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Inhalt
1.
Vorbemerkung zur Transkription arabischer Namen und Begriffe
2.
Begrifflichkeiten
3.
Quellenproblematik
4.
Das "Religiöse" und das "Politische"
5.
Geschichte des islamischen Integralismus im Sudan
5.1.
Geschichte der Muslim-Bruderschaft
5.2.
Geschichte der Republikanischen Brüder
6.
Ein Vergleich der Islamkonzeptionen der Muslim Brüder und
Republikanischen Brüder
6.1.
Der sunnitische Integralismus der Muslim-Bruderschaft
6.1.
Der Reform-Integralismus der Republikanischen Brüder
7.
Conclusio
1. Vorbemerkung zur Transkription
arabischer Namen und Begriffe
Da
es noch keine international verbindliche Transkriptionsregeln für die Übertragung
arabischer Schrift in das lateinische Alphabet gibt, transkribiert jeder
Autor arabische Begriffe und Namen in anderer Weise. Diese Transkription
verändert sich auch stark je nach Sprache die der Autor selbst verwendet.
So sind die in der deutschsprachigen Arabistik üblichen
Transkriptionsregeln andere als jene in der Englischen oder Französischen
Sprache. Bei Übersetzungen aus dem Englischen oder Französischen werden
teilweise trotzdem die dortigen Transkriptionen beibehalten.
Der
Autor hat in seinem Text - mit der Ausnahme von Sonderzeichen die am
Computer nicht zu finden sind wie das Transkriptionszeichen für das ayn -
die in der deutschsprachigen Arabistik üblichen Transkriptionen
verwendet. Um Zitate korrekt wiederzugeben wurden in diesen aber die
originalen Umschriften beibehalten. Dies mag für die/den LeserIn am
Anfang verwirrend wirken, allerdings sind die Begriffe aufgrund ihrer Ähnlichkeit
sicher schnell zuordenbar.
2. Begrifflichkeiten
Da
in Europa im Allgemeinen relativ wenig Hintergrundinformation über
politische Entwicklungen im Nahen Osten existiert, sind auch die Begriffe
die in der Debatte darüber verwendet werden verwirrend.
Zu
diesem Umstand trägt auch die Tatsache bei, daß die politischen,
sozialen und ökonomsichen Verhältnisse in Staaten wie Ägypten sich so
stark von jenen Mittel- und Westeuropas unterscheiden, daß politische
Begriffe aus dem Europäischen oder Nordamerikanischen Diskurs nicht so
ohne weiteres problemlos auf den Nahen Osten übertragbar sind.
Nun
sind aber alle Begriffe die für jene Gruppen die in dieser Arbeit
behandelt werden Verwendung finden Europäische Begriffe. Während der
Begriff "Islamismus" einfach eine Steigerung von
"Islam" zum Ausdruck bringt und damit wohl etwas sehr unpräzise
ist und automatisch sugerriert, der "Islamismus" wäre quasi
"konsequenter" oder "radikalisierter Islam", kommten
die im Englischen und Deutschen verwendeten Begriffe
"Fundamentalismus" und das Französische "Integralismus"
aus der Bezeichnung für christliche Bewegungen.
Im
Duden-Fremdwörterbuch findet sich unter "Fundamentalismus":
"eine
streng bibelgrläubige, theologische Richtung im Protestantismus in den
USA, die sich gegen Bibelkritik u. moderne Naturwissenschaft wendet."
und
unter "Integralismus":
"zeitweilige
kath. Bestrebung, alle Lebensbereiche nach kirchlichen Maßstäben zu
gestalten."
Werden
diese Begriffe auf den Islam übertragen, charakterisiert der Begriff
"Integralismus" sicher besser die Ideen einer vielfältigen
Bewegung deren Ideen Hassan al-Banna, der Gründer der Muslim Bruderschaft
mit dem Satz "We belive
that Islam is an all-embracing concept which regulates every aspect of
life, adjudicating on every one its concerns and prescribing for it a
solid and rigorous order."
charakterisiert hat.
Was
diese Bewegungen ausmacht ist nämlich weder ihre "extreme
Bibeltreue" - oder in diesem Falle Qurantreue - noch die
"Ablehnung moderner Naturwissenschaft" (ganz im Gegenteil, diese
Gruppen benutzten oft als erste neue Techniken wie das Internet, Radio-
oder Videokassetten um ihre Ideen zu verbreiten) sondern das Ziel der
Errichtung einer Gesellschaft in der alle Lebensbereiche dem Islam bzw.
ihrer Islaminterpretation untergeordnet werden.
Friedemann
Büttner definiert den Islamischen Integralismus folgendermaßen:
"Als islamische Integristen bzw. mit Integrismus/Integralismus werden
hier im Anschluß an den französischen Sprachgebrauch alle Autoren bzw.
Bewegungen bezeichnet, die von einem einheitlichen Begründungszusammenhang
für die wieder zusammenzuführenden Bereiche ausgehen - gleichgültig ob
sie dabei traditionalistisch, fundamentalistisch oder modernistisch
argumentieren, eher liberale oder radikal- revolutionäre islamistische
Positionen vertreten."
Der
bekannte ägyptische Intellektuelle und Soziologie-Professor an der
American University in Cairo (AUC) Saad Eddin Ibrahim definierte 1995
"Islamic fundamentalism" als "the belief in the precepts
and commandments of Islam as stated in its holy book, the Quran, and as
enunciated and practiced by the Prophet Muhammad - known as the Sunna. In
other words, Islamic fundamentalism is a return to the purest sources of
the religion, cleansing it from all the impurities, heresies and >revisionisms<
which accured to the faith and practice throughout history"
Auch
nach dieser Definition beschreibt der Begriff "Fundamentalismus"
die relevanten politischen Bewegungen die sich selbst als "islamische
Opposition" begreifen nur schlecht. Gamaa Islamiya, Jihad oder Muslim
Bruderschaft sind nämlich - wie wir es auch in späteren Kapiteln dieser
Arbeit sehen werden - nicht einfach nur "rückwärtsgewandte",
extrem-traditionalistische Bewegungen. Der moderne islamische
Integralismus Ägyptens ist eher als selektive oder halbe Moderne zu
begreifen als einfach nur als vormodern. Auf
Naturwissenschaftlich-technischem Bereich waren und sind integralistische
Bewegungen oft die ersten die neue Entwicklungen fördern und nützen.
Nicht nur in der Türkei war die Refah-Partei eine der ersten politischen
Gruppierungen die ihre Propaganda via Internet verbreitete. Nicht nur im
Iran trugen die Audio-Kasseten mit Predigten Ayatollah Khomenis vor 1979
wesentlich zur Verbreitung seiner Ideen bei. Auch in Ägypten werden
Internet, Audio- und Video-Kassetten von allen möglichen Strömungen des
islamischen Integralismus benützt. So befinden sich diese Gruppen laut
Bassam Tibi "in dem Dilemma, daß sie sich einerseits die Instrumente
der Moderne (Kriegstechnologie) aneignen wollen, andererseits aber deren
kulturelle Grundlage (das kulturelle Projekt der Moderne und seine
rationale Weltsicht) zurückweisen. Es ist der >islamische Traum von
der halben Moderne<"
Da
der ebenfalls verwendete Begriff "politischer Islam" meines
Erachtens zu unpräzise ist - schließlich beruft sich jedes Regime im
Nahen Osten mit Ausnahme der Türkei mehr oder weniger auf den Islam -
plediere ich also im folgenden für den Begriff "Islamischer
Integralismus" und werde diesen in meiner Arbeit verwenden.
3. Quellenproblematik
Die
Quellenlage zu beiden hier behandelten Strömungen eines integralistischen
Islam ist sehr unterschiedlich. Während Turabis Fraktion der
Muslim-Bruderschaft im Sudan an die Macht kommen sollte, existierten die
Republikanischen Brüder seit der Hinrichtung ihres Gründers Mahmud Taha
den Großteil der Zeit nur noch im Untergrund. Dies hat gravierende
Auswirkungen auf die Quellenlage zu beiden Bewegungen. Texte von und über
Hasan al-Turabi sind relativ zahlreich und leicht zu erhalten. Eine
Vielzahl an Texten ist sogar ins Englische übersetzt worden.
Dagegen
sind die meisten Texte Tahas und der Republikanischen Brüder verschwunden
oder nur als "graue Literatur" zugänglich. Nur ein Text liegt
in englischer Übersetzung vor. Eine Reihe von Texten wurde 1987 in einer
Beschafungsaktion von "grauer Literatur" vom Institut für
Islamwissenschaft der Freien Universität Berlin erworben und v.a. von
Oevermann aufgearbeitet.
Mit
Tahas Originaltexten ergiebt sich zusätzlich dasProblem, daß viele Texte
transkribierte mündliche Vorträge sind und auch in der Niederschrift im
sudanesischen Dialekt abgefaßt sind und nicht in Hocharabisch.
Einige
Anhänger Tahas befinden sich aber auch im europäischen Exil, was die Möglichkeit
oraler Quellen schafft.
Über
die allgemeine Situation im Land konnte ich mir während einer Sudan-Reise
im Februar 1999 ein grobes Bild machen. Auch politische Debatten mit
SudanesInnen verschiedenster politischer Positionen waren dabei möglich.
4. Das "Religiöse" und das
"Politische"
Im
Islam waren von allen Anfang an "din wa dawla", Religion und
Staat. Die Gemeinschaft der Umma die Muhammad mit seinem Auszug aus Mekka
nach Yatrib (Medina) - der higra - begründete war sowohl ein religiöses,
als auch ein politisches Gemeinwesen. Der Islam als "allumfaßendes
System" als integralistisches Konzept das sowohl privates wie auch öffentliches
Leben in den Islam integriert hat also lange Tradition und Geschichte.
Auch wenn - wie wir in dieser Arbeit noch sehen werden - die zeitgenössischen
Islamischen IntegralistInnen in einigen Aspekten ihres Denkens moderne
oder zumindest andere, weiterentwickelte Positionen vertreten wie die
Ulema des 15. Jahrhunderts, so können sie sich doch auf eine gewisse
Denktradition im Islam berufen die eine Trennung von "din" und
"dawla" nie kannte.
Ist
dies aber nun etwas spezifisch Islamisches oder ist dies nicht eher eine
Haltung die in allen Religionen, zumindest aber in den monotheistischen
Offenbarungsreligionen vorhanden ist?
"Weder
in der monotheistisch konzipierten alttestamentlichen Ordnungsidee des
Gottesvolkes noch in der neutestamentlichen Vorstellung von der
christlichen Gemeinde als sichtbarer Leib Christi werden Politik und
Religion begrifflich und sachlich geschieden oder als unterschiedliche
Lebenssphären begriffen."
Die
Trennung von Kirche und Staat, die Säkularisierung Europas wurde im Zuge
der Aufklärung und der Französischen Revolution gegen und nicht wegen
der Religion durchgesetzt. Die christlichen Kirchen - oder zumindest deren
extremistischen Ränder - wehren sich teilweise bis heute noch gegen diese
Säkularisierung.
Daß
in Europa heute überwiegend relativ säkularisierte Staaten existieren
ist somit nur auf den Umstand zurückzuführen, daß die Macht der Kirchen
in ganz bestimmten geschichtlichen Situationen zurückgedrängt wurde. Die
Bedingungen für ein solches Zurückdrängen wurden in Europa durch
historische, ökonomische und soziale Entwicklungen gelegt. Erst die
Herausbildung eines gebildeten, selbstbewußten Bürgertums ermöglichte
eine Entwicklung die es erlaubte die Macht der christlichen Kirchen in
Europa zu brechen.
Während
in Europa jedoch das aufstrebende Bürgertum sich u.a. durch den
Kolonialismus - der spätestens seit dem 16. Jahrhundert eine der
bestimmenden Einnahmequellen Europas darstellte - eine entsprechende
materielle Basis erwirtschaften konnte die zu mehr Bildung und Selbstbewußtsein
führte und so erst den Grundstein für die Säkularisierung legen konnte,
war die islamische Welt genau von dieser Entwicklung ausgeschlossen.
Ja
ganz im Gegenteil, das "dar al-Islam" wurde selbst immer mehr
zum Kolonialgebiet Europäischer Staaten. Statt eines eigenständigen Bürgertums
entstand so eine kleine Schicht verwestlichter Kolonialbeamten die mehr
und mehr jeden Bezug zur Realität ihrer Gesellschaften verloren. Die ökonomischen,
gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen für eine Säkularisierung
waren damit in den islamsichen Gesellschaften nicht gegeben.
Der
Unterschied in der Entwicklung Europas hin zu relativ säkularisierten
Gesellschaften und politischen Systemen und der islamsichen Welt die eine
solche Säkularisierung wenn überhaupt nur mit Zwang zur Verwestlichung
(z.B. Türkei) erfuhr, liegt also nicht daran, daß der Islam per se
"integralistischer" wäre als das Christentum, sondern an der
unterschiedlichen historischen Entwicklung Europas und der islamischen
Staaten.
5.
Geschichte des islamischen Integralismus im Sudan
5.
1. Geschichte der Muslim-Bruderschaft
Die
Muslim Bruderschaft wurde bereits 1928 von Hassan al-Banna - einem
einfachen Volksschullehrer - in Ismailiya - einer Stadt am Suez-Kanal -
gegründet. Die Muslim Bruderschaft war "the first political
organisation in Egypt aiming to establish an Islamic state"
und ist heute eine der wichtigsten und größten Organisationen des Islamischen
Integralismus weltweit. Nach eigenen Angaben hat sie heute "branches
in over 70 countries all over the world".
Sie war die Initiatorin für den Aufbau der Hamas in Palästina, regiert
heute mit der National Islamic Front (NIF) unter Hassan al-Turabi im Sudan
und beteiligte sich am Afghanistan-Krieg, an welchem "hundreds of the
Ikhwan youth" als "fighters, doctors, teachers,.."
teilnahmen.
Von
einer solchen Internationalität war die Muslim-Bruderschaft unter Hassan
al-Banna natürlich noch weit entfernt.
In
den Anfangsjahren richtete sie in Ägypten ein Hauptaugenmerk auf soziale
und caritative Tätigkeiten in den Armenvierteln Kairos und auf den Dörfern
auf dem Lande. Dadurch konnten sie insbesondere die Unterstützung großer
Teile der Landbevölkerung gewinnen. "At its zenith in the 1940s, it
was estimated to have had some half a million members."
Obwohl
der Schwerpunkt der vorrevolutionären Muslim-Bruderschaft eher bei
sozialen Aktivitäten lag, vertraten sie bereits in Grundzügen jenes
Konzept des Islam als "allumfaßendes System" wie es später
alle Bewegungen, Gruppen und Sekten des islamischen Integralismus weit über
Ägypten hinaus vertraten.
Hassan
al-Banna beschrieb in einem seiner spärlichen Schriften sein Konzept des
Islam folgendermaßen: "We belive that Islam is an all-embracing
concept which regulates every aspect of life, adjudicating on every one
its concerns and prescribing for it a solid and rigorous order."
Die
politischen Forderungen Hassan al-Bannas, die dieser 1936 in seinem
Traktat >nahwa an-nur< (Aufbruch zum Licht) an eine Reihe von
arabischen Staatsoberhäuptern schickte, die "Beendigung des
Parteienwesens, islamische Reform des Rechts, kulturelle Zensurmaßnahmen,
Wahrung islamischer Moralvorstellungen, Zins- und Profitverbot,
Redistribution des Reichtumsus - erklären sich aus seiner Wahrnehmung der
gesellschaftlichen Konflikte, in der kulturelle Verwestlichung, europäische
Vorherrschaft und soziale Ungleichheit untrennbar verschmolzen sind".
Im
Sudan entstanden die al-Ikhwan al-Muslimun aus einem Zusammenschluß
mehrerer Kleinstgruppen. Zwar war bereits 1945 "a deligation from the
general centre of the Muslim Brothers Society in Egypt"
in die Dreistadt (Khartoum, Omdurman und Bahri/Khartoum-Nord) gekommen um
dort ihre Ideen zu erklären und zu bewerben. Einer erste Zelle einer
realen Erweiterung der Muslim-Bruderschaft in den Sudan entstand aber erst
1949 als "one of the pioneers was appointed as director general from
Egypt."
Gleichzeitig
waren einige Studentengruppen entstanden die in Ägypten mit dem
Gedankengut der Muslim Brüder in Kontakt gekommen waren. Als Gegengewicht
zur kommunistische dominierten Union
of Sudanese Students in Egypt bauten diese Studentengruppen die
Association of the Sudanese Students auf. Eine Reihe von Kleinstgruppen
bildeten sich auch auf verschiedenen Gymnasien und am Gordon Memorial
Collage in Khartoum. Diese autochtonen sudanesischen Gruppen sammelten
sich in der Harakat al-tahrir al-islami (Bewegung der islamischen Befreiung),
die sich erst 1954 mit den anderen den Muslim Brüdern nahestehenden
Gruppen zusammenschloß. Erst 1954 entsteht so eine gemeinsame
Organisation die sich den Namen al-Ikhwan al-Muslimun gibt.
Die
neu aufgebaute Organisation bildete "(noch) keine poltitische Partei.
Die enge Anbindung an Ägypten wurde jedoch nach und nach aufgegeben,
besonders wegen der Verfolgung der ägyptischen Muslimbrüder während der
Präsidentschaft Nassers."
Bereits
vor der Unabhängigkeit des Sudan traten die Muslim-Brüder für eine
islamische Verfassung des neuen Staates ein.
In
der ersten demokratischen Phase des unabhängigen Sudan 1956 - 1958 wurden
die Muslim-Brüder nicht selbst als Partei aktiv, "sondern unterstützten
bei den Parlamentswahlen Anfang 1958 in den einzelnen Wahlkreisen
denjenigen Kandidaten, der die Idee einer islamsichen Verfassung guthieß".
Nach
dem Militärputsch General Abbuds wurden die Ikhwan al-Muslimun zwar nicht
verboten - sie waren ja keine politische Partei - aber sie mußten nach
einem kritischen Artikel ihre Zeitung al-Balagh einstellen.
Der
damalige Führer der Muslim-Bruderschaft Rashid al-Tahir Bakr wollte
daraufhin "die Muslim-Brüder mit dem Militär verbinden und mit dem
Vorwand, das Regime zu unterstützen, eine Miliz aufbauen."
Das Führungsgemium der Ikhwan lehnte dieses Vorhaben jedoch ab und
pledierte sich eher wieder der Bildung und Erziehung der Bevölkerung
zuzuwenden. Rashid al-Tahir Bakr nahm daraufhin eigenmächtig Kontakt mit
einigen Offizieren auf um mit diesen einen Putsch zu planen, welcher
jedoch vorzeitig aufgedeckt wurde. Die in die Putsch-Vorbereitungen
involvierten Offiziere wurden hingerichtet, Rashie für fünf Jahre in
Haft genommen, was einen schweren Rückschlag für die Muslim-Bruderschaft
bedeutete. Ebenso wurde die - seit Jahren von den Ikhwan dominierte -
Khartoum University Student Union vom Regime aufgelöst, existierte aber
informell weiter.
In
der sogenannten Oktoberrevolution, die 1964 zum Sturz General Abbuds führte,
waren schließlich die Muslim-Brüder neben den Kommunisten die wichtigste
Bewegung die für den Sturz des Militärdiktators kämpfte.
In
dieser Zeit gewann auch der spätere Generalsekretär der Ikhwan, Dr.
Hasan Abd Allah al-Turabi an Einfluß innerhalb der Organisation. 1962 war
der 1932 in Kassala geborene Turabi nach seinem Studium endgültig aus dem
Ausland in den Sudan zurückgekehrt. Er war zu diesem Zeitpunkt schon zehn
Jahr lang in der Führung der Ikhwan aktiv, hatte aber durch seine langen
Aufenthalte in Europa keinen großen Einfluß gehabt.
Nun konnte er aber mit seiner Erfahrung aus Europa und seinem Doktortitel
einer europäischen Universität schnell an Einfluß gewinnen. "Er prägte
bald das Politbüro indem er die jungen militanteren Mitglieder um sich
sammelte"
und war schließlich die treibende Kraft bei der Gründung einer
politischen Partei nach dem Sturz von General Abbud. 1964 wurde von den
Muslim-Brüdern die Jabhat al-mithaq al-islami (Islamic Charter Front) gegründet, deren
Generalsekretär (al-amin al-amm) schon bald Hasan al-Turabi hieß.
Die
neue Partei setzte sich für einen islamischen Staat ein. Opposition
"to the Sudan Communist party and the Nasser regime in Egypt became
the main occupation of the organisation after 1964."
Vorerst
war Turabi vor allem mit seinem militanten Antikommunismus erfolgreich.
Nachdem es 1965 zu
Studentenunruhen und Massendemonstrationen der Muslim-Brüder gegen die
Kommunisten gekommen war erreichte die Islamic Charter Front
die Änderung der Verfassung, indem u.a. kommunistische und
atheistische Propaganda verboten wurde.
Dies hatte den Ausschluß von acht kommunistischen Abgeordneten aus dem
sudanesischen Parlament und das Verbot der Kommunistischen Parteizur
Folge. Turabi konnte daraufhin stolz verkünden: "In 1966 we
persuaded parliament to dissolve the Communist Party. It was only the
second time in history that a Communist Party had been dissolved in a
liberal democracy."
Nachdem
Sadiq al-Mahdi 1966 Muhammad Ahmad Mahjub als Premierminister abgelöst
hatte, arbeitete die Islamic
Charter Front im Verfassungskomittee mit, da die auch von Mahdis
Umma-Partei unterstützte Idee einer Islamischen Verfassung umsetzen
sollte. Diesem Versuch eine Islamische Verfassung umzusetzen kam jedoch
der Putsch der Freien Offiziere unter Gafaar Muhammad Numairi zuvor.
In
den ersten Jahren waren die "religiös-politischen Formationen der
Ikhwan und der Ansar (der Anhänger des Mahdi, die das Rückgrat der
Umma-Partei bilden) [...] waren erbitterte Gegner des neuen Regimes,
obwohl nur die Ikhwan gleich nach der Machtübernahme Demonstrationen
organisierten und Flugblätter verteilen. Ihre Opposition wurde allerdings
gewaltsam gebrochen und führende Muslimbrüder wurden verhaftet."
Beide
Gruppierungen arbeiteten in der Folge eng im Untergrund zusammen und
versuchten ein System disziplinierter Untergrundzellen aufzubauen.
"Sharif Husain al-Hindi traf sich mit führenden Muslimbrüdern im
Ausland, um von dort den Widerstand zu organisieren. Laut Muhammad Wayi
Allah waren die Muslimbrüder dabei sehr engagiert. Angeführt vom
Muhammad Salih Umar kauften sie Waffen, schmuggelten sie von Äthiopien
aus in den Sudan und trainierten die Ansar in ihrem Gebrauch."
Schließlich
erlitt diese Allianz von Ansar und Muslimbrüder bei dem Massacre ob Aba
Island im März 1970 eine vernichtende Niederlage. Hunderte Anhänger der
Muslim-Bruderschaft und der Ansar kamen auf der Insel im Nil - die die
Zentrale der Ansar beherbergt - durch Angriffe der Luftwaffe ums Leben.
Die nunmehr geschlagenen religiös-politischen Gruppierungen konnten in
der Folge nur noch kleinere Unruhen - wie die Revolution of Sha´aban -
auslösen, waren aber im wesentlichen geschlagen bis es 1977 zur
nationalen Versöhnung kam.
Seit
dem Juli 1977 kehrten Sadiq al-Mahdi, Ahmad al-Mahdi, Ahmad al-Mirghani -
der Chef des Khatmiya-Ordens und der damit verbundenen Democratic Union
Party - und schließlich auch Hasan al-Turabi nach Khartoum zurück und
bekamen ihren Platz im Machtsystem Numairis zugewiesen.
Dies führte jedoch auch zu internen Konflikten innerhalb der
Muslim-Bruderschaft. "Während Turabi Mitglied der Einheitspartei,
der Sudanese Socialist Union (SSU)
wurde, blieb eine große Gruppe um Sadiq Abdallah Abd al-Majid in der
Opposition, da sie Numairi für korrupt und seine islamischen Attitüden für
heuchlerisch hielten."
Diese
Spaltung der Muslim-Bruderschaft konnte nie mehr völlig gekittet werden.
Während in Europa diese Spaltung kaum zur Kenntnis genommen wurde, so
bleibt doch festzuhalten, daß Turabi seit seiner Versöhnung mit dem
Militärregime nicht mehr mit der Muslim-Bruderschaft Abd al-Majids
gleichzusetzen ist. Turabis Anhänger sollten deshalb ab dem Ende der
Siebzigerjahre nicht mehr ohne Zusatz als Muslim-Brüder bezeichnet
werden.
Turabi
und seine Anhänger stiegen innerhalb des Regimes schnell zu einer
wichtigen Größe auf, da sich Numairi seit seinem Bruch mit der
sudanesischen Linken, den Kommunisten und den arabischen Nationalisten
mangels einer eigenen politischen Basis nun zunehmend auf die
islamisch-integralistischen Muslim-Brüder und die
traditionalistisch-islamischen Ansar stützte. 1979 schließlich kam
Turabi auf "the key post of attorney general, which put him in charge
of the review of laws to make them conform to Shariah."
Als
sich aber Numairi im Sommer 1983 endgültig entschloß, die verstärkte
Islamisierung des Landes durchzusetzen und im September 1983 die Scharia
einführte (Septembergesetze), "waren die Muslim-Brüder im Gegensatz
zu der in der westlichen Literatur weit verbreiteten Meinung [...] nicht
beteiligt gewesen, auch nicht beratend."
Die
Einführung der Scharia als einzige Quelle der Gesetzgebung brachte eine
Revision vieler Gesetze, die in Einklang mit Koran und Sunna gebracht
werden mußten, sowie die volle Anwendung der hudud, der Körperstrafen.
Im
Zuge der Einführung der Scharia und der Islamisierungspolitik Numairis
betrieb die Muslim Bruderschaft schließlich auch immer erfolgreicher ihre
Kampagne gegen die links-islamisch-integralistische Konkurrenz, die
Republikanischen Brüder Mahmud Mohammad Tahas, zu dessen Hinrichtung im Jänner
1985 die Anhänger Hasan al-Turabis, einen bedeutenden Betrag leisteten.
Der
Einfluß der Muslim-Brüder-Fraktion Hasan al-Turabis - die sich offiziell
als islamische Ausrichtung
innerhalb der Staatespartei SSU organisierten - wuchs in den
Achzigerjahren auch über die Islamischen Banken und die islamische
Dachorganisation der StudentInnen al-Ittihad
al-islami (Islamische Allianz) - so stark an, daß sich die Wut der
Bevölkerung, die im April 1985 im revolutionären Sturz Numairis führte
auch gegen die islamische Ausrichtung Hasan al-Turabis wendete.
Der
Revolution gegen Numairi folgte eine Übergangsregierung, die die
Entscheidung über die Beibehaltung oder Abschaffung der Septembergesetze
vorerst vertagte.
Die
Rückkehr zum Mehrparteiensystem ermöglichte der Muslim-Brüder-Fraktion
Hasan al-Turabis im Mai 1985 die Gründung einer politischen Partei, der al-Jabha al-ilamiya al-qawmiya , der National Islamic Front (NIF).
"Es scheint, daß alle oder fast alle Mitglieder der Muslimbrüder
auch Mitglieder der NIF wurden. Darüber hinaus gab die NIF vor, auch
andere islamische Gruppen zu vertreten, d.h. nicht alle Mitglieder der NIF
waren auch Muslimbrüder."
Durch starken politischen Aktivismus, finanzielle Unterstützung aus
Saudi-Arabien und von Islamischen Banken, sowie die bereits vorhandenen
Strukturen aus der Numairi-Zeit gelang es der NIF sich relativ bald wieder
zu erholen und in der Öffentlichkeit als stärker zu erscheinen als sie
in Wirklichkeit war. Sie "wurde mehr oder weniger als Nachfolgerin
der Muslimbruderschaft früherer Tage betrachtet."
Bei
den ersten Parlamentswahlen, im April 1986, konnte die NIF sich mit 20%
hinter der Umma-Partei und der DUP als drittstärkste Kraft etablieren.
Die
NIF konnte vor allem in urbanen Gebieten ihre Mandate gewinnen: "thirteen
in Khartoum region, four each in the central and northern regions, three
in Kordofan, two in Darfur and one in the eastern region."
Auch
dieses Wahlergebnis spiegelt aber nicht die reale Stärke der NIF im Sudan
wieder. Im Großteil des Südsudan - wo die NIF mit nur sehr wenigen
Stimmen rechnen hätte können - waren aufgrund des Bürgerkrieges die
Wahlen nicht durchführbar. Weite Teile des Südens wurden 1986 von der
SPLA John Garangs kontrolliert. Zusätzlich "DUP - and Umma to a
lesser extent - ran more than one candidate in many districts, thereby
splitting party votes and generally benefiting the NIF candidate. In the
few cases where parties arranged informal electoral alliances, they proved
highly effective, for example, in blocking the election of two senion
leaders of NIF, Hasan al-Turabi and General Secretary Yasin Umar al-Imam,
and ensuring the election of Nuba leader Ghabboush and SCP leader Nuqud."
Die
nun beginnende "dritte demokratische Phase (1986 - 1989) war ebenso
wie die zweite (11964 - 1969) dadurch charakterisiert, daß hauptsächlich
die Ikhwan die Verabschiedung einer Verfassung verhinderten."
Die
wichtigste Frage stellte letztlich der Umgang mit der Scharia, den
Septembergesetzen dar. Die Regierungskoalition aus Umma und DUP hatte sich
vorerst geeinigt diese Septembergesetzt einzufrieren, da die Umma-Partei -
wie natürlich auch die oppositionelle NIF - für deren Beibehaltung
eintrat, während die DUP für eine Abschaffung eintrat.
Die
Frage der Abschaffung der Septembergesetze stellte schließlich auch den
Schlüssel zur Beendigung des Bürgerkrieges im Südsudan dar. Für John
Garang, den Führer der SPLA (Sudanese Peoples Libaration Army) und SPLM
(Sudanese Peoples Liberation Movement), war die Abschaffung der Scharia
eine conditio sine qua non zur Beendigung für die Unterzeichnung eines
Friedensabkommen.
Ein
Abkommen zwischen Garang und Umma-Chef Sadiq al-Mahdi vom März 1986
scheiterte schließlich jedoch nicht nur an der NIF, sondern auch an der
DUP, die selbst zwei Jahre später im November 1988 fast das gleiche
Abkommen mit John Garang schloß, das diesmal nicht ratifiziert wurde, da
es außer der NIF von der Umma-Partei zurückgewiesen wurde.
Im
April 1988 wurde schließlich die NIF in die Koalitionsregierung Sadiq
al-Mahdis aufgenommen. "Dieser Schritt äußerte sich nach außen hin
darin, daß Sadiq al-Mahdi in seinen Reden radikaler wurde, dan Jihad
gegen die Rebellen im Süden und die Einsetzung der Scharia
forderte."
Nach
heftigen Auseinandersetzung über die Frage der Scharia und das Abkommen
der DUP mit der SPLA löste Sadiq al-Mahdi im März 1989 die Regierung auf
und legte "ein Interimsprogramm vor, das alle Parteien außer der NIF
unterzeichnteten, da in ihm das Addis-Abeba-Abkommen mit der SPLA von 1988
ausdrücklich bestätigt wurde."
In
dieser Situation stellte sich die NIF in scharfer Opposition gegen die
Regierung und als am 30.Juni 1989 die Septembergesetze endgültig
abgeschafft werden hätten sollen, kam dem ein Militärputsch unter Umar
Hasan al-Bashir zuvor, bei dem ein von Bashir geleiteter Revolutionary
Command Council for National Salvation (RCCNS) die Macht übernahm.
Bis
heute ist unklar wie weit die NIF unter Hasan al-Turabi in diesen Putsch
involviert war. Während von einer Reihe von AutorInnen und in vielen
Gesprächen mit SudanesInnen die Ansicht vertreten wird, Hasan al-Turabi
habe direkt den Putsch Umar al-Bashirs angezettelt, vertreten ander
wiederum die Position Turabi habe nur davon gewußt oder gar Turabi sei
erst nach dem Putsch auf den rollenden Zug aufgesprungen. Jedenfalls wurde
Turabi wie alle anderen Parteichefs anfänglich unter Hausarrest gestellt
und die NIF wie alle Parteien aufgelöst. Schon bald zeigte sich aber, daß
die Ideen der Putschisten nicht weit von jenen der NIF lagen und ehemalige
NIF-Funktionäre - inclusive Hasan al-Turabi - schnell in wichtige
Positionen gehieft wurden.
Generalleutnant
Umar Hasan Ahmad al-Bashir underlined the aim of creating an Islamic state
and emphasized the officers´ close relationship with NIF:
"We
upheld the Islamic trend from the beginning. An Islamic organization was
created in the Armed Forces hen the Communists tried to overthrow te
Numairi regime in 1971. When the revolution began [in July 1989] ... the
ladership of the NIF met and decided to... join the autoities. We needed a
number of cadres.... We are trying to apply the [Islamic] texts gradually
and intend to establish an Islamic state in Sudan.... We have programms
for comprehensive Islamic daw´a [call]."
Das
neue Regime versuchte nun also mit der Unterstützung der ideologisch
geschulten AnhängerInnen Hasan al-Turabis den Sudan in einen islamischen
Staat umzuwandeln. Eine parteilose Demokratie, in der die wichtigsten
Prinzipien eines islamischen Staatsaufbaues, die Schura
(Beratung) und die Direktwahl des Staatsoberhauptes verwirklicht sein
sollten wurde angestrebt. "Popular Committees became at the Basic
Levelin quarter, village or area while the Council, Proince, State and
National Congreß be on the highest level respectively."
Volks- und Sektoralkonferenzen wurden für einzelne regionale oder
thematische Bereiche geschaffen. Aus Delegierten der Volks- und
Sektoralkonferenzen setzte sich wiederum auf nationaler Ebene der rund
4.800 Abgeordnete umfassende National Congress zusammen. Delegierte dieses
National Congreß bildeten gemeinsam mit direkt gewählten Abgeordneten
wiederum das höchste Legislativorgan des Landes, die 400 Mitglieder
umfassende Nationalversammlung.
1993
löste sich der RCCNS wieder selbst auf und 1996 wurde das System schließlich
mit der Direktwahl des Präsidenten - die Umar al-Bashir mit 75,7% gegen
40 andere Kandidaten gewann - vervollständigt.
Die
ehemaligen Mitglieder der NIF spielten im neuen System eine bedeutende
Rolle. Hasan al-Turabi galt bis zu seinem Machtkampf und seinem Sturz
durch Umar al-Bashir als der Chefideologe des Regimes und der Rat der
Vierzig in dem Turabi ehemalige NIF-Parteigrößen um sich sammelte galt
als das reale Machtzentrum des Regimes.
Die
Islamisierung des Systems konnte nur mit massiver Repression gegen
politische GegnerInnen durchgesetzt werden. Politische Gefangene, Folter
in inoffiziellen Gefängnissen, sogenannten Geisterhäusern, aber auch
Widerstand von Gewerkschaften, religiösen Bruderschaften und StudentInnen
sind seit der Machtergreigung Umar al-Bashirs an der Tagesordnung.
Die
hadd-Strafen werden natürlich auch unter dem Bashir-Regime trotz
Verurteilung durch die Arabische Menschenrechtsorganisation (AOHR) in
Kairo angewendet. "Sudanesische "Spezialisten" lassen sich
in Saudi-Arabien in modernen Amputationsmethoden ausbilden. Im Januar 1990
wurden zwei sechs Jahre zuvor wegen bewaffneten Raubüberfalls Verurteilte
gekreuzigt. Gruppen die gegen die Anwendung der Scharia Wiederstand
leisten, werden aufgelöst; so z.B. die sudanesische Sektion der AOHR und
die sudanesische Anwaltsvereinigung."
Als
einziger Staat der von einer aus der Muslim-Bruderschaft stammenden
Regierung regiert wurde konnte der Sudan seit 1989 auch einen wichtigen
Einfluß auf andere sunnitisch-integralistische Bewegungen in Afrika und
der Arabischen Welt ausüben.
Innerhalb
des Sudan war die politische Basis des Regimes jedoch so schwach, daß es
sich ab Mitte der Neunzigerjahre verstärkt um eine partielle
Reintegration der Opposition in das Regime bemühte. Dies führte
einerseits 1998 zu einem Friedensvertrag mit einem Teil der
Rebellenorganisationen des Südsudan - jedoch nicht mit der größten
Gruppe um John Garang - in dem der Bevölkerung des Südsudan das Recht
zugesichert wurde "to determine their political aspirations and to
pursue their economic, social and cultural development is hereby
affirmed."
Eine Volksabstimmung soll nach einer Übergangsfrist über die Optionen
Unity oder Secession entscheiden.
Auch
Versöhnungsgespräche mit einzelnen Gruppen der Oppositionsallianz, der National Democratic Alliance (NDA) - die sich wenige Monate als
Zusamenschluß aller Oppositionsparteien, Gewerkschaften und andern
Organisationen der Zivilgesellschaft gebildet hatte - führten zu gewissen
Ergebnissen. Vor allem mit der Umma-Partei Sadiq al-Mahdis stand in
November 1999 eine vollständige Einigung unmittelbar bevor.
Am
30. Juni 1998 trat schließlich eine neue Verfassung in Kraft und mit dem
Jahreswechsel ein neues Parteiengesetz, das "die Bildung von
politischen Vereinigungen (at-tawali as-siyasi) [...] wie in der
Verfassung vorgesehen"
wieder zuläßt, aber nicht den arabischen Terminus "hisb" für
Partei verwendet. Trotzdem wurden dadurch eine Reihe von Parteien
wiederzugelassen, darunter auch echte Oppositionsparteien, wie die
ehemaligen Rebellen um Reik Machar und seine "United Democratic
Salvation Front"
und selbst der ehemalige Militärdiktator Numairi kehrte am 22. Mai 1999
aus seinem Exil in Kairo in den Sudan zurück und gründete dort eine
kleine politische Vereinigung.
Gleichzeitig
wurden jedoch auch die Interessensgegensätze innerhalb des Regimes immer
stärker. Während etwa Turabi bereit war den Südsudan wirklich in die
Unabhängigkeit zu entlassen um im Norden einen islamischen Staat
errichten zu können, hatte das Militär um Umar al-Bashir damit seine
Probleme. Der Großteil der Auseinandersetzungen war jedoch nicht
inhaltich bedingt, sondern rührte von einem persönlichen Machtkampf
zwischen Turabi und Bashir. Der offizielle Staatspräsident Umar al-Bashir
wollte offensichtlich immer mehr seine graue Eminenz und seinen ehemaligen
Förderer Turabi loswerden und zum wirklich starken Mann des Sudan
aufsteigen. Am Sonntag, den 12. Dezember 1999 spitzte sich dieser
Machtkampf so weit zu, daß Umar al-Bashir das Parlament auflöste, Turabi
als Parlamentspräsident absetzte, ihn unter Hausarrest stellte und eine
dreimonatigen Ausnahmezustand verkündete. Turabi bezeichnete dieses Manöver
als Putsch von oben und rief zum Widerstand dagegen auf.
Wie
dieser Konflikt jedoch weitergehen wird ist noch nicht absehbar. Während
Sadiq al-Mahdi vor einem internen Bürgerkrieg warnt, sehen andere
Oppositionelle schon das Ende des integralistischen Regimes gekommen.
NDA-Sprecher und SCP-Mitglied Abu-Eissa hält es hinhgegen auch für möglich,
daß obwohl alles nach Sieg der Bashir-Fraktion aussieht "we should
noch exclude the scenario that this might als be a palace coup in
agreement with Torabi in order to claim that the regime is making a fresh
start to eradicate ist malpracticies over the past 10 years."
Am
28. Dezember verkündigte Bashir schließlich die Wiederzulassung aller
Oppositionsparteien. Verhandlungen zwischen Bashir und Turabei fanden in
Qatar statt, Treffen mit den Staatschefs der Nachbarstaaten in Libyen und
Ägypten.
Sollte
sich der Konflikt zwischen Turabi und Bashir nicht beruhigen sondern
weiter zuspitzen ist eine völlige Eskalation des Konfliktes aber erst
nach dem Ende des Ramadan zu erwarten.
5.
2. Geschichte der Republikanischen Brüder
Auch
die Republikanischen Brüder stellen eine islamisch-integralistische
Bewegung des Sudan dar, allerdings eine mit ganz anderen Inhalten als die
Muslim-Brüder.
Die
Geschichte dieser islamischen Reformbewegung ist jedoch keine
Erfolgsgeschichte die mit der Machtergreifung endete, sondern eine die
(vorerst) mit der weitgehenden Zerschlagung der Bewegung endete.
Die
Republikanischen Brüder waren bis zur Hinrichtung ihres religiös-politischen
Führers sehr von der Persönlichkeit Mahmud Muhammad Taha geprägt.
Geboren wurde Ustad Mahmud nach eigener Angabe 1909 oder 1911 in einer
muslimischen Familie in Rufa´a, einer Stadt am Ostufer des Blauen Nil.
"Die familiäre Religiösitiät hat zweifellos den Werdegang Tahas
nachhaltig beeinflußt."
Taha kommt religiös wohl aus dem im Sudan weit verbreiteten Umfeld an
Sufi-Bruderschaften, eine Zugehörigkeit seiner Familie zu einer
bestimmten tariqa ist jedoch nicht bekannt. Er selbst gehörte jedenfalls
keiner der traditionellen Bruderschaften an.
Taha,
der an der Schule für Ingeneurswesen am Gordon Memorial College in
Khartoum studiert hatte, arbeitete nach seinem Studienabschluß 1936 als
Wasserbauingeneur für die sudanesische Eisenbahngesellschaft in Atbara.
Die kommunistische beieinflußte Athmosphäre unter den Arbeitern und
Eisenbahnern in Atbara dürfte Taha in seinen politischen Überlegungen
nachhaltig beeinflußt haben. Taha beschäftigte sich während seiner Zeit
in Atbara mit Logik und Philosophie, las Marx und Hegel und befaßte sich
mit mathematischer Logik. Gleichzeitig beschäftigte sich Mahmud Taha aber
auch mit Vertretern des traditionellen, "islamischen Erbe, unter
denen al-Gazzali, Ibn al-Arabi und al-Hallag herausragen."
Seit
Tahas Zeit im Gordon College engagierte sich Taha auch für die Unabhängigkeit
des Sudan. Er kritisierte dabei die Kompromißbereitschaft der meisten
Intellektuellen des Sudan. Schließlich da er weder für einen Sudan unter
britischer Oberaufsicht (das
Ziel der Umma-Partei) noch für eine administrativ-politische Einheit mit
Ägypten war (wie die Asiqqa-Partei), schloss er sich keiner dieser
Gruppen an, sondern gründete 1945 - zusammen mit einigen anderen
Intellektuellen - "die Republikanische Partei (al-Hizb
al-gumhuri), deren Vorsitz er übernahm."
Die
politischen Ziele der Republikanischen Partei bestand v.a. in der
Erichtung einer unabhängigen föderalistischen Republik Sudan, in der ein
demokratischer Sozialismus individuelle Freiheit und vollkommene soziale
Gerechtigkeit garantieren sollten.
Strategisch übten sich die Republikaner vor allem in Propaganda durch öffentliche
Rede auf Plätzen, in Kaffehäusern, Moscheen,..., sowie durch die
Verteilung von Flugblättern. Schon früh kamen die Republikaner dabei in
Konflikt mit der britischen Kolonialverwaltung. Nach einer seiner Aktionen
wurde Taha und einige seiner Genossen im März 1946 wegen
regierungsfeindlicher Propaganda verhaftet. Taha - der sich weigerte eine
Garantie zu unterschreiben, die ihn verpflichtete künftig auf politische
Betätigung zu verzichten - wurde von einem britischen Standrichter zu
einem Jahr Haft verurteilt, allerdings bereits nach fünfzig Tagen wieder
entlassen. In der Haft hatte sich Mahmud Taha als noch gefährlicher
erwiesen als in Freiheit, da seine Haft nur die antibritische Stimmung im
Lande anheizte.
Im selben Jahr wanderte Mahmud Muhammad Taha jedoch wiederum für zwei
Jahre hinter Gitter. Die Republikaner kämpften gegen ein neues britisches
Gesetz, das nicht nur die traditionelle pharaonische Mädchenbeschneidung
verbot, sondern auch die ausführenden Frauen unter Strafandrohung
stellte. Die Republikaner wendeten sich zwar auch gegen die pharaonische
Beschneidung, wollten deren Abschaffung aber nicht durch Strafe der
betroffenen Frauen, sondern durch Aufklärung und Propaganda erreichen. Im
britischen Gesetz sahen sie primär eine Möglichkeit ein Land das um
seine Unabhängigkeit kämpft international als Rückständig zu
diskreditieren.
Im
Kampf gegen dieses Gesetz rief Taha schließlich in einer Predigt zum
Gihad gegen die Briten auf, woraufhin die Bevölkerung zu Tausenden zum
Verwaltungszentrum eines Distrikts gingen um die Freilassung einer nach
dem Gesetz verurteilten Frau zu fordern. Die britische Kolonialverwaltung
reagierte mit Härte. "Unter der Anklage der Volksaufwieglung wurde
Taha als Anführer der Revolte mit der höchsten Strafe von zwei Jahren
Haft und einem zusätzlichen Jahr polizeilicher Überwachung belegt."
Die
Zeit dieses Gefängnisaufenthaltes sollte schließlich entscheidend für
die Herausbildung von Tahas Islamverständnis werden. Während seines Gefängnisaufenthaltes
und zweier weiterer Jahre freiwilliger Zurückgezogenheit unterzog sich
Taha strengen sufistischen Praktiken des Fastens, Betens und Meditierens.
Dabei pflegte er ähnlich wie Ghandi in Indien eine Praxis die einer
Mischung aus politischem Protest und religiöser Praxis nahekam und ein
Zwischending aus Hungerstreik und Fasten glich. Tahas Anhängern gilt dies
als Wendepunkt ihrer Geschichte in der Taha schließlich seine Konzeption
von der zweiten Botschaft des Islam entwickelte. Die politischen Aktivitäten
der Republikanischen Partei ruhten während der Gefangenschaft Tahas und
seiner freiwilligen Isolation um danach umso aktiver für die neu
gewonnenen Erkenntnisse in aufklärerischer Propaganda in der Bevölkerung
zu werben.
Ab
1951 traten die Republikanischen Brüder - obwohl sie sich immer noch als
Reublikanische Partei bezeichneten - mit der neuen Botschaft des Islam an
die Öffentlichkeit und bildeten von da an eine religiös-politische
Bruderschaft mit einem antilegalistischen, humaniteren Islamverständnis.
Nach
der Unabhängigkeit des Sudan im Jahre 1956 beteiligten sich die
Republikaner nie an Parlamentswahlen. Auch ihre Mitarbeit in der
Kommission zur Erarbeitung einer permanenten Verassung war nur von äußerst
kurzer Dauer, "nachdem bereits in der ersten Sitzung der Kommission
deutlich geworden war, daß die von Ansar und Hatmiya dominierte Regierung
Einfluß zu nehmen suchte."
Die
Republikaner konzentrierten sich auch in der Folge auf die Verbreitung
ihrer Ideen und lebten in Hausgemeinschaften ihre Form des Islam, die sich
stark an den Praktiken des traditionellen Sufismus im Sudan orientierte,
veranstaltenen dikr - rituelle Gedenktänze - und "bezogen
spirituelle Poesie und hymnische Gesänge in ihre Methoden zur
Verinnerlichung von Inahlten der Lehre und ihrer Bewegung ein."
Den
beiden Militärputschs standen die Republikaner nicht von Anfang an
ablehnend gegenüber. "Schon den militärischen Umsturz General
Abbuds am 17. November 1958 hatten sie nicht generell verurteilt"
- obwohl die Politik Abbuds schließlich den Vorstellungen der
Republikaner völlig zuwiederlief - und der Militärputsch von Gafaar
al-Numairi wurde von den Republikanern sogar eher begrüßt. Mit dem
Putsch der Freien Offiziere Gafaar al-Numairis kamen schließlich
politische Kräfte an die Macht, denen die Republikaner einen
gesellschaftlichen Wandel zutrauten. Der Putsch wirkte für die
Republikaner aus zwei Gründen befreiend: einerseits war wenige Tage ein
Attentasversuch auf Mahmud Tata verübt worden, andererseits hatte die
Mehrparteienregierung der zweiten demokratischen Periode mit dem Verbot
der Kommunistischen Partei und der Einschränkung der Meinungs- und
Glaubensfreiheit bereits den Weg zu einem konservativen Islam beschritten,
der gegen das Islamverständnis der Republikanischen Brüder gewandt war.
Ein erstes Verfahren gegen Taha wegen Glaubensabfall fand im November 1968
statt.
Mit
dem Numairi-Regime gab es in den ersten Jahren einige Berührungspunkte.
Solange Numairi sich auf einen arabischen Sozialismus berief und einen
Teil seiner politischen Basis in der sudanesischen Linken sah, hatten die
Republikanischen Brüder eine relativ gute Ausgangspolition. Da sich die
Organisation nun auch offiziell als Republikanische Brüder bezeichnete
und nicht mehr als Partei betrachtete konnte sie auch im gegensatz zu
anderen Parteien bestehen bleiben. Jedoch "seit dem Loyalitätsverlust
im linken Spektrum, durch die Zerschlagung der Kommunistischen Partei
1971, war zu beobachten, daß Numairi verstärkt auf den Islam als Mittel
der Legitimation zurückgriff."
Als
Numairi sich schließlich in den Achzigerjahren - wie bereits im Kapitel
über die Muslim-Bruderschaft beschrieben - zunehmend den Muslim-Brüdern
annäherte wurden "small ideological and regional groups such as the
communists, Nuba Mountain Group, Republican Brothers, and Ba´thists"
zum Ziel der Repression des Militärregimes.
Insbesondere
die stärker ins Regime integrierten Muslim-Brüder arbeiteten auf die
Ausschaltung ihrer islamisch-integralistischen Rivalen hin, da sich die
Republikanischen Brüder gegen die geplanten Scharia-Gesetze Numairis
wehrten. Dies hatte zur Folge, daß einige Monate vor der "September
declaration the Republican Brothers had fallen out of the regime´s favour
and some of their leaders were jailed, including Mahmud Muhammad Taha
himself. They were released shortly bevore September 1983, only to be
re-arrested when they pronounced their opposition to the new laws."
Nachdem
am 29. April 1984 ein Bombenflugzeug einen Angriff auf Omdurman flog,
nutzte Numairi die Gelegenheit den nationalen Ausnahmezustand auszurufen.
In der Folge kam es zu einem rapiden Anstieg standrechtlicher
Vollstreckungen von Schariats-Strafen. Die "unter dem Ausnahmezustand
gebildeten Notstandsgerichte vollstreckten zwischen August 1984 und März
1985 mehr als einhundert Amputationen wegen Diebstahlsvergehen und
Tausende von Auspeitschungen wegen angeblicher Verstöße gegen das
Alkoholverbot."
In
diesem Klima des Terrors, das die Endphase der Militärherrschaft Numairis
begleitete kam es zum zweiten Apostasie-Prozeß gegen Mahmud Muhammad
Taha. Taha wurde am 18. Jänner 1985 offiziell wegen erwiesener Apostasie
hingerichtet. In erster Instanz war jedoch von Apostasie nur indirekt
"die Rede gewesen; in der Urteilsbegründung wurden dann aber die
religiösen Überzeugungen der Republikanischen Brüder zur Begründung
herangezogen, nicht jedoch die Delikte gegen den Staat, die ja de jure der
eigentliche Grund für die Anklage hatten sein sollen."
Das Verfahren gegen ihn strotzte somit auch nach damals gültigem
sudanesischen Recht von Verfahrensfehlern und Rechtsbrüchen, selbst der
sudanesischen Verfassung. Aber auch nachdem das Urteil nach einer Reihe
von Rechtsbeugungen gefaßt worden war, hätte es nach sudanesischem Recht
nicht vollstreckt werden dürfen. Taha war nämlich keine tauba-Frist - in
der er die Möglichkeit des Widerrufes gehabt hätte - gewährt worden und
der damals mindestens vierundsiebzig Jahre alte Taha hätte nach
sudanesischem Recht - das die Hinrichtung von über Siebzigjährigen auf
jeden Fall untersagte - niemals tatsächlich Exekutiert werden dürfen.
Die
Hinrichtung ihres relgiös-politischen Führers schwächte die
Republikansichen Brüder sehr, führte aber nicht zu ihrer Auflösung.
Schließlich trug die Hinrichtung des weit über den Kreis seiner engeren
AnhängerInnen beliebten und bekannten, großen alten Mannes wesentlich
zum baldigen Sturz Numairis bei. Die Rückkehr zum Mehrparteiensystem
brachte jedoch nicht den Siegeszug der Republikanischen Brüder mit sich,
sondern eine Restauration der alten Parteien, im Wesentlichen der den
Ansar nahestehenden Umma-Partei und die der Khatmiya nahestehende DUP.
Mit
dem Militärputsch der Erzrivalen und Feinde der Republikanischen Brüder
vom 30. Juni 1989 kam es zu einer neuen Unterdrückungswelle gegen die
verbliebenen Mitglieder der Republikanischen Brüder. Die Organisation
scheint zwar im Untergrund und im Exil zumindest partiell
weiterzubestehen, ihre reale Stärke ist aber kaum abzuschätzen.
6.
Ein Vergleich der Islamkonzeptionen der Muslim Brüder und
Republikanischen Brüder
Letztlich
vertreten beide Bewegungen - die Muslim Brüder und die Republikanischen
Brüder - eine jeweils unterschiedliche Spielart des islamischen
Integralismus. Beide wollen eine Gesellschaft die auf islamischen Grundsätzen
beruht, einen Islam der nicht nur din(Religion),
sondern auch dawla
(Gemeinwesen/Staat) ist. Beide Bewegungen verbinden ihre Vorstellungen
einer islamischen Gesellschaft auch mit einer antiimperialistischen
Agitation, die den islamsichen Sudan vor imperialistischen Westen befreien
soll.
Was
nun aber unter dieser islamischen Gesellschaftsordnung die beide
Bewegungen anstreben zu verstehen ist, unterscheidet die beiden ebenso
stark voneinander, wie die Frage des Weges der zu solch einer
Gesellschaftsordnung führen soll.
6. 1. Der sunnitische Integralismus der Muslim-Bruderschaft
Beide
Fraktionen der sudanesischen Muslim-Bruderschaft bauen mit ihren Ideen auf
den Positionen des ägyptischen Gründers der Muslim-Bruderschaft, Hasan
al-Banna auf. Islam ist für sie Staat und Religion. Islam ist für sie
nicht primär eine religiöse Überzeugung, sondern ein System des öffentlichen
und rechtlichen Lebens.
Während
die traditionalistische Fraktion der Muslim-Bruderschaft - die unter
diesem Namen nach dem neuen Parteiengesetz auch eine politische
Vereinigung gegründet hat - dabei ein strikt konservatives Festhalten an
den festgefügten sunnitischen Rechtsschulen vertreten, ist inbesondere
die Turabi-Fraktion der Muslim-Bruderschaft dabei in einigen Bereichen
eher modernistisch.
Beide
Fraktionen vertreten aber keine Rückkehr ins Mittelalter wie dies in der
Europäischen Berichterstattung über Fundamentalisten immer wieder
geschrieben wird, sondern eine alternative oder halbe Moderne.
Turabi
fordert zum Beispiel die Wiedereröffnung des Itschtihad ein, des
Analogieschlusses in der Rechtsfindung. Diese Möglichkeit des
Analogieschlusses hatte dem Islamischen Recht in den ersten Jahrhunderten
eine Dynamik geschaffen, die es dem damals in Europa üblichen Recht weit
überlegen machte, schlief aber mit dem Schließen der Tore des Itschtihad
durch immer mehr Rechtsgelehrte des Vierzehnten und Fünfzehnten
Jahrhunderts ein. Dieses Schließen der Tore des Itschtihad wird heute als
eine der wesentlichen Entwicklungen betrachtet, die die islamische Welt in
der Konkurrenz zum christlichen Europa nach der Niederlage Grenadas ins
Hintertreffen geraten ließen.
Turabi
weiß aber, daß mit den Rechtsforschriften des Spätmittelalters kein
Rechtssystem für das 21. Jahrhundert machen läßt. Turabi focusiert
immer wieder auf den Punkt, daß Islam "is essentially a progressive
religion that welcomes any change (e g. material progress), the facilities
of which Muslims can utilise for the worship of God. Yet for Muslims to be
able to do so it si important to swing the door of ´ijtihad wide open for
all uslims who are willing and competent, and then to rationalise and
co-ordinate their findings through regular consultations under the
auspices and guidance of Islamicised authorities that could then enforce
th consensus of the ´ulama."
In
allen Fragen die jedoch bereits einmal gelöst sind halten beide
Fraktionen der Muslim-Brüder an der traditionellen Scharia fest.
Auf
dem Weg zu solch einem modernen, islamischen Rechtssystem "al-Turabi
amphasised the necessity and perhaps primacy of an Islamic (political)
revolution which would then pave the way for the required revolution in
jurisprudence."
Turabis
Ideal des Islam ist "not just God is one, absolutely one, but also
existence is one; also life is one. All life ist just one programm of
worship. Whether it is economics, politics, sex, private, public or
whatever. And society is also one. So unitarism is a fundamental principle
that explains almost every aspect of doctrinal or practical Islam."
Dieses
unitaristische Weltbild führte immer wieder zu Konflikten zwischen Turabi
und den Ideen der westlichen Demokratie. Mit dem Prinip der shura
(Beratung) in der islamischen Staatstheorie kann jedoch auch ein
demokratisches Grundelement eines islamischen Staates ausgemacht werde.
Das
Verhältnis von Turabis Ikhwan zur Demokratie änderte sich je nach den
eingenen Einflußmöglichkeiten immer wieder. "In the early part of
Nimeiri´s rule, Ikhwan linked their cause inextricably with that of
democracy, and achieved their first breakthrough in Sudanese politics by
leading the struggle for democracy."
Bereits in der zweiten demokratischen Periode waren es aber insbesondere
die Ikhwan die sich für das Verbot der sudanesischen KP stark gemacht
hatte und spätestens seit dem Militärputsch von 1989 muß das taktische
Verhältnis Turabis zur Demokratie deutlich sein. Wenn er sich nun nach
seiner Absetzung und der Ausrufung des Ausnahmezustandes durch Umar
al-Bashir wieder zum großen Demokraten stilisiert, der gegen den Putsch
Bashirs kämpft steht dies in genau dieser Tradition eines taktischen
Umganges mit der Forderung nach Demokratie.
Daß
Turabis Positionen eher Positionen einer alternativen Moderne als nur
eines konservativen Festhaltens an Gegebenem sind zeigt seine Position
gegenüber Frauen. Für Turabi ist "segregation of women [...]
definitely not a part of Islam. This is just conventional, historical
Islam. It was totally unknown in the model of Islam or the text of
Islam."
Turabi hält nicht nur das traditionelle islamische Bildungsideal auch für
Frauen offen, sondern betont auch, daß alle Ebenen der Politik diesen
offen stünden: in Parliament, as ministers, as judges.
Daß in der Praxis der Frauenanteil in wichtigen Positionen viel geringer
ist als jener der Männer, sollte zwar kritisiert werden, ist aber kein
spezifisch sudanesisches oder islamisches Problem. Auch in Österreich
brachte die rechtliche Gleichstellung von Frauen bisher keine
gesellschaftliche Gleichstellung mit sich.
Den
relativ fortschrittlichen Aussagen Turabis steht jedoch die Ungleichheit
von Frauen und Männern im islamischen Eherecht gegenüber, an dem für
Turabi ja nicht zu rütteln ist, ja dessen Festigung im Rahmen der Scharia
immer integrales Ziel der Muslim-Brüder war. Auch die Polygynie wird von
Turabi verteidigt. "The Quran is categoric on polygamy, but the world
is going in the direction of polygamy anyway de facto, if not de jure.
English law now recognizes cohabitation as a legal relationship."
Wie
in Ägypten entstand auch im Sudan eine eigene Frauenorganisation
Muslim-Brüder, die Muslim Sisters, die trotz aller theoretischer
Gleichberechtigung "das Ziel hatten die Frauen wieder zu ihrer
angestammten häusliche Rolle zurückzuführen."
6.
2. Der Reform-Integralismus der Republikanischen Brüder
Mit
den Muslim-Brüder einigt die Republikanischen Brüder die Vorstellung, daß
Islam eben nicht nur eine religiöse Vorstellung ist, sonder auch eine
Grundlage für eine Gesellschaftsordnung ist. Die Islamvorstellung Mahmud
Muhammad Tahas orientiert sich im Gegensatz zu jener Hasan al-Turabis aber
nicht primär am offiziellen Schriftislam der einzelnen Rechtsschulen,
sondern eher an des sufistischen Traditionen des sudanesischen Volksislam.
Mit
der Idee der zweiten Botschaft des Islam, schuf Taha eine sehr originäre
Islaminterpretation, die aber weit über das bloße verwischen von Gegensätzen
zwischen Volks- und Schriftislam hinausgeht. "Die zentrale These
Tahas, auf der seine Forderung nach einer Reformierung des islamischen
Rechts basiert, besagt, daß Muhammad mit dem Koran gleich zwei
Botschaften Gottes übermittelt habe, von denen die erste, in Medina
geoffenbarte und aus konkreten und detailierten Gesetzesbestimmungen (furu´)
bestehend, speziell für die islamische Gemeinschaft des siebten
Jahrhunderts gedacht und daher von zeitlich begrenzter Gültigkeit gewesen
sei, während die zweite Botschaft, in Mekka verkündet, die grundlegenden
Prinzipien der Religion (usul ad-din)
beinhalte und als solche von ewigem Wert im Gegensatz zur ersten Botschaft
heute noch maßgeblich sei."
Tatsächlich
ist zwischen den mekkanischen und den medinensischen Suren des Quran ein
systematischer Unterschied zu erkennen. In Medina - wo Muhammad als
Richter (qadi) tätig war - haben die Suren einen wesentlich stärker
politischen und rechlichen Charakter als in Mekkah. Bei den mekkanischen
Suren geht es eher um Mystik und grundlegende ethische Werte. Diese
Grundlegenden ethischen Werte sind nun für Taha die zweite Botschaft des
Islam, die zeitlose Gültigkeit für sich beanspruchen kann, während die
konkreten rechlichen Vorgaben des siebten Jahrhunderts heute ihre Gültigkeit
auch dann verloren haben, wenn sie quranischen Ursprunges sind.
Im
Gegensatz dazu will Taha von den Prinzipien der Religion (usul
ad-din) ein modernes, zeitgemäßes islamisches Recht neu herleiten.
Die
Grundlegenden Prinzipien der Religion faßt Taha wie folgt zusammen:
"Das
grundlegende Prinzip (al-asl) im
Islam ist, daß jeder Mensch frei ist [...], denn die Freiheit ist ein natürliches
Recht (haqq tabi´i) dem die
Pflicht zum verantwortlichen Umgang mit der Freiheit (husn
at-tasarruf fi l-hurriya) entspricht.
Das
grundlegende Prinzip im Islam ist Gemeinschaftlichkeit des Besitzes (suyu´al-mal) zwischen allen Menschen.
Das
grundlegende Prinzip im Islam ist vollkommene Gleichberechtigung (al-musawat
at-tamma) zwischen Männern und Frauen."
Mit
diesen Positionen nähert sich Taha - ohne explizit davon zu sprechen -
den den europäischen Menschenrechten zugrndeliegenden Werten ebenso an,
wie sozialistischen Vorstellungen, die das Gemeineigentum betonen. Wenn er
von der Freiheit als natürliches Recht spricht so erinnern diese
Argumente an die Naturrechtsdebatte der europäischen Aufklärung.
Seine
Sozialismusvorstellungen klingen oft etwas nebulös und sind sicherlich
nicht auf marxschem Gedankengut fußend, versuchen aber einen eigenen
islamischen Sozialismus zu schaffen.
Für
Taha heißt Sozialismus, "that people share the wealth of the
earth."
Konkret definiert Taha seinen "wissenschaftlichen Sozialismus"
den er von selbigem marxistischen Begriff unterscheidet über zwei
Prinzipien:
"first
increased production from such resources as minerals, agriculture, animal
wealth and industry by means af science, technology, and administration;
and second, equitable distribution involving the way that the minimum
limit is guaranteed to every citizen, including children, old people, and
the disabled, at a level sufficient to sustain dignified human
existence."
Taha
ist mit dieser Sozialismusdefinition weit davon entfernt Wertproduktion
und Eigentum an sich abschaffen zu wollen. Vielmehr will er eine
Angleichung von Einkommen und Besitz um in sich geschlossene Klassen zu
verhindern: "The gap between maximum and minimum income must not be
wide enough to create a higher class which refuses to marry from the
lower-income class. [...] No citizen should own anything individually
except a house and surrounding garden, furniture, a car. The key here is
that no one should be allowed to own anything that permits the
exploitation of one citizen´s labor to increase the income of
another."
Der
Gleichbereichtigung der Frauen mißt er einen wichtigen Platz zu. Immerhin
ist dies für ihn ein Grundprinzip des Islam. "Bei Ehen zwischen
Republikanischen Brüdern und Schwestern wird ein Vertrag unterzeichnet,
der Polygamie ausschließt und der Frau das Recht auf Scheidung
gibt."
Gesetze
dienten für ihn schließlich in der islamischen Umma des siebten
Jahrhunderts primär als Erziehungsmaßnahme für Menschen die noch nicht
den Entwicklungsstand der gegenwärtigen Menschheit erreicht haben. In
seinem Evolutionsmodell sind nun die Muslime fähig die Grundprinzipien
der Religion ohne die strikten Gesetzt der islamischen Frühzeit zu leben.
Der Islam sollte nur noch durch friedliche Mission und aktives Vorleben
einer islamischen Ethik verbreitet werden.
Auch
in der persönlichen Religionsausübung geht Taha - wie viele islamische
Mystiker der verschiedensten Sufi-Orden - davon aus, daß Muslime die
einen bestimmten Grad an religiöser und ethischer Entwicklung erreicht
haben, nicht mehr unbedingt an die äußeren Riten des Islam gebunden
sind, sondern eine höhere Stufe der religiösen Praxis erreicht haben, in
der nicht mehr die strikte Einhaltung von Gebetszeiten oder des
Fastenmonats von Wichtigkeit ist, sondern die individuelle oder
gemeinschaftliche mystische Gotteserfahrung.
Tahas
Islamkonzeption ist also viel weniger an äußerlich-formalisierte
Religionausübung und an den Gesetzesislam gebunden als die eines Hasan
al-Turabi. Weil Taha dies aber islamisch begründet und an sich ein
genauso islamisch-integralistisches Weltbild vertritt wie
Hasan al-Turabi wurden die Thesen der Republikanischen Brüder zu
einem Hauptfeindbild der Muslim-Brüder und einer Reihe anderer
konservativer Muslime.
Genau
das könnte ihn aber langfristig zu einem bedeutenden Denker und
Wegbereiter einer islamischen Moderne machen, die sich aus ihren eigenen
geistigen Resourcen speisend den Problemen und Herausforderungen der
Moderne auf eine zukunftsweisende Art
stellen will.
7.
Conclusio
Letztlich
sind beide hier geschilderten islamisch-integralistischen Bewegungen
unterschiedliche Antworten auf die Herausforderung die der Kolonialismus
und Imperialismus aber auch die Moderne der Islamsichen Welt stellt.
Gerade
wenn etwa die ähnliche soziale Basis beider Bewegungen - die gebildeten,
modernen und urbanen Bevölkerungsschichten - betrachtet wird, wird klar,
daß es sich bei beiden Bewegungen nicht um finstere Konservative des
Mittelalters handelt, sondern um Gruppierungen die auf unterschiedliche
Art und Weise eine islamsche Moderne kreieren wollen. So gesehen sind
beide Gruppierungen Moderner als die traditionalistischen islamischen
Parteien des Sudan, die Umma-Partei und die DUP.
Daß
die Wandlungsprozesse die sich im Sudan abspielen mit gravierenden
Problemen verbunden sind - die keineswegs nur im Sudan selbst gemacht
werden - ist klar. Wer jedoch einmal den Sudan bereist hat und mit den
Menschen in diesem Land gesprochen hat muß feststellen, daß Kritik und
politisches Interesse auch in Kleinstädten weit verbreitet ist und in der
Bevölkerung sehr wohl das Potential liegt eine interessante und lebendige
Zivilgesellschaft aufzubauen, die sich noch stärker gegen staatliche
Repression und Fremdbestimmung wehrt als dies bereits der Fall ist.
ABU-LUGHOD,
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