlich lokaler als diese. Die Unterschiede zwischen Menschen beziehen sich
primär auf unterschiedliche Standeszugehörigkeit, keinesfalls jedoch auf eine
andere Landessprache oder gar einen Gedanken an Nation.
Mit der Ausbreitung des Buchdruckes und der Alphabetisierung immer neuer
Gesellschaftsgruppen entsteht auch zunehmend das Bedürfnis neben lateinischen
Druckwerken auch solche in den Landessprachen herauszugeben. Bis dahin nicht
standardisierte Dialekte werden zu Litaratursprachen zusammengefaßt, einige
davon zu Amtssprachen erhoben.
Diese Amtssprachen wiederum erlangten "größere Macht und höheren Status
- ein Prozeß, der zumindest zu Anfang eher ungeplant vonstatten ging. So
vertrieb Englisch das Gälische aus großen Teilen Irlands, Französisch drängte
das Bretonische an die Wand, und Kastillanisch stieß Katalanisch in die
Versenkung."
Während kleinere Sprachgruppen so oft weitgehend protestlos und oft sogar
ohne irgend einen eigenen Nationalismus zu entwickeln untergingen, waren die
Folgen dieser Einführung von Landessprachen als Amtssprache in einer Reihe
anderer alter, dynastischer Staaten politisch sehr folgenreich. Als
Extrembeispiel führt Anderson dabei die Habsburgermonarchie an. "In diesem
riesigen Herrschaftsgebiet, vom Alter geschwächt, vielsprachig doch zunehmend
alphabetisiert, versprach die Ablösung des Lateinischen durch irgeneineLandessprache
denjenigen Untertanen, die diese Schriftsprache bereits benutzen, enorme
Vorteile und erschien den anderen dementsprechend als Bedrohung."
Die Einführung des Deutschen als Nationalsprache verursachte damit auch die
anderen Nationalismen der Habsburgermonarchie mit.
Nation und Kapitalismus
Gehen wir aber noch einmal zurück zu den Ursprüngen des Nationalismus am
Beginn der Moderne. die Entstehung des Nationalismus kann nicht nur mit dem
Buchdruck und der Alphabetisierung zusammenhängen. Dies als einzige Ursache für
die Umwandlung feudaler und dynastischer Staaten in Nationalstaaten zu sehen
wäre eine Ausblendung politischer und ökonomischer Aspekte.
Zuerst muß einmal gesagt werden, daß der Nationalstaat die politische
Ausformung des Binnenmarktes darstellt. Während feudale Kleinstaaten und
dynastische Gebilde mit unzähligen Zollbeschränkungen, Gebühren und anderen
Handelshemmnissen arbeiten, bietet der Nationalstaat mit seinem Binnenmarkt
jenen Markt den die Industrialisierung und der Kaptialismus benötigen. Die
zeitliche Parallelität der Entstehung des Nationalismus und der Herausbildung
der Industriegesellschaft und des Kapitalismus als Wirtschaftssystem ist damit
kein Zufall. Beide Phänomene sind eng miteinander verknüpft.
"Mit der Industriegesellschaft ist eine Gesellschaft entstanden, die
sich auf eine hochentwickelte Technologie und die Erfahrung anhaltenden
Wachstums gründet, die sowohl die mobile Arbeitsteilung als auch eine ständige,
häufige und präzise Kommunikation zwischen Fremden erfordert; dazu gehört die
allgemeine Vorherrschaft expliziter Begriffe, die einem Standardidiom und, wenn
erforderlich, schriftlich übermittelt werden."
Die Weitergabe dieses Wissens um explizite Begriffe, Standardidiom und die
weitverbretete Schriftkundigkeit kann nicht mehr wie im Mittelalter in der
Familie erfolgen. Während in einer Nichtindustrialisierten Gesellschaft das
Wissen das ein Bauer, Tischler,... benötigt von einer Generation einfach auf
die nächste weitergegeben werden kann und die soziale Mobilität so gering ist,
daß für jedes Subjekt der Agrargesellschaft bereits bei Geburt sein zukünftiger
Beruf feststeht, bedarf die höhere soziale Mobilität der Industriegesellschaft
eine allgemeine Ausbildung die nicht mehr in der Familie erfolgen kann.
"Die Tatsache, daß Untereinheiten der Gesellschaft nicht länger zur
Selbstreproduktion fähig sind, daß zentralisierte Exo-Ausbildung zur
obligatorischen Norm geworden ist, daß solche Erziehung die lokalisierte
Akkulturation ergänzt (wenn auch nicht völlig ersetzt), ist von höchster
Bedeutung für die politische Soziologie der modernen Welt" und führt so
letztlich zur Erziehung von Staatsbürgern, von Nationsangehörigen durch
jahrelange Erziehung in der Schule.
ein militaristischer Männerbund
Eine ähnliche Funktion übt daneben die Einführung der allgemeinen
Wehrpflicht aus, die für alle männlichen Staatsbürger wiederum eine letzte
prägende Schule der Nation darstellt die im Idealfall die Männer der Nation X
im Kampfe gegen die Männer der Nation Y zusammenschweißt und so erst das
Nationalgefühl vollenden kann.
Die Nation ist damit auch Männerbund. Obwohl die Idee der Nation von einer
gewissen Gleichheit der Mitglieder der Nation ausgeht, verwirklicht sich die
angestrebte Konformität der Nation erst zwischen Männern auf dem Schlachtfeld.
Und dieses Schlachtfeld ist nicht mehr das Schlachtfeld der professionellen
Söldnerheere oder der marodierenden Banden der Kreuzritter, sondern das
Schlachtfeld durchorganisierter geschlossener Heere, die neben den konkreten
Soldaten auch die ganze "Nation" im Hinterland mobilisieren. Erst
wenn auch ein deutscher Kaiser keine Parteien, sondern nur noch Deutsche kennt
hat sich das Konzept der Nation voll verwirklicht. Und dazu bedarf es des
Krieges.
Die Austauschbarkeit des Einzelnen
In Anlehnung an eine alte Parole der Linken könnten wir sagen, daß im
Mittelalter für jeden klar war, daß die Grenzen zwischen oben und unten
verliefen, während das Konzept des Nationalismus diese Grenzen zwischen
"den Völkern" verlaufen läßt.
Die Identifikation eines Zeitgenossen des Mittelalters war wesentlich mehr
mit fest umrissenen und unentrinnbaren Ständen verbunden. Mit dem Aufkommen des
Nationalismus wurde diese Identifikation auf "die Nation" umgelegt,
eine Nation die dem Individuum genauso anzuhaften scheint wie im Mittelalter
der Stand. Die Zugehörigkeit zu einer Nation wird als Eigenschaft gedacht die
jedeR haben muß und der er/sie nicht entrinnen kann.
Während im Mittelalter kleine und oft streng strukturierte Sektoren der
Gesellschaft miteinander interagierten und Menschen kaum aus ihren vorgegebenen
Ständen und Berufen ausbrechen konnten, wird die Gesellschaft im Zeitalter des
Kapitalismus und der Industrialisierung dynamischer. Für ein rein
wettbewerbsorientiertes System ist es effizienter anonyme, austauschbarere
Individuen zu haben die zwar alles andere als gleich sind, aber deren Lebensweg
nicht so strikt festgelegt ist wie in einem mittelalterlichen Feudalsystem.
Eine größere Durchläßigkeit bringt eine grundsätzlich größere Gleichheit.
Selbst wenn ProletarierInnen des 19.Jahrhunderts materiell schlechter gestellt
gewesen sein mögen als BäuerInnen im Mittelalter, so sind sie doch von der Idee
her nicht grundstätzlich anderer Art als ihre UnternehmerInnen
Diese größere Gleichheit nach Innen ist notwendig ein
"Nationalbewußtsein" überhaupt erst hervorzubringen. Das Bürgertum
als neue Klasse wird zu dem Träger des Nationalgedankens. Größere Gleichheit
nach Innen wird dabei direkt verbunden mit größerer Abgenzung nach Außen, denn
für die Nation gilt wie für jede gedachte Gemeinschaft, daß die Abgenzung nach
Außen, daß Feind- oder Gegenbild immer die Basis für die Konstitution
der Wir-Gruppe wird.
Das Konzept der Nation fand durch seine implizite Gleichermachung innerhalb
dieser "Nation" auch problemlos in Staaten des
"realexistierenden Sozialismus" seine Anwendung. Die Idee der Gleichheit
kann mit Nationalismus wunderbar kompartiebel sein, solange es sich um einen
"Sozialialismus in einem Land" handelt.
Diese relative Gleichheit der Mitglieder einer Nation ist schleißlich auch
der Grund für die Verbindung von "Gleichheit, Freiheit,
Brüderlichkeit" mit der ersten erfolgreichen Nationsbildung in Europa. Mit
der französischen Revolution und dem Sturz der Monarchie setzte sich in
Frankreich jenes Nationskonzept durch, das die Identifikation der FranzösInnen
nicht mehr mit dem Herrscherhaus, sondern eben mit ihrer Nation festschrieb. In
der französischen Revolution manifestierte sich "die von der Aufklärung
entwickelte Denkfigur der Nation als Gemeinschaft aller gleichberechtigten
Staatsbürger"
Typen der Nation
Was nun grundsätzlich über die Entstehung, Erfindung und den Charakter der
Nation gesagt wurde wird von Rainer Lepsius genauer differenziert. Er
unterscheidet zwischen 4 verschiedenen "Typen von Nationen".
Als "Volksnation" betrachtet er eine Nation die "sich über
die ethnische Abstammung einer Kollektivität von Menschen " konstituiert.
"Damit müssen die Eigenschaften des Volkes bestimmt werden, damit das Volk
von anderen ethnischen Gebilden unterschieden werden kann und die
Volksangehörigen untereinander in eine Beziehung der Gleichheit treten
können."
Während Lepsius damit sehrwohl die Nation als konstruiert begreift, wird die
Kategorie "Volk" nicht hinterfragt, sondern offensichtlich als
gegeben akzeptiert. Daß auch "Volk" eine gedachte Gemeinschaft ist
die nicht einfach existiert, der das Individuum nicht einfach angehört, sondern
ein genauso interessensgeleitetes zeitbedingtes Konstrukt, das unter ganz
bestimmten historischen Bedingungen erfunden wird, geht für Lepsius
offensichtlich zu weit.
Immerhin erkennt Lepsius aber, daß "ethnische Einheiten auch über
kulturelle Eigenschaften, Sprache, Religion oder durch noch undeutlichere
Kriterien wie die einer Historischen Schicksalsgemeinschaft bestimmt"
werden. "Die ethnische Homogenität einer "Nation" ist daher nichts
"Naturwüchsiges", sondern weitgehend das Produkt einer kulturell
behaupteten Identität und einer politisch durchgesetzten Gleichheit, auch wenn
sich der Geltungsanspruch der "Volksnation" naturrechtlich und
vorpolitisch legitimiert."
Während für "Einwanderungsgesellschaften wie die Vereinigten Staaten
[...] die Idee der "Volksnation" für die Nationalstaatsbildung gar
nicht erst in Anspruch genommen werden" kann, fordert der Gedanke der
Volksnation in Mittel- und Osteuropa ethnisch homogene Nationalstaaten. Da
jedoch gerade in Mittel- und Osteuropa, also dort wo der Gedanke der
"Volksnation" sich am stärksten durchsetzen konnte, überall ethnische
Minderheiten lebten oder immer noch leben kommen diese Minderheiten immer in
Konflikt mit den neuen Nationalstaaten. Zwangsassimilationen und
"ethnische Säuberungen ergeben sich damit als letzte Konsequenz dieses
Gedankens einer ethnisch reinen Volksnation. Sie sind die konsequente Umsetzung
dieses Zieles. Oder mit anderen Worten: Die Errichtung einer "Volksnation"
funktioniert nur dann wenn "ethnisch Gesäubert", massakriert oder
zwangsassimiliert wird!
Die "Volksnation" kann auch problemlos ohne individuelle
Bürgerrechte als Nation existieren, da es lediglich um die "Nation"
als "Volk" geht. Im Extremfall gilt die Nation alles, der Einzelne
nichts!
Dies gilt jedoch nicht für eine weitere Nationsform die Lepsius in den
Gegensatz zur "Volksnation" stellt, die
"Staatsbürgernation" für die er die Vereinigten Staaten als Prototyp
beschreibt, deren Übergang zur "Staatsbürgernation" "durch die
Erklärung der Menschenrechte un die Verfassungsgebung" erklärt wird. Die
Nationenbildung der USA ist daher für Lepsius "in der Tat die "first
new nation"."
Die Identifikation mit dieser Staatsbürgernation erfolgt für ihn nicht über
die Zugehörigkeit zu einem "Volk", also nicht über eine als
vorpolitisch gedachte Gemeinschaft, sondern direkt über die politischen
Institutionen, die Verfassung, die durch diese Verfassung garantierten Bürger-
und Menschenrechte.
"Die "Staatsbürgernation" konstituiert sich über die
individuellen staatsbürgerlichen Gleichheitsrechte und die Verfahren der
demokratischen Legitimation der Herrschaft durch die Staatsbürger."
Neben der Volks- und Staatsbürgernation sieht Lepsius noch die
"Klassennation" der DDR und die "Kulturnation" die
"sich über die kulturelle Gleichheit von Menschen" konstituiert.
"Angesichts der Realerfahrung der politischen Fragmentierung der durch
die deutsche Sprache gestifteten Kulturgemeinschaft entwickelte sich die
Vorstellung von einer deutschen "Kulturnation" zunächst als Substitut
für das in selbstständige Territorialstaaten zerfallende Deutsche Reich des 18.
Jahrhunderts:"
Obwohl Lepsius diese Form der Nation von der der Volksnation trennt,
erscheint mit diese Trennung nicht wirklich aufrechterhaltbar. Natürlich ist es
theoretisch denkbar, daß "die Idee der "Kulturnation"
transpolitischen Charakter" behält und sich daraus "keine Folgen für
die Binnenordnungen der deutschen Staaten und für die Anerkennung ihrer
Außengrenzen" ergeben. De facto bildeten die Ideen der Kulturnation aber
den Vorläufer der Idee der "Volksnation". Solange die
"Volksnation" nicht verwiklicht werden konnte wurde Deutschland als
"Kulturnation" betrachtet und selbst bis zum neuen Parteiprogramm der
FPÖ stand in deren Programm der Begriff der "deutschen Kulturnation"
als Substitut für eine im Jahre 1945 gescheiterte "Volksnation".
Selbst die "Kulturnation" der arabischen Staaten mündete immer
wieder in den zumindest verbalen Bekundungen dieser "Kulturnation"
eine gemeinsame Staatlichkeit zu geben und sie damit wiederum zu einer
"Volksnation" umzuformen.
Wenn damit auch Differenzierungen zwischen Staatsbürgernationen und
Volksnationen - die sich schließlich auch im unterschiedlichen
Staatsbürgerschaftsrecht etwa von Deutschland und der USA zeigen - nützlich
sein können so müssen zwischen all den unterschiedlichen Nationskonzepten,
insbesondere zwischen Kultur- und Volksnation die Verbindungen gesehen werden.
Die Globalisierung des Nationalismus
In der jüngeren Geschichte ist was die Vorstellung der Nation betrifft v.a.
auch interessant wie sich dieses Konzept über den Erdball ausgebreitet hat. Im
Zuge der Kolonialismus und des Widerstandes gegen ihn wurde das Europäische
Konzept der Nation in Weltgegenden getragen die ein solches Konzept nie
kannten.
Einerseits schafften die kreolischen Eliten in Lateinamerika schon in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eigene Nationalstaaten, die die spansiche
Sprache weiterhin als Nationalsprache verwendeten. Die Befreiungskriege eines
Simon Bolivar waren wohl eher ein Aufstand der Eliten und brachten der
eigentlich kolonialisierten Bevölkerung kaum Verbesserungen. Ja teilweise waren
diese Aufstände sogar gegen Verbesserungen für indigene und schwarzafrikansiche
Bevölkerungsteile gerichtet, da die Krone in Spanien weniger repressiv gegen
die einheimische Bevölkerung vorging als die spanischsprachigen Kreolen.
Im zwanzigsten Jahrhundert entwickelten sich in den Protektoraten und
Kolonien Asiens, Afrikas und der Arabischen Welt eigenständige Nationalismen.
Nur wenige davon beriefen sich in ihrem Widerstand gegen den Kolonialismus
wirklich auf vorkoloniale Traditionen. Lediglich in Bevölkerungen die auf eine
lange eigenständige Schriftkultur zurückblicken konnten (AraberInnen,
ChinesInnen, Khmer,..) entwickelten sich erfolgreiche Nationalismen mit den
eigenständigen Sprachen als Fundament. Die meisten Staaten Afrikas hingegen
benutzten auch nach der Entkolonialisierung weitgehend die alten
Kolonialsprachen weiter. Der nigerianische Nationalismus bediente sich des
Englischen, der angolansiche des Portugiesischen, der senegalesische des
Fanzösischen. Nur selten konnten sich die neuen Staaten auf eigenständige
historische Traditionen berufen. Lediglich die Somalis stellten ein Beispiel
dafür dar, "daß die alte Stammesstruktur, die sich auf eine soziale
Struktur gründet, mit dem neuen, anonymen Nationalismus verschmolzen wird, der
auf einer gemeinsamen Kultur basiert."
Wie wir in den letzten Jahren erfahren haben, ist aber auch dieser Versuch
der Verschmelzung vorerst gescheitert. Statt eines somalischen Nationalstaates
existieren zur Zeit am Horn von Afrika rivalisierende Kleinststaaten und Clans
die in ständigem Krieg miteinander liegen.
Fast überall haben sich die neuen Nationalismen den kolonialen Grenzen
angepaßt und damit eindrücklich vor Augen geführt wie willkürlich und
interessengeleitet "Nationen" konstituert werden. Selbst die
Sowjetunion ist in jenen Grenzen zerfallen die in der Ära des Stalinismus den
neuen Sowjetrepubliken gegeben wurden. Die wenigen Nationalismen die sich im
Trikont unabhängig von kolonialen Grenzen zu Massenbewegungen entwickelt haben
sind allesamt gescheitert, was das jüngste und wohl bekannteste Besipiel der
PKK in Kurdistan eindrucksvoll belegt.
Auch die neuen Nationalismen die im Rahmen der Entkolonialisierung Afrikas,
Asiens oder in den 90er Jahren der ehemaligen Sowjetunion entstanden sind, sind
somit weitgehend jenen Konzepten gefolgt die für die Eliten dieser neuen
staatlichen Gebilde bereits zuvor existierten.
Trotz dieser willkürlichen Kreation von Nationen und Staaten ist es jenen
die an der Macht sind oder diese zukünftig ausüben möchten immer wieder
gelungen die Bevölkerung von der Wichtigkeit der eigenen Nation zu überzeugen.
Für kein Konzept haben sich so schon mehr Menschen aufgeopfert, sind aber auch
schon mehr Menschen ermordet worden als für das Konzept der Nation. "Der
Tod für das eigene Land, das man sich in der Regel nicht erwählt, ist von einer
moralischen Erhabenheit gekrönt, an die das Sterben für die Labour Party, für
die American Medical Association und auch für Amnesty International nicht im
geringsten heranreicht, da man diesen Vereinigungen leicht beitraten und sie
wieder verlassen kann."
Emanzipatorisch wäre es nun hingegen nicht immer neue Nationalismen zu
schaffen und die Nationalismen der Kleinen gegen die Nationalismen der Großen
zu verteidigen, sondern das Konstrukt der Nation selbst zum Einsturz zu
bringen.
Thomas Schmidinger
Bibliographie:
ANDERSON, Benedict: Die Erfindung der Nation, Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts, Frankfurt/Main, New York, 1996
BRUCKMÜLLER, Ernst: Nationsbildung als gesellschaftlicher Prozeß, in:Bruckmüller, Ernst / LINHART; Sepp / MÄHRDEL, Christian: Nationalismus, Wege der Staatenbildung in der außereuropäischen Welt, S 17-50, Wien, 1994
GELLNER, Ernest: Nationalismus und Moderne; Hamburg, 1991
LEPSIUS, Rainer M.: Nation und Nationalismus in Deutschland, in: JEISMANN, Michael / HENNING, Ritter (Hg.): Grenzfälle, Über neuen und alten Nationalismus; Leipzig 1993