Erschienen in Ökolinx Nr.30, 1998
Titel:
Die Weißwäscher
Untertitel: „Solidarische Spiritualität“ mit Antisemiten und
Bioregionalisten
Autor: Peter Bierl
Zwei Jahre nach ihrem Plädoyer für den Bioregionalismus, eine moderne
Spielart des Blut & Boden Denkens, haben Eduard Gugenberger und Roman
Schweidlenka zusammen mit dem Journalisten Franko Petri ein neues Buch veröffentlicht.
Die LeserInnen erfahren nichts Neues über „Weltverschwörungstheorien“. Das
Buch verschleiert die ideologische Übereinstimmung von Nazis und
EsoterikerInnen sowie Schweidlenkas persönliche Verstrickung in den
esoterischen Antisemitismus.
Gugenberger und Schweidlenka sind ein erfolgreiches Team, ein staatliche
Anzahl von Büchern haben sie inzwischen produziert. Trotz heftiger Kritik an
ihrem Bioregionalismus-Buch, mit dem sie sich selbst als Esospinner und
Vertreter der braunen Tiefenökologie geoutet haben, ist ihr guter Ruf
ungebrochen. Im österreichischen Bundesland Steiermark konnten Schweidlenka und
Gugenberger für ihr Projekt eines „Eso-Informationsdienst“ sogar
Staatsknete locker machen. Die ARGE Jugend gegen Gewalt, Rassismus und
Rechtsextremismus sowie das Landesjugendreferat der Landesregierung sponsern ein
Projekt, das dazu dient Schweidlenkas und Gugenbergers esoterische Position zu
verbreiten: Über die Zielsetzung des Infodienstes heißt es denn auch, man
wolle einerseits über sogenannte „totalitäre religiöse Gruppierungen“
aufklären, also die Konkurrenz madig machen, und andererseits für eine
„alternative Spiritualität“ und gegen „intolerante“ SektenkritikerInnen
eintreten.(1)
Ihr neues Buch „Weltverschwörungstheorien“, das sie zusammen mit
dem Journalisten Franko Petri verfaßt haben, dient hauptsächlich dazu, Spuren
zu verwischen. Die ersten sechs Kapitel des Buches sind weitgehend aus der
Sekundärliteratur abgeschrieben, unter anderem aus Norman Cohns Standardwerk
„Die Protokolle der Weisen von Zion“. Der Mythos der jüdischen Weltverschwörung.
Die drei Autoren haben dabei sogar die alte Ausgabe von 1969 benutzt und nicht
die Neuausgabe von 1998. Schweidlenka, Gugenberger und Petri präsentieren keine
neuen Erkenntnisse oder Dokumente, insofern handelt es sich um ein überflüssiges
Buch.
Das Trio verficht die irreführende Ansicht vom „Mißbrauch“ der
Esoterik durch die Nazis bzw. von einer Unterwanderung der Szene und grenzen
davon eine nicht näher beschriebene „solidarische Spiritualität“ ab, die
sie vertreten.(2)
Schweidlenka praktizierte eine solche Solidarität unter
EsoterikerInnen, als er den esoterischen Antisemiten Tom Hockemeyer (Pseudonym
Trutz Hardo) verteidigte. Hockemeyer, der sich selbst als „fortgeschrittener
Geist aus einer höheren Dimension“ sieht, interpretiert Auschwitz als
vorbestimmtes karmisches Schicksal der Juden um Untaten in einem früheren Leben
zu sühnen. Über Hitler fabuliert Hockemeyer: „Bedenke, nicht er hat den
Juden das Schicksal der Gaskammern zuerteilt, sondern jene haben es sich
ausgesucht, denn nichts geschah gegen ihren Wunsch und `freien Willen´“. Im
November 1996 demonstrierten AntifaschistInnen, darunter die Ökologische Linke,
gegen einen Auftritt Hockemeyers in Darmstadt. Der hessische Landesverband der jüdischen
Gemeinden erstattete Anzeige gegen ihn, während Schweidlenka in der
<I>esotera<I>, dem Zentralorgan der Szene, die Demonstration in
Darmstadt als „Hexenjagd auf Esoteriker“ diffamierte.(3) Hockemeyer wurde
inzwischen wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener
zu einer Geldstrafe verurteilt.(4)
Für unbedenklich erklären Schweidlenka, Gugenberger und Petri auch die
esoterische Ufologie, also religiösen Aberglaube plus die Halluzination von
fliegenden Untertassen. Gefährlich wird es ihrer Ansicht nach erst, wenn sich
diese Wahnvorstellungen mit nationalsozialistischer Ideologie verbinden.
Beispiele für eine solche unbedenkliche esoterische Ufologie suchen die
LeserInnen vergeblich, dafür gelangen die Autoren drei Seiten weiter zu dem
Schluß, der Mythos von den Nazi-Ufos habe „einen festen Platz in einem Teil
der esoterischen Szene eingenommen.“(5)
Grundsätzlich bestreiten sie, wie in ihren früheren Werken auch, die
Wesensverwandtschaft zwischen braunem und esoterischem Denken. Für diese
Affinität sind Schweidlenka und Gugenberger selbst ein Beispiel, mit ihrer
Hymne auf den Bioregionalismus und ihren „Dialog“ mit der ökofaschistischen
Organisation „Unabhängige Ökologen Deutschlands“ (UÖD), einer Gruppe, die
folgende Ziele vertritt: Schutz vor „multikultureller Vermassung“, Schutz
der „Vielfalt der Völker“ sowie die „Liebe zur angestammten Heimat“.
Als Ursachen ökologischer Zerstörung sieht die UÖD die „derzeitige
Explosion der Weltbevölkerung“ sowie die „Öffnung relativ stabiler
Regionen für massenhafte Einwanderung.“(6)
Abgesehen von personellen und organisatorischen Verflechtungen und
gemeinsamen Traditionen, die in Deutschland bis hin zu den Begründern des
Nationalismus wie Fichte reicht, ist es letztlich die gleiche psychische Verfaßtheit
qua Klassenlage: Die autoritär strukturierten KleinbürgerInnen fürchten um
ihre relativ privilegierte Lage; ihre künftige Verwendung ist nicht absehbar in
Zeiten, in denen die herrschende Klasse ihren Produktions- und Staatsapparat
umbaut. Die KleinbürgerInnen reagieren wie gehabt: Buckeln nach oben, treten
nach unten. Er und sie dürfen sich als „Eingeweihte“ als Teil der Elite fühlen,
sich vor dem Führer in den Staub werfen und nach unten treten, wo diejenigen
ihr Dasein fristen, denen es karmisch vorherbestimmt ist. Das Gefühl der Auserwähltheit
saugt diese Klientel aus allerlei Hokuspokus, dessen Kenntnis als wertvolles
esoterisches Wissen gilt. Die esoterische Ideologie verschafft ihren AnhängerInnen
damit wie die faschistische einen psychischen Gewinn. In einem Artikel der Neuen
Züricher Zeitung wird die neuerliche Konjunktur antisemitischer Weltverschwörungsideen
auch der „Sucht nach ´geheimem Wissen´“ in esoterischen Kreisen
zugeschrieben, die dabei „im braunen Sumpf des nationalsozialistischen
Okkultismus wühlen.“(7)
Originell an diesem Buch sind die Persilscheine, die sich vor allem
Schweidlenka für eigene Aktivitäten und Kontakte ausstellt. So werden die
Verschwörungsphantasien Rudolf Steiner, des Begründers der Anthroposophie,
zwar erwähnt, aber heruntergespielt. Gugenberger und Schweidlenka, letzterer
Mitarbeiter der anthroposophischen Schweizerischen Zeitschrift Novalis, nennen
das Machwerk von Karl Heise, „Die Entente-Freimaurerei und der Weltkrieg“
von 1918. Heise bezog sich auf die Theosophin Blavatsky und den Ariosophen Guido
v. List und konstruierte eine Verschwörung von russischen Großfürsten,
englischen Freimaurern und Juden, die angeblich Deutschland vernichten wollten.
Schweidlenka und Gugenberger schreiben, Steiner habe Heises Broschüre
„positiv“ gesehen, was ziemlich untertrieben ist. Nach Angaben des
Steiner-Biographen und Anthroposophen Christoph Lindenberg hat Steiner das
Pamphlet finanziert und das Vorwort selbst verfaßt. Konsequenterweise übergehen
Schweidlenka und Gugenberger, daß nicht nur Steiner sondern führende
Anthroposophen in den 20er Jahren diese Weltverschwörungsideen teilten und daß
diese in den 90er Jahren in einer Reihe von Beiträgen, zum Beispiel im
anthroposophischen Zentralorgan Das Goetheanum recycelt werden. Und natürlich
fehlt der Hinweis auf die Nähe zwischen Verschwörungstheorien und der manichäischen
Weltsicht der Anthroposophie, die überall böse Geister und Teufel sieht, die
mit Erzengeln und anderen Lichtgestalten im Kampf liegen.
Drei Kapitel widmen Schweidlenka, Gugenberger und Petri dem
antisemitischen zweibändigen Werk „Geheimgesellschaften“ von Jan Udo Holey,
Pseudonym Jan van Helsing. Immerhin weisen sie dessen Argument zurück, er
vertrete keinen Rassismus, weil die Seele ja in verschiedenen angeblichen Rassen
inkarniere. Das sollte Schweidlenka mal seinen Anthro-FreundInnen begreiflich
machen, die genauso argumentieren. Vor allem behaupten die drei, unter anderem
die Zeitschrift Esotera habe „aufklärerische Schritte“ gegen das Machwerk
eingeleitet.(8)
Tatsächlich warb Esotera für das Pamphlet, indem das Buch monatelang
auf der Bestsellerliste placiert wurde. Im April 1996 erließ das Amtsgericht
Mannheim einen bundesweiten Beschlagnahmebeschluß wegen Volksverhetzung, gegen
Holey wurde Haftbefehl beantragt. Erst nach Ausstrahlung eines Berichts im
ARD-Magazin ZAK über Holey distanzierte sich auch Esotera.(9) Vergebens sucht
mensch auf den sechzig Seiten, die Gugenberger und Schweidlenka dem Fall widmen,
nach einer Erklärung dafür, daß ein Auszug aus Holeys Buch auf der Titelseite
des Esoblattes „Die andere Realität“ direkt neben einem Beitrag
Schweidlenkas über Bioregionalismus prankte. Vermutlich handelt es sich um ein
weiteres Beispiel für „solidarische Spiritualität“.(10)
Anmerkungen:
(1) vgl. Contraste, Nr.173
(2) vgl. Eduard Gugenberger, Franko Petri, Roman Schweidlenka,
Weltverschwörungstheorien, Die neue Gefahr von rechts, Wien-München, 1998,
S.9, S.11, S.13
(3) vgl. Roman Schweidlenka, Hexenjagd auf Esoteriker, in: esotera,
2/97, S.7f.
(4) vgl. Tamara Schaaf, Holocaust karmisch gerechtfertigt, in: Der
Rechte Rand, Nr.54, September/Oktober 1998, S.20
(5) vgl. Gugenberger, Petri, Schweidlenka, Weltverschwörungstheorien
S.152, S.155
(6) zit., UÖD, Hrsg., Ökologie, Nr.1/1997, in diesem Heft ist auch ein
Beitrag Schweidlenkas abgedruckt
(7) vgl. Neue Züricher Zeitung, 2. Dezember 1998
(8) vgl. Gugenberger, Petri, Schweidlenka, Weltverschwörungstheorien,
S.199
(9) vgl. Colin Goldner, Psycho, Therapien zwischen Seriosität und
Scharlatanerie, Augsburg, 1997, S.26
(10) vgl. Die andere Realität, Heft 4/1995
Bestellungen der ÖkolinX an:
Ökologische Linke
Bundeskontaktadresse
c/o Manfred Zieran
Neuhofstraße 42
60318 Frankfurt
oder:
Ökologische Linke München
c/o Karin Döpke
Kaulbachstraße 60
80539 München