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INHALT
1. Vorbemerkung zur Transkription arabischer Namen
und Begriffe
2. Einleitung
3. Begrifflichkeiten
4. Das "Religiöse" und das
"Politische"
5. Geschichte des Islamischen Integralismus in Ägypten
und seiner Konfrontation mit dem Staat
5.1. Die Muslim Bruderschaft (al-Ikhwan al-Moslemoon)
5.2. Sayyed Qutb
5.3. Sadat fördert und bekämpft die
IntegralistInnen
5.4. Der Aufbau der Gamaa Islamiya zur Massenbewegung
5.5. Die "Gemeinschaft der Muslime" Mustafa
Schukris.
5.6. Der Weg in den bewaffneten Untergrund
5.7. Gihad gegen den Pharao
5.8. Integralismus im Untergrund und im Parlament
5.9. Jüngste politische Entwicklungen
6. Standortbestimmung
7. Der Konflikt als soziales und politisches Problem
1. Vorbemerkung zur Transkription arabischer Namen
und Begriffe:
Da es noch keine international verbindliche
Transkriptionsregeln für die Übertragung arabischer Schrift in das
lateinische Alphabet gibt, transkribiert jeder Autor arabische Begriffe
und Namen in anderer Weise. Diese Transkription verändert sich auch stark
je nach Sprache die der Autor selbst verwendet. So sind die in der
deutschsprachigen Arabistik üblichen Transkriptionsregeln andere als jene
in der Englischen oder Französischen Sprache. Bei Übersetzungen aus dem
Englischen oder Französischen werden teilweise trotzdem die dortigen
Transkriptionen beibehalten.
Der Autor hat in seinem Text - mit der Ausnahme von
Sonderzeichen die am Computer nicht zu finden sind wie das
Transkriptionszeichen für das ayn - die in der deutschsprachigen
Arabistik üblichen Transkriptionen verwendet. Um Zitate korrekt
wiederzugeben wurden in diesen aber die originalen Umschriften
beibehalten. Dies mag für die/den LeserIn am Anfang verwirrend wirken,
allerdings sind die Begriffe aufgrund ihrer Ähnlichkeit sicher schnell
zuordenbar.
2. Einleitung
Seit zwei Jahrzehnten schon sind die politischen und
sozialen Verhältnisse im bevölkerungsreichsten arabischen Land am Nil so
eskaliert, daß es ständig zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen
militanten und militärisch organisierten islamischen Integralisten und
der Staatsmacht kommt.
Diese Auseinandersetzungen haben allerdings eine noch
viel weiter zurückreichende Geschichte. In Ägypten wurde in den
Zwanzigerjahren dieses Jahrunderts eine der bedeutendsten heute in 70
Staaten aktive integralistische Organisation gegründet: die Muslim
Bruderschaft.
Die politischen und sozialen Entwicklungen seither führten
schließlich zu dem Ergebnis, daß Teile der aus diesem integralistischen
Pool hervorgegangenen Gruppen in den Achziger und Neunzigerjahren zu militärischer
Gewalt gegen Personen griffen, während gleichzeitig die Regierung mit
mehreren brutalen Repressionswellen - auch gegen Zivilbevölkerung -
vorging.
Nur ein Blick in die Geschichte dieses Konflikten und
auf die sozialen und politischen Rahmenbedingungen in denen er sich
abspielt kann helfen die gegenwärtige Situation zu verstehen. Dies ist
das Ziel dieser Arbeit.
Dabei soll der Versuch unternommen werden über
politische Bewegungen zu berichten die in Europa fast ausschließlich
durch den Zerrspiegel der Europäischen Wahrnehmungen "des
Orient" gesehen werden und zwischenzeitlich das gesamte Bild
"des Islam" und "der Araber" in der Öffentlichkeit prägen.
Schließlich stimmt im Jahre 1999 die Analyse Edward
Saids aus dem Jahre 1978 noch viel mehr als damals:
"Books and articles are regularly published on
Islam and the Arabs that represent absolutely no change over the virulent
anti-Islamic polemics of the Middle Ages and the Renaissance. For no other
ethnic or religious group is it true that virtually anything can be
written or said about ist, without challenge or demurral."
Diesen "anti-Islamic polemics of the Middle Ages"
etwas entgegenzuhalten ist eines der Ziele dieser Arbeit, denn ich gestehe
nichts vom scheinobjektiven Habitus bürgerlicher
SozialwissenschafterInnen zu halten.
"Objektivität" gibt es nicht und jedeR die
behauptet dies zu sein kaschiert damit nur seine/ihre eigenen Positionen
um ihnen durch eine vermeintlichen "Objektivität" und
"Wertfreiheit" mehr Durchschlagskraft zu verleihen.
Gleichzeitig handelt es sich bei den Gruppen die in
dieser Arbeit beschrieben werden sollen, natürlich keineswegs um
"sympathische" politische Akteure. Es handelt sich bei Gihad
oder Gamaa Islamiya nicht um die ZapatistInnen oder sonst eine
Befreiungsbewegung Lateinamerikas. Wenn die Unzufriedenheit in den
Armenvierteln Kairos auch ähnliche Ursachen hat wie die Unzufriedenheit
linker Guerilleros und Guerilleras in Lateinamerika, so ist die Wirkung
dieser durch die Ausschaltung der Linken und die Instrumentalisierung des
Protestes durch islamisch-integralistische Gruppierungen eine ganz andere.
Eine Darstellung der eigenen Positionen dieser
Gruppen und die historische Schilderung der Entwicklung des Konfliktes
soll also nicht zu einer Verharmlosung oder Rechtfertigung autoritärer,
integralistischer Konzepte oder gar von Gewalt gegen politische
GegnerInnen der IntegralistInnen führen, sondern ermöglichen ein
differenzierteres Bild der politischen Entwicklung Ägyptens in der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu zeichnen sowie nach Gründen für
diese politische Entwicklung zu fragen und nicht nur nach Urteilen und
plakativen Bildern.
Eine solch differenziertere Sichtweise scheint in
Zeiten in denen nicht nur Samuel Huntington den "Clash of
Civilisations" herbeizuschreiben versucht, sondern die ganze außenpolitische
Strategie EUropas und der USA darauf ausgerichtet ist die
arabisch-islamische Welt als neues, altes Feindbild zu konstruieren ein
Gebot der Stunde zu sein. Dem Zementieren von Stereotypen und
verallgemeinernden Werturteilen soll die Beschäftigung mit islamischem
Integralismus und den Konflikten dieser Gruppen mit dem Staat nicht dienen
können, denn "the worst aspect of it is the possibility of becoming
a self-fulfilling prophecy, so that a group perceived in a stereotypical
manner by another is subjected to treatment which makes it respond in ways
concordant with the stereotype."
3. Begrifflichkeiten
Da in Europa im Allgemeinen relativ wenig
Hintergrundinformation über politische Entwicklungen im Nahen Osten
existiert, sind auch die Begriffe die in der Debatte darüber verwendet
werden verwirrend.
Zu diesem Umstand trägt auch die Tatsache bei, daß
die politischen, sozialen und ökonomsichen Verhältnisse in Staaten wie
Ägypten sich so stark von jenen Mittel- und Westeuropas unterscheiden, daß
politische Begriffe aus dem Europäischen oder Nordamerikanischen Diskurs
nicht so ohne weiteres problemlos auf den Nahen Osten übertragbar sind.
Nun sind aber alle Begriffe die für jene Gruppen die
in dieser Arbeit behandelt werden Verwendung finden Europäische Begriffe.
Während der Begriff "Islamismus" einfach eine Steigerung von
"Islam" zum Ausdruck bringt und damit wohl etwas sehr unpräzise
ist und automatisch sugerriert, der "Islamismus" wäre quasi
"konsequenter" oder "radikalisierter Islam", kommten
die im Englischen und Deutschen verwendeten Begriffe
"Fundamentalismus" und das Französische "Integralismus"
aus der Bezeichnung für christliche Bewegungen.
Im Duden-Fremdwörterbuch findet sich unter
"Fundamentalismus":
"eine streng bibelgrläubige, theologische
Richtung im Protestantismus in den USA, die sich gegen Bibelkritik u.
moderne Naturwissenschaft wendet."
und unter "Integralismus":
"zeitweilige kath. Bestrebung, alle
Lebensbereiche nach kirchlichen Maßstäben zu gestalten."
Werden diese Begriffe auf den Islam übertragen,
charakterisiert der Begriff "Integralismus" sicher besser die
Ideen einer vielfältigen Bewegung deren Ideen Hassan al-Banna, der Gründer
der Muslim Bruderschaft mit dem Satz
"We belive that Islam is an all-embracing concept which
regulates every aspect of life, adjudicating on every one its concerns and
prescribing for it a solid and rigorous order."
charakterisiert hat.
Was diese Bewegungen ausmacht ist nämlich weder ihre
"extreme Bibeltreue" - oder in diesem Falle Qurantreue - noch
die "Ablehnung moderner Naturwissenschaft" (ganz im Gegenteil,
diese Gruppen benutzten oft als erste neue Techniken wie das Internet,
Radio- oder Videokassetten um ihre Ideen zu verbreiten) sondern das Ziel
der Errichtung einer Gesellschaft in der alle Lebensbereiche dem Islam
bzw. ihrer Islaminterpretation untergeordnet werden.
Friedemann Büttner definiert den Islamischen
Integralismus folgendermaßen: "Als islamische Integristen bzw. mit
Integrismus/Integralismus werden hier im Anschluß an den französischen
Sprachgebrauch alle Autoren bzw. Bewegungen bezeichnet, die von einem
einheitlichen Begründungszusammenhang für die wieder zusammenzuführenden
Bereiche ausgehen - gleichgültig ob sie dabei traditionalistisch,
fundamentalistisch oder modernistisch argumentieren, eher liberale oder
radikal- revolutionäre islamistische Positionen vertreten."
Der bekannte ägyptische Intellektuelle und
Soziologie-Professoer an der American University in Cairo (AUC) Saad Eddin
Ibrahim definierte 1995 "Islamic fundamentalism" als "the
belief in the precepts and commandments of Islam as stated in its holy
book, the Quran, and as enunciated and practiced by the Prophet Muhammad -
known as the Sunna. In other words, Islamic fundamentalism is a return to
the purest sources of the religion, cleansing it from all the impurities,
heresies and >revisionisms< which accured to the faith and practice
throughout history"
Auch nach dieser Definition beschreibt der Begriff
"Fundamentalismus" die relevanten politischen Bewegungen die
sich selbst als "islamische Opposition" begreifen nur schlecht.
Gamaa Islamiya, Jihad oder Muslim Bruderschaft sind nämlich - wie wir es
auch in späteren Kapiteln dieser Arbeit sehen werden - nicht einfach nur
"rückwärtsgewandte", extrem-traditionalistische Bewegungen.
Der moderne islamische Integralismus Ägyptens ist eher als selektive oder
halbe Moderne zu begreifen als einfach nur als vormodern. Auf
Naturwissenschaftlich-technischem Bereich waren und sind integralistische
Bewegungen oft die ersten die neue Entwicklungen fördern und nützen.
Nicht nur in der Türkei war die Refah-Partei eine der ersten politischen
Gruppierungen die ihre Propaganda via Internet verbreitete. Nicht nur im
Iran trugen die Audio-Kasseten mit Predigten Ayatollah Khomenis vor 1979
wesentlich zur Verbreitung seiner Ideen bei. Auch in Ägypten werden
Internet, Audio- und Video-Kassetten von allen möglichen Strömungen des
islamischen Integralismus benützt. So befinden sich diese Gruppen laut
Bassam Tibi "in dem Dilemma, daß sie sich einerseits die Instrumente
der Moderne (Kriegstechnologie) aneignen wollen, andererseits aber deren
kulturelle Grundlage (das kulturelle Projekt der Moderne und seine
rationale Weltsicht) zurückweisen. Es ist der >islamische Traum von
der halben Moderne<"
Da der ebenfalls verwendete Begriff "politischer
Islam" meines Erachtens zu unpräzise ist - schließlich beruft sich
jedes Regime im Nahen Osten mit Ausnahme der Türkei mehr oder weniger auf
den Islam - plediere ich also im folgenden für den Begriff
"Islamischer Integralismus" und werde diesen in meiner Arbeit
verwenden.
4. Das "Religiöse" und das
"Politische"
Im Islam waren von allen Anfang an "din wa dawla",
Religion und Staat. Die Gemeinschaft der Umma die Muhammad mit seinem
Auszug aus Mekka nach Yatrib (Medina) - der higra - begründete war sowohl
ein religiöses, als auch ein politisches Gemeinwesen. Der Islam als
"allumfaßendes System" als integralistisches Konzept das sowohl
privates wie auch öffentliches Leben in den Islam integriert hat also
lange Tradition und Geschichte. Auch wenn - wie wir in dieser Arbeit noch
sehen werden - die zeitgenössischen Islamischen IntegralistInnen in
einigen Aspekten ihres Denkens moderne oder zumindest andere,
weiterentwickelte Positionen vertreten wie die Ulema des 15. Jahrhunderts,
so können sie sich doch auf eine gewisse Denktradition im Islam berufen
die eine Trennung von "din" und "dawla" nie kannte.
Ist dies aber nun etwas spezifisch Islamisches oder
ist dies nicht eher eine Haltung die in allen Religionen, zumindest aber
in den monotheistischen Offenbarungsreligionen vorhanden ist?
"Weder in der monotheistisch konzipierten
alttestamentlichen Ordnungsidee des Gottesvolkes noch in der
neutestamentlichen Vorstellung von der christlichen Gemeinde als
sichtbarer Leib Christi werden Politik und Religion begrifflich und
sachlich geschieden oder als unterschiedliche Lebenssphären
begriffen."
Die Trennung von Kirche und Staat, die Säkularisierung
Europas wurde im Zuge der Aufklärung und der Französischen Revolution
gegen und nicht wegen der Religion durchgesetzt. Die christlichen Kirchen
- oder zumindest deren extremistischen Ränder - wehren sich teilweise bis
heute noch gegen diese Säkularisierung.
Daß in Europa heute überwiegend relativ säkularisierte
Staaten existieren ist somit nur auf den Umstand zurückzuführen, daß
die Macht der Kirchen in ganz bestimmten geschichtlichen Situationen zurückgedrängt
wurde. Die Bedingungen für ein solches Zurückdrängen wurden in Europa
durch historische, ökonomische und soziale Entwicklungen gelegt. Erst die
Herausbildung eines gebildeten, selbstbewußten Bürgertums ermöglichte
eine Entwicklung die es erlaubte die Macht der christlichen Kirchen in
Europa zu brechen.
Während in Europa jedoch das aufstrebende Bürgertum
sich u.a. durch den Kolonialismus - der spätestens seit dem 16.
Jahrhundert eine der bestimmenden Einnahmequellen Europas darstellte -
eine entsprechende materielle Basis erwirtschaften konnte die zu mehr
Bildung und Selbstbewußtsein führte und so erst den Grundstein für die
Säkularisierung legen konnte, war die islamische Welt genau von dieser
Entwicklung ausgeschlossen.
Ja ganz im Gegenteil, das "dar al-Islam"
wurde selbst immer mehr zum Kolonialgebiet Europäischer Staaten. Statt
eines eigenständigen Bürgertums entstand so eine kleine Schicht
verwestlichter Kolonialbeamten die mehr und mehr jeden Bezug zur Realität
ihrer Gesellschaften verloren. Die ökonomischen, gesellschaftlichen und
politischen Voraussetzungen für eine Säkularisierung waren damit in den
islamsichen Gesellschaften nicht gegeben.
Der Unterschied in der Entwicklung Europas hin zu
relativ säkularisierten Gesellschaften und politischen Systemen und der
islamsichen Welt die eine solche Säkularisierung wenn überhaupt nur mit
Zwang zur Verwestlichung (z.B. Türkei) erfuhr, liegt also nicht daran, daß
der Islam per se "integralistischer" wäre als das Christentum,
sondern an der unterschiedlichen historischen Entwicklung Europas und der
islamischen Staaten.
5. Geschichte des Islamischen Integralismus in Ägypten
und seiner Konfrontation mit dem Staat
5.1. Die Muslim Bruderschaft (al-Ikhwan al-Moslemoon)
Die Muslim Bruderschaft wurde bereits 1928 von Hassan
al-Banna - einem einfachen Volksschullehrer - in Ismailiya - einer Stadt
am Suez-Kanal - gegründet. Die Muslim Bruderschaft war "the first
political organisation in Egypt aiming to establish an Islamic state"
und ist heute eine der wichtigsten
und größten Organisationen des Islamischen Integralismus weltweit. Nach
eigenen Angaben hat sie heute "branches in over 70 countries all over
the world".
Sie war die Initiatorin für den Aufbau der Hamas in Palästina, regiert
heute mit der National Islamic Front (NIF) unter Hassan al-Turabi im Sudan
und beteiligte sich am Afghanistan-Krieg, an welchem "hundreds of the
Ikhwan youth" als "fighters, doctors, teachers,.."
teilnahmen.
Von einer solchen Internationalität war die
Muslim-Bruderschaft unter Hassan al-Banna natürlich noch weit entfernt.
In den Anfangsjahren richtete sie ein Hauptaugenmerk
auf soziale und caritative Tätigkeiten in den Armenvierteln Kairos und
auf den Dörfern auf dem Lande. Dadurch konnten sie insbesondere die
Unterstützung großer Teile der Landbevölkerung gewinnen. "At its
zenith in the 1940s, it was estimated to have had some half a million
members."
Obwohl der Schwerpunkt der vorrevolutionären
Muslim-Bruderschaft eher bei sozialen Aktivitäten lag, vertraten sie
bereits in Grundzügen jenes Konzept des Islam als "allumfaßendes
System" wie es später alle Bewegungen, Gruppen und Sekten des
islamischen Integralismus Ägyptens vertraten.
Hassan al-Banna beschrieb in einem seiner spärlichen
Schriften sein Konzept des Islam folgendermaßen: "We belive that
Islam is an all-embracing concept which regulates every aspect of life,
adjudicating on every one its concerns and prescribing for it a solid and
rigorous order."
Die politischen Forderungen Hassan al-Bannas, die
dieser 1936 in seinem Traktat >nahwa an-nur< (Aufbruch zum Licht) an
eine Reihe von arabischen Staatsoberhäuptern schickte, die
"Beendigung des Parteienwesens, islamische Reform des Rechts,
kulturelle Zensurmaßnahmen, Wahrung islamischer Moralvorstellungen, Zins-
und Profitverbot, Redistribution des Reichtumsusw. - erklären sich aus
seiner Wahrnehmung der gesellschaftlichen Konflikte, in der kulturelle
Verwestlichung, europäische Vorherrschaft und soziale Ungleichheit
untrennbar verschmolzen sind".
Um gegen die britische Protektoratsherrschaft und für
einen unabhängigen islamischen Staat zu kämpfen gründete die
Muslim-Bruderschaft 1942 einen bewaffneten Flügel (al-gihaz as-sirri). In
der zweiten Hälfte der Vierzigerjahre verstärkte sich die Repression
gegen die Muslim-Bruderschaft. 1948 wurde sie weitgehend zerschlagen und
in den Untergrund gedrängt. Hassan al-Banna wird 1949 hingerichtet und
damit für seine AnhängerInnen zum Märtyrer.
Der Islamische Integralistismus Ägyptens wurde
jedoch keineswegs nur von Männern getragen. "Zeinab al-Ghazali
al-Gebali established the Muslim Women´s Association in 1937",
welche zwar eng mit der Muslim Bruderschaft verbunden war, aber durch ihre
organisatorische Selbstständigkeit von den Verfolgungen der 50er und 60er
Jahre kaum betroffen war und legal arbeiten konnte. Zeinab al-Ghazali
spielte später mit ihrer Organisation eine wichtige Rolle im Wiederaufbau
der Muslim-Bruderschaft.
Jahrzehnte später, in den Achzigerjahren dringt der
feministische Diskurs sogar in Teile der Integralistischen Bewegungen vor,
denn "selbst wenn man die Frauen anfangs angeworben hat, um sie zu
manipulieren, so erleben wir in vielen muslimischen Ländern wie dem Iran
oder Algerien die Entstehung starker feministischer Forderungen mitten in
den islamistischen Parteien."
"Well-known Islamist women activists in Egypt
such as Zainab al-Ghazali and Safinaz Kazim are hostile to secular and
Westernized feminism and extol women´s roles as wives and mothers. But
they also stress the importance for women to work in society, including da´wa"
der Predigt. Diese Frauen glauben an eine Befreiung der Frauen innerhalb
des Islam und es wäre falsch sie nur als Anhängsel der Männer und nicht
als durchaus eigenständige Akteurinnen zu sehen.
Nachdem am 23. Juli 1952 die "Freien
Offiziere" die Macht übernommen hatten, begrüßen die Muslim Brüder
anfangs diese Revolution. Schließlich standen einige der Offiziere wie
der spätere Präsident Sadat - aber auch Nasser selbst - der Muslim
Bruderschaft nahe. Den Muslim Brüdern wurde sogar angeboten sie sollten
"einige Regierungsämter unter dem ersten Regierungschef General
Muhammad Najib übernehmen."
Trotzem ist die Konfrontation mit den neuen
Machthabern unvermeidlich, denn "die Militärs beabsichtigen [...]
keineswegs, dieOrganisation als Sprachrohr für die Forderungen des Volkes
auftreten zu lassen. Sie ziehen es vor, daß diese Forderungen von einer
Einheitspartei kanalisiert werden, mit deren Hilfe die Massen geschlossen
hinter die Regierung gebracht werden."
Bereits am 26. Oktober 1954
kommt es zum Bruch zwischen Muslim-Bruderschaft und den Machthabern, als
Nasser "während einer Rede in Alexandria von einem Mitglied der
Muslimbrüder angeschossen"
wird.
Obwohl die Muslim-Bruderschaft der vom Regime
erhobenen Anklage einer Verschwörung widersprechen und von einer
Polizeiprovokation ausgehen, finden sie kein Gehör und werden in der
Folge zerschlagen und wieder in den Untergrund gedrängt. "Am 9.
Dezember 1954 besteigen sechs Führer der Muslimbrüder das Schafott, während
sich Tausende ihrer Gefährten in den Gefängnissen drängen."
Unter den Verhafteten befanden sich auch Sayyed Qutb und Yasir Arafat,
"damals Präsident der palästinensischen Studentenunion".
Mit der Zerschlagung der Muslim-Bruderschaft gelang
es aber nicht auch ihr Gedankengut auszulöschen. Im Untergrund und im
Exil in den Golfstaaten existierten die Muslim-Brüder weiter. In den Gefängnissen
und Arbeitslagern in der Wüste radikalisieren sich viele Muslim-Brüder
und erarbeiten Theorien die weit über die Ideen Hassan-al Bannas
hinausgehen.
5.2. Sayyed Qutb
Während der Nachfolger Hassan al-Bannas Hassan al-
Hodeiby mit seinen Schriften letztlich wenig Einfluß auf die spätere
Entwicklung nehmen konnte, brachten es die Texte eines anderen verhafteten
Muslim-Bruders zu einer wichtigen theoretischen Grundlage für spätere
integralistische Gruppierungen in Ägypten.
"Sayyed Qutb Ibrahim Husain Shadhili wurde im
September 1906 im muslimisch-koptischen Dorf Musha bei Assiut in Mittelägypten
geboren"
Er studierte an der Pädagogischen Hoschschule in Kairo und erhielt 1933
das Lehrerdiplom. Er arbeitete als Lehrer, liberaler Journalist,
Literaturkritiker und Autor ehe er sich 1951 nach einem längeren
Amerikaaufenthalt - der ihn "mit einer ihn abstoßenden sexuellen
Promiskuität und der Benachteiligung der Armen"
konfrontierte - der Muslim-Bruderschaft zuwandte. Bereits 1952 wurde er
"Mitglied im Führungsbüro und Leiter der Propagandaabteilung. Vor
und kurz nach der Revolution von 1952 hatte er häufige Unterredungen mit
dem späteren Staatspräsidenten Nasser."
Nach dem Attentat auf Nasser vom Oktober 1954 wird
Sayyed Qutb "nach der Farce eines Prozesses [...] am 13. Juli 1955 zu
25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt."
Seine relativ flexibel gehandhabte Strafe die er erst im Arbeitslager von
Tura, dann im angeschlossenen Gefängniskrankenhaus verbringt erlaubt es
ihm aber "seinen Korankommentar Fi Zilal al Qur´an (Im Schatten des
Koran) und andere Werke zu schreiben und sie sogar als kleine Heftchen in
Kairo veröffentlichen zu lassen."
Im Tora-Gefängnis muß Sayyed Qutb aber auch ein
"massacre of 23 of his colleagues in 1957" erleben "when
prison forces opened fire on detainees who had staged a sit in- and
refused to work in quarries."
Der Eindruck den dieses Massaker hinterläßt überzeugt
Qutb endgültig, daß Ägypten keine islamische Gesellschaft mehr ist,
sondern in den Zustand der Jahiliyya - die islamische Terminologie für
die vorislamische -"barbarische" - Gesellschaft in Mekkah - zurückgefallen
ist.
In seinem Werk "Wegzeichen" - das in späteren
Jahren u.a auch in Englich, Türkisch, Urdu, Malayisch und Persich übersetzt
wurde und heute eines der bedeutendsten Werke des Islamischen
Integralismus darstellt -zieht er daraus die Konsequenzen. "Seiner
Meinung nach gibt es keine islamische Gesellschaft mehr, und es wäre
vergeblich, wollte man nach den Spuren des Islam in einer Welt suchen, die
diesen längst verworfen hat. Die Welt ist nur noch Jahiliyya".
Diese Jahiliyya kann nur mit einer Bewegung zerstört werden. "Der
wahrhafte Muslim muß mit der Jahiliyya brechen, mit aller Macht ihre
Zerstörung betreiben und auf ihren Ruinen einen islamischen Staat
errichten."
In seinem ersten Kapitel ("The Unique Qur´anic
Generation) beschreibt Qutb erst den Auszug der ersten Muslime aus der
Jahiliyya:
"When a person ambraced Islam during the tie of the Prophet, peace be
on him, he would straightaway cut himself off from jahiliyyah. When he
stelled into the circle of Islam, he would start a new life, separating
himself off completely from his past life under ignorance of the Divine
Law."
Danach kommt er zum entscheidenden Schluß, daß auch
die heutigen "islamsichen" Gesellschaften eben nicht mehr "islamsich"
wären, sondern wir alle wären "surrounded by jahiliyyah. Its nature
is the same as during the first period of Islam, and it is perhaps a
little more deeply antrenched. Our whole enviroment, people´s beliefs and
ideas, habits and art, rules and laws - is jahiliyyah, even to the extent
that what we consider to be Islamic culture, Islamic sources, Islamic
philosophy and Islamic thought are also constructs of jahiliyyah!"
Als Konsequenz aus der Erkenntnis die Gesellschaft
lebe in Jahiliyya fordert Qutb seine Anhänger dann zum Bruch mit dieser
auf:
"We must also free ourselves from the clutches
of jahili society, jahili concepts, jahili traditions, and jahili
leadership. Our mission is not to compromise with the practices of jahili
soziety, not can we be loyal to it. Jahili society, because of its jahili
characteristics, is not a worthy partner for compromise. Our aim is first
to change ourselves so that we may later change the society."
Diese Veränderung der Gesellschaft kann laut Qutb
nur durch eine starke Bewegung erfolgen: " It must be a dynamic
movement which challenges jahiliyyah both in theory and in practice, so
that it becomes a living faith and grows through the struggle against the
surrounding forces."
Obwohl Qutb teilweise auch traditionalistisch
argumentiert, sind seine Positionen keineswegs nur rückwärtsgewandt.
Auch er streicht seine Befürwortung des materiellen Fortschritt hervor:
"Islam does not stand in the way of material progress or prohibit
material inventions. Rather, it considers material prosperity and
creativity to be an obligation given to man at the very beginning of time,
when Allah granted him the vicegerency on earth."
Sayyed Qutb ist jedoch nicht nur der ideologische
Vordenker des militanten Islamischen Integralismus weit über Ägypten
hinaus, sondern auch einer jener Vertreter des Islamischen Integralismus,
der traditionelle Vorurteile gegen Juden mit Vorstellungen des modernen
Antisemitismus Europas vermischte und so einer der Vordenker eines
modernen Antijudaismus in Ägypten wurde.
Sayyed Qutb steht dabei aber durchaus nicht allein
da. Im zwanzigsten Jahrhundert entwickelten nicht nur Islamische
Integralisten einen militanten Antijudaismus, sondern auch einige andere
Strömungen in der Ägyptischen Gesellschaft. So entstanden v. a. im Zuge
des Kampfes gegen das Britische Protektorat in den späten zwanziger und
frühen dreißiger Jahren "militante radikal-nationalistische
Gruppen, die eine Herausforderung für die Wafd-Partei waren und sich
teilweise an faschistischen Vorbildern orientierten. Besonders die
Bewegung Misr al-Fatah (Junges Ägypten) unter Ahmad Husayn war von den
Nazis beeinflußt."
Auch wenn die deutschfreundlichen und antisemitischen
Gruppen in Ägypten nicht wirklich auf großen Erfolg stießen, während
die "Liga gegen den deutschen Antisemitismus" auch Unterstützung
in der nichtjüdischen Bevölkerung Ägyptens fand, waren doch "viele
der "freien Offiziere", die 1952 unter Nasser an die Macht kamen [...] mit dem Jungen Ägypten verbunden
gewesen."
Gegen JüdInnen gerichtete Aktivitäten verstärkten
sich v. a. im Zuge der Ereignisse in Palästina. "Islamische und
nationalistische Kräfte richteten vor allem in den Jahren 1938 und 1939
erste verbale Angriffe gegen die ägyptischen Juden, die sie als die 5.
Kolonne des Zionismus in Ägypten denunzierten, aber auch vereinzelt als
Ausbeuter des ägyptischen Volkes anprangerten. Boykott-Aufrufe und tätliche
Angriffe folgten [...]. In die Agitation mischten sich traditionelle,
islamisch begründete Ressentiments gegen die Juden mit ökonomsichen
Forderungen und Anleihen aus dem Arsenal des europäischen
Antisemitismus".
Selbst die "Protokolle der Weisen von Zion" wurden zu diesem
Zwecke herbeigezogen. Unter Nasser verließen dann der Großteil der
verbliebenen JüdInnen bis Ende der Fünfzigerjahre das Land.
Obwohl die traditionelle Haltung des Islam gegenüber
dem Judentum sehr widersprüchlich ist und auch im Quran sowohl
judenfeindliche als auch dem Judentum gegenüber tolerante Stellen zu
finden sind, haben JüdInnen in der islamischen Geschichte durch ihren
Status als dimmis ("Schutzbefohlene") den sie mit Christen und
anderen Anhängern monotheistischer Offenbarungsreligionen teilen sicher
insgesamt einen besseren Status gehabt als innerhalb des christlichen
Europas.
Der moderne Antisemitismus ist ein Kind der europäischen
Geistesgeschichte und nicht des Islams. Trotzdem bezieht sich Sayyed Qutb
nicht nur ausschließlich auf die negativen Urteile des Islams gegen das
Judentum aus denen er sogar schließt, daß die "Jews will not be
satisfied until this Religion (that is, Islam) has been destroyed",
sondern auch auf die Propaganda des modernen, europäischen
Antisemitismus. In Qutbs Werk "Our Stuggle With the Jews"
schildert er eine "Zionistische Weltverschwörung" deren Teil
zwar Israel ist, die aber weit über den "Zionistischen Staat"
hinausreicht und weitgehend dem Bild der Europäischen Idee der "Jüdischen
Weltverschwörung" entspricht.
Viele Ideen Qutbs Zionistischer Verschwörungstheorien
"were certainly reminiscent of the >Protocols of the Elders of
Zion<. And one may assume that he was conversant with this work, since
the >Protocols< had been extant in Arabic form in much of the Middle
East, at least since the 1930s. But he did not directly invoke the >Protocols<
in his various discussions of Jewish/Zionist conspiratorial power, as
later did many of his successors in the Muslim/Arab camp of doctrinal
Judaeophobes."
1966 wird Qutb dann vom Regime hingerichtet, "which
made Qutb a martyr".
"Qutb wurde hingerichtet, bevor er genau erklären konnte, was er
unter "Bruch" verstand: Sollte man sich physisch aus der Welt
zurückziehen und in der Wüste eine Gegengesellschaft errichten, die die
Jahiliyya im Sturm erobern würde, oder sollte man sich lediglich geistig
distanzieren, sich in islmischer Zurückhaltung üben? Unter Qutbs
Nachfolgern wird es in den siebziger Jahren über diese Fragen zu
erbitterten Auseinandersetzungen kommen."
5.3. Sadat fördert und bekämpft die
IntegralistInnen
Nach dem Tod Nassers im Jahre 1970 übernahm mit
Sadat nicht nur ein neuer Präsident die Macht in Ägypten, sondern auch
eine neue Politik. Statt Nassers "arabischem Sozialismus"
brachte Sadat das Land wieder in das westliche Lager. Statt
"Sozialismus" war wieder "Kapitalismus" angesagt.
Sadat entledigte sich seiner politischen GegnerInnen in der politischen Führung
"im Mai 1971 durch einen Staatsstreich von oben, die sog.
"Korrektiv-Revolution", mit der er einen Prozeß der "Ent-Nasserisierung"
von Politik und Gesellschaft begann."
Die vorsichtige Etablierung eines Mehrparteiensystems
und die Liberalisierung des politischen Systems diente jedoch v.a. der
Sicherung der Regierungsmacht und nicht einer wirklichen Öffnung des
politischen Systems.
Um den Widerstand der Linken - bestehend aus
NasseristInnen, den Resten der Kommunistischen Partei und kleinerer
linksnationalistischer und marxistischen Gruppen - zu brechen, unterstützte
Sadat während seiner ersten Regierungsjahre den Wiederaufbau der
Muslim-Bruderschaft und der integralistischen StudentInnenorganisation
Gamaa Islamiya. Obwohl die Muslim-Bruderschaft nie offiziell
wiederzugelassen wurde, wurde ihr Wiederaufbau toleriert.
Die reformistischen Kräfte der Muslim-Bruderschaft
konnten sich um die Zeitschrift ad-Da´wa sammeln, welche ab 1976 in einer
erneuterten Version unter der Ägide führender Muslim-Brüder erschien.
Die Zeitschrift hatte bereits eine längere Tradition wurde aber von da an
von den Muslim-Brüdern übernommen und legal zu einer Zeitung mit hoher
Auflage und Breitenwirkung ausgebaut.
An finanziellen Mitteln fehlte es dabei nicht, dann
viele Muslim-Brüder, "die vor der Verfolgung ihrer Organisation
unter Nasser nach Saudi-Arabien und in andere Golfstaaten geflohen
waren"
kehrten aus diesen unter Sadat wieder sehr wohlhabend zurück. In Ägypten
nutzten viele dann die Chancen der ökonomischen Liberalisierung um als
Geschäftsleute zu noch mehr Wohlstand zu kommen. Viele Muslim-Brüder
wurden so zu einem wichtigen Bestandteil der neuen UnternehmerInnenklasse,
wodurch sich auch eine Interessenskoalition mit dem neuen Regime ergab.
"Im Kampf gegen den Kommunismus, innerhalb wie
außerhalb des Landes, ergänzten sich die Machthaber und die Mannschaft
von Al Da´wa aufs vorbildlichste, denn al Da´wa griff den gemeinsamen
Feind - zum Beispiel den Nasserismus - mit argumentatorischen Mitteln an,
deren Einsatz sich das Regime nicht leisten konnte"
Während die zurückgekehrten Muslim-Brüder immer
bourgeoiser wurden und gleichzeitig die Linke zerschlagen wurde entstand
so ein politisches Vakuum in den Armenvierteln Kairos und unter den vom
Lande und den ärmeren Vierteln stammenden StudentInnen, die von
radikaleren Gruppen wie der Gamaa Islamiya oder dem Jihad ausgefüllt
werden sollten.
Vorerst war jedoch auch die Gamaa Islamiya als
StudentInnenorganisation ein Liebkind des Regimes. Die Gamaa Islamiya
konnte sogar die offiziellen StudentInnenverbände unterwandern und immer
wieder auf öffentliche Gelder zurückgreifen. So wurden die Sommercamps
der Gamaa Islamiya von öffentlicher Hand finanziert.
"Ein Vertrauter Sadats, Muhammad ´Uthman Isma´il,
ein ehemaliger Anwalt, der bei der Vorbereitung und Durchführung der
>Korrektiv-Revolution< vom 15. Mai eine wichtige Rolle gespielt hat,
wird allgemein als der >Pate< der Jama´at islamiyya betrachtet, auf
nationaler Ebene seit 1972, später, ab 1973, in ganz Mittelägypten.
1973 zum Gouverneur von Assiut ernannt, schlägt er
alle Rekorde und behält diesen Posten bis zu seiner Entlassung durch
Hosni Mubarak im Jahre 1982. Während dieser neun Jahre >unterstützt
er die Jama´at islamiyya in ihrem Kampf gegen die Kommunisten<. 1981
beklagt ein Lehrer aus Assiut in einer Wochenzeitschrift die Tatsache, daß
die Führer der islamistischen Studenten >vom Gouverneur und dem Präsidenten
der Universität empfangen und von ihnen wie ihresgleichen behandelt
werden<."
5.4. Der Aufbau der Gamaa Islamiya zur Massenbewegung
Die Ägyptischen Universitäten waren bei der Machtübernahme
Sadats noch völlig in der Hand linker StudentInnenorganisationen
nasseristischer und marxistischer Prägung. Die StudentInnen bekommen nach
dem plötzlichen Tod Nassers wieder mehr politisches Gewicht, denn
"dem neuen Rais [Anm.: arab. Präsident] fehlt die Autorität seines
Vorgängers".
Auch nach der "Korrektiv-Revolution" Sadats ist dessen Macht
noch keineswegs konsolidiert.
Angesichts der Unbeliebtheit und Schwäche des neuen
Präsidenten beschließen die StudentInnen in Streik zu treten und gehen
am 24. und 25. Jänner 1972 auf die Straße. Noch sind die später in der
Gamaa Islamiya organisierten StudentInnen gegenüber den NasseristInnen
und MarxistInnen hoffnungslos in der Minderheit. Sie melden sich zwar
erstmals massiver zu Wort, begnügen sich aber damit, "ihren
Standpunkt damit unter Beweis zu stellen, daß sie Änderungsanträge für
das Grundsatzkommuniqué der nationalen studentischen Leitstelle
einbringen, in denen sie stärkeres Gewicht auf die religiösen Werte
legen, die Schließung der Kabaretts auf dem Boulevard der Pyramiden
fordern und so weiter. [...] Da sie noch zu schwach sind, um eigene
Parolen anzubringen, ziehen sie es vor, die Parolen der Linken zu übernehmen
und ihnen eine etwas andere, eine islamische Färbung zu geben."
In der zweiten Phase der StudentInnenbewegung, ab
Dezember 1972, ändert sich dies jedoch. "Nach verschiedenen
unsicheren Versuchen finden sie endlich ihren Weg in der Form einer
diskreten, taktisch überlegten Kollaboration mit dem Regime, um die
Vorherrschaft der Linken auf dem Campus brechen zu können.
Mitte Dezember kommt es zu den ersten Unruhen, als
sich drei Medizinstudenten wegen des Anbringens von >beleidigenden<
Wandzeitungen vor dem Disziplinarausschuß der Universität Kairo
verantworten müssen. Solidaritätskundgebungen zugunsten der Studenten im
Namen der >Demokratie an der Universität< prallen kurz darauf mit
Gegendemonstrationen unter dem Schlachtruf Allahu Akbar, >Gott ist der
Größte<, zusammen."
Die integralistischen StudentInnen stellen sich
diesmal von Anfang an gegen den Mainstream der StudentInnenbewegung.
Obwohl Sadat in einer Rede vom 31. Jänner beide an den Unruhen
beteiligten Gruppen verurteilt, "besteht rückblickend kein Zweifel
daran, daß das Regime, das sich gegenüber den moskautreuen Elementen
durchsetzen konnte, diejenigen, die ein nützliches Gegengewicht zu der
auf dem Campus sehr präsenten Linken bilden können, nicht ohne ein
gewisses Wohlwollen betrachtet: Es muß verhindert werden, daß sich die
Studentenbewegung auf die Seite der Nasseristen schlägt, dernen Einfluß
in der Verwaltung und der Partei immer noch nicht ganz erloschen
ist."
Den islamistischen StudentInnen die sich als "Gamaa
Islamiya" an den Universitäten zusammenschließen gelingt es in den
folgenden Jahren mit der Unterstützung des Regimes immer mehr Boden an
den Universitäten zu gewinnen.
Dabei kommen ihnen v.a. auch die realen sozialen
Probleme Ägyptens und die furchtbaren Zustände an den
staatlichen Massenuniversitäten zugute. In hoffnungslos überfüllten
und gleichzeitig desolaten Universitäten werden StudentInnen ausgebildet
die nur eine Chance haben jemals einen Abschluß zu bekommen, wenn sie
teure Nachhilfekurse und Skripten bezahlen. Und selbst wenn sie einmal
ihren Doktortitel an einer der staatlichen Universitäten erreicht haben,
bekommen sie damit meist nur drittklassige Beamtenjobs die so schlecht
bezahlt sind, daß die beamteten Akadamiker erst recht noch am Nachmittag
Taxifahrer spielen müssen.
In den Hörsälen müssen sich oft drei StudentInnen
den gleichen Platz teilen, was für Frauen oft ein großes Problem
darstellt, wenn sie schon auf dem Schoß ihres männlichen
Nachbarstudenten Platz nehmen müssen.
"Die Studenten sind sich dieser Probleme
durchaus bewußt; doch es waren die Jama´at islamiyya, die sie beim Namen
nannten und sofortige Lösungen anboten, und eben das bildet die Grundlage
ihrer außerordentlichen Stärke."
Der Gamaa Islamiya gelingen hier Erfolge, die weder
das Regime noch die Linke zustandebringen, "indem sie nämlich in den
Moscheen Repetitorien und kostenlose Nachhilfekurse organisieren und
billige Fotokopien von Vorlesungsskripten anbieten. Sie holen die
Studentinnen mit eigenen Schulbussen ab und ersparen ihnen dadurch das
oftmals unangenehme Gedränge in öffentlichen Verkehrsmitteln, und sie
sorgen dafür, daß in den Hörsälen die Geschlechtertrennung eingehalten
wird."
Auf diese Weise bekommen die integralistischen
StudentInnen immer mehr Unterstützung und fördern dann schließlich
"nach und nach bei ihren Schützlingen
die Bereitschaft zum radikalen >islamischen Bruch< mit ihrem
Umfeld."
Innerhalb weniger Jahre kann die Gamaa Islamiya die
Studentenverbände von immer mehr Universitäten übernehmen. Der Campus
der Universität Asyut kommt ebenso vollständig unter die Kontrolle der
Gamaa wie wenig später der Campus der Universität Kairo,...
Wo die integralistischen StudentInnen einmal die
Mehrheit bilden gehen sie äußerst rigoros gegen andere politische
Gruppen vor und spielen konsequent Moralpolizei auf den Universitätsgeländen.
Die AktivistInnen schreiten gegen "blasphemische" oder
"moralzersetzende" Filmvorfürungen ebeno ein, wie gegen Pärchen
die es wagen öffentlich Händchen zu halten.
Wo sie einmal ins Hintertreffen geraten sind können
sich die linken StudentInnenorganisationen so schon bald nur mehr im
Untergrund bewegen und treffen. Die nasseristischen und marxistischen
StudentInnenorganisationen sind so innerhalb kürzester Zeit völlig
zerschlagen und in der Bedeutungslosigkeit verschwunden.
Die Gamaa Islamiya organisiert große Sommercamps und
tritt mit ihren Aktivitäten auch langsam über die Universitäten hinaus.
Noch im Jahre 1975 "wollen die ägyptischen politischen Autoritäten
in den Lagern nichts anderes sehen, als ein wirksames Gegenmittel zur
marxistischen Ideologie in ihrer kommunistischen und nasseristischen Färbung."
Dabei war es bereits am 18. April 1974 zu einem
ersten militärischen Umsturzversuch einer kleinen integralistischen
Gruppierung gekommen. "Mitglieder der hizb at-tahrir al-islami
(Partei der islamischen Befreiung) drangen in die Militärakademie in
Heliopolis, einem Stadtteil von Kairo ein, mit dem Ziel den Sturz der
Regierung und die Proklamation einer islamischen Republik herbeizuführen."
Mit der zunehmenden Macht der Integralistischen
Bewegungen und der außenpolitischen Annäherung Sadats an Israel - was
sowohl von der Linken als auch von den Islamischen IntegralistInnen
abgelehnt wird - werden aber auch jene Gruppen die zuvor zur Zerschlagung
der Linken nützlich waren der Regierung aber zunehmend gefährlich. Spätestens
seit den Brotunruhen "vom Januar 1977" und Sadats überraschender
"Reise nach Jerusalem im November 1977"
und dem heftigen Widerstand einer zwischenzeitlich gut organisierten und
starken integralistischen Opposition gegen die neue Nahostpolitik Sadats
betrachtet das Regime die Gamaa Islamiya und andere regierungskritische
IntergalistInnen nicht mehr als Werkzeug gegen die Linke sondern als gefährliche
Machtkonkurrenz.
Die nun wieder wachsende innenpolitische Repression
sollte jedoch vor der bereits sehr starken Gamaa Islamiya eine kleinere
Gruppe um Mustafa Schukri treffen.
5.5. Die "Gemeinschaft der Muslime" Mustafa
Schukris.
Mustafa Schukri war einer jener Integralisten in der
Nachfolge Sayyed Qutbs der unter dem "Bruch mit der Jahiliya"
etwas anderes verstanden als die Gamaa Islamiya oder der spätere Jihad.
Seine Anhänger die sich in der "Gemeinschaft der Muslime"
organisierten - von Außen aber immer "takfir wa-l hijra"
(Exkommunikation und "Auszug") genannt wurden - begaben sich in
die "hijra (migration) outside the cities and away from society, just
as the Prophet fled to Medina from Mecca."
Die Gruppe isoliert sich als kleine Sekte vollständig
und sieht sich selbst als die einzigen wahren Muslime, während alle
anderen vom Islam abgefallen wären.
Schukri stand mit seiner Gruppe zwar schon jahrelang
unter polizeilicher Beobachtung, war aber bis 1977 keiner systematischen
Verfolgung ausgesetzt. Nachdem im Herbst 1976 jedoch einige Anhänger
Schukris die Gruppe verließen und bei anderen islamistischen Gruppen
Unterschlupf finden, kommt es zu Auseinandersetzungen mit diesen.
"Wer die Gruppe verläßt, ist [...] für den Chef ein Apostat, der
sich vom Islam abwendet und mit dem Tode bestraft werden muß.
Die Polizei greift während einer von Schukri gegen
die Dissidenten geführten Strafexpedition ein und nimmt zahlreiche
Verhaftungen vor."
Nun steht Schukri auf der Fahndungsliste und die Ägyptische
Presse zeichnet das Bild der "Gemeinschaft der Muslime als fanatische
Guerilleros und Krimineller. Sie prägen die Bezeichnung Al Takfir wa-l
Hijra, denn die Gruppe praktiziert die Exkommunikation ihrer Mitbürger (Takfir),
und sie zieht sich in die Berge zurück (Hijra)."
Schukri versucht nun von seinem Versteck aus mittels
verschiedener Kommuniqués die verzerrende Medienberichterstattung über
seine Gruppe zu korrigieren, allerdings wird nichts davon veröffentlicht.
"Am 3. Juli 1977 entführt die Gruppe den
ehemaligen Waqf-Minister [Religionsminister] Muhammad al Dhahabi, in der
Hoffnung, daß man endlich auf ihre Forderungen reagieren werde. Die
einzige Reaktion ist die Repression, und Dhahabi wird von seinen Entführern
getötet."
Daraufhin werden innerhalb weniger Tage fast alle
Mitglieder der "Gemeinschaft der Muslime" verhaftet. Präsident
Sadat beschließt die Einberufung eines speziellen Militärgerichtes, was unter den Ulema des Azhar und einer Reihe anderer
Rechtsgelehrter Widerspruch erzeugt. Schließlich ist keiner der
Angeklagten Militärangehöriger. Trotzdem wurde Schukri vom Mititärgericht
zum Tode verurteilt und "executed by the state".
Viele seiner Anhänger wanderten für Jahre hinter Gitter.
5.6. Der Weg in den bewaffneten Untergrund
Neben der takfir wa-l-hijra-Affäre brachte besonders
die Fahrt des Rais nach Jerusalem und die Friedensverhandlungen mit
"dem Feind" die Beziehungen des Regimes zur Gamaa Islamiya ins
Wanken.
Sadat betrachtete den Widerstand der gut
organisierten Massenbewegung gegen seine außenpolitischen Pläne als sehr
gefährlich, insbesondere da die Popularität des Präsidenten in der Bevölkerung
immer mehr schwand.
Der Konflikt zwischen dem Regime und den
islamistischen StudentInnen eskaliert immer mehr. Das Regime versucht die
von der Gamaa unterwanderten offiziellen Studentenverbände zu
schickanieren und in ihrer Zusammensetzung zu verändern."Im Frühjahr
1978 besteht die Taktik des Regimes darin, die Wahlergebnisse zu
manipulieren und verschiedene Zahlungsanweisungen an die Verbandsausschüsse,
die immer noch von Islamisten kontrolliert sind, zu blockieren. Im Sommer
werden die Ferienlager geschlossen; in Kairo, Alexandria und Zagazig
versperren die Soezialeinheiten der Sicherheitspolizei (Amn markazi) jeden
Zutritt. [...] Doch mit diesen Schikanen kann der Jama´at nicht der Wind
aus den Segeln genommen werden; im Gegenteil, sie erleben einen neuen
Aufschwung. Zum einen genießen sie nun den Nimbus des Märtyrertums,
wodurch ihre Opposition zum Regime zwischen 1979 und 1981 mehr Nachdruck
erhält. Darüber hinaus sind die Studenten nun gezwungen, aus dem
universitären Getto, zu dem sie nur noch schwer Zugang haben,
auszubrechen."
Die verbotenen Sommerlager an der Universität werden
in öffentlichen Moscheen abgehalten. Die StudentInnen gehen in die
Armenviertel, mobilisieren die dortige unzufriedene Bevölkerung gegen die
Regierung.
Die Zwischenfälle die 1980 "den Zyklus der
Gewalt eröffnen, werden durch die Akkreditierung des ersten israelischen
Botschafters in Ägypten, Eliahu ben Elissar, und das dem ehemaligen Schah
von Persien angebotene Asyl provoziert."
Von Anfang März an organisiert die Gamaa in allen
Provinzen Ägyptens Zusammenkünfte gegen dieses "absolut Böse"
und erinnert an die Veröffentlichung einer Fatwa des Azhar im Jahre 1956,
die den Frieden mit Israel verbietet. Ebenso wird die Ankunft des
Ex-Schahs angeklagt. Die Behörden versuchen eine dieser Versammlungen die
am 26. März in der Universität von Kairo abgehalten werden soll zu
verbieten. Stattdessen findet nun eine andere Kundgebung in Asyut statt.
Diese bleibt aber nicht mehr auf der Universität, sondern geht mit einer
Demonstration auf die Straße. "Das Eingreifen der Spezialeinheiten
der Sicherheitspolizei, die von ihren Waffen Gebrauch machen, fordert
einen Toten und sechs Schwerverletzte; 60 Demonstranten werden
verhaftet."
In Mittelägypten entwickelt sich wenige Wochen später
eine lokale Vendetta zu interreligiösen Spannungen. Sadat geht sowohl
gegen die gesamte Kirchenhierarchie der koptischen Kirche vor - deren
Papst Schenuda III. er schließlich "nach den interkonfessionellen
Zusammenstößen von Al Zawiya al Hamra im Juni 1981, als offizieller
Vertreter der koptischen Gemeinschaft ablehnt und ihn damit de facto
seines Amtes enthebt"
- als auch gegen die Islamisten.
Bei diesen Zusammenstößen im Kairiner Armenviertel
al- Zawiya al-Hamra im Juni 1981 kommt es aus nicht mehr wirklich
rekonstruierbaren Gründen zu einem wilden gegenseitigen Massaker zwischen
koptischen und muslimischen BewohnerInnen des Viertels: "sie
schneiden sich gegenseitig die Kehle durch, Kinder werden aus dem Fenster
geworfen, und ihre Körper bleiben zerschmettert auf der Straße liegen,
es wird geplündert, gemetzelt und gebrandschatzt. Währenddessen
kursieren in der Stadt Flugblätter, in denen die jeweiligen
Gemeinschaften aufgerufen werden, zu den Waffen zu greifen. Das Viertel
wird von den Ordnungskräften abgeriegelt, die , nach den Aussagen der
meisten Beobachter, erst dann eingreifen, wenn der Schaden schon
angerichtet und nicht wiedergutzumachen ist."
Mit der darauffolgenden Pressekampagne gegen
"koptische und islamische Extremisten" gelingt es der Regierung
den Boden für die darauffolgende militärische Zerschlagung der Gamaa
Islamiya zu bereiten.
"Mit der Auflösung der Gamaa Islamiya am 3.
September 1981 und der darauffolgenden Verhaftungswelle scheint die
Bewegung zerschlagen zu sein."
Wie sich später herausstellen sollte, ist es dem Regime damit jedoch nur
gelungen sie in den bewaffneten Untergrund zu drängen.
5.7. Gihad gegen den Pharao
In Kairo und in Mittelägypten entstanden in den
Siebzigerjahren kleine integralistische Gruppen die sich ebenfalls auf
Sayyed Qutbs Jahiliya-Konzept beriefen und den Kampf gegen das Regime der
Jahiliya mit entschlossenen militärischen Mitteln führen wollten.
Auch ein junger Mann aus dem Kairoer Armenviertel
Bulaq, Abd as-salam Farag, las Qutbs "Wegzeichen" und
entwickelte eine sehr kämpferisch, militante Interpretation seiner
"Bewegung" die den "Bruch mit der Jahiliya" begehen
und diese bekämpfen sollte. "Er begann 1979, Freunde um sich zu
scharen, ausschließlich Akademiker und höhere Offiziere. Er nannte seine
Gruppe Jihad (Heiliger Krieg)."
Farag legte seine Politik in der kleinen Schrift
"Die unterschlagene Pflicht" vor. Als diese "unterschlagene
Pflicht" sah er den Gihad gegen den unrechten Herrscher an.
"Er bezieht sich hauptsächlich auf einen sehr
kurzen Text des großen mittelalterlichen Denkers Ibn Taimiyya, dessen
Auslegung - dessen Ausschlachtung, sagen seine Gegner - es ihm ermöglicht
aufzuzeigen, daß heutzutage die Masse des Volkes zwar muslimisch ist, die
Herrschenden den Namen Gottes aber nur anrufen, um besser unter Verletzung
der im Koran offenbarten Prinzipien regieren zu können."
Mit der zunehmenden Repression gegen die Gamaa
Islamiya gelang es dieser Gruppe die sich mit einer Gruppe aus Mittelägypten
zusammengeschlossen hatte zu einer relevanten Größe anzuwachsen.
"Das Verlangen nach größerer Radikalität
seitens der Mitglieder der Jama´at islamiyya, die von der
Unentschlossenheit und dem Fehlen einer landesweit angelegten Strategie
der Jama´at enttäuscht waren, bewegte einige von ihnen dazu, sich der
Al-Jihad-Gruppe anzuschließen, die ihnen zügige und gewaltsame Aktionen
in Aussicht stellte. Besonders deutlich zeigte sich dieses Phänomen in
Mittelägypten, wo 64% der Mitglieder von Al-Jihad-Studenten sind".
Den beiden Gruppen gelang es nach ihrer Vereinigung
den blinden Azhar-Professor aus Asyut ´Umar ´Abd al-Rahman für sich zu
gewinnen. Er war "den Gruppen einerseits durch seine extremistischen
Theorien und andererseits durch sein Charisma und seine Überzeugungskraft
aufgefallen."
Mit der Ermordung des Präsidenten Sadat am 6.
Oktober 1981 gelang der Jihad-Gruppe der wohl spektakulärste Erfolg ihres
Bestehens. Die Entscheidung den Rais zu ermorden geht auf den Attentäter
Khalid al-Islambuli selbst zurück und wurde erst wenige Tage vor dem
Ereignis gefällt.
"Am 3. September geht er zu seinen Eltern, um an
einem Familienrat teilzunehmen. Dort erfährt er, daß sein Bruder
Muhammad, der Leiter der Jama´at der betriebswirtschaftlichen Fakultät
von Assiut, am Tag zuvor im Rahmen der von Sadat angeordneten Säuberungsaktion
gegen 1500 Oppositionelle verhaftet worden ist. Muhammad wurde aus dem
Bett gezerrt und noch im Schlafanzug von der Polizei >verfrachtet<.
Als Khalid hört, wie sich die Verhaftung abgespielt hat, ist alles in ihm
Auflehnung und Empörung. [...] Neun Tage vor der Militärparade vom 6.
Oktober unterbreitet Khalid, der Mitglied von Farajs Gruppe ist, ihm
seinen Plan: Sadat soll während der Parade getötet werden."
Khalid - selbst Oberleutnant der Artellerie - war bei
der Militärparade mit dem Kommando eines Panzerfahrzeugs betraut worden
und ersetzt nun die drei ihm zugeteilten Soldaten durch drei Komplizen aus
der Jihad-Gruppe.
Als er am 6. Oktober mit dem Fahrzeug auf der Höhe
der Regierungstribüne angekommen ist, bringt er das Fahrzeug durch das
Ziehen der Handbremse zum Stehen - da der Fahrer nicht zu den Verschwörern
gehört - "die vier Männer steigen aus, werfen erst Handgranaten und
feuern dann aus Maschinengewehren in Richtung des Präsidenten".
Der Rais wird vor laufenden Fernsehkameras
erschossen. Nachdem ein Augenblick des Schocks vorüber ist hört die
gesamte Ägyptische Bevölkerung des Satz den Khalid al-Islambuli ruft:
"Ich bin Khalid Islambuli, ich habe den Pharao getötet, und ich habe
keine Angst vor dem Tod!"
"Kein Mörder war jemals so populär, während
die Trauerfeierlichkeiten seines Opfers, an denen alle Größen der Welt
teilnehmen, vom ägyptischen Volk ostentativ ignoriert werden."
Khalid hatte Sadat am absoluten Tiefpunkt seiner
Beliebtheit ermordet. Für große Teile der Ägyptischen Öffentlichkeit
schien er so als "ein "bewaffnete Arm" des Volkswillens und
nicht nur als einfacher militanter Aktivist einer islamistischen
Gruppe."
Trotzdem blieb der erwartete Volksaufstand weitgehend
aus. "Entgegen der Hoffnung der militanten Islamisten war der Funke
nicht auf die Masse der >Parias< übergesprungen, obwohl in den
Vororten von Kairo - nicht anders als in den Vororten von Teheran - genügend
gesellschaftlicher Zündstoff vorhanden war."
Es kommt zwar in Asyut zu einem größeren Aufstand
und die Stadt muß von der Armee zurückerobert werden, in Kairo kommt es
jedoch außer einigen Scharmützeln nicht zu einem breiteren Aufstand. Die
Machtübernahme von Sadats Vizepräsidenten Hosni Mubarak verläuft überraschend
problemlos.
Jedoch die "darauf folgende massive
Verhaftungswelle erhöht die Zahl der seit September inhaftierten
Gefangenen so stark, daß sich die ägyptischen Gefängnisse bald mit
einem ernsthaften Problem der Überfüllung konfrontiert sehen."
Khalid al-Islambuli, seine drei Komplizen und Farag - der Autor der
"unterschlagenen Pflicht" - werden am 15. April 1982
hingerichtet.
Ein Prozeß gegen über 300 mutmaßliche Jihad-Angehörige
ergibt folgendes Bild von der Herkunft der militanten IntegralistInnen:
"Das Milieu, das den fruchtbarsten Nährboden für
militante Islamisten bietet, ist die in den wild wuchernden Siedlungen am
Rande der großen Städte lebende Altersgruppe der 20-25jährigen. Sie
sind im Sinne des Wortes marginalisierte Personen: erstens durch die
geographische Lage ihres Lebensraums in einer Zwischenposition, die nicht
das Land ist, das sie verlassen haben, aber auch noch nicht die Stadt, in
deren Herz sie nicht vordringen. Sie wind weiter marginalisiert weil sie
in ein kulturelles und soziales Loch fallen. Sie können nicht mehr auf
die traditionellen Strukturen des Dorfes zurückgreifen, die ihnen weder
eine Existenzgrundlage noch soziale Integration bieten können."
5.8. Integralismus im Untergrund und im Parlament
Trotz der harten Repressionsmaßnahmen versucht
Mubarak schon bald gegen kollaborationswillige IntegralistInnen mit einer
Strategie der Integration in den Machtapparat zu antworten. Der
Muslim-Bruderschaft wird zwar immer noch nicht erlaubt eine Partei zu gründen
und sich über eine solche legal an Parlamentswahlen zu beteiligen, die
Unterwanderung der Arbeiterpartei durch die reformistischen Muslim-Brüder
bringt aber den selben Effekt und wird von der Regierung geduldet. Die
integralistischen Abgeordneten der Arbeiterpartei kommen durch den ständigen
Wahlbetrug der Regierung zwar ebensowenig zu realem Einfluß wie irgend
eine andere Oppositionspartei, aber sie schaffen sich im Parlament eine Bühne
für ihren Kampf um die Einführung der Scharia auf legalem Wege. Der
Mulsim-Bruderschaft gelingt es außerdem eine Reihe von Gewerkschaften
unter ihre Kontrolle zu bekommen.
Der Einfluß legaler und halblegaler
integralistischer Gruppen wächst so unter der Regierung Mubarak ohne, daß
sie wirklich zur politischen Macht greifen zu können. Die meisten von
ihnen setzen heute auf eine Islamisierung der Gesellschaft von unten, wo
sie auch große Erfolge zu verzeichnen haben
"In Egypt today, a number of clusters of
nonviolent Islamist activists have arisen. [...] First, the intellectuals
and anti-Western young militants, many of whom were formerly on the left,
who gravitated to the newspaper al-Shaab."
Als die Arbeiterpartei von den Muslim-Brüdern
unterwandert wurde, wurde diese Parteizeitung zu einer wichtigen Stimme so
einflußreicher Integralisten wie Abd al-Hussain oder dem Parteiführer
der Arbeiterpartei Ibrahim Schukri.
"Second, the more varied constellation of
Islamist activists who, following the path laid out by teh Muslim Brothers
in the 1970s, opted to work within the professional associations and other
civil society institutions to realice their dream of a more just and
humane Islamic society in Egypt."
"Third, a small but enormously creative and
outspoken group of religious intellectuals who have organized themselves
loosly as a "school," with the aim of providing nonauthoritarian
"right guidance" to the varied groupings of the Islamic body,
including the al-Shaab and syndicate clusters."
In diesen Gewerkschaften dominieren seit 1992 die
IntegralistInnen "die Berufsvereinigungen der Ärzte, Ingenieure,
Rechtsanwälte und Apotheker".
Integralistische Ideen werden auch durch verschiedene
Prediger - teils mittels Audiokassetten - verbreitet. Prediger wie "Shaykh
Muhammad Mitwali al-Shaarawi and Abd al-Hamid Kishk, an outspoken
goverment critic often regarded as an extremist and imprisoned by both
Nasser and Sadat, have become religious media stars in Egypt and the Arab
world."
Das Regime versuchte auch "reumütige"
ehemalige Militante wieder zu "resozialisieren". Teilweise
wurden enthaftete IntegralistInnen gleich "öffentlich vorgeführt"
und ihre Rückkehr in die weiten Arme es Regimes öffentlich vollzogen.
Bereits am 25. November 1981 "läßt der Präsident
31 Persönlichkeiten der Opposition frei, die unverzüglich zum Sitz des
Staatschefs gefahren werden, wo sie sich mit ihm vor der Presse
unterhalten."
Mit "Zuckerbrot und Peitsche" versucht
Mubarak den IntegralistInnen einerseits die Massenbasis zu entziehen und
einzelnen AktivistInnen und Intellektuellen die Rückkehr in die Legalität
zu ermöglichen und andererseits jene die sich nicht gewillt zeigen dem
neuen Rais die entsprechende Anerkennung entgegenzubringen mit härtesten
Repressionsmaßnahmen zu begegnen.
Die bereits von Sadat in den Untergrund gedrängte
Gamaa Islamiya kämpfte so ebenso wie der Jihad auch unter der Regierung
Mubarak ihren Guerillakampf weiter. Am 2. September 1990 wird Dr. ´Ala´
Mohy al-Din ´Ashour, der Sprecher der Gamaa Islamiya in Kairo auf offener
Straße aus einem fahrenden Auto erschossen. "There were strong
allegations that he may have been extrajudically executed by plain clothes
security officers."
Aus Rache erschießen Mitglieder der Gamaa Islamiya am 12. Oktober
1990 den Ägyptischen Parlamentspräsidenten Rif´at al-Mahgoub, und fünf
seiner Leibwächter, woraufhin in einer erneuten Verhaftungswelle "thousands
of Islamist activists"
verhaftet werden.
Nachdem es Mubarak in den ersten Jahren seiner
Regierungszeit gelungen ist die Lage durch die parallele Strategie von
Repression und Integration etwas zu beruhigen, eskalierten die Kämpfe spätestens
seit 1992 wieder.
Einerseits hatte sich die soziale Lage der Bevölkerung
in den Armenvierteln Kairos und den Dörfern Oberägyptens durch die
neoliberale Wirtschaftspolitik Mubaraks so weit verschäft, daß
oppositionelle Gruppen wieder mit vermehrtem Zulauf rechnen konnten,
andererseits war auch die anfängliche "Demokratisierung"
Mubaraks im Vergleich zu seinem Vorgänger mit zunehmender Amtszeit wieder
einem "pharaonischeren" Stil gewichen. Außenpolitisch kam das
Regime seit dem Golfkrieg in eine immer schwierigere Lage, da es sich
immer schwerer tat, seine betont proamerikansiche Ausrichtung vor der
eigenen Bevölkerung rechtfertigen zu können. Noch heute wird die Anzahl
jener jungen Ägypter geheimgehalten die im Golfkrieg an der Seite der USA
im Kampf gegen die "irakischen Brüder" gefallen sind und dort
an vorderster Front "verheizt" wurden.
Der wieder verstärkte Kampf zwischen Regierung auf
der einen und Gamaa und Jihad auf der anderen Seite bringt "since the
beginning of 1992 [...] at least 1.300 people"
den Tod.
"The victims have included civilians, as well as
armed Islamists and members of security forces. Armed groups have been
responsible for three assassination attempts on the lives of senior
goverment officials during this time: the Minister of Information, Safwat
al-Sharif, in March 1993, the former Minister of Interior, Hassan al-Alfi,
in August 1993, and the Prime Minister, Dr. ´Atef Sidqi, in November
1993, as well as the attempt on the life of President Mubarak in Addis
Adaba, Ethiopia in June 1995."
Intellektuelle und Künstler gehören seither ebenso
zu den Opfern bewaffneter Gruppen. 1992 wird der regierungsnahe
Schriftsteller Faraq Foda erschossen. Der Literaturnobelpreisträger Nagib
Machfuß überlebt am 14.10 1994 ein Messerattentat. Bereits am 7. Februar
desselben Jahres hatte die Gamaa Islamiya in einem Statement erklärt
"that known communists and secularists in Egypt could be physically
eliminated since they were considered to be >fighters against Islam<
and >supporters of the dictatorship<"
Die Repressionsmaßnahmen die das Regime seither
gegen mutmaßliche "Terroristen" setzt, treffen immer wieder
auch massiv unbeteiligte ZivilistInnen. "In December 1992, the
Egyptian goverment surroundet Imbaba" ein Armenviertel im Nordwesten
Kairos " with 15.000 troops and set out to conquer it."
Hunderte Menschen wurden an einem einzigen Tag verhaftet und verschwanden
teilweise jahrelang in verschiedenen Gefängnissen.
Amnesty International stellt zu diesen
Massenverhafungen fest:
"Arrests were mostly concentrated in poor and
densely populated districts of Cairo such as ´Ain al-Shams and Imbaba,
and in Upper Egypt, particularly in the Asyut and Minya governorates. Most
were released after a few months´detention without charge or trail, but
others continued to be held without charge or trail in administrative
detention, or were tried before (Emergency) Supreme State Security Courts
and, since the end of 1992, before Military Courts whose procedures fall
far short of international standards for fair trial."
Neben extralegalen Hinrichtungen von vermeintlichen
und wirklichen bewaffneten Gamaa- und Gihad-Aktivisten, werden auch bei
Gerichtsverfahren - die keinerlei rechtsstaatlichen Standards genügen -
immer wieder Todesurteile verhängt und diese oft bereits Stunden danach
auch exekutiert. Allein von der viel kleineren Gihad-Gruppe ist von 1992
bis 1997 "a total of 25 [...] members"
zum Tode verurteilt worden.
Auch koptische Christen kommen in den
Auseinandersetzungen der letzten Jahre immer wieder zwischen die Fronten.
Bereits mehrfach mischten sich bewaffnete integralistische Gruppen in
Familienfehden zwischen Christen und Muslimen auf der Seite der Muslime
ein oder griffen direkt einzelne Kopten an. Kopten von denen Schutzgelder
erpresst werden bekommen bei Nichtbezahlung oft massive Probleme mit den
bewaffneten Untergrundgruppen, bei Bezahlung hingegen mit den staatlichen
Behörden. Diese "arrested them and detained them without trail for
up to several months, allegedly on the grounds that they were providing
financial support to the group."
Seit 1992 greifen die bewaffneten Untergrundgruppen -
insbesondere die Gamaa Islamiya - gezielt auch Einrichtungen der Ägyptischen
Tourismusindustrie und TouristInnen selbst an. Damit gelingt es den
Gruppen immer wieder den wichtigsten Wirtschaftszweig Ägyptens
empfindlich zu treffen.
"From October 1992 to January 1996 at least 30
attacks were carried out on buses, trains and cruisers carrying tourists.
Many foreign tourists and Egyptian workers were injured, and around 12
tourists were killed during that period. [...] From April 1996 until
November 1997 three massacres of tourists took place which left 84 dead
and many more injured."
Im Juli 1997 rufen fünf inhaftierte Führer der
Gamaa Islamiya zu einem Ende der Gewalt auf. "The call allegedly led
to disputes among leading members of the group- However, the call for a
halt to violence was more or less respected until 17. November 1997 when
news broke out of the worst massacre of foreign tourists in Egypt."
Mit dem Massaker von Luxor vom 17. November 1997 bei
dem "58 foreign tourists and four Egyptians"
ermordet wurden verübte vermutlich eine kleine bis dahin nur im
Exil existierende Abspaltung des Gihad - die "Vorhut des Sieges"
- ihren ersten bewaffneten Angriff. Mit ihm fanden die Attacken auf
TouristInnen ihren vorläufigen Höhepunkt und Abschluß. Die Organisation
"Vorhut des Sieges" (Talaa´al al-Fatah) "which appears to
be led by Dr. Ayman al-Zawahiri"
hatte bis dahin nur im Ausland existiert und war in Ägypten selbst
ebensowenig bekannt wie in der Bevölkerung verankert.
Während Attacken bewaffneter Untergrundgruppen auf
Polizeikräfte und Militär in der Armen Bevölkerung die vom Staat selbst
immer wieder drangsaliert wird durchaus auf Sympathie stoßen, mußten die
Gamaa und der Gihad einsehen, daß zu viele ÄgypterInnen vom Tourismus
als Hauptwirtschaftsfaktor des Landes leben. Das Massaker von Luxor
beschleunigte somit nur einen Prozeß, dem bereits eine längere Debatte
innerhalb des Gihad und der Gamaa vorausging und der dazu führte, daß
die Gamaa einige Tage später erklärte sie "would stop targeting the
tourist industry."
Seither sind auch keine bewaffneten Angriffe mehr auf
TouristInnen vorgekommen.
5.9. Jüngste politische Entwicklungen
Die Einstellung der Angriffe auf Einrichtungen der
"tourist industry" seit über einem Jahr wurde bisher von allen
bewaffneten integralistischen Gruppen eingehalten. Das heißt aber nicht,
daß die bewaffneten Konflikte zu Ende wären. Bewaffnete
Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften sind weiterhin an der
Tagesordnung und die Repression der Regierung ist vor allem in Mittelägypten
immer noch sehr stark. Die Polizei- und Militärpräsenz ist keinesfalls
geringer geworden. In Ägypten befindet sich immer noch ein
"policeman" unter jedem "Stone you move" wie es ein
Freund von mir auszudrücken pflegt.
Insgesamt könnte aber trotzdem ein allgemeines
Nachlassen integralistischer Aktivitäten möglich werden, da sowohl die
tolerierte Muslim-Bruderschaft, als auch die Untergrundorganisationen in
ihren ländlichen Bastionen Mittel- und Oberägyptens an Einfluß zu
verlieren scheinen.
Dies ist mit der Unterstützung aller wesentlichen
integralistischen Oppositionen für das neue Agrargesetz der Regierung
Mubarak verbunden. Durch dieses neue Gesetz wird nun die Pacht "auf
der Grundlage einer Vereinbarung zwischen Besitzern und Pächtern
bemessen."
Seither können jedoch nicht nur die Pachtzinsern auf dem "freien
Markt" erhöht werden, sondern bei ausstehenden Pachten auch eine
gerichtliche Kündigung des Pachtvertrages erwirkt werden. Die
Landbesitzer haben dann das Recht das Grundstück innerhalb von 30 Tagen
zu räumen, was einer massiven Verschlechterung der Situation der
landlosen BäuerInnen Oberägyptens zur Folge hat. Deshalb kam es seit dem
das Gesetz 1997 in Kraft getreten ist immer wieder zu Protesten von BäuerInnenorganisationen
und Intellektuellen gekommen, die alle mit härtester Repression bekämpft
wurden.
Das umstrittene Gesetz wurde aber eben nicht nur von
der regierenden NDP, der Wafd und al-Ahrar unterstützt, sondern auch von
verschiedensten integralistischen Strömungen. "Ein Sprecher der
Muslimbruderschaft erklärte, die Scharia [...] anerkenne das Recht auf
Privatbesitz. Auch die im Gefängnis sitzenden radikalen Islamistenführer
ließen bekanntgeben, sie unterstützten die neue Gesetzgebung. Obwohl die
Fundametalisten in dieser Frage keine einhellige Meinung vertreten, haben
sie sich als politische Strömung auf die Seite der etablierten Ordnung
gestellt",
weshalb der Widerstand gegen das Agrargesetz vor allem von
Selbstorganisationen der BäuerInnen und der der Linken Opposition
getragen wurde, die sich damit auch wieder etwas profilieren konnte.
Trotzdem heißt dies noch nicht unbedingt, daß damit
eine Trendumkehr schon eingesetzt hätte. Der soziale und politische
Sprengstoff in der Bevölkerung ist der gleiche geblieben und es stellt
sich letztlich nur die Frage in welche Richtung er sich entlädt.
6. Standortbestimmung
Neben den militärischen Aspekten der Konfrontation
mit dem Staat ist es auch wichtig einige ideologische Aspekte des gegenwärtigen
Integralismus in Ägypten herauszuarbeiten. Wo sind die SchülerInnen
Sayyed Qutbs heute in ihren Debatten angekommen.
Bereits bei Qutb sehen wir deutlich daß die
Integralistischen Bewegungen Ägyptens nicht einfach rückwärtsgewandte
Traditionalisten sind, sondern im überwiegenden Teil eher ein
alternatives Konzept der Moderne, eine nichtwestliche Moderne vertreten.
Technologische Weiterentwicklung wird von fast allen Gruppen geradezu
begeistert begrüßt. Schließlich dient sie auch dazu "den
Islam" gegenüber "dem Westen" zu stärken.
Aber wie sieht es nun mit der kulturellen Moderne
aus? Vordergründig hat es den Anschein, daß diese völlig verdammt wird,
ja geradezu das Gegenteil integralistischen Denkens beinhaltet.
Ist es aber wirklich so wie Bassam Tibi behauptet, daß
"zwischen modernen und vormodernen Kulturen" Welten liegen und
daß "einer der wichtigsten Unterschiede zwischen Moderne und
Vormoderne darin besteht, daß die kulturelle Moderne die geistigen
Grundlagen für die Bestimmung des Menschen als Individuum entfaltet hat,
während vormoderne Kulturen den Menschen stets als Teil eines Kollektivs
einordnen."?
Bassam Tibi ist bei dieser These zwar insofer
zuzustimmen, daß die Schaffung von Individualität eines der wesentlichen
Merkmale der kulturellen Moderne ist, ich halte es aber zumindest für
fraglich, ob dieser strikte Manichäismus, die strikte Trennung zwischen
modernen und vormodernen Kulturen heute so möglich ist.
Denn so sehr auch viele IntegralistInnen den Traum
einer rein technischen, aber nicht kulturellen Moderne träumen mögen, so
sehr sind auch bestimmte Aspekte der kulurellen Moderne in die
integralistischen Bewegungen selbst eingedrungen.
Interessant ist in diesem Zusammenhang v.a. die
Beteiligung von Frauen in integralistischen Bewegungen und die
verschiebung von Rollenbildern islamistischer Frauen. Auf die Bedeutung
integralistischer Frauenorganisationen im Zusammenhang mit dem
Wiederaufbau der Muslim-Bruderschaft wurde bereits hingewiesen. Aber auch
heute machen integralistische Studentinnen einen wichtigen Anteil - wenn
auch nicht der militärisch agierenden Gruppen - der integralistischen
Bewegungen Ägyptens aus. Teilweise bekamen dadurch auch Studentinnen aus
traditionalistisch orientierten Landesteilen eine Öffentlichkeit die so
zuvor nur verwestlichten Frauen zur Verfügung gestanden ist.
Was Nilüfer Göle vor allem anhand des türkischen
Integralismus herausarbeitet kann bis zu einem bestimmten Grad auch für
Ägypten Geltung beanspruchen. Ihrer Meinung nach bietet der
"Islamismus" bis "zu einem gewissen Grad" "auch
eine ideologische Grundlage für die neuen öffentlichen Rollen der
Frauen. In der Annäherung an die fundamentalen Quellen des Islams wird ständig
auf die Frauen im Erziehungswesen, im Handel und in der Politik zu Zeiten
des Propheten verwiesen und der traditionelle Volksislam kritisiert, der
in den Augen dieser Fundamentalisten für die Verdrängung der Frauen in
die Innenräume verantwortlich ist."
Einerseits drängt der islamische Integralismus
Frauen zwar wieder eher in ein Rollenbild das Werte wie "Tugend"
und "Familie", "Mutterschaft",... hochhält, was sich
auch stark an Äußerlichkeiten wie der "islamischen Kleidung"
zeigt, anderseits haben sich die Vorstellungen integralistischer Frauen
doch wieder von ihren traditionellen Rollenbildern abgesetzt und
unterscheiden sich teilweise auch deutlich von den Vorstellungen ihrer männlichen
Mitkämpfer.
Auch wenn sich integralistische Bewegungen immer
wieder auf eine "Rückkehr zur traditionellen Werten" berufen,
sind "their positions [...] no more "traditional" than
those of the progressives. They are certainly less positive about women´s
work than are the progressive television writers [...], but on the value
of education and conjugal love they hardly disagree.
As is often the case, men, and especially the male
religious autorities, seem to be more conservative than the women to whom
they preach."
Die Vorstellungen vom Zusammenleben von Männern und
Frauen, von der Organisation der Familie,... sind auch in
integralistischen Kreisen einer Änderung unterworfen und nicht so
"traditionell" wie in manchen Dörfern noch heute praktiziert.
Dies wird etwa durch die Idee der Liebesheirat deutlich, die so auch in
Europa erst mit der bürgerlichen Gesellschaft entstanden ist. Von der
Familie arrangierte Ehen werden gerade auch von Islamischen
IntegralistInnen abgelehnt.
Was jedoch alle IntegralistInnen teilen "is the
fact that the framework is religious, marriage being characterized as a
spiritual blending (imtizaj ruhi) or as a resemblance between lovers´
souls (mushakala bayn nufus al-´ushaq), and all their positions are
justified and supported by reference to Islamic texts, whether the Qur´an
or traditions of the Prophet."
7. Der Konflikt als soziales und politisches Problem
Die Geschichte des Konfliktes zwischen Islamischen
IntegralistInnen und dem Ägyptischen Regime zeigt, daß es sich dabei
nicht primär um ein religiöses Problem handelt, sondern um ein soziales
und politisches, denn schließlich "darf nicht vergessen werden, daß
die politischen und wirtschaftlichen Mißerfolge verschiedener Regierungen
in vielen islamischen Staaten zu einer Ausbreitung des islamischen
Fundamentalismus führten."
Khalil Abd al-Karim, ein ehemaliges Mitglied der Muslim-Bruderschaft, der
heute einer der prominentesten Intellektuellen der Tagammu - der
wichtigesten linken Oppositionspartei Ägyptens ist - erklärte dem Autor
dieser Arbeit 1998 in einem Interview: "Ich bin mir sicher, daß die
sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme die Hauptursachen für
das Aufkommen dieser militärischen Gruppen sind."
Wie diese Arbeit gezeigt hat ist es keinesfalls zufällig,
daß die Islamischen IntegralistInnen gerade unter dem Regime Sadat einen
solchen Zulauf bekommen konnten. Nicht nur die beschriebene Förderung
durch das Regime ist hier zu nennen, sondern auch die Veränderungen die
seit Sadat im ökonomischen und damit auch im sozialen System Ägyptens über
die Bevölkerung gekommen sind.
"Die Diskrepanz zwischen dem Konsumterror der
>fetten Katzen< auf der einen und der relativen Verschlechterung der
Lebensbedingungen für die große Masse der Bevölkerung auf der anderen
Seite, die Diskrepanz zwischen der Hohlheit des staatlichen Fernsehens mit
seinen endlosen Seifenopern auf der einen und dem erkennbaren Bedürfnis
nach Sinngebung bei breiten Bevölkerungsschichten auf der anderen Seite
schufen in Ägypten die Rahmenbedingungen für den Aufstieg von
islamisch-integristischen Bewegungen:"
Gerade die Armen und Entrechteten, jene denen jede
politische Mitbestimmung versagt bleibt, die sozial wie politisch an die
Peripherie gedrängt sind - und insbesondere die jeder Chance beraubte
Jugend dieser an den Rand gedrängten - sind es die sich als letzter
Hoffnung dem Islamischen Integralismus zuwenden. Denn "was die
soziale Solidarität angeht, gibt der Islam den Gläubigen enorme
Hoffnungen, und er hat sich heute als die am besten geeignete Kultur
erwiesen, um Frustrationen aufzufangen und auszudrücken. Das Heilige,
lange benutzt, um die Volksmassen zu beruhigen und einzuschläfern, rächt
sich heute an jenen, die es mißbraucht haben, und ist, wie in den Anfängen,
eine Kraft der Destabilisierung der Privilegierten geworden, sowohl auf
lokaler als auch auf weltweiter Ebene. Die modernen Linken laizistischer
Prägung konnten, da sie mundtod gemacht und verfolgt wurden, ebensowenig
wie alle Bewegungen, die sich auf den Sozialismus und Marxismus berufen,
wirkliche Tiefenarbeit leisten und andere Schemata oder
Orientierungspunkte im Volk verankern."
So werden die verschiedensten
islamisch-integralistischen Bewegungen und Untergrundorganisationen so
lange neuen Zulauf erhalten, bis sich die Lage der verarmten Massen
wirklich ändert, bis demokratische Mitbestimmung, Menschenrechte und ein
Leben ohne Elend und Ausbeutung auch für die Menschen in Imbaba oder
Bulaq, die Menschen in den Dörfern Oberägyptens und den Elendsvierteln
Kairos möglich wird.
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Bei Gilles Kepel - oder zumindest der deutschen
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Zürich 1995: S 24
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KEPEL, Gilles: Der Prophet und der Pharao, Das
Beispiel Ägypten: Die Entwicklung des muslimischen Extremismus; München,
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BERGMANN, Kristina: Das Nahziel ist der Sturz der
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in: NZZ-Fokus (Ein Schwerpunkt-Dossier der Neuen Zürcher Zeitung):
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zit. nach: KEPEL, Gilles: Der Prophet und der
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KEPEL, Gilles: Der Prophet und der Pharao, Das
Beispiel Ägypten: Die Entwicklung des muslimischen Extremismus; München,
Zürich 1995: S 209
KEPEL, Gilles: Die Rache Gottes, Radikale Moslems,
Christen und Juden auf dem Vormarsch; München, Zürich 1994: S 53
KEPEL, Gilles: Der Prophet und der Pharao, Das
Beispiel Ägypten: Die Entwicklung des muslimischen Extremismus; München,
Zürich 1995: S 233f
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ABD AL-KARIM, Khalil ( der "Red Scheik")
in einem Interview das Thomas Schmidinger im Juni 1998 in Kairo mit
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