Darwinismus und Zuchtwahl
Für die Herausbildung des modernen europäischen Rassismus
hatte der (Sozial-)Darwinismus eine ähnlich große Bedeutung, wie für
Zuchtwahlprogramme und Eugenik der Nazis.
Charles Darwin wurde „als fünftes von sechs Kindern
am 12. Februar 1809 in Shrewsbury“ (HEMLEBEN, 1968: 11) in England geboren.
1839 heiratete er seine Frau Emma, mit der er sechs Söhne und vier Töchter
zeugte. Bereits der Großvater Darwins, Erasmus Darwin, konnte als Naturforscher
erste Ansätze einer Abstammungslehre entwickeln, was wohl auch den Enkel
beeinflußt haben dürfte.
Charles Darwin führte schließlich umfassende Reisen um die Welt. An Bord der Beagle reiste Darwin von 1832 bis 1836 über die Kanarischen und Kapverdischen Inseln nach Brasilien. Von dort über die Falklandinseln und die Südspitze Amerikas nach Chile, Peru und schließlich auf die Galapagos-Inseln, die für die Entwicklung seiner Evolutionstheorie von großer Bedeutung waren. Von den Galapagos-Inseln aus ging Darwins Reise weiter über Tahiti nach Neuseeland, Australien, Tasmanien, die Keeling Islands und Mauritius. Um das Kap der Guten Hoffnung ging es schließlich nach Ascension und nochmals nach Bahia in Brasilien, bevor die Beagle nach Großbritannien zurückkehrte.
Über zwanzig Jahre nach seiner Rückkehr von der Weltreise mit der Beagle veröffentlichte Darwin schließlich in seinem 1859 erschienenen Hauptwerk „On the Origin of Spezies by Means of Naturel Selection“ – zu Deutsch: „Über den Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtwahl“ – jene Theorie, die als „Evolutionstheorie“ in die Wissenschaftsgeschichte eingehen sollte. Dieses Buch „wurde zu dem meistgelesenen wissenschaftlichen Werk seines Jahrhunderts.“ (HEMLEBEN, 1968: 105)
1871 erschien mit „The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex“ („Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“) das zweite Hauptwerk Darwins, das bereits erste Ansätze des später aus dem Darwinismus abgeleiteten Sozialdarwinismus zeigt.
Am 19. April 1882 stirbt Darwin schließlich in Down als weltweit geachteter, aber gleichzeitig umstrittener Naturwissenschafter und wird in der Westminster Abbey feierlich beigesetzt.
Für die Entwicklung der
Evolutionstheorie spielte Darwins Besuch auf den Galapagos-Inseln eine
bedeutende Rolle. Zum Zeitpunkt des Besuches der Beagle war nur eine einzige
der Inseln bewohnt. Die Bevölkerung bestand fast ausschließlich aus
Strafgefangenen und lag bei ungefähr 200 Personen „governed by an
Englishman, Nicholas Lawson, in the name of the state of Ecuador. Whalers
visited regularly to obtain water and to collect some of the giant tortoises
for food.“ (BOWLBY, 1990: 167)
Abgesehen davon waren die Inseln jedoch
völlig sich selbst überlassen, was sie zum idealen Forschungsobjekt für Charles
Darwin machte. Für die Entwicklung der Evolutionstheorie war zudem von
Bedeutung, daß die Inseln vom Festland weit entlegene Vulkaninseln darstellen,
die im Laufe der Geschichte nur von relativ wenigen Arten erreicht worden sind.
Diese wenigen Arten differenzierten sich jedoch auf den einzelnen Inseln des
Archipels und auch innerhalb dieser Inseln stark heraus.
So gibt es auf den Galapagos Inseln für
jede Insel eine andere Rasse der Riesenschildkröte Testudo elephantopus, die
jeweils eine eigene Form des Rückenpanzers entwickelt hat. Sogar 13
verschiedene Arten haben sich aus jenen Finken entwickelt, die vor
Jahrtausenden aus Südamerika auf die Galapagosinseln verschlagen wurden. Diese
heute nach Charles Darwin benannten „Darwin-Finken“ hatten sich im Laufe der
Zeit verschiedenen Lebenweisen und -räumen optimal angepaßt. Die Farben der
Finken unterscheiden sich ebenso wie die Formen ihrer Schnäbel, die dem Verzehr
von Insekten, Beeren oder dem Stochern in Baumrinden angepaßt sind.
Eine ähnliche Entdeckung hatte Darwin
zuvor bereits auf den Falklandinseln vor der Ostküste Patagoniens gemacht, die
er im März 1833 und im März 1834 mit der Beagle besucht hatte „where foxes
were found to differ between islands in small but significant ways“ (BOWLBY,
1990: 169)
Die später vielfach tradierte
romantische Vorstellung, Darwin hätte auf den Galapagosinseln die
Evolutionstheorie „erfunden“, entspricht sicher nicht der Realität. Nicht
umsonst dauerte es noch über zwanzig Jahre nach seiner Rückkehr nach England,
bis er diese bahnbrechende Theorie in seinem Werk „On the Origin of Spezies by
Means of Natural Selection“ der Öffentlichkeit vorstellte. Auf den
Galapagosinseln konnte Darwin allerdings noch keine Theorie entwickeln, „but
he was raising some radical questions.“ (BOWLBY, 1990: 170)
Während der nächsten zwanzig Jahre
entwickelte Darwin mit Hilfe der Aufzeichnungen die „Evolutionstheorie“, deren
Kurzzusammenfassung wohl folgende Punkte beinhalten muß:
Darwin behauptet, daß „die Arten
während einer langen Deszendenzreihe modifiziert worden sind. Dies ist
hauptsächlich durch die natürliche Zuchtwahl zahlreicher, nacheinander
auftretender, unbedeutender günstiger Abänderungen bewirkt worden, in
bedeutungsvoller Weise unterstützt durch die vererbten Wirkungen des Gebrauchs
und Nichtgebrauchs von Theilen, und, in einer vergleichsweise bedeutungslosen
Art, nämlich in Bezug auf Adaptibildungen, gleichviel ob jetzige oder frühere, durch
die direkte Wirkung äußerer Bedingungen und das unserer Unwissenheit als
spontan erscheinende Auftreten von Abänderungen.“ (DARWIN, 1988: 554)
Darwin, insbesondere aber seine
AnhängerInnen sahen die ständige Konkurrenz, den ständigen Kampf aller Individuen
innerhalb einer Art um die bestmögliche ökologische Anpassung und den Kampf
zwischen den Arten für den eigentlichen Motor der Evolution.
Darwin geht davon aus, daß „die
Struktur eines jeden organischen Gebildes auf die wesentlichste, aber oft
verborgene Weise zu der aller anderen organischen Wesen in Beziehung steht, mit
welchen es in Concurrenz um Nahrung oder Wohnung kommt, oder vor welchen es zu
fliehen hat, oder von welchen es lebt.“ (DARWIN, 1988: 95) Und diese
Konkurrenz ist nun eben für Darwin der Hauptmotor für die Evolution.
Mit seinem späteren, zweiten Hauptwerk „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“ übertrug Darwin selbst diese Thesen bereits teilweise auf den Menschen.
Sozialdarwinismus
Die Übertragung des Gedanken vom
ständigen Kampf Aller gegen Alle, dem „struggle of existance“ und dem „survival
of the fittest“ als die populärsten Schlagworte der Darwinschen
Evolutionstheorie, auf menschliche Gesellschaften wurde schließlich unter dem
Begriff „Sozialdarwinismus“ bekannt.
Es ist unter HistorikerInnen und SozialwissenschafterInnen umstritten, wie weit Darwin selbst die Grundlage für diesen „Sozialdarwinismus“ gelegt hat und wie weit dieser auf (Fehl-) Interpretationen seines Werkes durch spätere AnhängerInnen des Darwinismus beruht.
Der
Amerikanische Historiker Bannister dachte „that after the publication of On the
Origin of Species in 1859 Darwin assigned less importance to natural selection,
the struggle of existence, and survival of the fittest in evolution and
attributes a greater role to other mechanisms such as the inheritance of
acquired characters.“ (HAWKINS, 1997: 4)
Die Publikation von Darwins zweitem
Hauptwerk über „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“
läßt jedoch durchaus den Schuß zu, daß Darwin selbst die Übertragung seiner
Evolutionstheorie auf den Menschen inclusive dem „survival of the fittest“ und
der Zuchtwahl durchaus befürwortete, wenn auch vermutlich nicht mit den
Konsequenzen, die sozialdarwinistisches Denken schließlich in Europa anrichten
sollte.
Immerhin lassen sich in diesem Werk
aber Stellen finden die bereits deutlich sozialdarwinistische Züge tragen. So
meint Darwin etwa, „wenn ein Stamm viele Mitglieder besitzt, die aus
Patriotismus, Treue, Gehorsam, Mut und Sympathie stets bereitwillig anderen
helfen und sich für das allgemeine Wohl opfern, so wird er über andere Völker
den Sieg davontragen; dies würde natürliche Zuchtwahl sein.“ (DARWIN, 1966:
170)
„Wenn wir aber absichtlich die
Schwachen und Hilflosen vernachlässigen wolle, so wäre das nur zu
rechtfertigen, wenn das Gegenteil ein größeres Übel, die Unterlassung aber eine
Wohltat herbeiführen würde“ (DARWIN, 1966: 172)
Während später die Nazis nicht nur von
der Wohltat der Vernachlässigung, sondern auch von der Wohltat der Ermordung
von „Schwachen und Hilflosen“ überzeugt waren, meint Darwin hingegen noch wir
müßten „uns daher mit den ohne Zweifel nachteiligen Folgen der Erhaltung und
Vermehrung der Schwachen abfinden. Doch scheint wenigstens ein ständiges
Hindernis dieses Vorgangs zu existieren, nämlcih die bei den schwachen und
inferioren Mitgliedern geringere Neigung zum Heiraten als bei den Gesunden.
Dies Hindernis könnte noch viel wirksaer werden, wenn die körperlich und
geistig Schwachen sich der Ehe enthielten.“ (DARWIN,
1966: 172)
Jedoch
bereits vor der Veröffentlichung von Darwins „Descent in 1871, Europeans and
Americans had already started to explore the social and psychological
implications of Darwinism.“ (HAWKINS, 1997: 61) Für den Durchbruch
des Sozialdarwinismus als vorherrschende Ideologie im Wissenschaftsbetrieb der
ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war jedoch der englischer Philosoph
Herbert Spencer (1820 – 1903) von besonderer Bedeutung. Nicht nur, daß Herbert
Spencer den Begriff „the survival of the fittest“ prägte und auf die soziale
Evolution des Menschen anwendete, „he was also popularising the term
`evolution` in its modern sense.“ (HAWKINS, 1997: 82)
Für die „wissenschaftliche“
Legitimierung des modernen Rassismus und Imperialismus spielte der
Sozialdarwinismus Spencers eine ähnlich wichtige Rolle wie für die praktische
Anwendung von Eugenik und Euthanasie, wie sie schließlich unter den
Nationalsozialismus ihren mörderischen Höhepunkt erreichen sollte.
Wie der Sozialdarwinismus entstand
eugenisches Gedankengut schließlich nicht aus dem Nichts, wurde nicht von den
Nazis erfunden, sondern von diesen nur zu seinem Höhepunkt an Umsetzung
getrieben. Die Ausmerzung von vermeinlich „lebensunwertem Leben“ wurde letztlich
mit dem „survival of the fittest“ legitimiert. Um die „Arische Rasse“ und das
„Deutsche Volk“ in diesem Kampf um das Überleben erfolgreich aussteigen zu
lassen, mußten – für die Nazis folgerichtig – jene ermordet werden, die die
erfolgreiche Zuchtwahl innerhalb dieses Deutschen Volkes gefährdeten. Versuche,
bessere Arier im Projekt Lebensborn mit blonden „deutschen Mädeln“ und strammen
SS-Burschen zu züchten, gehörten ebenso zu dieser praktischen Anwendung des
Sozialdarwinismus durch die Nazis wie Zwangssterilisierungen aber schließlich
eben auch die massenhafte Ermordung „lebensunwerten Lebens“.
Im akademischen Bereich spielte und
spielt der Sozialdarwinismus eine ebenso bedeutende Rolle wie in seiner
unmittelbaren praktischen Anwendung durch die Nazis. Als nur ein Beispiel für die Bedeutung sozialdarwinistisch
denkender Wissenschafter soll hier der österreichische Nobelpreisträger Konrad
Lorenz erwähnt werden, der nach 1945 zwar keine allzu offensichlich nationalsozialistisch
besetzte Begriffe mehr verwendete, seine grundsätzlich sozialdarwinistische und
biologistische Stoßrichtung aber auch noch in seinen späteren Werken
beibehielt, insbesondere im für großte Teile der Ökologiebewegung
richtungsweisenden Werk „Die sieben Todsünden der Menschheit“ bei.
Heute spielen sozialdarwinistische
Argumentationen v.a. im Bereich der Gentechnologie eine Rolle, welche das
Erkennen von Erbkrankheiten, genetischen Defekten,... als eines ihrer Ziele
betrachtet.
Darwin erntete für seine Thesen nicht
nur großes Interesse, sondern auch scharfe Kritik. Es sollte Jahrzehnte dauern
ehe seine Evolutionstheorie zur dominanten Strömung innerhalb des
wissenschaftlichen Diskurses werden sollte.
Die ersten Jahrzehnte erntete Darwin
vor allem Kritik aus den Reihen christlicher Wissenschafter und Theologen, die
weiterhin an der Schöpfungslehre festhalten wollten, also die in der Bibel
dargestellte Schöpfung der Arten und insbesondere des Menschen durch Gott als
wissenschaftliche Wahrheit betrachteten.
Wenn diese Kritik an Darwin durch die fortschreitende Säkularisierung Europas hierzulande mittlerweile auch völlig unbedeutend geworden ist, so heißt das nicht, daß sie völlig verschwunden wäre. Insbesondere in den USA – mit ihren starken fundamentalischen Stömungen in den evangelikalen Kirchen und eigenen „christlichen Universitäten“ – ist die Evolutionstheorie Darwins noch keineswegs gesellschaftlich anerkannter wissenschaftlicher Standard. Duane T. Gish, der auf der Universität von Kalifornien in Berkeley Biochemie studiert hatte und heute einer der Direktoren des „Institute for Creation Research“ und Professor am Christian Heritage College in San Diego ist, konnte etwa in einem auch auf Deutsch erschienen Buch nach langen Abhandlungen über Fossilienfunde und das „sprunghafte Auftreten neuer Arten schließen: „`Im Anfang schuf Gott..` ist immer noch die modernste Aussage, die über unsere Herkunft gemacht werden kann!“ (GISH, 1982: 167)
Wesentlich
ernstzunehmendere Einwände stammen von TheoretikerInnen und
WissenschafterInnen, die zwar nicht die allgemeine Evolutionstheorie in Frage
stellen, sprich die Entwicklung allen Lebens aus einem gemeinsamen Ursprung
bejahen, aber die Motivationen und Spielregeln der Veränderungen wie sie Darwin
annimmt, ablehnen.
So gibt es heute etwa Einwände, daß sich bei komplizierten Organen, wie den menschlichen Augen, nicht nur ein einzelnes Organ zweckmäßig ändern kann, sondern zahlreiche Merkmale gleichzeitig und gleichsinnig ändern müssen. Auch ist es umstritten, ob sich die Entstehung neuer Arten durch kleine, schrittweise Mutationen ergeben oder duch sprunghafte Makromutationen.
Die
Motivationen und Antriebe für die Evolution, wie sie Darwin, bzw. die
DarwinistInnen annehmen, stellt auch der russische Anarchist und
Universalgelehrte Peter Kropotkin in Frage. In seinem erstmals 1902 erschienenen Buch „Gegenseitige Hilfe in
der Tier- und Menschenwelt“ berichtet Kropotkin von seinen Reisen in Sibirien,
auf denen er, obwohl er „emsig darauf achtete, nicht jenen erbitterten Kampf
um die Existenzmittel zwischen Tieren, die zur gleichen Art gehören, entdecken
[konnte]. Und es war dieser Kampf, der seitens der meisten Darwinisten –
keinesfalls aber ständig von Darwin selbst – als das typische Kennzeichen des
Kampfes um das Dasein und als Hauptfaktor der Entwicklung betrachtet wurde.“
(KROPOTKIN, 1975: 12)
Kropotkin sieht in dieser Kampfschrift
gegen den Sozialdarwinismus nicht den „suvival of the fittest“ als Motor der
Evolution, sondern stellt fest, daß die „gegenseitige Hilfe ein wichtiges
progressives Element der Evolution darstellt“ (KROPOTKIN, 1975: 9)
Unabhängig davon, ob nun aber die Thesen Darwins für die Tier- und Pflanzenwelt Gültigkeit beanspruchen können oder nicht, erscheint es mir wichtig, daß sie keinesfalls den Anspruch erheben dürfen, auch im Bereich menschlicher Gesellschaften gültig zu sein. Der Mensch ist eben nicht nur ein von seiner Biologie determiniertes Wesen, sondern ein Wesen mit Kultur, Bewußtsein, Reflexionsfähigkeit und Gesellschaft. Als solches kann er seine Geschichte in die Hand nehmen und seine Gesellschaft so formen, wie er sie nun einmal haben will.
Wer also eine Gesellschaft des „survival of the fittest“ als natürlich betrachtet, macht damit in Wirklichkeit keine Aussage über die Beschaffenheit der Welt, sondern über jene Gesellschaft, die er/sie haben möchte.
Thomas
Schmidinger
London /
Sydney / Auckland / Johannesburg, 1990
DARWIN, Charles: Über die Entstehung
der Arten durch natürliche Zuchtwahl
Darmstadt, 1988
DARWIN, Charles: Die Abstammung des
Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl
Stuttgart, 1966
GISH, Duane T.: Fossilien und
Evolution, Fakten hundert Jahre nach Darwin
Neuhausen –
Stuttgart, 1982
HAWKINS,
Mike: Social Darwinism in European and American thought, 1860 – 1945
Cambridge,
1997
HEMLEBEN,
Johannes: Darwin
Reinbek bei Hamburg, 1968
KROPOTKIN, Peter: Gegenseitige Hilfe in der Tier und Pflanzenwelt
Frankfurt/M / Berlin / Wien, 1975