Nationalismen und Bantustans - über
dieKritik am Nahost-"Friedensprozeß
Mit der Unterzeichnung des Abkommens von Oslo und seinen
Folgeabkommen kam zum ersten mal seit der Gründung des Staates Israel ein
Prozeß in Gange in dem ein Teil der palästinensischen Politik und der
Bevölkerung in den besetzten Gebieten mit der Regierung Israels in einen Dialog
trat, der zu einer Autonomieregelung führte und in absehbarer Zeit zu einem
unabhängigen palästinensischen Staat führen könne. Unabhängig von der realen
ökonomischen und politischen Selbstständigkeit dieses neuen Staates und seinen
zukünftigen Grenzen ist damit ein eine Entwicklung in Gang gesetzt worden die
die politische Landschaft des Nahen Ostens nachhaltig veränderte.
Gleichzeitig hat diese Entwicklung aber auch innerhalb der politischen
Landschaft der PalästinenserInnen zu extremen Konflikten geführt. Große Teile
dieser politischen Landschaft lehnt diesen "Friedensprozeß", der von
ihnen als Kapitulation betrachtet wird ab oder steht ihm zumindest skeptisch
gegenüber. Die Flüchtlinge in den Lagern im Libanon oder in Jordanien haben in
den Abkommen bisher sowieso keinerlei Berücksichtigung gefunden. Eine Rückkehr
dieser Menschen scheint heute ferner denn je, weshalb die alten
Oppsitionsgruppen der PLO in der palästinensischen Diaspora immer noch eine
wesentlich bedeutendere Rolle spielen als in den Autonomiegebieten. In diesen
hat sich jedoch längst die islamisch-integralistische Opposition als
wesentlicher Faktor der Opposition gegen das Regime Yassir Arafats und seinen
Verhandlungen mit Israel etabliert und damit die traditionelle PLO-Linke längst
an Bedeutung überflügelt.
Die in den Besetzten Gebieten sehr stark, aber in der Diaspora kaum
vertretene Volkspartei - die ehemaligen KommunistInnen - hat hingegen wiederum
ein zwiespältiges Verhältnis zum "Friedensprozeß, beteiligt sich aber sehr
wohl an den Wahlen der Autonomiebehörden.
In dieser Arbeit wird es nicht um die Fatah und die Regierung Arafat gehen,
sondern um die Positionen der Oppositionsgruppen gegenüber den Verträgen von
Oslo und den weiteren Verhandlungen des "Friedensprozesses" zwischen
Israel und der Autonomieverwaltung unter der Regierung Yassir Arafats.
Der "Friedensprozeß"
Nach Jahren der Intifada die seit dem Jahreswechsel 1987/88 die Israelische
Besatzungsmacht in dem Gaza-Streifen und im Westjordanland herausforderte
nutzte die Israelische Regierung das Abflauen derselben und eine relative
Schwächephase der PLO um in vorsichtige Verhandlungen mit der gemäßigten
Fürhungsspitze um Yassir Arafat zu treten. In den ersten Gesprächen der
"Madrider Konferenz" nahmen VertreterInnen der PLO "mit
Zustimmung der Fatah, der FidaYassir Abd Rabuh und der ehemaligen
KommunistInnen" (HOEKMANN, 199:204) noch im Rahmen der jordanischen
Deligation teil, da Israel die PLO noch nicht als Gesprächspartnerin
anerkannte. Die palästinenischen DeligationsteilnehmerInnen mißachteten dabei
"die erst einen Monat zuvor verabschiedeten Resolutionen des
palästinensischen Nationalrats und gaben elementare Positionen der PLO auf.
Erstens fanden die Verhandlungen nicht auf Basis der diversen UN-Resolutionen
statt. Zweitens repräsentierte die Delegation nur einen kleinen Teil der PalästinenserInnen.
Unter ihnen befanden sich ganz nach Wunsch der israelischen Regierung weder
Mitglieder der PLO noch EinwohnerInnen Ost-Jerusalems oder der Diaspora"
(HOEKMANN, 199: 204) weshalb sich die PLO-Spitze bereits damals heftigen
Angriffen durch die Opposition ausgesetzt fühlte.
Nach Geheimverhandlungen der PLO-Spitze in Oslo wurde schließlich in der
Folge am 13. September 1993 das erste Osloer Abkommen (Oslo I) vor dem Weißen
Haus in Washington unterzeichnet.
Dieses Abkommen von Oslo ist
eine "declaration of principles which lays the foundation for a limited,
interim Palestinian self-rule in those areas of Palestine occupied by Israel
since 1967: the West Bank, including East Jerusalem, and the Gaza Strip. This
includes about 20 per cent of Palestine that the United Nations decided to
separate into two states in 1947. [...] The Agreement does not define the
political nature or territorial extension of the future Palestinian entity, but
entails stipulations with regard to mechanisms and deadlines for a step-by-step
implementation of peace." (BUTENSCHÖN, 1998: 18)
Das Akommen sah damals vor "für eine fünfjährige Übergangsphase eine
palästinensische Selbstverwaltung im Gaza-Streifen und in der Region um die
Stadt Jericho zu etablieren." (BAUER, 1993: 95) "Die Verhandlungen
über eine permanente Regelung für die besetzten Gebiete, also über Grenzen,
Staatlichkeit und Jerusalem," sollten - so wurde damals festgelegt -
"nicht später als im Dezember 1995 beginnen." (BAUER, 1995: 95)
Der in Oslo vorgegebene Zeitplan verzögerte sich jedoch bereits beim ersten
Schritt. "Der in Washington vereinbarte Zeitplan sah vor, innerhalb von
zwei Monaten nach Inkrafttreten der Prinzipienerklärung ein Abkommen über Gaza
und Jericho auszuhandeln und zu unterzeichnen.[...] Die Gespräche in Taba und
Kairo gestalteten sich jedoch derart schwierig, daß sich die für den 13.
Dezember 1993 geplante Unterzeichnung einer Vereinbarung über den Rückzug der
israelischen Truppen aus Gaza und Jericho wesentlich verzögerte." (GLASNECK/TIMM,
1994: 294)
Erst am 4. Mai 1994 konnte schließlich in Kairo das Gaza-Jericho-Abkommen
zwischen Jizchak Rabin und Yassir Arafat unterzeichnet werden. "Es bildete
die juristische Grundlage für den Abzug der israelischen Armee aus dem
Gaza-Streifen und dem Gebiet von Jaricho im Westjordangebiet sowie die
Übernahme der Verwaltung durch palästinensische Behörden." (GLASNECK/TIMM,
1994: 296)
Das Abkommen von Kairo übertrug die Verantwortung für die äußere Sicherheit
und die israelischen Sidlungen für eine Interimsphase weiterhin Israel, während
es die Befugnisse der israelischen Zivilverwaltung auf die palästinensischen
Selbstverwaltungsbehörden übertrug. Eigene palästinensische Polizeieinheiten
übernahmen die Polizeiaufgaben in den Autonomiegebieten. Aus ehemaligen
Guerillieros der Fatah wurden so Polizisten der Palestine National Autority
(PNA).
Als nächster Schritt wurde am 9.8. 1995 das Oslo II-Abkommen unterzeichnet,
das den weiteren Rücksug der Israelischen Armee aus den besetzten Gebieten
vorsah. "Die Westbank wurde in drei Zonen aufgeteilt. Zone A mit den
Bevölkerungszentren Jenin, Tulkaram, Nablus, Ramallah und Betlehem umfaßt 4%
des Gebietes. Hier ist die palästinensische Autonomiebehörde für die innere
Sicherheit und Verwaltung zuständig. Für Zone B, die 24% der Westbank ausmacht
und in der rund 450 Kleinstädte und Dörfer liegen, sind Israel und die
PalästinenserInnen gemeinsam verantwortlich. Die Zone C - mit 72% die größte -
untersteht alleine israelischer Kontrolle." (HOEKMANN, 1999: 206)
Netanjahu und der Stillstand der Verhandlungen
Nach der Ermordung des israelischen Ministerpräsidenten Jizchak Rabin durch
einen israelischen Fanatiker verlor jedoch im Mai 1996 dessen Nachfolger Shimon
Peres von der Arbeiterpartei gegen den rechsextremen Likud-Chef Benjamin
Netanjahu die Knessetwahlen. Der "Friedensprozeß" kam durch die harte
Haltung des neuen Ministerpräsidenten in der Folge fast vollständig zum
erliegen.
Das Zusatzabkommen über Hebron (al-Khalil) konnte erst nach 1 1/2 jähriger
Verzögerung am 19. 1. 1997 unterzeichnet werden. "Darin verpflichtet sich
Israel, aus vier Fünftel der Stadt abzuziehen. Das Stadtzentrum, in dem auch
400 radikale israelische Siedler leben, blieb unter Kontrolle der israelischen
Armee. Damit ist al-Khalil heute praktisch eine geteilte Stadt."
(HOEKMANN, 1999: 206)
Benjamin Netanjahu weigerte sich - als deklarierter Gegner des
"Friedensprozesses" - nach seiner Machtübernahme die Verpflichtungen
aus dem Oslo II-Abkommen zu erfüllen. Stattdessen wurden die PalästinenserInnen
mit dem Bau weiterer Siedlungen im Westjordanland bewußt von der Regierung
Netanjahu provoziert. Besonders die Hamas und andere oppositionelle
Gruppierungen antworteten in der FOllge immer öfter wieder mit Anschlägen in
Israel.
In Wye Plantation verpflichtete sich Israel schließlich im Oktober 1998
weitere 13,1% der Zone B an die PalästinenserInnen zu übergeben und die
Eröffnung des internationalen Flughavens in Gaza zuzulassen. "Allerdings
unter der Bedingung, daß die Autonomiegebhörde den Kampf gegen Hamas
intensiviert. Hierzu gehört u.a. die Festnahme aller auf israelischen
Fahndungslisten stehenden Personen. Zur Unterstützung der Autonomiebehörde
richtet der US-amerikanische Geheimdienst CIA in Kürze eine Filiale in den Autonomiegebieten
ein. Das Wye-Abkommen hat Arafat zu einem Erfüllungsgehilfen israelischer
Interessen degradiert." (HOEKMANN, 1999: 206f)
Eine neue Ära?
Am Ende der Ära Netanjahu sah es ganz so aus als ob der
"Friedensprozeß" völlig am Ende wäre. Arafat verlor zusehens die
Unterstützung der Bevölkerung und wurde von allen Seiten als
"Homelandchef" kritisiert, der lediglich israelische Polizeiaufgaben
erfüllen dürfe. Vom ursprünglichen Zeitplan des Oslo I-Abkommens war nichts
mehr zu sehen. Erst die Abwahl Netanjahus und die Regierungsübernahme durch
Barak von der Arbeiterpartei bringt nun dem "Friedensprozeß" wieder
eine gewisse Chance, wobei fraglich ist für wie lange die Geduld der
palästinensischen Bevölkerung nach den Enttäuschungen der Ära Netanjahu noch
ausreicht. Immerhin konnten sich die PNA und die neue israelische Regierung
Anfang Oktober 1999 auf die Eroffnung der Verbindungsstraße zwischen dem
Gaza-Streifen und den Autonomiegebieten im Westjordanland einigen. Barak hat
außerdem angekündigt möglichst bald eine endgültige Friedenslösung
ausverhandeln zu wollen.
Die Palästinensische Linke und deren Positionen zum
"Friedensprozeß"
Die Enttäuschung der Bevölkerung über den Friedensprozeß, der bisher nur
wenigen PLO-Funktionären wirklich etwas gebracht hat spiegelt sich auch in der
Kritik anderer politischer Gruppierungen der palästinensischen Bevölkerung
nieder. Während in den Jahren der Intifada und des
"Friedensprozesses" in den Besetzten Gebieten vor allem die
islamisch-integralistischen Gruppierungen stark wurden, gibt es auch eine viel
ältere Tradition einer palästinensischen Linken, die allerdings mit wenigen
Ausnahmen heute vor allem in der palästinensischen Diaspora von Bedeutung ist.
In den Besetzten Gebieten konnten die Gruppierungen der palästinensischen
Linken durch die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem Regime Arafats kaum
profitieren, sondern verloren die letzten Jahre sogar an Unterstützung.
Was dabei in der palästinensischen, wie in der arabischen Politik allgemein
als "links" bezeichnet wird ist nicht unbedingt identisch mit dem was
in Europa under "links" verstanden wird. Während in der (modernen)
europäsichen Linken eher antinationalistische Positionen sich mit
sozialistischen Forderungen verknüpfen, während Nationalismus eher der
"Rechten" zugeordnet wird, ist es im Nahen Osten oft umgekehrt.
Gerade viele Nationalistische Gruppierungen haben ihre panarabischen
Forderungen mit sozialistischen Inhalten verknüpft, oder bekennen sich sogar
zum Marxismus-Leninismus, so inhaltsleer dieses Bekenntnis auch oft sein mag.
Auf jeden Fall betrachten sich auch Arabische Nationalisten aus den Reihen des
Nasserismus, der Nachfolgeorganisationen des BdAN oder des Bathismus als
"links".
Ideologische Etikettierungen - obwohl sie auch einiges an Richtigkeit
besitzen - "versperren nur den Blick auf eine palästinensische Praxis, die
viel komplexer ist", als daß sie von Europäischen Ideologiebegriffen
sinnvoll umrissen werden könnte. "So gehen die politischen und
ideologischen Richtungskämpfe quer durch die einzelnen Widerstandsbewegungen
hindurch. Allein in der Al Fatah gibt es eine marxistische Gruppe, eine
nasseristische, eine saudi-arabische, eine baathistische und eine
pro-algerische nichtmarxistischer Ausrichtung." (HOLLSTEIN, 1984: 235)
Ohne die ideologischen Selbstzuschreibungen verschiedenster sich
"links" verstehender Palästinenserorganisationen werten zu wollen,
sollen diese deshalb hier als Teil der palästinensischen Linken behandelt
werden.
Die linken NationalistInnen
Die wichtigsten Oragnisationen aus denen die Spätere Volksfront zur
Befreiung Palästinas (PFLP) hervorging, haben ihren Ursprung im "Bund der
Arabischen Nationalisten" (BdAN), der aus kleinen Studentischen Gruppen an
der American University in Beirut (AUB) hervorgegangen sind.
Ideologisch stand der BdAN "im Bann des bürgerlichen Nationalismus
[...] was sich besonders in der von ihnen vertretenen
"Zwei-Stadien-Theorie" äußerte, die eine starre Trennung zwischen
nationalem und sozialem Befreiungskampf vornahm und dem ersteren absoluten Vorrang
einräumte." (HÖPP, 1978: 321)
Während der BdAN am Anfang der Machtübernahme Nassers in Ägypten skeptisch
gegenüberstand, änderte sich dessen Haltung im Zusamenhang mit der Suezkrise
und die Organisation "mobilisierte ihre Mitglieder gegen die imperialistische
Dreieragression (1956)" (HÖPP, 1978: 321) Ab dem Ende der Fünfzigerjahre
näherte sich der BdAN immer mehr dem Nasserismus an und folgte schließlich
"die nächsten zehn Jahre kritiklos dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel
Nasser, der die Einigung der Arabischen Nation, den Pan-Arabismus,
propagierte" (BAUER, 1993: 28) und diesem mit einer sozialistischen
Entwicklungsdiktatur verknüpfte.
Ab Mitte der Sechzigerjahre kam es schließlich zu einer Annäherung jüngerer
Kader um Nayef Hawatme und Muhsin Ibrahim an den Marxismus-Leninismus, was zu
Auseinandersetzungen zwischen den "Linken" und den
"Historikern" um George Habash führte.
1964 gründete George Habash "als Reaktion auf die Gründung der PLO das
Regionalkommando Palästina und dessen militärischer Arm "Jugend der
Vergeltung"" (HÖPP, 1978: 327) Diese beiden Organisationen schlossen
sich nach der Niederlage der arabischen Staaten im Krieg von 1967 mit der von
Ahmed Gibril geleiteten "Palästinensischen Befreiungsfront" und einigen
kleineren Gruppen zur "Volksfront zur Befreiung Palästinas" (PFLP)
zusammen.
Die Flügelkämpfe des alten BdAN gingen jedoch in der PFLP weiter. Bereits im
September 1968 spaltete sich Ahmed Gibril "mit seinen Kämpfern als
"Volksfront zur Befreiung Palästinas - Generalkommando" (PFLP-GC
wieder ab." (BAUMGARTEN, 1991: 220)
Heute gehört die PFLP-GC "zu den pro-syrischen Fraktionen der
palästinensischen Befreiungsbewegung. Ihre ideologischen Wurzeln liegen aber
nach Angaben des Politbüromitglieds Fadil Shruru in der Dritten Universaltheorie
Mu´ammar al-Gaddafis." (HOEKMANN, 1999: 60) Insgesamt besitzt die PFLP-GC
aber keine ausgefeilte politische Theorie, sondern beschäftigte sich eher mit
militärischen Schlägen gegen Israel. "The PFLP-GC commando who flew on a
hang glider into an Israeli military camp in late November 1987 is seen by many
as one of the catalysts contributing to the eruption of the intifada."
(HEACOCK/NASSAR, 1990: 194)
Das Osloer Abkommen - und natürlich alle Folgeabkommen - "hat die
PFLP-GC abgelehnt. Bereits nach der Mdrider Friedenskonferenz 1991 hatte Jibril
erklärt, daß sich die Mitglieder der palästinensischen Delegation durch ihre
Teilnahme selbst zum Tode verurteilt hätten." (HOEKMANN, 1999: 62)
Die Abspaltung der "Progressiven" von den "Historikern"
der PFLP führte am 22. September 1969 zur nächsten Spaltung der Volksfront und
zur Gründung der "Volksdemokratischen Front zur Befreiung Palästinas"
(PDFLP), welche sich seit 1974 "Demokratische Front zur Befreiung
Palästinas" (DPLF) nennt. Der PDFLP schlossen sich noch im Juni 1969
"Mitglieder einiger kleinerer linksradikalen Gruppen an, darunter die der
"Volksorganisation für die Befreiung Palästinas"[...] POLP und der
"Liga der Palästinensischen Revolutionären Linken"." (HÖPP,
1986: 221f)
DFLP wie PFLP bekannten sich in der Folge beide zum Marxismus-Leninismus und
bauten strenk klandestine Parteien mit großer Parteidisziplin auf. Unterschiede
ergaben sich teilweise in der stärkeren Betonung des bewaffneten Kampfes durch
die PFLP, welche immer wieder mit Flugzeugentführungen auf sich aufmerksam
machen konnte. Beide Gruppierungen arbeiteten jedoch immer wieder in der PLO
mit und bildeten in der Folge eine Art "loyale Opposition" zu Arafats
"al-Fatah".
Dem "Friedensprozeß" stehen beide Organisationen gespalten gegenüber.
Zwar traten beide Organisationen der bereits am 9. Oktober 1993 gegründeten
"Allianz palästinansischer Kräfte" (Tahaluf al-Quwa l-Filastiniya)
bei, in der sich neben PFLP und DFLP die "Hamas, PFLP-GC, As-Sa´iqa, dem
Jihad, der Fatah al-Intifada, der PLF, der PSF alle relevanten
Oppositionsgruppen versammelt waren" (HOEKMANN, 1999: 207), verließen aber
das islamisch geprägte Oppositionsbündnis gegen die Verträge von Oslo schon
bald wieder.
Jener Teil der DFLP der für das Oslo-Abkommen, eine innerparteiliche
Demokratisierung der Organisation und eine Beteiligung an der Palästinensischen
Autonomiebehörde eintrat spaltete sich "unter der Führung von Yassir
Abdel-Rabbo" (BAUMGARTEN, 1995: 8) von der Mutterpartei ab und beteiligt
sich seither unter dem namen "Fida" als kleiner Koalitionspartner an
der von al-Fatah geführten Regierung. Im Zusammenhang mit dem völligen Erliegen
des "Friedensprozesses" in der Ära Natanjahu übte auch die Fida
Kritik an Arafat, verließ aber nie die gemeinsame Regierung.
Auch die DFLP und PFLP stehen mitlerweile Verhandlungen mit Israel nicht
mehr grundsätzlich ablehnend gegenüber. So kritisierte DFLP-Chef Hawatmeh in
einem Intervie zwar die Art der Verhandlungsführung durch Arafat, aber als
"Basis der Verhandlungen mit Israel [...] die einschlägigen
UN-Resolutionen und das Prinzip "Land gegen Frieden" vorgeschlagen.
Voraussetzung für einen umfassenden Frieden sei ferner eine gerechte Lösung des
Flüchtlingsproblems durch Rückkehr oder Entschädigung. Als Vorleistung müsse Israel
den Ausbau der Siedlungen in den 1967 besetzten Gebieten unbedingt stoppen.
Letztendliches Zeil sei der israelische Rückzug hinter die Grenzen vor dem
Junikrieg 1967." (HOEKMANN, 1999: 209) Hawatmeh behauptete außerdem diese
Position mit der PFLP abgesprochen zu haben.
Die kompromißlose Haltung Arafats gegenüber der innerpalästinensischen
Opposition machte bisherige, vorsichtige Versuche der DFLP und PFLP sich in
irgend einer Form an der Autonomiebehörde zu beteiligen jedoch zunichte. Dies
könnte sich aber mit der Ausrufung eines unabhängigen Palästinenserstaates im
Zuge der Endverhandlungen zwischen PNA und Israel ändern.
Beide Organisationen konnten aus der Unzufriedenheit der Bevölkerung mit dem
"Friedensprozeß" - im Gegensatz zur Hamas - kein Kapital schlagen.
Die Chancen den "Friedensprozeß" damit irgendwie beeinflußen zu
können sind für stark exillastige Organisationen wie die DFLP und PFLP gering.
"Um ihre Chancen zu verbessern haben PFLP und DFLP bereits am 9.
Oktober 1993 die Bildung einer gemeinsamen, zentralen Führung bekanntgegeben.
In Zukunft wollen die beiden Fronten auf politischem und militärischem Gebiet
eng zusammenarbeiten und die Grundlage für eine Vereinigung der beiden
Organisationen schaffen." (HOEKMANN, 199: 210)
Im im Juni 1994 vorgestellten gemeinsamen "Programm der Nationalen
Befreiung" (Barnamij al-Kholas al-Watani) forderten sie weiterhin das
Recht aller Flüchtlinge auf Rückkehr und einen selbstständigen
palästinensischen Staat. "Um dies zu erreichen müsse die PLO wieder zur
einzigen legitimen Vertreterin der PalästinenserInnen werden." (HOEKMANN,
1999: 210)
Abspaltungen der al-Fatah
Zur palästinensischen Linken zählen sich auch eine Reihe von Abspaltungen
der Arafat-Partei "al-Fatah". Die bedeutendsten Abspaltungen waren
dabei der "al-Fatah-Revolutionsrat" und die
"al-Fatah-Intifada" um Abu Musa.
Bereits 1973 trennte sich eine kleine Fraktion um Sabri al-Banna
"besser bekannt unter dem Nom de guerre Abu Nidal, von der Fatah und
gründete den Fatah-Revolutionsrat (al-Fatah-al-Majlis ath-Thawri)."
(HOECKMANN, 1999: 63) Der exzessive Antisemitismus der Gruppierung, die
Durchführung verschiedenster Auftragsmorde und die Liquidierung anderer
palästinensischen PolitikerInnen führte die Gruppierung allerdings in die
völlige politische Isolation.
Der Revolutionsrat lehnt natürlich jede Verhandlungslösung mit Israel ab und
scheint immer noch die Vertreibung der jüdischen Bevölkerung aus Palästina auf
seine Fahnen geschrieben zu haben. Ob die geschrumpfte Organisation jedoch noch
von irgend einer Bedeutung ist, ist mehr als fraglich.
Ganz anders verhält es sich mit der anderen Abspaltung der
"al-Fatah", der "al-Fatah - Intifada" um den hochrangigen
PLO-Offizier Said Musa Muragha (Abu Musa) und Nimr Salih, die sich im Mai 1983
nach blutigen innerparteilichen Kämpfen von der al-Fatah trennten.
"Von Syrien unterstützt erhoben die DissidentInnen, die sich selbst zum
demokratischen Flügel der Fatah zählten [...] schwere Vorwürfe gegen Arafat. Er
habe die Ideale des palästinensischen Befreiungskampfes verraten und vor dem
"zionistischen Feind" kapituliert." (HOEKMANN, 1999: 65)
Zum endgültigen Bruch kam es schließlich nach der israelischen Invasion in
den Libanon im Juni 1982 und den Massakern von Sabra und Shatila, wo
rechtsextreme, maronitische Milizen mit Unterstützung der israelischen Armee
ein grausames Massaker verübt hatten, dem 3000 palästinensische ZivilistInnen
zum Opfer gefallen waren.
Die Gruppe um Abu Musa warf der al-Fatah-Führung um Yassir Arafat vor durch
den Abzug der PLO aus Beirut die Flüchtlinge im Stich gelassen zu haben.
Nach blutigen Kämpfen zwischen den Anhängern Arafats und jenen Abu Musas,
bei denen Arafat bereits auf engstem Raum eingeschnürt war, drängte die
Syrische Führung darauf Arafat abziehen zu lassen. Abu Musa war es damit nicht
gelungen Arafat zu stürzen, sehr wohl aber die Fatah zu spalten.
Die "al-Fatah-Intifada" lehnt das Abkommen von Oslo ab und
boykottiert die PLO, sowie die Institutionen der PNA. Stattdessen ist sie ein
wichtiger, integraler Bestandteil des in Damaskus sitzenden
Oppositionsbündnisses gegen Arafat.
Kommunistische Parteien
"Unter den zionistischen EinwanderInnen, die Anfang des Jahrhunderts
nach Palästina kamen, befanden sich auch viele SozialistInnen aus Rußland und
Polen. Einige von ihnen sagten sich vom Zionismus los und gründeten 1920 die
Sozialistische Arbeiterpartei Palästinas, die sich später in Palästinensische
Kommunistische Partei (PCP) umbenannte." (HOEKMANN, 1999: 41)
Obwohl es von Anfang an die Intention der GründerInnen war die Partei zu einer
gemeinsamen Partei von PalästinenserInnen und jüdischen SiedlerInnen zu machen,
dauerte es einige Jahrzehnte bis die Partei ein deutlich arabischeres Gesicht
erhielt. Als schließlich der arabische Anteil der KP-AktivistInnen stärker
wurde kam es zu einer kurzfristigen Spaltung der Partei.
Die Gründung des Staates Israels teilte auch die AnhängerInnen der KP, deren
palästinensischen Teile sich zu diesem Zeitpunkt "Liga der nationalen
Befreiung" nannten. Die Teile der KP die im Westjordanland gingen schließlich
kurzfristig in der jordanischen KP auf, jene in Israel bildeten die
Kommunistische Partei Israels.
Die Israelische KP ist seither zwar eine Partei die zu Wahlen in Israel antritt
und insofern eine "israelische Partei" darstellt, versteht sich aber
bis heute als antizionistisch. "1965 spaltete sich die Kommunistische
Partei erneut. Eine Fraktion aus anti-zionistischen PalästinenserInnen und
Juden und Jüdinnen gründete die Neute Kommunistische Liste, kurz Rakah, die
unter den PalästinenserInnen in Israel schnell eine der wichtigsten Parteien
wurde." (HOEKMANN, 1999: 48) Die Rakah war auch die erste israelische
Partei die mit Organisationen der PLO und palästinenserorganisationen aus den
Besetzten Gebieten Kontakt aufnahm. Lange vor den Kontakte der israelischen
Regierung mit der PLO unterhielten die israelischen Kommunisten bereits
regelmäßige Verbindungen zu ihren GenossInnen in den Besetzten Gebieten und der
PLO.
Nachdem jene Teile der PCP die sich nach 1948 in jordanischem Staatsgebiet
wiederfanden kurzfristig Teil der Jordanischen KP geworden waren, entstand
bereits 1974 wieder eine eigene "Palästinensische Kommunistische
Organisation", die sich 1982 wieder endgültig als eigene Partei unter dem
alten Namen "Palästinensische Kommunistische Partei" PCP konstituierte.
Die PCP hatte immer den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten innerhalb der Besetzten
Gebiete und nicht in der Palästinensischen Diaspora. Erst 1987 nahm die Partei
erstmals "an einer Nationalratssitzung der PLO teil und ist seitdem ihr
Mitglied. Nach dem Ausbruch der Intifada bildeten die KommunistInnen zusammen
mit der Fatah, der PFLP, der DFLP und in Ghaza auch mit dem Jihad al-Islami die
klandestine Vereinigte Führung der Intifada (UNLU), um den Aufstand zu
koordinieren." (HOEKMANN, 1999: 45)
Große Teile der PCP-Kader haben in der Sowjetunion ein Studium absolviert
und sind dadurch mit dem Kommunismus in Beführung gekommen. Unter diesen in der
Sowjetunion ausgebildeten AkademikerInnen befinden sich besonders viele
ÄrztInnen aus den Besetzten Gebieten. Die wichtigste Organisation zur
medizinischen Versorgung der Bevölkerung der Westbank und des Gazastreifens -
die "Union of Palestinian Medical Relief Comitees" - die als
Vorfeldorganisation der PCP gegründet wurde ist deshalb heute noch von
(ehemaligen) KommunistInnen dominiert.
Neben sozialen Forderungen hatte auch die PCP in ihrem Programm die
"nationale Befreiung " der PalästinenserInnen zu einem ihrer
Hauptanliegen gemacht und forderte "schon sehr früh klar einen
palästinensishen Staat in der Westbank und im Gazastreifen". (FLORES,
1988:88)
Mit dem Zusammenbruch des "Realexistierenden Sozialismus" und der
Sowjetunion veränderten sich auch in der PCP die politischen Positionen. Die
Partei benannte sich in Palästinensische Volkspartei (PPP) um und versucht seit
der Errichtung einer palästinensischen Autonomiebehörde im Rahmen dieser
palästinensischen Institutionen eine fortschrittliche, demokratische Opposition
zu sein. Sie unterstützt den "Friedensprozeß", kritisiert aber auch
immer wieder Yassir Arafat, dem sie sowohl seine nachbiebige Haltung gegenüber
Israel vorwirft, als auch sein undemokratisches Regime nach Innen.
Eine Abspaltung der alten PCP leht den Vertrag von Oslo jedoch ab und
arbeitet unter dem alten Namen PCP in der Oppositionsallianz in Damaskus mit.
Zu einer bedeutenderen Abspaltung kam es im Jännder 1992 mit der
"Demokratischen Koalition", "die merkwürdigerweise zwei
Fraktionen zusammenführte, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die eine
verließ die Partei, weil sie der Parteiführung vorwarfen, sie hätten mit dem
neuen Programm den Sozialismus und Lenin verraten; der anderen gingen die
Reformen nicht weit genug." (HOEKMANN, 1999: 47)
Die kleine - ebenfalls kommunistisch orientierte - Organisationen
"Abna´l-Balad" organisiert v.a. PalästinenserInnen in Israel selbst.
Sie lehnt das Abkommen von Oslo ab und bezeichnet es als "Kapitulation vor
den israelisch-amerikanischenInteressen [...]. Zwar befürworten sie [...] als
Interimslösung einensouveränen palästinensischen Staat auf der Westbank und in
Ghaza mit der Hauptstadt Jerusalem, doch die Vereinbarung der PLO und Israel
schreibe die israelische Besatzung fest und verwirkliche keines der Ziele der
PalästinenserInnen." (HOEKMANN, 1999: 53f)
BathistInnen
Ein Teil der arabischen NationalistInnen vermischt - wie bereits im Falle
des Nasserismus beschrieben - diesen Nationalismus mit sozialistischen
Positionen uns zählt sich deshalb selbst ebenfalls zur Linken. Eine wichtige
Strömung dieses "Linksnationalismus" ist neben dem Nasserismus der
Bathismus, der sich heute in zwei miteinander verfeindeten Parteiströmungen in
Syrien und im Iraq an der Macht befindet.
Für die palästinensiche Opposition ist dabei die syrische Strömung - ob
ihrer geographischen Nähe zu Palästina und der Anwesenheit vieler
palästinensischer Flüchtlinge in Syrien - von größerer Bedeutung.
Die palästinensischer Schwesterpartei der syrischen Bath, die
"Vanguards of the Popular Liberation War" (VPLW) ist vor allem unter
dem Namen ihres militärischen Armes der "as-Sa´iqa" bekannt.
"Obwohl as-Sa´iqa nach Zahl der Mitglieder eine der größten
palästinensischen Organisationen ist, spielt sie innerhalb der
Befreiungsbewegung militärisch eine wichtige, politisch aber eine
untergeordnete Rolle. Vor allem weil sie in der Vergangenheit häufig als
Erfüllungsgehilfin und Instrument der syrischen Regierung aufgetreten
ist." (HOEKMANN, 1999: 57)
Die as-Sa´iqa ist heute ein wichtiger Teil oppositionellen Palästinensischen
Nationalen Errettungsfront in Damaskus und legte aus Protest gegen das Abkommen
von Osla ihre PLO-Mitgliedschaft auf Eis.
Ähnlich ablehnend verhält sich die Arabische Befreiungsfront (ALF), das
irakisch-bathistische Pandant zur Sa´iqa. "Die Organisatione, die Mitglied
der PLO ist, vertritt ihrer Meinung nach den einzig wahren Ba´athismus, dessen
einzig legitime Führung in Bagdad regiert." (HOEKMANN, 1999: 59) Die ALF
verweigert jede Mitarbeit an den palästinensischen Autonomiebehörden. Eine
Fraktion der ALF hat sich allerdings seit einigen Jahren von ihrer Mutterorganisation
losgesagt und steht dem "Friedensprozeß" wesentlich positiver
gegenüber.
Die islamisch-integralistische Opposition
Der islamsiche Integralismus konnte erst während der Intifada unter der
plaästinensichen Bevölkerung als politische Kraft an Bedeutung gewinnen. Zwar
waren auch viele bedeutende VertreterInnen er Fatah - darunter Yassir Arafat -
aus dem Umfeld der Muslim-Bruderschaft gekommen, eine wirklich integralistische
Organisation von einiger Bedeutung gab es jedoch bis in die Achzigerjahre hinein
unter den PalästinenserInnen der Besetzten Gebiete ebenso wenig wie in der
Diaspora. Teilweise wurden integralistische Gruppen wie die Muslim-Bruderschaft
deshalb sogar von Israel geduldet oder gar gefördert um der verhaßten PLO das
Wasser abzugraben.
Der Jihad
In den Achzigerjahren trennte sich eine kämpferische Gruppe unter dem Namen
"al-Jihad al-Islami" von den sunnitisch-integralistischen
Muslim-Brüdern. Die Jihad-Gruppe wurde dabei teilweise von der islamsichen
Revolution im Iran inspiriert und versuchte den antischiitischen Extremismus
der Muslim-Bruderschaft zu überwinden und wie die iranische Führung eher auf
eine "islamische Revolution" hinzuarbeiten, die unabhängig von den
jeweiligen Sekten und Bekenntnissen der Muslime sein sollte und den Islam eher
als einigende Kraft begriff.
"Die neue Organisation war nicht homogen, sondern bestand aus
verschiedenen Organisationen, die allesamt straff organisiert waren und absolut
konspirativ arbeiteten." (HOEKMANN, 199: 79) Ihr politisches Ziel sahen
sie dabei darin ganz Palästina in einen islamischen Staat umzuwandeln.
Teilweise kam es dabei auch zu Zusammenarbeiten mit Organisationen der
palästinensischen Linken. Der Jihad war etwa im Gaza-Streifen auch an der
Vereinigten Nationalen Führung des Aufstandes der Intifada beteiligt.
Der Jihad lehnt das gesamte Oslo-Abkommen und alle Folgeabkommen ab. Die
Guppe hat jedoch im Gegensatz zur Hamas kaum eine Massenbasis, sehr wohl aber
eine gewisse militärische Schlagkraft.
Die Hamas
Wie der Jihad ist auch die Hamas aus der Muslim-Bruderschaft hervorgegangen,
hat aber den konservativen, sunnitischen Integralismus der Mutterorganisation
beibehalten.
Nach langer politischen Inaktivität entschloss sich die Muslim-Bruderschaft
Palästinas erst im Rahmen der Intifada politisch aktiv zu werden. "The
1987 explosion of the uprising (or intifada) left no other choice and, in 1988,
the Brotherhood joined the active resistance against the occupation, an arena
in which the Islamic Jihad trend had been a forerunner since the early 1980s.
The Movement of Islamic Resistance (HAMAS), which was founded by the Muslim
Brotherhood to mobilize the resistance" (LEGRAIN, 1997: 159) kombinierte
dazu ihren sunnitischen Integralismus mit palästinensischem Nationalismus und
Patriotismus.
Im Laufe der Intifada konnte sich die Hamas immer stärker als eigenständige
politische Kraft neben der PLO profilieren und besaß v.a. für jüngere Militante
eine große Anziehungskraft. Durch die Krise der palästinensischen Linken kamen
auch viele jüngere Leute die keineswegs von vornherein islamische
IntegralistInnen waren zur Hamas die ihnen eine radikalere Alternative zu
Yassier Arafat erschien.
Dieser Trend verstärkte sich noch seit der Unterzeichnung des Abkommens von
Oslo. Die Hamas konnte sich in der Folge zu der Opposition gegen die
Abkommen entwickeln. Während linke Gruppen kaum von der Unzufriedenheit mit
Arafats Politik profitieren konnten, liefen der Hamas die jungen AktivistInnen
zu.
"Besonders StudentInnen fühlen sich von islamischen FundamentalistInnen
angezogen: An sechs von sieben Universitäten auf der Westbank und Gaza besaß
der Hamas-nahe Islamische Block 1997 die Mehrheit." (HOEKMANN, 1999: 77)
Trotz der grundlegenden Ablehnung des "Friedensprozesses" durch
die HAMAS, ist deren Haltung gegenüber den palästinensischen Autonomiebehörden
bei weitem nicht so eindeutig wie es auf den ersten Blick scheint. So war
selbst die Frage der Teilnahme bzw. Nichtteilnahme der HAMAS an den Wahlen zur
PNA keineswegs unumstritten. "Shaikh Hamid al-Bitawi, qadi of Tulkarm
(northern West Bank), preacher in al-Aqsa mosque, president of the League of
the Ulemas of Palestine, and former deportee to Marj al-Zuhur, was
representative of the most open-minded trend, asserting unconditionally that
"the Islamic movement will take part in the elections." On the other
hand, Shaikh Yasin, sending a series of letters from prison, again displayed
his traditional pragmatism, writing that "holding elections is now an
issue for the Palestinians; the Islamists are divided between those supporting
participation and those opposing it; as far as I am concerned, but only God
knows, I consider it is better to participate than to abstain, providing that
the Council be empowered with legislative privileges (tashri); as a matter of
fact, we are opposed to what is happening in the streets, so why not express
our opposition within the legislative institution which will be de jure become
in the future the authority representing the Palestinian people?""
(LEGRAIN, 1997: 172)
Die HAMAS als Gruppierung nahm schließlich nicht an den Wahlen teil, eine
Reihe von "Unabhängigen" Kandidaten die gewählt wurden sind jedoch de
facto der HAMAS, sowie ihrem Umfeld, zuzurechnen.
Obwohl die HAMAS gerade seit 1999 immer wieder Signale für einen möglichen
Waffenstillstand und eine Beteiligung an den Verhandlungen zwischen Israel und
der PNA ausgesandt hat, versuchen Israel, die PNA und Jordanien seit dem Sommer
1999 verstärkt die HAMAS mittels Repression zu zerschlagen. Führende
HAMAS-Funktionäre wurden im Sommer in Jordanien festgenommen. Die Strukturen
der HAMAS in Palästina massiv angegriffen.
Dabei fordert die HAMAS zwar weiterhin die "Befreiung ganz
Palästinas", sie lehnt die Errichtung eines Palästinenserstaatesin der
Westbank und im Gaza-Streifen als Übergangslösung aber nicht ab, sofern dafür
"nicht die staatliche Anerkennung Israels nötig ist. Die Staatsform des
zukünftigen Palästinas soll eine parlamentarische Demokratie sein. Hamas würde
dabei jedes Ergebnis freier Wahlen akzeptieren, betont ihr geistiger Führer
Scheich Yassin." (HOEKMANN, 1999: 80)
Quo Vadis?
Ob nach dem Regierungswechsel in Israel der "Friedensprozeß" nun
doch wieder anläuft und zu einer dauerhaften Lösung des Nahost-Konfliktes
führen kann, hängt schließlich nicht nur von der Verhandlungsbereitschaft der
PNA und der Israelischen Regierung ab. Die primäre Frage ist, ob es möglich ist
die konkreten Lebenssituationen der Menschen in den Besetzten Gebieten - aber
auch in den Flüchtlingslagern der Diaspora - zu verbessern.
Gerade diese Flüchtlingslager in der Diaspora wurden jedoch bisher in allen
Verhandlungen völlig "vergessen". Dabei sind insbesondere die Lager
im Libanon mit ihren katastrophalen sozialen Verhälntnissen die
Rekrutierungsfelder für die Hisbollah und andere Gruppierungen die weiterhin im
bewaffneten Kampf mit Israel stehen.
Aber auch die reale Lebenssituation vieler BewohnerInnen der besetzten
Gebiete hat sich durch die "Autonomie" nicht gebessert, sondern eher
verschlechtert. Die ökonomische Lage in den Autonomiegebieten ist katastrophal.
Israel riegelt nun bei Anschlägen oder Unruhen nicht wie früher die gesamten
besetzten Gebiete ab, sondern die einzelnen Flecken des Autonomiegebietes, was
schon zu regelrechten Belagerungen einzelner Städte führte. Trotzdem sind die
Stimmen auf beiden Seiten noch schwach, die wie der palästinensische
Exil-Intellekuelle Edward Said bereits wieder über einen gemeinsamen
israelisch-palästinensischen Staat nachdenken. Genau das wäre aber ein Ausweg
aus dem Dillemma nationalistischer und religiöser Fanatismen auf beiden Seiten.
Nur müßte dazu das Konzept von Nation an sich hinterfagt werden und das von
allen Beteiligten.
Thomas Schmidinger
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