Struktureller Antisemitismus und verkürzte
Kapitalismuskritik
Daß auch die Linke nicht vor mehr oder weniger offenem Antisemitismus
gefeit ist, wurde auch bei uns schon des öfteren angesprochen und müßte
mittlerweile bekannt sein. In diesem Artikel soll es aber nicht um diesen
"offenen Antisemitismus" der Linken gehen, sondern um strukturelle
Ähnlichkeiten verkürzter Kapitalismuskritik mit dem modernen Antisemitismus,
die insbesonder in der Globalisierungsdebatte der letzen Jahre immer häufiger
zu finden sind.
Juden und Geld
Bereits im Hochmittelalter - also noch vor der Entwicklung moderner,
kapitalistischer Produktionsverhältnisse - wurden Jüdinnen und Juden immer
wieder mit Geldgeschäften, mit dem "Abstrakten" im Gegensatz zur
"konkreten, produktiven Arbeit" in Verbindung gebracht. Der
"geistige Führer des Zweiten Kreuzzugs - der wie der Erste vor allem auch
ein Kreuzzug gegen die Juden war - Bernhard von Clairvaux, ersetzte in seinen
Predigten das Geldverleihen gegen Zinsen einfach mit dem Wort Judaisieren, lat.
iudaicare."
Der traditionelle Antisemitismus des Mittelalters war damit nicht nur
religiös bedingt, sondern auch bereits ein ökonomischer Antisemitismus.
"Juden" wurden mit Geldgeschäften gleichgesetzt. Die Wut der
Bäuerinnen und Bauern in den Bauernkriegen richtete sich nicht nur gegen
Klöster, Grafen und andere Grundbesitzer, sondern auch gegen Jüdinnen und
Juden. Kein Wunder, daß Jahrhunderte später sowohl die deutsche
Arbeiterbewegung wie der deutsche Antisemitismus und seine extremste Form im
Nationalsozialismus sich auf die Bauernkriege von 1525 als historische
Vorläufer beriefen.
Diese Tradition setzt sich dann auch in der frühen Arbeiterbewegung bei
Proudhon oder Lassalle fort. Proudhons Antisemtitismus betreibt erneut die
Unterscheidung der Zirkulationssphäre von der Produktionssphäre. Bereits hier
bleibt die Kapitalismuskritik in der Kritik der Zirkulation stehen. Jüdinnen
und Juden werden mehr oder weniger offen mit der kritisierten Zirkulation in
Verbindung gebracht.
Bei Marx sind zwar auch - insbesondere in seiner Schrift über die
"Judenfrage" - antisemitische Positionen zu finden, zu einem in sich
geschlossenen Antisemitismus kommt er jedoch nicht. Vor allem aber betreibt er
keine grundsätzliche Abtrennung von Zirkulation und Produktion. Einer
Zuschreibung von "Juden" in den Bereich der Zirkulation wird deshalb
basierend auf Marx unmöglich.
Gesell, Schwundgeld und Tauschkreise
Auf den Theorien Proudhons basierend entwickelte der 1862 geborene
Autodidakt Silvio Gesell eine Wirtschaftstheorie die er in seinem 1911
erschienen Hauptwerk "Die natürliche Wirtschaftsordnung"
niederschrieb. "Bei Gesell bedeutet Mehrwert Zinsen und Renten".
Schon Proudhon habe behauptet, das "Problem liege in der Zirkulation, weil
die Knappheit des Geldes Produktion und Austausch lähmten. Genauer gesagt seien
es die Geldbesitzer, die dieses Tauschmittel horten, um Zinsen zu
kassieren."
"Gesell fordert das Recht aller Arbeiter (gemeint sind [...]
Kapitalisten und Lohnabhängige) am "gemeinsamen vollen
Arbeitsvertrag", das heißt ohne Abzug von Zinsen oder Renten. [...] Durch
den Wegfall der Zinsen und Renten würden sich alle Einkommen erhalten, verteilt
wird "nach den Gesetzen des Wettbewerbs" gemäß dem Prinzip: "Dem
Tüchtigsten der höchste Arbeitsertrag.""
Mit der Einführung eines "Schwundgeldes" will Gesell verhindern,
daß Geld gehortet und Zins abgeschöpft wird. Das Geld verliert ständig an Wert
und muß dadurch ausgegeben werden, heizt also die Wirtschaft an. Gesell
kritisiert ausschließlich den Geldkreislauf, die Produktion, das
"schaffende Kapital" ist jedoch für ihn positiv besetzt.
Gesell löst in seiner Wirtschaftstheorie nicht nur zwei nicht wirklich
trennbare Dinge voneinander, nämlich das "gute, produktive"
(schaffende?) und das "schlechte, unproduktive" (raffende?) Kapital,
sondern vertritt auch insgesamt immer wieder ein sozialdarwinistisches,
eugenisches, rassistisches und offen antisemitisches Weltbild.
Seine letzten Lebensjahre verbrachte Gesell dann auch in der offen
antisemitischen Kommune "Oranienburg-Eden". ""Außer
vegetarischer Ernährung" heißt es im Programmheft von Eden 1917, "war
zum "natürlichen" Leben in der alternativen Kommune
"deutsch-völkische Gesinnung Voraussetzung." Und dazu befähigt nur
deutsches Ariertum."
Silvio Gesells Wirtschaftstheorie hatte in der Phase der Deflation in den
frühen 30er Jahren in Österreich und Deutschland eine gewisse Bedeutung (siehe
z.B. "Wörgler Experiment" des dortigen SDAP-Bürgermeisters) und wurde
von Anfang an zu einem Einfallstor von antisemitischem und faschistischem
Gedankengut in die Linke.
Nach 1945 bekamen die Freiwirtschafts-Gruppen in der Nachfolge Gesells ihre
Bedeutung aus den 30er Jahren nicht mehr zurück, existierten aber weiter und
beteiligten sich sowohl in rechtsextremen Bewegungen wie in christlichen
Gruppen, Teilen des Anarchismus (z.B. Karin Kramer Verlag) oder dem Aufbau der
Ökologiebewegung und der Grünen.
Eine größere Bedeutung erreichten sie aber erst wieder in den letzten
Jahren, als nach dem Zusammenbruch des "Realsozialismus" viele
Gruppen auf der Suche nach anderen Alternativen zum Kapitalismus auf die
vermeintlich antikapitalistische Alternative von Gesells "Freiwirtschaft"
stießen.
Auf dieser Theorie Gesells beruhen sowohl diverse Tauschringe und
Schwundgeldexperimente, wie das etwas modernisierte LETS-System.
Da die AnhängerInnen Gesells immer behaupten ihre Wirtschaftstheorie wäre
"unpolitisch", eine reine Wirtschaftstheorie die unabhängig von den
anderen politischen Einstellungen ihrer Akteure funktioniert, wird sie oft
einem Einfallstor für antisemitisches und rechtsextremes Gedankengut in die
Linke. Gesells Freiwirtschaftslehre ist einer jener Punkte wo die neurechte
Strategie eines crossovers von rechts und links vermehrt funktioniert.
Der Antisemitismus kommt dabei nicht primär über den offenen Antisemitismus
ihres Gründers und seiner Umgebung, sondern über die verkürzte
Kapitalismuskritik der FreiwirtschaftlerInnen. Wenn nur der Geldkreislauf
kritisiert wird und die grundsätzliche Gleichheit von "produktivem"
und "Finanzkapital" nicht gesehen wird, wird dies gepaart mit der
traditionellen Gleichsetzung von "Juden" mit
"Finanzkapital" zu einem Einfallstor für offenen Antisemitismus.
Personifizierung des Kapitalismus
Aber auch in der traditionellen, marxistischen, anarchistischen und
feministischen Linken finden sich oft massive strukturelle Ähnlichkeiten mit
dem Weltbild des Antisemitismus.
Insbesondere die Personifizierung des Kapitalismus führt oft zu diesen
Strukturellen Ähnlichkeiten. Im traditionellen Bewegungsmarxismus wird nicht
versucht, "die kapitalistische Gesellschaft in ihrer Totalität zu
bestimmen und aufzuheben, sondern lediglich ein Moment innerhalb dieser
Konstellation vertreten das in antagonistischem Widerspruch zur Gesellschaft
steht und dem zu "seinem Recht" verholfen werden soll. Die Kategorie
Wert, die das Kapitalverhältnis konstituiert, bleibt außerhalb jeder kritischen
Betrachtung und erscheint lediglich in der Figur des Mehrwerts, der vom
Kapitalisten bzw. der Kapitalistin einbehalten wird, also als grundsätzlich
positive Kategorie, die es sich anzueignen gilt."
Es wird also nicht primär der Kapitalismus bekämpft, sondern die Kapitalisten.
In diesem Weltbild steht einer "bösen" KapitalistInnenklasse eine
"gute" ArbeiterInnenklasse gegenüber und es genügt, wenn die
ArbeiterInnenklasse der KapitalistInnenklasse das Kapital und die
Produktionsmittel entreißt. In der konkreten politischen Arbeit dieser
Gruppierungen heißt das dann, daß es genügt sich auf die Seite der
ArbeiterInnenklasse zu stellen und ihr zu ihrem Recht zu verhelfen.
Wiederum wird nur die Sphäre der Zirkulation und nicht jene der Produktion
hinterfragt, Kapitalismus nur als "Verteilungsproblem" wahrgenommen
in dem einige "bösartige Reiche" den "armen Ausgebeuteten"
ihren gerechten Lohn vorenthalten. Dieselbe Argumentationsweise findet sich
aber nicht nur in der klassischen Linken, sondern auch in einer Reihe von KonzernbekämpferInnen
aller Art. Da wird etwa Mc Donals als Einzelfeindbild bekämpft gegen das
Kundgebungen und Demonstrationen organisiert werden. Niemand kommt auf die
Idee, daß Mc Donalds nur die erfolgreichere Variante von Schnitzelhaus Pizza
Hut und dem Würstelstand um die Ecke darstellt.
Daß das Unrecht nicht Systemcharakter ist, sondern Namen und Adresse hätte -
der Kapitalismus also nichts anderes wäre als eine Verschwörung bösartiger
Reicher - ist ein alter Mythos breiter Teile der Linken.
"Welchen Namen und Adresse diese ominöse allgegenwärtige Macht trägt,
die stellvertretend für die Schattenseite der Moderne steht, war nicht erst für
die Nazis, sondern bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert für eine breite
gesellschaftliche Strömung eine ausgemachte Sache: "Die Juden sind unser
Unglück" (Treitschke)"
"Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus"
Lenins Schrift "Der Imperialismus als höchstes Stadium des
Kapitalismus" spielte nicht nur in den Leninistischen KP´s, den K- und
Antiimp-Gruppen der neuen Linken eine wichtige Rolle sondern hinterließ seine
Spuren auch in vielen Teilen jener Linken die sich nicht auf Lenin berufen oder
diesen auch dezidiert ablehnen. Gerade in der MAI- und Globalisierungsdebatte
spielten Argumente der leninistischen Imperialismustheorie mehr oder weniger
versteckt eine wichtige Rolle.
Lenin interpretiert dabei "den historischen Übergang zum Aktienkapital
als eine qualitative Veränderung des Kapitalismus: als Ablösung des freien
Konkurrenz- durch den Monopolkapitalismus, der durch einige wenige
"Finanzoligarchen" kontrolliert werde und in dem das "blinde
Wüten des Wertgesetzes" partiell aufgehoben sein. Dies sein durch das
bürgerliche Kreditwesen verursacht, welches sich die ganze Produktion unterwerfe
und seinen verwerflichen Zielen zunutze mache."
Für Lenin ist das Zinskapital nicht wie für Marx die "fetischartigste
Form" des Kapitals, sondern ein "unmittelbar personalistisch
verstandenes Herrschaftsverhältnis"
Bei dieser vermuteten Allmacht der "Finanzoligarchen" in einem
Monopolkapitalismus wird sehr schnell die Parallele zu Verschwörungstheorien
der Rechten sichtbar. Die Attribute die dem "internationalen
Finanzkapital", der "Finanzoligarchie",... zugeschrieben werden
sind fast 1:1 die selben die von AntisemitInnen den Juden zugeschrieben werden:
Allmacht, Globalität, Böswilligkeit, Klandestinität,...
Und so stellen sich AntisemitInnen die Welt ganz ähnlich vor: überall sehen
sie "Bonzen" und "Parasiten" am Werk, die das Volk
ausbeuten und der Internationalisierung preisgeben, weil sie nur den
kurzfristigen Profit der Finanzkapitalisten und nicht das Allgemeinwohl im Auge
hätten, daß also "das internationale Finanzkapital über die regierenden
Systemparteien an der Zerstörung von Sozialstaat und Kultur [...] arbeitet."
Globalisierung und MAI
Das verkürzte Kapitalismusverständnis Lenins mit seinen Parallelen zum
modernen Antisemitismus kommt jedoch nicht nur in leninistischen und
antiimperialistischen Gruppen vor. Gerade in der jüngsten Debatte um das
MAI-Abkommen und die "Globalisierung" sind ähnliche Verkürzungen und
damit verbundene Parallelen zu antisemitischen Weltverschwörungstheorien wieder
modern werden. Der Nationalstaat ist plötzlich auch für Linke wieder
verteidigenswert geworden. Wenn nicht nur Helmut Schmidt den Nationalstaat
gegen den "globalen Irrsinn" der "heißen Spekulanten" und
deren "Raubtierkapitalismus" verteidigt, sondern selbst der
"Anarchist" Noam Chomsky oder eine breite Front von MAI-GegnerInnen,
dann haben verkürzte Kapitalismuskritik und Verschwörungstheorien einmal mehr
die Hegemonie in der Linken errungen.
Wieder einmal wird Spekulation nicht als etwas begriffen das jeder und jede
im Kapitalismus betreiben muß, da sie "zu den tagtäglichen Erledigungen
aller Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft" gehört, sondern als etwas
das nur von den "bösen Spekulanten" betrieben wird.
Dabei ist "jede Marktkalkulation [...] eine Spekulation. Bei der
Börsenspekulation ist das nur am meisten einsichtig, weil dort die Verwertung
in ihrer abstraktesten Form (G-G´) auftritt, scheinbar jeder stofflichen
Verunreinigung enthoben."
Mit der Unterscheidung von Finanzkapital und produktivem Kapital, von
Spekulanten und Nichtspekulanten können jedoch Schuldige ausgemacht werden,
kann wieder einmal die Wut über den Kapitalismus zu einer Wut auf bestimmte
Bösewichte umgewandelt werden.
Proteste wie die jüngsten in Seattle bleiben deshalb letztlich so lange auf
halbem Weg stecken, so lange sie einzelne Kapitalisten - oder gar
weltverschwörerische Welthandelsorganisationen - angreifen, aber nicht zu einer
Kritik des Kapitalismus als System finden. Es ist damit nicht wirklich
verwunderlich, daß sich im Widerstand gegen die WTO nicht nur linke, sondern
auch rechtsextreme GlobalisierungsgegnerInnen auf der selben Seite der
Barrikade finden.
In Karrikaturen werden die der Globalisierungskritik latent innewohnenden
Weltverschwörungstheorien schon manifester. Die alles umschlingende Krake
versucht die ganze Welt zu verschlingen und erhält allerorts Gegenwehr der
"produktiven" Arbeiter,...
Auch wenn Weltverschwörungstheorien der Linken ohne "Weltjudentum"
oder "Freimaurer" auskommen, sind die Eigenschaften die dem
"Finanzkapital" zugewiesen werden von frappierender Ähnlichkeit. Ein
manichäisches Weltbild mit "Guten" und "Bösen" das diesen
"Bösen" antisemitisch konnotierte Eigenschaften und Begriffe zuordnet
wird so auch ohne offenen Antisemitismus zu einem strukturellen Antisemitismus
der letztlich schneller zu offenem Antisemitismus werden kann als mensch es für
möglich halten mag.
"Wenn schon in Malaysien, also einem Land, in dem der Antisemitismus
nie eine nennenswerte Rolle gespielt hat, die Landesregierung im Zusammenhang
mit dem laufenden Finanzcrash die Mär vom jüdischen Geldkapital aus dem Hut
gezaubert hat, was ist dann erst in Weltregionen zu erwarten, in denen das
antisemitische Ressentiment auf eine ganz andere Vorgeschichte zurückblicken
kann?"
Thomas Schmidinger