Instanzen
der Ohnmacht
Das
neue Buch von Doron Rabinovici schildert die Situation der Wiender Juden unter
nationalsozialistischer Herrschaft von 1938 bis 1945 mit akribisch
zusammengetragenem Material und einer Fülle von Einzelbeispielen. Die
verschiedenen jüdischen Istitutionen werden dabei – sofern sie nicht sofort mit
dem Anschluß aufgelöst worden waren – in ihren sehr unterschiedlichen
Überlebensstrategien geschildert.
Klar
herausgearbeitet wird auch, daß Wien der erste Ort war, „an dem die sogenannte „Lösung
der Judenfrage“ in Angriff genommen wurde. Hier fand der „Probelauf“ statt.“
Und während im März 1938 von einem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich
gesprochen werden kann, so kann die folgende Entwicklung durchaus auch als
Anschluß der deutschen an die ostmärkische „Judenpolitik“ charakterisiert
werden. Nirgendwo stieß diese nationalsozialistische „Judenpolitik“ auf solche
Begeisterung und so geringen Widerstand wie in Österreich und genau deshalb
konnte hier ausprobiert werden, was in der Folge im gesamten Reichgsebiet
umgesetzt werden sollte.
Doron
Rabinovici schildert in diesem Zusammenhang auch jenen begeisterten
österreichischen Antisemitismus, der bereits in der Nacht vor dem Einmarsch
deutscher Truppen in Österreich zu ersten pogromartigen Ausschreitungen gegen
Jüdinnen und Juden und zu solch einem Ausmaß „wilder“ Arisierungen führte, daß
sich vorerst sogar die neue NS-Staatsgewalt genötigt fühlte, dem wilden Treiben
des antisemitischen Mobs entgegenzutreten. Die Pläne der Nationalsozialisten
sahen nämlich eine geordnete, beinahe legalistisch anmutende „Lösung der
Judenfrage“ vor, die schließlich von einem Beamtenstaab um den Wiener
NS-Beamten Adolf Eichmann, dem Referat II-112 des Sicherheitsdienstes der SS
koordiniert wurde.
Die von
Adolf Eichmann in Wien eingeübte Politik der Vertreibung, die schließlich zu
einer akribisch beamtenhaft durchgeführten industrielle Massenvernichtung
mündete, wurde angesichts der „Erfolge“ der Eichmann-Männer auf das gesamte
Reichsgebiet ausgedehnt.
Diese Entwicklung
und die aussichtslose Lage der jüdischen Institutionen, die in verzweifelten
Versuchen einer taktischen Zusammenarbeit mit den Behörden versuchten,
möglichst viele Menschen zu retten und dabei zu „Instanzen der Ohnmacht“
wurden, wird in Rabinovics Buch detailiert beschrieben.
Die
Strategie der NS-Behörden, jüdische Institutionen - um jüdische Menschen retten
zu können - zu zwingen, andere Jüdinnen und Juden selbst für den Abtransport in
die Konzentrationslager selektieren zu müssen, ging schließlich nach 1945
erneut auf, als jüdische Kollaborateure, die unter ständiger Bedrohung ihres
eigenen Lebens, dieses durch eine Zusammenarbeit mit den Nazis retten wollten,
erneut wesentlich strenger bestraft wurden als die eigentlichen Täter, die sich
oft auf „Befehlsnotstand“ berufen konnten.
Thomas
Schmidinger
Doron
Rabinovici:
Instanzen
der Ohnmacht
Wien
1938 – 1945, Der Weg zum Judenrat
Jüdischer
Verlag im Suhrkamp Verlag
Frankfurt
am Main, 2000