Zwischen Bergbau und Kolonialismus
Die sozialen und politischen Umgestaltungen
Indonesiens lassen auch die Menschen auf Westpapua neue Hoffnung schöpfen.
Während auf den Molukken,
Sumatra (Aceh im Norden der Insel) oder Borneo separatistische Bewegungen den
politischen Umbruch nutzen um Autonomie oder Unabhängigkeit zu verlangen und
dabei teilweise auch "ethnische Ausschreitungen" zwischen
"Einheimischen" und unter Suharto angesiedelten
"TransmigrantInnen" von anderen Inseln riskieren, hat die Unabhängigkeitsbewegung
in West-Papua seit eineinhalb Jahren einen einseitigen Waffenstillstand
beschlossen. Nach Jahrzehnten der brutalen Verfolgungspolitik durch die
Regierung in Jakarta versuchen die AktivistInnen aus West-Papua nun mit
Verhandlungen einen Unabhängigkeitsprozeß nach dem Vorbild Ost-Timors
einzuleiten.
Nach dem Sturz Suhartos
kamen am 26 Februar 1999 erstmals hundert Delegierte aus ganz West-Papua auf
Einladung des Indonesischen Kirchenrates in die Hauptstadt Jakarta. Mit dem
damaligen Präsidenten Habibi war vereinbart worden, über die Autonomie für
West-Papua zu verhandeln. Die Delegierten führten dem Übergangspräsidenten
jedoch detailiert aus, warum sie nichts weniger als die Unabhängigkeit für die
westliche Hälfte der drittgrößten Insel der Welt verlangten. Habibi, der nicht
gewillt war über eine solche Unabhängigkeit auch nur zu sprechen, empfahl den
Delegierten doch wieder nach Hause zu gehen und nochmals darüber nachzudenken.
Und die Delegierten
setzten diese Empfehlung des indonesischen Präsidenten sogleich um. Gemeinsam
mit der Befreiungsbewegung OPM (Orgenisasi Papua Merdeka, Papua
Befreiungsbewegung), die jahrzehntelang im Untergrund für ein unabhängiges
West-Papua gekämpft hatte, errichteten die Dörfer der Delegation
"Posten", um einen neutralen Ort zum Nachdenken zu haben. Die
Versuche der Armee, diese Posten zu zerstören wurden mit dem Hinweis
verhindert, Präsident Habibi selbst hätte die Anordnung zum Nachdenken gegeben,
welche nun nur konsequent umgesetzt würde.
Ein Jahr später erklärten
die Papuas den Nachdenkprozeß für beendet und wollen wieder mit der Regierung
über die Unabhängigkeit verhandeln. Diese hat zur Zeit aber an allen Enden des
Staates mit Problemen zu kämpfen und will sich nicht auf umfassende
Zugeständnisse gegenüber den politischen VertreterInnen West-Papuas einlassen.
Das Damoklesschwert eines Militärputschs, oder zumindest einer verstärkten
Einflußnahme der Militärs gegen jede Lösung, die die staatliche Einheit
Indonesiens gefährten könnte, steht zudem immer im Raum.
Am ersten Dezember 1999
wurde erstmals die Ausrufung der ersten Unabhängigkeit vom 1. Dezember 1961 mit
großen Demonstrationen und dem Hissen von Flaggen gefeiert. Am Ende desselben
Monats besuchte der neue Präsident Wahid West-Papua um die Jahrtausendwende in
jenem Teil Indonesiens erleben zu können. Eine unbewaffnete Polizeitruppe der
OPM beschützte ihn dabei vor Angriffen von Provokateuren und wollte damit ein
Zeichen setzen, daß es der Unabhängigkeitsbewegung nicht um einen Kampf gegen
Indonesien geht, sondern darum in Ruhe gelassen zu werden.
Im Gegensatz zu den
Unruhen auf Borneo, will die Unabhängigkeitsbewegung in West-Papua keinen Kampf
gegen Zuwanderer, sondern mit jenen Menschen, die unter der Herrschaft Suhartos
nach West-Papua umgesiedelt wurden, gemeinsam die Unabhängigkeit erkämpfen.
Wie auf Borneo wurden
unter der Herrschaft Suhartos, Hunderttausende Menschen aus Java mit
Weltbankgeldern nach West-Papua umgesiedelt. Diese
"Transmigrasi"-Projekte wurden von der Regierung gezielt verwendet um
einen "Indonesischen" Nationalismus auszubreiten und Bevölkerungen
wie die Papuas in West-Papua oder die Dayak in Borneo zu marginalisieren.
Um ethnische Unruhen wie
in Kalimatan - so der Name der indonesischen Provinz auf Borneo - zu vermeiden,
legt die OPM und die im Zuge des "Nachdenkprozesses" gegründete
zivile Bewegung FORERI (Forum for reconciliation of Irian People) großen Wert
darauf, daß sie nichts gegen die "TransmigrantInnen" haben und diese
gerne in einem unabhängigen West-Papua bleiben können. Sam Karoba, Vertreter
der OPM, der kürzlich durch Europa reiste um politische Organisationen über
diesen völlig vergessenen Konflikt zu informieren, erklärte dazu in Wien:
"Wir haben auch einige Vertreter aus der zweiten Generation der
Transmigranten in unserer Bewegung. Wir haben nichts gegen sie. Unser Zeil ist
es auch nicht einen neuen Nationalstaat aufzubauen. Wir wollen einfach in Ruhe
gelassen werden und so leben können wie wir es selbst wollen."
Ein Nationalstaat würde
West-Papua aber auch kaum werden können. Nicht nur die Nachkommen der
SiedlerInnen, die mitlerweile mehr als die Hälfte der Bevölkerung West-Papuas
stellen, leben hier, sondern auch die Papuas selbst sind alles andere als eine
sprachliche und kulturelle Einheit. Die gesamte Insel Neuguinea wird von
Menschen mit 600 verschiedenen Sprachen besiedelt, rund ein fünftel aller
Sprachen der Erde. 250 dieser Sprachen werden in West-Papua gesprochen, einige
davon nur von wenigen Familien in einem Dorf, andere wie das Lani im Hochland
von rund hunderttausend Menschen. Sam, dessen Muttersprache das Lani ist,
erzählt, daß jede dieser Gruppen ihre eigene OPM hat. Alle zusammen kämpfen für
ein gemeinsames Ziel. Trotzdem gibt es zwischen den OPMs der verschiedenen
"Stämme" kaum Kommunikation. Zu groß sind die sprachlichen Hürden, zu
weit entfernt sind ihre Verstecke im Urwald, zu viele Armeeposten lauern auf
den Wegen zwischen den Dörfern und Lagern der KämpferInnen.
Wer bei der OPM an das
denkt was einem/r mitteleuropäischen RevolutionsromantikerIn bei einer Guerilla
so in den Sinn kommt, liegt aber in diesem Falle weiter weg von der
Wirklichkeit als bei jeder anderen Guerilla der Welt. Sam erzählt von
Flüchtlingen aus den Dörfern, die mit Penisrohren bekleidet und mit einer
Bewaffnung, die über Pfeil und Bogen nicht hinausreicht, gegen eine moderne
indonesische Armee kämpfen. Die Not der Menschen, die jahrzehntelange Bedrohung
durch Vertreibungen, Massaker und Bombardierungen der indonesischen Armee,
trieb nicht nur tausende Menschen aus ihren Dörfern in die Flüchtlingslager in
Papua-Neuguinea, sondern auch in den Urwald, wo sie versuchen so gut es geht
gegen die indonesische Armee und die Zerstörung ihres Landes durch
internationale Bergbaukonzerne Widerstand zu leisten.
Die Indonesische Armee
beantwortete jedoch jeden Widerstand mit härtesten Strafmaßnahmen und wurde
dabei auch von europäischen Staaten unterstützt. Als eine Gruppe der OPM 1995
vier britische, zwei niederländische, einen deutschen und fünfzehn indonesische
Staatsbürger als Geiseln nahmen, die in einem Dorf gut behandelt wurden, kamen
indonesische, britische und niederländische Soldaten in einem
Rot-Kreuz-Hubschrauber angeflogen und richteten unter der Dorfbevölkerung ein
Massaker an.
Seit dem Februar 1999
schweigen aber die Waffen, zumindest jene der OPM. Die Befreiungsbewegung will
den Dialog mit der neuen Regierung nützen um auf diplomatischem Wege zu
erreichen, was ihnen militärisch unmöglich war. Die Umbenennung der Provinz von
Irian Jaya in West-Papua und die Freilassung vieler politischer Gefangener
wurde dabei schon erreicht. Die Unabhängigkeit und der Abzug der
Berbauunternehmen wird wohl nicht mehr so leicht zu erringen sein.
Denn hier kommen auch
europäische und US-amerikanische Interessen ins Spiel. Eine der weltweit
größten Gold-, Kupfer- und Silberminen befindet sich im Hochland von West-Papua
und fördert jeden Tag 50.000 Tonnen Erze im Tagebau. Dabei wird nicht nur
ausgerechnet ein heiliger Berg der lokalen Bevölkerung abgetragen, sondern auch
der ganze Lebensraum der Menschen zerstört. Wo einst Dörfer und
Jagdgebiete lagen, fördern nun
gewaltige Bergbaumaschinen Erze für die Industriestaaten zu Tage. Flüsse wie
der Aikiwa, die bisher als Trinkwasser- und Fischereimöglichkeit für die Bevölkerung
dienten, sind von Chemikalien und Sedimenten der Bergbauindustrie völlig
vergiftet. Und den Gewinn dieses Raubbaus streift nicht einmal Indonesien ein,
geschweige denn die Menschen deren Berge hier zerstört werden, sondern Firmen
wie die Freeport Mining Company aus den USA oder RTZ aus Großbritannien. Daß
diese Firmen gegen eine Unabhängigkeit West-Papuas arbeiten ist kein Wunder,
denn als ich Sam frage was denn die OPM im Falle einer Unabhängigkeit mit den
Minen vorhat, meint er nur: "Nein, verstaatlichen wollen wir sie nicht und
wir wollen auch keinen Anteil am Gewinn. Wir werden die Minen schließen, denn
sie zerstören alle unsere Lebensgrundlagen. Wir brauchen das Kupfer und Gold
nicht, sondern unsere Berge und Wälder."
Thomas Schmidinger
Interessante Websites zum
Thema:
http://www.westpapua.net
http://www.eco-action.org/opm