Vernichtungskrieg im Kaukasus
Nach der Niederlage der russischen Armee im ersten Tschetschenienkrieg
versucht diesmal die Regierung Putin mit einen Vernichtungskrieg gegen die
tschetschenische Bevölkerung der abtrünnigen Kaukasusrepublik Herr zu werden.
Die neue Kriegsführung der russischen Regierung erinnert dabei eher an die
stalinistischen Deportationen unter denen die tschetschenische Bevölkerung zu
leiden hatte, als an die militärischen Konflikte die die letzten Jahre die
zerfallenden Nachfolgestaaten der alten Sowjetunion erschüttert haben.
Nach der Unabhängigkeit der ehemaligen Unionsrepubliken der Sowjetunion
erklärte die Republik Tschetschenien am 1. 11. 1991 ihre Unabhängigkeit. Der
erste Präsident dieses unabhängigen Tschetscheniens wurde Dschochar Dudajew -
jener sowjetische Armeekommandant der Luftwaffengarnison im estnischen Tartu,
der im August 1991 den Befehl der Moskauer Putschisten verweigerte die
estnischen Unabhängigkeitsbestrebungen mit militärischer Gewalt zu ersticken.
Im Baltikum gilt er heute dafür noch als Volksheld nach dem Straßen und Plätze
benannt werden. Für die russische Regierung hingegen wurde er der Staatsfeind
schlechthin. Im Gegensatz zur Unabhängigkeit der anderen Sowjetrepubliken
wollte Russland die Unabhängigkeitserklärung einer Republik der Russischen
Föderation nicht akzeptieren.
Guerilla und Warlords
Im ersten Versuch die kleine Kaukasusrepublik zurückzuerobern (1994-1996)
scheiterte Russland aber schließlich an den Guerilla-Kämpfern in den
Kaukasischen Bergen, nachem über 50.000 Tote, darunter tausende ZivilistInnen
in Tschetschenien zurückgeblieben sind. Mit dem Sieg der verschiedensten tschetschenischen
Milizen und Kommandos wurde jedoch gleichzeitig die mehr oder weniger
demokratisch gewählte tschetschenische Regierung geschwächt. Auch nach dem
Abzug der russischen Armee 1996 gelang es den Nachfolgern des im Krieg gegen
Russland gefallenen Präsidenten Dudajew nicht mehr die Rechtssicherheit im
Lande wieder herzustellen. Die Kontrolle der Regierung beschränkte sich
teilweise auf die größeren Städte, während viele ländliche Gegendenden
Tschetscheniens von den verschiedensten Warlords und Clans regiert wurden.
Da die muslimischen TschetschenInnen in ihrem Kampf gegen Russland kaum auf
Sympathien im "christlichen Abendland" hoffen konnten und kein
westlicher Staat die Unabhängigkeit der nur 1,2 Millionen EinwohnerInnen
zählenden Republik anerkannte, wendeten sich die einzelnen Guerilla-Gruppen
auch zunehmend stärker an ihre "Islamischen Brüder" um Hilfe. Wie so
oft in solchen Fällen war es gerade das extrem konservative aber auch extrem
reiche Saudi-Arabien das den bedrängten Glaubensbrüdern zur Hilfe eilte. Mit
saudischem Geld floß aber auch immer mehr an saudischen Ideen in den
Nordkaukasus. Schon bald gaben nicht mehr gemäßigte NationalistInnen in Grozny
den Ton an, sondern immer mehr extremistische SunnitInnen, die die Errichtung
eines islamischen Staates nach wahabitisch-saudischem Vorbild zum Ziel hatten.
Die gewählte tschetschenische Regierung vertrat dabei weiter einen gemäßigt
islamisch gefärbten tschetschenischen Nationalismus, die bewaffneten Gruppen
und ihre Warlords vertraten aber immer mehr das Islambild ihrer Unterstützer in
Saudi-Arabien.
Öl und Ökonomie
Bei der Neuauflage des Krieges gegen Tschetschenien geht es jedoch nicht nur
um eine - für Russland wohl eher imaginäre - Gefahr eines "Islamischen
Fundamentalismus" im Nordkaukasus, sondern auch um Ökonomie und
insbesondere um das Öl aus der Region des Kaspischen Meeres. Westliche Konzerne
haben sich seit dem Zerfall der Sowjetunion an immer größeren Teilen der
Erdölindustrie am Kaspischen Meer beteiligt, was Russland mit zunehmender Sorge
um den eigenen Einfluß erfüllt hat. In den Planungen für neue Pipelines spielt
auch Tschetschenien eine große Rolle. Es geht damit bei der Frage wer
Tschetschenien kontrolliert auch um die Frage wer die Gebühren zukünftiger
Pipelines einnehmen und den Gebrauch der Transitrechte als politisches
Druckmittel verwenden kann.
Auslöser und Ursachen
Die angeblichen Gründe für den erneuten russischen Angriff gegen
Tschetschenien sind damit nur die Auslöser für viel tiefer liegende Ursachen.
Neben dem Konflikt um die Kontrolle über das kaspische Erdöl spielt für
Russland dabei vor allem die Angst vor dem weiteren Zerfall der Reste der alten
Sowjetunion und die heranrückenden Duma-Wahlen eine Rolle. Auf einer Welle
nationalistischer und rassistischer Gefühle gegen Feindbild-Gruppen aller Art -
seien es nun Kaukasier oder Juden - läßt sich auch in Russland gut wahlkämpfen.
Kein russischer Politiker der die nächsten Duma-Wahlen gewinnen möchte könnte
es sich zur Zeit erlauben entschieden gegen diese Welle des russischen
Nationalismus und antikaukasischen Rassismus entschieden aufzutreten.
In so einem Klima kamen die abenteuerlichen Angriffe Schamil Bassajews und
Abd ar-Rahmans auf die östliche Nachbarrepublik Tschetscheniens um dort eine
"islamische Republik Dagestan" zu errichten gerade recht. Auch die
Anschläge auf Moskauer Wohnhäuser - die ohne jede Beweise sofort
tschetschenischen Terroristen zugeordnet wurden aber auch genauso gut vom
russischen Geheimdienst selbst gesprengt worden sein könnten - kamen für die Russische
Regierung genau zum richtigen Zeitpunkt um einen seit langem, und diesmal gut
geplantem, Rückeroberungsfeldzug gegen Tschetschenien zu beginnen. Rassistische
Übergriffe gegen KaukasierInnen in Moskau sind seither an der Tagesordnung.
Krieg gegen die Zivilbevölkerung
Der Rückeroberungsfeldzug Russlands erinnert seit Dezember 1999 immer mehr
einem Vernichtungsfeldzug. Keiner weiß die genaue Zahl der toten und
geflüchteten ZivilistInnen. Mehrere Hunderttausend TschetschenInnen sind aber
auf jeden Fall in die Nachbarrepubliken Inguschetien, Dagestan und
Nord-Ossetien geflüchtet.
Geiselnahmen von ZivilistInnen sind dabei von beiden Seiten ein beliebtes
Mittel der Kriegsführung. Nicht nur tschetschenische Warlords nehmen russische
Geschäftsläute als Geiseln, sondern auch der russische Geheimdienst FSB hat die
Familie des gewählten tschetschenischen Präsidenten Maschadow entführt und hält
sie als Geiseln gefangen.
Den Gipfel der Vernichtungspolitik gegen die tschetschenische Bevölkerung
stellt bislang jedoch ein Ultimatum dar, das die russische Militärführung am
Montag, den 6. Dezember der Zivilbevölkerung der tschetschenischen Hauptstadt
Grozny gestellt hat. Jede Person die sich am Samstag, den 11. Dezember noch in
Grozny aufhält würde von der russischen Armee "als Terroristen betrachtet
und vernichtet".
Nur weinige Hundert Menschen konnten oder wollten diesem Ultimatum Folge
leisten. Das Ultimatum wurde schließlich nach heftigen Protesten - auch
innerhalb Russlands - zwar verlängert und schließlich wurde sogar versucht die
tschetschenischen Einheiten mit einem Amnestiegesetzt zur Aufgabe zu bringen,
vor Ort setzen die russischen Einheiten ihren Krieg gegen die Zivilbevölkerung
jedoch fort.
Nach zwei Monaten konnten Anfang Februar die Russischen Truppen die völlig
zerstörte Stadt Grozny unter hohen Verlusten einnehmen. Das Siegerimage des
Übergangspräsidenten Putin, der am Höhepunkt seiner Kriegsherrn-Popularität zum
Nachfolger des zurückgetretenen Präsidenten Jelzin wurde, ist seither wieder
etwas angekratzt. Eine kurze Polizeiaktion gegen einige "Terroristen"
- wie es von der Regierung immer wieder dargestellt wird - scheint der Krieg in
Tschetschenien immer weniger zu sein. Die russische Armee muß sich wohl eher
auf einen lange andauernden Guerilliakrieg in den kaukasischen Bergen
vorbereiten, den die tschetschenischen Einheiten mit relativ guter Bewaffnung,
vor allem aber mit hoher Disziplin zu führen bereit sind, während die
Kriegsbegeisterung in Russland mit zunehmenden Dauer des Krieges abzunehmen scheint.
Thomas Schmidinger