Der zweite Untergang Nubiens
Große Teile der historischen Landschaft Nubiens an der Grenzregion
zwischen Ägypten und dem Sudan verschwand bereits 1962 unter den Fluten des
Nasser-Sees. Nun sollen weitere Dammbauten wiederum riesige Gebiete Nubiens
unter Wasser setzen.
Mit Unterstützung der Sowjetunien errichtete der panarabische
Militärdiktator Gamal abd an-Nasser in den Sechzigerjahren den damals größten
Stausee der Welt. Am Oberaluf des Ägyptischen Nils - gleich hinter Aswan -
wurde mit dem Sadd al-Ali wurde das Land von über Hunderttausend Angehörigen
der nubischen Minderheit unter Wasser gesetzt. Rund 50.000 NubierInnen wurden
nach "Neu-Nubien" um die Oberägyptische Stadt Khom Ombo umgesiedelt,
zehntausende sudanesische NubierInnen wurden in den Süden des Landes um Kassala
an der Grenze zu Äthiopien und Eritrea umgesiedelt. Der sudanesische
Militärdiktator General Abbud hatte sich jenen Teil Nubiens der durch das
ägyptische Projekt auf sudanesischer Seite unter Wasser gesetzt wurde für Geld
von der ägyptischen Führung ablösen lassen, Geld das v.a. in die Taschen des
Diktators und seiner Günstlinge selbst wanderte.
Die Katastrophe des Sadd al-Ali
Für die Menschen, die zwischen Aswan und Abri in einer jahrtausende alten
Kulturlandschaft am Nil lebten, bedeutete der Bau dieses Dammes den Untergang
ihres Landes. Während der Großteil der Bevölkerung umgesiedelt wurde, konnten
jene die sich widersetzten am Ufer des neuen Sees neue Siedlungen errichten.
Die BewohnerInnen der Stadt Wadi Halfa wehrten sich erfolgreich gegen ihre
Deportation und errichteten am Ufer des Nasser-Sees ein neues Wadi
Halfa.Während die alte Stadt jedoch als eine idyllisch gelegene Kleinstadt
zwischen Dattelgärten am Nil lag, bildet das neue Wadi Halfa eine trostlose
Siedlung zwischen den Fluten des Sees und der Wüste. Wer die Stadt besucht
sucht vergebens nach Dattelpalmen oder irgendwelchen anderen Anbauflächen. Der
Übergang vom See zur Wüste ist nahtlos. Und so gibt es auf dem lokalen Suq nur
dann Gemüse wenn gerade der Zug von Khartum oder das Schiff von Aswan
eintrifft. An den übrigen Tagen beschränkt sich das Angebot auf Fisch und Brot.
Die nomadisierenden Ababda - eine Untergruppe der Beja - wurde beim Bau des
Dammes überhaupt nicht informiert. Etwa 3.000 Menschen wurden von der
plötzlichen Überflutung ihrer Weideflächen überrascht, was den Tod ihrer Herden
und vielen von ihnen das Leben kostete.
Aber nicht nur für die vertriebenen Nubier und die Nomaden zwischen Nil und
Rotem Meer hatte der Dammbau eine Reihe von Katastrophen mit sich gebracht.
Auch jene die vom Damm vorerst profitierten bekommen nun langfristig die
negativen Folgen des Monsterprojektes zu spüren. Während die jährlichen
Nilfluten über Jahrtausende hinweg das Niltal mit fruchtbarem Schlamm
versorgten muß nun mit Kunstdünnger die Produktivität der Böden gesichert
werden. Der fruchtbare Schlamm bleibt nun im See liegen, der dadurch immer mehr
verlandet. Nun noch wenige der ursprünglich in Betrieb befindlichen Turbinen
des Kraftwerkes arbeiten und der Damm zeigt bereits bedenkliche Risse. Im
Kriegsfalle stellt der Damm aber sowieso Ägyptens größtes Sicherheitsrisiko
dar. Bei einer Sprengung des Sadd al-Ali würde eine Flutwelle das gesamte
Niltal bis Kairo und ans Mittelmeer - und damit fast die gesamte bewohnte
Fläche Ägyptens - vernichten.
Neue Dämme
Anstatt aus den Fehlern mit den Monsterprojekten der Sechzigerjahre zu
lernen, gibt es nun seit einigen Jahren Pläne im sudanesischen Niltal weitere
Groß-Dämme zu errichten. Suad Ibrahim Ahmed, eine pensionierte Akademikerin und
NGO-Aktivistin machte im Mai 1998 die internationale Öffentlichkeit auf neue
Bauvorhaben in Obernubien aufmerksam. Für den Kajabar-Damm in Obernubien wurde
sogar schon ein Vorabkommen mit einem chinesischen Konzern abgeschlossen, der
den Bau durchführen soll. Der Kajabar-Damm soll 111km nördlich der Stadt
Dongola, der Hauptstadt der Nordprovinz des Sudan, am dritten Nilkatarakt errichtet
werden. Während die sudanesische Militärregierung unter Umar al-Bashir
behauptet, daß nur neuen Dörfer vom See hinter dem Damm überflutet werden
sollen, sprechen Öko-AktivistInnen aus Nubien von einem fast 220m tiefen See,
der zweihundert nubische Dörfer zwischen dem 3. Katarakt und Dongola unter
Wasser setzen soll. Neben den zweihundert Dörfern werden rund fünf Millionen
Dattelpalmen im See des Kajabar-Dammes untergehen, Dattelpalmen die die
Lebensgrundlage der nubischen Bevölkerung darstellen.
Gegen diesen Dammbau gibt es bereits reichlichen Widerstand der lokalen
nubischen Bevölkerung und von NubierInnen aus dem Ausland, die schon nach dem
Bau des Aswan-Dammes vertrieben worden waren. Da oppositionelle Tätigkeiten im
Sudan selbst durch die autoritäre, den Muslim-Brüdern nahestehende
Militärregierung Umar al-Bashirs und Hasan al-Turabis erschwert ist, ist es
insbesondere das Nubian Studies Documentation Center (NDSC) in Kairo, das seit
längerem gegen diesen Dammbau arbeitet. Aber auch vor Ort wurde mit Sitzstreiks
gegen die Ankunft eines chinesischen Techniker-Teams protestiert, das die
Gegebenheiten für den Dammbau vor Ort auskundschaften hätte sollen. 50 Personen
wurden während solch eines Sitzstreikes im Mai 1998 verhaftet.
Weiter südlich soll ein noch größeres Kraftwerk bei Hammadab entstehen.
Obwohl die ökologischen Folgen dieses Monsterprojektes vielleicht insgesamt
noch gravierender sind als jene des Kjabar-Dammes, ist die Region die von
diesem See überflutet werden soll, geringer besiedelt und deshalb gibt es auch
weniger Widerstand der lokalen Bevölkerung, die teilweise aus nur gelegentlich
am Nil ansäßigen Beja-Nomaden besteht.
Beide Dämme brächten aber eine noch viel weitgehendere Zerstörung Nubiens
mit sich, als dies der erste Damm bei Aswan schon getan hat, natürlich auf
Kosten der lokalen Bevölkerung.
Petra Meier