Wissenschaft und
Hochschulen im Nationalsozialismus: Konrad Lorenz und die Ethologie
Von Mary Kreutzer
Inhaltsverzeichnis
I. Vorwort 2
II. NS-Hochschulpolitik 4
III. Naturwissenschaften im Nationalsozialismus 7
IV. Konrad Lorenz und die Vergleichende Verhaltensforschung 10
V. Zur Biographie von Lorenz 11
VI. Ideologie in den Schriften von Lorenz 16
VII. Popularisierte und „reine“ Wissenschaft anhand der
Vergleichenden Verhaltensforschung 22
VIII. Schlußbemerkung 25
Bibliographie 26
Anhang 1 28
Anhang
2 29
I. VORWORT
Über die Zeit des Nationalsozialismus gibt es zu
verschiedensten Themenbereichen massenhaft Literatur. Nicht wirklich fündig
werden die Suchenden unter dem Schlagwort „Wissenschaftsgeschichte des 3.
Reiches“ sowie deren Randbereiche, etwa „Hochschulen im NS“ oder
„Wissenschaftspolitik im NS“.
Mehrtens und Richter (1980:8) begründen diese Lücke
mit der Scheu, an solchen Themen die traditionellen Genzen
wissenschaftsgeschichtlicher Forschung zu sprengen.
Denn es ergibt sich das Problem, wie die ForscherInnen
in ihren jeweiligen Fächern dem hergebrachten Anspruch auf Objektivität und die
scharfe Abgrenzung gegen alles „Außerwissenschaftliche“ in der Aufarbeitung und
Rekonstruktion der eigenen Vergangenheit wahren sollen. Die Rede einer
„Lauterkeit wissenschaflichen Erkennens“, die an sich schon kritisch zu
hinterfragen ist, gerät in der Folge in noch gröbere Widersprüche:
Sind WissenschaftlerInnen keine politisch handelnden
Menschen?
Gab/gibt es die „reine Wissenschaft“, die „gute“
versus die „böse Wissenschaft“?
Gab es im NS eine „neue Wissenschaft“? Wo liegen die
Kontinuitäten davor und danach?
Sind wissenschaftliche Texte auch Taten?
Während der Lektüre zum und des Schreibens am
gewählten Thema, wurde mir die auch von Mehrtens und Richter (1980:14)
konstatierte Penetranz der Sprache nationalsozialistischer Ideologie teilweise
unerträglich. Das alleinige Unter-Anführungszeichen-Setzen dieser Sprache der
Vernichtung genügt jedoch nicht. Es gilt auch in der heutigen Sprache, Anleihen
an damals, die sich hinter der Maske sogenannter „neu-rechter“ Terminologie zu
verstecken suchen und so ihre weiters vorhandenen AdressatInnen erreichen, zu
enttarnen und zu bekämpfen.
Was wollten
politische und wissenschaftlich Machthaber voneinander?
Die alte totalitaristische Auffassung, die versucht,
das NS-Regime mit dem System der DDR zu vergleichen und damit zu verharmlosen,
kommt heute wieder in Diskussion. Verglichen wird etwa mit der Behauptung, es
handle sich bei beiden um monokratische[1]
Regime, und nicht etwa um polykratische[2]
Formen der Herrschaft.
In diesem Sinne und um die vielen Zentren der
Herrschaft sichtbar zu machen, gilt es im Rahmen der NS-Wissenschaftsgeschichte
u.a. zu erforschen, welche Teile welcher Wissenschafter[3]
welche Unterstützung welches Regimes bekamen.
Anhand der Vergleichenden Verhaltensforschung sowie
eines ihrer prominentesten Vertretern, Konrad Lorenz, soll eine Annäherung an
die Beantwortung dieser Fragen vorgenommen werden, sowie neue Aspekte, z.B.
jenem der Popularisierung der Ethologie[4]
und deren Intention andiskutiert werden.
II. NS-Hochschulpolitik
Das „Gesetz zur
Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933, eines der ersten und
wichtigsten Gesetze des neuen Regimes, schuf die Voraussetzungen für die schon
begonnenen Diskriminierungen und Entlassungen an Hochschulen und Universitäten
und war neben der Einführung des „Führerprinzips“ Teil des Prozesses der
Gleichschaltung der Universitäten.
Beamte[5]
„nichtarischer Abstammung“, „jüdisch versippte“, sollten, soweit sie nicht
„Frontkämpfer“[6] im ersten
Weltkrieg waren, pensioniert werden, und: „Beamte, die nach ihrer bisherigen
politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit
rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen
werden“[7].
Nach § 3 des
BBG wurden Jüdinnen und Juden und sogenannante jüdische Mischlinge als
„Nichtarier“ entlassen, dazu gehörten Personen mit wenigstens einem jüdischen
Großelternteil. Das Reichsbürgergesetz, eines der Nürnberger Gesetze vom
September 1935, hob nicht nur die Vergünstigungen für jüdische Frontkämpfer
auf, sondern stellte auch Nichtjuden, die nach dem 1.7.1933 einen Juden bzw.
eine Jüdin geheiratet hatten „Nichtariern“ gleich.[8]
In Österreich wurden die deutschen Gesetze unmittelbar
nach dem „Anschluß“ am 13. März 1938 in Kraft gesetzt. „Nichtarier“ wurden
gemeinsam mit den politisch unerwünschten Personen bereits im April entlassen.
Noch im März legten alle „arischen“ Hochschullehrer einen Eid auf Hilter ab.[9]
Lundgreen[10]
beleuchtet vier Aspekte der
NS-Hochschulpolitik:
1. Die Umgestaltung der Hochschulverfassung nach dem „Führerprinzip“,
also die Übertragung von früheren Entscheidungsbefugnissen der Fakultäten bei
Habliotation, Beförderung und Berufung auf den Rektor. Dieser wurde nun nicht
mehr gewählt sondern vom Reichserziehungsminister ernannt und zum „Führer“ der
Universität bestellt. Das „Führerprinzip“ wurde an Deutschlands Universitäten
im Herbst 1933, in Österreich im März 1938 eingeführt.[11]
2. Umgestaltung des Lehrkörpers durch „Säuberungen“ und politische
Rekrutierungspraxis.
3. Politisierung der wissenschaftlichen Disziplinen durch Orientierung an
„völkischen“ Gesichtspunkten.
4. Instrumentalisierung von Forschung und Entwicklung für den „Endsieg“.
Durch das „Führerprinzip“, welches von
einzelnen Länderregierungen schon vor Erlaß der „Richtlinien zur
Vereinheitlichung der Hochschulverwaltung“ seitens des Reichs- und Preußischen
Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung (RMWEV) vom 1.4.1935 an
stelle der akademischen Selbstverwaltung eingeführt wurde, war die Autonomie
der Hochschulen aufgehoben worden.[12]
Direkt unter dem Reichswissenschaftsminister standen
die „Dozentenschaft“ und die „Studentenschaft“, ebenfalls vom
Reichswissenschaftsminister ernannt.
Diese zentralisierte Umstrukturierung der deutschen
Hochschule bedeutete eine Entmachtung
der Ordinarien.
Die Personalpolitik
war nicht nur vom vom „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“
und dessen tragischen Konsequenzen für die betroffenen WissenschaftlerInnen[13]
bestimmt. Ab nun galten die Kriterien
zur Berufung von Professoren, Dozenten und Assistenten nach Kriterien ihrer
politischen Zuverlässigkeit oder ihrer Verdienste in der Parteiarbeit. Man
setzte auf die Rekrutierung politisch zuverlässige Hochschullehrer[14].
Weiter Aspekte der NS-Personalpolitik an Hochschulen war die neue
Reichshabilitationsordnung, die die Lehrberechtigung künftig an antisemitische
und politisch motivierte Grundregeln koppelte. Ähnliches galt für die Besetzung
von Dozenten- und Assistentenstellen.
Erst vor kurzem wurde in der Geschichtsschreibung der
Wissenschaften damit begonnen, die Darstellungen eines Niedergangs der
Wissenschaften im Nationalsozialismus im Sinne einer Dominanz von pseudowissenschaftlichen Ansätzen zu
bezweifeln.
Anhand verschiedener Biographien zeigt die vorhandene Literatur die
aktive Teilnahme von WissenschaftlerInnen aller Bereiche am
nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzug gegen Jüdinnen und Juden, Roma und
Sinti, Geisteskranke und Homosexuelle. Der Mythos von Rasseeigenschaften und
Erblichkeit, mit dem sie diese Verbrechen wissenschaftlich zu begründen suchten,
mußte ihnen nicht vom Regime aufgezwungen werden. Sie selbst drängten sich im
Namen wissenschaftlicher Objektivität in die obersten Ränge der Universitäten
und der Forschungseinrichtungen. Es kam zu keinem „Mißbrauch“ der Wissenschaft durch
den Nazionalsozialismus, vielmehr suchten die meisten WissenschaftlerInnen
aktiv nach verschiedensten Formen von Kollaboration und Verflechtungen mit dem
System.[15]
Die Konstruktion des „Mißbrauchs“ ist analog zur Schuldabweisformel „Hitler benutzte das deutsche Volk“ zu
sehen. Wissenschaft und Technik sind keine in ihrem Wesen apolitische,
wertneutrale Instrumente oder Werkzeuge.
Die Nationalsozialisten gaben selbst die „völkische Wissenschaft“ (z.B.
die „Deutsche Physik“) auf, sobald diese den instrumentellen Nutzen nicht
stiften konnte.[16]
Die Auswirkungen der 1933 eingeführten restriktiven Hochschulzulassungspolitik[17]
führte zu Engpässen, die sich nicht mehr beseitigen ließen.
Die verschiedenen Zentren
der Macht, die untereinander konkurierenden Personen und Organisationen,
können am Beispiel der Hochschulen und der wissenschaftlichen Einrichtungen
beobachtet werden. „Bei Machtkämpfen
konnte einerseits die etablierte Wissenschaft ihre professionelle Autonomie
weitgehend wahren, z.T. in Koalition mit der Großindustrie.“[18]
Andererseits habe die vordergründige Orientierung an der Produktionsausweitung
im Rüstungsbereich eine schwerwiegende Vernachlässigung der
technisch-wissenschaftlichen Forschung und Entwicklung zur Folge gehabt.
Der 1937 gegründete Reichsforschungsrat (RFR) stellt im Rahmen des Vierjahresplanes von
1936 einen eigenen Versuch der Forschungslenkung von Grundlagenforschung des
Reichswissenschaftsministeriums dar und sollte im Bereich der Rüstung,
industrieller Produktion und Autarkie in den Rohstoffen greifen.[19]
Die Deutsche Forschungs Gemeinschaft
(DFG) war faktisch auf die Geisteswissenschaften beschränkt.
Es kam zu permanenten Machtkämpfen und auch Görings
Versuch, den RFR 1942 neu zu beleben, die Wissenschaft als Mittel im Kampf um
den „Endsieg“ einzusetzen, scheiterte.[20]
III. Naturwissenschaften
im Nationalsozialismus
Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des
Berufsbeamtentums“ vom 7.4.1933[21]
begannen auch in den Naturwissenschaften die Verfolgung und Vertreibungen.
Bereits 1935 war fast jeder fünfter Naturwissenschaftler aus seiner Stellung
vertrieben[22]. Unter
ihnen Albert Einstein und Fritz Haber.[23]
Den fehlenden Widerstand, den nicht vorhandenden Protest gegen den
antisemitischen Terror auf den Universitäten und wissenschaftlichen Instituten
auch unten den Naturwissenschaftlern beschreibt Mehrtens zwar, fährt jedoch mit
der Feststellung fort, nur wenige Naturwissenschaftler seien Anhänger der
Nationalsozialisten gewesen. Den Beweis für seine These bleibt er jedoch
schuldig. Verharmlosend fügt er hinzu:
„Die
meisten hofften wohl, daß Hitler Deutschland aus der politischen Misere der
Weimarer Republik und aus der Krise der Wirtschaft herausführen könnte und daß
der „braune Sturm“, die Auswüchse des Regimes, sich bald legen würde. Sie
schwiegen aus Unbeweglichkeit, aus Pflichtgefühl, aus Patriotismus oder aus
politischer Blindheit und sahen hilflos der Vertreibung ihrer jüdischen
Kollegen zu.“[24]
Wieso „hilflos“? Tatsächlich kam es auf den
Universitäten zu keinem lauten Protestschrei. Die wenigen mutigen Ausnahmen,
die Mehrtens anführt, zeigen jedoch um so deutlicher, daß es 1933 möglich war,
gegen das neue Gesetz zu protestieren ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Den
Menschen in dieser Situation „Hilflosigkeit“ zu attestieren, heißt die Augen
vor den Hintergründen zu schließen, eine Entschuldigung zu suchen, die selbst
„hilflos“ wirkt.
Eine weitere Szene des wissenschaftlichen Umfeldes aus
dem Jahr 1933, die mehr über die Stellung der Wissenschaft um 1947 aussagt,
dokumentiert „Geheimrat“ Prof. Max Planck in dem 1947 publizierten Bericht über
seine Vorsprache bei Hitler.[25]
Planck, damals President der Kaiser Willhelm Gesellschaft, inszeniert sich
dabei sich als geheimer Widerstandskämpfer[26],
als mutiger Verteidiger „wertvolle(r)“
Juden - die er von den „wertlose(n)“ Juden unterschied – „ (...) unter ersteren alte Familien mit bester
deutscher Kultur, und daß man doch Unterschiede machen müße.“ Das von ihm
beschriebene Eintreten für seinen jüdischen Kollegen Fritz Haber begründet er
auch nach ´45 nicht etwa mit einem Protest oder mit moralischer Empörung gegen
die antisemitische Hetze und Repression an den Universitäten und anderen
Forschungseinrichtungen, sondern mit der „Verwertbarkeit“ Habers, „ohne dessen Verfahren zur Gewinnung des
Ammoniaks aus dem Stickstoff der Luft der vorige Krieg von Anfang an verloren
gewesen wäre.“ Die Rede von geistigem Kapital, von deutscher Kultur, vom
Kampf für das Vaterland sowie sein elitäres Selbstverständnis zeichnen als
Beispiel für die Kontinuität der Wissenschaft nach 1933.
„Im
historisch-politischen Bewußtsein der meisten deutschen Hochschullehrer stellte
zweifellos `1918/20´ jene Zäsur der Entzweiung dar, nicht `1933´.“[27]
Die heutige Max-Planck-Gesellschaft (MPG) wurde
unter dem Namen Kaiser
Wilhelm-Gesellschaft (KWG) 1911 in Berlin, motiviert von Vertretern der
Wissenschaft, des Staates und der Industrie, gegründet und sollte überwiegend
privat, v.a. durch die Industrie, finanziert werden.
Mit dem Argument, die Einführung des „Führerprinzips“
sowie die Entlassung aller jüdischen Senatsmitglieder würde starke Kritik des
Auslands provozieren, kam es nicht gleich 1933 zur offiziellen
„Gleichschaltung“ - im Unterschied zu den meisten privaten und wirtschaftlichen
Verbänden – diese folgte 1937. Einstweilen kam zu einer vorauseilenden
„Selbsgleichschaltung“, indem nur ein Teil der Senatsmitglieder ausgewechselt
wurde und Generaldirektor Glum glaubte, den neutralen und wissenschaftlichen
Charakter der KWG gerettet zu haben.
Ute Deichmann beschreibt, wie die offiziellen Kommentare
des Präsidenten der KWG, Max Planck, die aktive Rolle der KWG bei den
Vertreibungen verschleiern und die Bereitschaft vieler Wissenschaftler der KWG,
sich problem- und widerspruchslos der nationalsozialistischen Politik
unterzuordnen, verdeutlichen.[28]
IV. Konrad Lorenz und die Vergleichende Verhaltensforschung[29]
Niko Tinbergen, Konrad Lorenz und Erich v. Holst
gelten als die Pioniere in der Entwicklung der Ethologie, d.h. der
Vergleichenden Verhaltensforschung, als naturwissenschaftliche Disziplin. Sie
faßten Vorläuferkonzepte und eine Vielzahl einzelnder Hypothesen über das
tierische Verhalten zu einer Theorie zusammen.
Andere zeitgenössische Strömungen in der
Verhaltensforschung, wie z.B. der Behaviorismus, unterschieden sich
grundlegend von der ethologischen Lehre. Der Behaviorismus versuchte, alle
Verhaltensweisen auf unbedingte und erlente Reflexe zurückzuführen und somit
als umweltbdingt anzusehen. Lorenz wollte hingegen beweisen, daß
Instinktbewegungen nicht durch Lernen zu beeinflussen seien.[30]
Die Ethologie grenzte sich weiters vom Vitalismus[31]
ab, welcher den Instinkt als ein richtungsgebender Faktor angesehen wurde, der
dem angeborenen Verhalten des Tieres ein Ziel setzte. Die Ethologie lehnte
jedoch die Möglichkeit einer Veränderung angeboreren Verhaltensweisen ab und
beharrte auf der absoluten Starrheit der Instinktbewegungen.
Lorenz lehnte auch die damals bei einigen
Tierpsychologen verbreitete psycholamarckistische[32]
Auffassunge ab, nach der die Fähigkeit höherer Tiere zu freien Entscheidungen
einen wichtigen Faktor beim Artenwandel in der Evolution darstellte.
Seine Arbeit „Über den Begriff der
Instinkthandlung“ von 1937 gilt als Beginn der vergleichenden
Verhaltensforschung als eigenständiger Disziplin. Seine These von der
„arterhaltendenden Zweckmäßigkeit“ der Instinkthandlungen, die sich nach
neueren Erkenntnissen der Verhaltensbiologie nicht aufrechterhalten lässt,
findet sich noch in vielen Schul- und Lehrbüchern der Biologie. Die von der
natürlichen Selektion positiv bewerteten Verhaltensweisen sind nach neueren
Erkenntnissen der Evolutionsbiologie nicht auf die Erhaltung der Art oder das
Gemeinwohl des Volkes gerichtet. Sowohl kooperative Verhaltensweisen als auch
solche, die die Art oder die Population schädigen, können adaptiv sein. Durch
naturwissenschaftliche Analysen lassen sich keine sittlichen Normen des
menschlichen Zusammenlebens aufstellen.
V. Zur Biographie von Konrad Lorenz
In Österreich, wo der Katholizismus einen großen
Einfluß auf die Wissenschaftspolitik ausübte, hatte Lorenz (1903 – 1989)
anfangs Schwierigkeiten, anerkannt und finanziell unterstützt zu werden, da
seine Forschung im wesentlichen Teilen eine evolutionsbiologische Ausrichtung
einnahm. „Eine besondere Förderung ist in Österreich bei ihm schwer möglich,
da hier aus Gründen der Weltanschuung der herrschenden Kreise die Biologie eher
unerwünscht als erwünscht ist, und ganz besonders die Richtung, in der Lorenz
so trefflich arbeitet.“[33]
schreibt Fritz Knoll, o. Professor für Botanik in Wien, am 17.10.1937 an den
Genetiker Fritz von Wettstein.
Auch im nationalsozialistischen Deutschland begann
seine Kariere nicht plötzlich und steil, sondern allmählich.
Er pomovierte im Anschluß an sein
Medizinstudium in Zoologie und Psychologie zum Dr.phil. und wurde 1933 Assistent
am Anatomischen Institut der Universität Wien bei Ferdinand Hochstetter, wo er
sich 1935 habilitierte.
Taschwer (2000) beschreibt wie sich der Zulauf
bei den Studierenden am Beginn seiner Vorlesungstätigkeit in engen Grenzen
hielt: „Im gesamten Studienjahr 1939/40 blieb seine Hörerzahl unter fünf.“
Sein erster Antrag auf Finanzierung seiner
Forschung 1937 bei der DFG wurde
abgelehnt, da seine „Abstammung“ sowie seine politische Gesinnung in Frage
gestellt wurde. Vermutlich spielte diese in Zeiten der Regierung Schuschnigg
eine Rolle. Bereits ein Jahr später, nachdem etliche Fachkollegen für ihn
intervenierten und ihm trotz seines fehlenden politischen Engagements sehr wohl
Nähe und Sympathie zum Nationalsozialismus, auch was seine Forschungsinhalte betraf,
attestierten, erhielt er Stipendien und Beihilfen des DFG.
1940 wurde er zum o. Professor und Direktor des
Instituts für vergleichende Psychologie an der Uni Königsberg berufen. Es half
ihm dabei sein Freund Otto Köhler (Ordinarius für Zoologie in Königsberg), der
wie Lorenz zu den Biologen zählte, die sich in vielen Veröffentlichungen für
rassenpolitische Ziele des Nationalsozialismus einsetzten. „Adolf Hitler glaubt daran, daß das deutsche
Volk leben will. Wir Biologen wissen: wenn ein Volk nur so ernst will, daß es
aus dem Wollen zum richtigen und erfolgreichen Handeln übergeht, so wird es
leben.“[34]
Lorenz behauptete nach 1945 wiederholt, sich
immer von der Politik der Nationalsozialisten ferngehalten zu haben, er sei
naiv und gutgläubig gewesen. „Und ich habe mich ja auch vor aller Politik
gedrückt, weil ich mit meinen Problemen beschäftigt war. Auch vor einer
Auseinandersetzung mit den Nazis habe ich mich in sehr verächtlicher Weise
gedrückt, ich hatte einfach keine Zeit dazu(...)Andererseits: Wenn ich
mich frühzeitig meiner politischen Pflichten erinnert hätte, hätte ich viele
dinge, für die ich den Nobelpreis bekommen habe, nie geschaffen.“[35]
Lorenz trat der NSDAP bereits 1938 bei und
wurde darüber hinaus Mitarbeiter des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP mit
Redeerlaubnis.
Der Wissenschaftsjournalist und Biologe
Benedikt Föger hat vor kurzem im Österreichisen Staatsarchiv Lorenz´s
Ansuchen um Migliedschaft bei der NSDAP gefunden:
“Ich war als Deutschdenkender und Naturwissenschaftler
selbstverständlich immer Nationalsozialist und aus weltanschaulichen Gründen
erbitterter Feind des schwarzen Regimes (nie gespendet oder geflaggt) und hatte
wegen dieser auch aus meinen Arbeiten hervorgehenden Einstellung
Schwierigkeiten mit der Erlangung der Dozentur. Ich habe unter Wissenschaftlern
und vor allem Studenten eine wirklich erfolgreiche Werbetätigkeit entfaltet,
schon lange vor dem Umbruch war es mir gelungen, sozialistischen Studenten die
biologische Unmöglichkeit des Marxismus zu beweisen und sie zum
Nationalsozialismus zu bekehren. Auf meinen vielen Kongress- und Vortragsreisen
habe ich immer und überall mit aller Macht getrachtet, den Lügen der
jüdisch-internationalen Presse über die angebliche Beliebtheit Schuschniggs und
über die angebliche Vergewaltigung Österreichs durch den Nationalsozialismus
mit zwingenden Beweisen entgegenzutreten. Dasselbe habe ich allen ausländischen
Arbeitsgästen auf meiner Forschungsstelle in Altenberg gegenüber getan.
Schließlich darf ich wohl sagen, daß meine ganze wissenschaftliche
Lebensarbeit, in der stammesgeschichtliche, rassenkundliche und
sozialpsychologische Fragen im Vordergrund stehen, im Dienste
Nationalsozialistischen Denkens steht.”[36]
Taschwer, der einen Artikel dazu in der
Wochenzeitschrift „Der Falter“ publizierte und auch den Antrag veröffentlichte,
schrieb: „(...)selten zuvor konnte dessen Nazi-Anhängerschaft so explizit
belegt werden wie durch diese am 28. Juni 1938 eigenhändig gemachten ´Angaben
über sonstige Tätigkeiten für die NSDAP´“.[37]
Ein weiteres Zitat aus einem Brief von Lorenz
an den Ornithologen[38]
Erwin Stresemann vom 26. März 1938 untermauert diese Tatsache um ein weiteres:
„Sie können sich keine blasse Vorstellung davon
machen, in welcher Ausnahme- und Feststimmung selbst so unpolitische Burschen
wie wir sind. Wie ich in Berlin so oft sagte: Man muß 5 Jahre unter der
Regierung der schwarzen Schweinehunde gestanden haben, um ein ,Deuschland
erwache' mit der vollen Intensität zu erleben. Ich glaube, wir Östereicher sind
die aufrichtigsten und überzeugtesten Nationalsozialisten überhaupt! Man muß im
Grunde genommen den Herrn Schuschnigg und Konsorten dankbar sein, denn ohne
ihre unbeabsichtigte Hilfe wären die faulen und ihrem Nationalcharakter nach
besonders meckerbereiten Österreicher lange nicht so schnell, gründlich und
nachhaltig zu Hitler bekehrt worden. Und das sind sie jetzt wirklich und
zweifellos!"[39]
1941 wurde er zum Kriegsdienst als
Heerespsychologe einberufen. 1942 kam er als Neurologe und Psychiater ins
Posener Reservelazarett.
In Posen
wirkte er als Psychologe an psychologischen Untersuchungen im Rahmen des
Arbeitskreises „Eignungsforschung“ mit, die die „Reichsstiftung für deutsche Ostforschung“ auf Anregung amtlicher
Stellen an Posener „deutsch-polnischen Mischlingen“ und Polen durchführte. Ihr
Auftrag war es „eignungspsychologische und charakterologische
Wertigkeitsuntersuchungen an deutsch-polnischen Mischlingen und Polen, Gliedern
der Gruppe III und IV der Deutschen Volksliste Posen sowie an der polnischen
Stadtbevölkerung von Posen“ durchzuführen. Die Untersuchungen umfaßten 877
Personen und fanden von Mai bis September 1942 statt.
Ergebnisse der Untersuchungen waren u.a., daß sich
die deutsche und polnische Grundstruktur weitgehend ausschließe. Deutsche
Erbsubstanz unterscheide sich von polnischer durch „Durchsetzigkeit, Abhängigkeit, energetische Dynamik und erschwerte
Dynamik“. Polen seien charakterisiert durch: „Erschlossenheit für die Fülle des Lebens, Lebensangst, triebhafte
Dynamik, vitale Wurzelarmut“. Bei der Analyse der Leistungsfähigkeit
„deutsch-polnischer Mischlinge“ wurde als Ergebnis formuliert, daß die „deutsche Anlage zur Werkfähigkeit bei der
Mischung weitgehend verloren geht“.
Weiters: „...substanzielle
Schäden einer Mischung bedeuten nicht nur eine unbequeme und schwer zu lenkende
Bevölkerung, sondern eine weitgehende Störung auch des praktischen und
zivilisatorischen Lebens.“[40]
Neben seiner Tätigkeit am Forschungsprojekt
schrieb er sein Buch „Die angeborenen Formen möglicher Erfahrungen“
fertig, indem er u.a. Degenerationserscheinungen auf „die Veränderung, die Ausschaltung, ja in manchen Fällen die radikale
Umkehrung auslesender und ausmerzender Umwelteinflüsse“ zurückführte und
eine „bewußte, wissenschaftlich
unterbaute Rassenpolitik“ forderte.[41]
Lorenz nahm an diesen Untersuchungen sogar
ehrenamtlich teil. Weder er noch andere erwähnten später diesen Abschnitt
seiner Biographie.
Lorenz kehrte 1948 aus russischer
Kriegsgefangenschaft nach Altenberg zurück.
Seine nationalsozialistische Vergangenheit war zu
keinem Zeitpunkt Hindernis für seine Karriere. Daß er den gewünschten Lehrstuhl
für Zoologie in Graz 1950 nicht erhielt, bürgte eher für eine Kontinuität
österreichischer Wissenschaftspolitiker zu früheren Jahren (zu darwinistisch,
...) Bereits 1951 bekam er mit Hilfe seiner Kollegen eine Forschungsstelle im
Rahmen des MPI, 1961 wurde er Direktor des neuen MPI für Verhaltensforschung
1973 erhielt er den Nobelpreis für Medizin für
seine wissenschaftlichen Leistungen.
Lorenz, der seine nationalsozialistische Vergangenheit
immer leugnete, änderte jedoch auch in nachfolgenden Schriften seine Inhalte
nicht, sondern nur die Sprache, mittels derer er in sogennanter neu-rechter
Manier die Shoa verharmlost, den Nationalsozialismus verherrlicht und
faschistisches Gedankengut verbreitet – mit Erfolg, seine
populärwissenschaftilichen Bücher waren berühmter als seine wissenschaftlichen
Arbeiten. In „Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ (1973)
ist bereits im Vorwort der antisemitische Unterton nicht zu überhören, als er
sich mit dem wohlbekannten und rabiaten Antisemiten Abraham a Santa Clara[42]
vergleicht.
1981 behauptet KL in einem Interview, daß er nicht
gewußt habe, daß mit „ausmerzen“ oder „Selektion“ Mord
gemeint war. Er sei naiv, blöd, gutgläubig gewesen.
Seit 1933 war das Ausmerzungskonzept grundlegender
Bestandteil nationalsozialistischer Politik gewesen. Mit dem Gesetz zur
Verhütung erbkranken Nachwuchses sollte „biologisch minderwertiges Erbgut“
durch Zwangssterilisation ausgeschaltet werden. Das Ausmerzungskonzept gipfelte
in der 1939 offiziell begonnenen Euthanansie und der 1941 begonnen „Endlösung
der Judenfrage“, der geplanten, bis ins letzte Detail organsisierten,
industriellen Massenvernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden.
VI. Ideologie in den Schriften von Lorenz
Theodora Kalikow (1980) beschreibt die ideologischen
Aspekte in Lorenz´ Schriften von 1938 bis 1943 und kommt zu folgen drei
Hauptpunkten:
Erstens sah Lorenz Veränderungen in den instinktiven
Verhaltensmustern von domestizierten Tieren als Symptome des Verfalls.
Zweitens nahm er eine Homologie, also eine
Entsprechung, zwischen domestizierten Tieren und zivilisierten Menschen an, und
glaubte, daß die Zivilisation sich in einem Prozeß des Verfalls und
Untergangs befinde.
Drittens verband er die genannten Ansichten mit der Rassenpolitik
und anderen Zügen des Naziprogramms. Der dritte Punkt ist der einzige, der
in dieser offenen Art in den Schriften vor `33 und nach `45 nicht zu finden
ist.
Bei Lorenz ergab sich die Verbindung von Ethologie
mit Naziideologie und Rassenpolitik im Zusammenhang mit der Frage nach Körper-
und Verhaltensveränderungen im Prozeß der Domestikation von Tieren.
Ernst Haeckels[43] Theorien waren von Lorenz seit seiner
Kindheit aufgenommen worden, also bereits lang bevor auch die
Nationalsozialisten Haeckls Sicht der Biologie und der Gesellschaft übernahmen.
-
Er vertat
die anti-aufklärerische, biologistische Ansicht, daß die Gesezte der Natur auch
die Gesetze der Gesellschaft seien. Insbesondere das „deutsche Volk“ sei vor
dem Verfall aufgrund zivilisatorischer Übertretungen zu schützen und führe auf
die Notwendigkeit der Eugenik. Er bekennt sich sozialdarwinistisch zur
Herrschaft er „Besten“ im Kampf um die Existenz.
-
Er
postulierte einen versteckten Determinismus, mit dem er auf die Frage „Warum
verfällt das Volk?“ in Übereinstimmung mit der völkischen Ideologie antworten
könnte: Die Ursache sei der genetische Verfall.
-
Die äußere
menschliche Form wiederspiegele den inneren Zustand und die klassischen
Griechen seien Urahnen der arischen Rasse.
-
Die
Vorstellung der Evolution als schöpferische Weltkraft, die die traditionellen
Gottsbegriffe ersetzte. Diesen Punkt teilte Hackel mit Lorenz, nicht jedoch mit
den Nazis, die die Evolutionstheorie zwar nicht ächteten, sie jedoch
gelegentlich angriffen, da sie nicht akzeptieren konnten, daß die Menschen sich
aus „niederen“ Organismen entwickelt hätten, was dem Glauben an die ewige
Überlegenheit der arischen Rasse widersprochen hätte. Sehr wohl teilten die
Nazis Haeckls Feindseligkeit gegen organisierte Religion.[44]
Die Übernahme eines Großteils der Haeckelschen
Weltanschauung in die NS-Ideologie stellt einen Prozeß wechselseitiger
Legitimation dar.
Auf die Frage, warum sich Lorenz ab 1938 in einer
Reihe von Arbeiten mit dem Thema menschlicher und tierischer Entartung befaßte,
antwortet Kalikowa (1980:194f), daß dies ursprünglich vom Einfluß Haeckels
herrührte und nicht von irgendeiner neuen Anschauung, die er der NS-Ideologie
entnahm. Auch in den Schriften nach `45 bleibt er der Haeckelschen
Überzeugungen treu, wie in dem bereits erwähnten „Die acht Todsünden der
zivilisierten Menscheit“. „Meines Erachtens war es das nach dem Anschluß
Österreichs 1938 herrschende soziale, politische und kulturelle Klim,a das es
Lorenz ermöglichte, seine Tierbeobachtungen und –versuche auszuarbeiten und
Parallelen zur menschlichen Gesellschaft zu ziehen – Parallelen, die weit
über die Ergebnisse seiner Beobachtungen hinausgingen.“ [45]
Lorenz glaubte, es sei eine nützliche Strategie
zur Förderung seiner Wissenschaft, wenn er diejenigen Aspekte der Ethologie
betonte, die der Naziideologie verwandt waren. Mit dieser Strategie bei den
Nazi-Autoritäten Anerkennung zu gewinnen, hatte er einen gewissen Erfolg. Die
Ethologie exsistierte Anfang der 30er Jahre nicht als ein getrennt definierter,
organisierter Zweig der biologischen Wissenschaften. Erst 1936 wurde zum
erstenmal eine gruppe ins Leben gerufen, die als erste Schritt in diese
Richtung gewertet werden kann: Die „Deutsche Gesellschaft für Tierpsychologie“.
Lorenz war Mitherausgeber der Zeitschrift der Gesellschaft: „Zeitschrift für
Tierpsychologie“.
Sein Vortrag „Über Ausfallserscheinungen im
Instinktverhalten von Haustieren und ihre sozialpsychologische Bedeutung“
im Juli 1938, kurz nach dem „Anschluß“ weist sämtliche ideologisch
beeinflußten Themen auf. Dieser Vortrag am 16. Kongreß der Deutschen
Psychologische Gesellschaft in Bayreuth ist aber gleichzeitig ein gutes
Beispiel für Lorenz´ Opportunismus, indem er sich an die Nazis anbiedert bzw.
seinen Vortrag an das Publikum und die Organisatoren ideologisch perfekt
„anpaßte“. So beginnt sein Vortrag mit einem Seitenhieb auf Pawlows
Ketten-Reflex-Verhaltenstheorie, denn die Nazis hätten aus dieser
möglicherweise den ideologischen Schluß einer Gleichheit aller Menschen ziehen
können, und das wollte Lorenz vermeiden. Er ließ auch keine Gelegenheit aus,
die Verwendbarkeit seiner ethologischen Theorien für die Ziele der
Nationalsozialisten aufzuzeigen. Einige Zitate aus seinem Vortrag sollen das
veranschaulichen:
„(...) ich hier einige höchst unmittelbar
Rückschlüsse vom Tiere auf den Menschen vorführe, (...) geeignet erscheinen,
die Augen des zur Auslese Berufenen für Werte zu öffnen, deren Pflege schon
deshalb der Auslese vorbehalten sein muß, weil sie durch Erziehung so gut wie
nicht beeinflußbar sind.“
„Daher dürfen wir hoffen, duch eine nähere
Untersuchung des Verhaltens von Haustieren in unserem Verständnisse der
biologischen Ursachen mancher bedrohlicher Verfallserscheinungen im Verhalten
zivilisierter Menschen gefördert zu werden.“
„Es sei Berufeneren überlassen, die
offensichtlichen Parallelen zwischen den hier beschriebenen
Ausfallserscheinungen im Instinktverhalten von Haustieren und moralischen
Verfallserscheinungen bei überzivilisierten Menschen zu ziehen.“
„Erst bei einer Verdünnung des
Haustiererbes auf 1/32 war das normales Verhalten wilder Stockenten
wiederhergestellt.“
„Eine Tatsache sei wegen ihrer hohen
rassenpolitischen Wichtigkeit nochmals hervorgehoben: (...)“
„In der Großstadt, wo ganz wie oben beschrieben, der Wettbewerb des Artgenossen der wichtigste feindliche Faktor ist, muß die „Schmutzkonkurrenz“ von Volksgenossen mit einer auch nur ganz wenig verringerten Selektivität im Ansprechen sozialer Reaktionen eine denkbar ungünstige Richtung natürlicher Zuchtwahl zur Folge haben.“
„(...) nichts ist für die Gesundheit eines
Volksganzen so wichtig, wie die Ausschaltung invirenter Typen, die in
gefährlichster Vermehrungsvirulenz, wie Zellen eines malignen Tumors den
Volkskörper zu durchdringen drohen.“
„(...) forschend auch zu unseren einfacheren und
leichter durchschaubaren Mitgeschöpfen herabzusteigen um Tatsachen zu erfahren,
die den Unterbau für die Pflege unserer heiligsten rassischen, völkischen und
menschlichen Erbgüter befestigen.“
In diesem Vortrag kommen eine ganze Reihe
nationalsozialistische ideologische Versatzsücke zu tage:
-
die
Homologie zwischen Tiere und Menschen.
-
die
völkische Idee, das einzig wahre Leben für den Menschen sei die bäuerliche
Exsistenz.
-
die Idee des
„degenerierten Großstadtmenschen“ als Inbegriff des entarteten Typus im
Gegensatz zum edelen rassenreinen Bauern.
-
die
Vorstellung von angeborenen emotionalen Reaktionen auf Phänomene des
Verhaltensveralls bei den Menschen, das „instinktive Seelenerkennen von
wertvollen Menschen und wahrer Kunst.
-
die Annahme
von der Vererbung nicht nur des Verhaltens, sondern auch der emotionalen
Disposition eines Menschen, und unserer „instinktiven Bewertung“ derselben.
-
der Schluß,
„nichtdegenerierte“ Menschen könnten instinktiv die „Seele“, die Gefühle und
Motive eines anderen erfassen.
-
der Hinweis,
wie diese von ihren angeborenen Fähigkeiten Gebrauch machen müßten, um dem
Spenglerischen „Untergang des Abendlandes“[46]
entgegenzuwirken, den „degenerierten Typos“ zu eliminieren.
Kalikow (1980: 220f) beschreibt den Vortrag: „Weder hier noch anderso
finde ich irgendwelche anderen „biologischen Grundlagen“, die Lorenz im Sinne
gehabt haben könnte. Damit ist schon die Grundvoraussetzung der gesamten Arbeit
von Lorenz zu Domestikation und Zivilisation von seinen haeckelschen, aber im
wesentlichen außerwissenschaftlichen Vorstellungen geprägt.“
Aus seinem Aufsatz „Systematik und Entwicklungsgedanke im Unterricht“,
den er 1940 für die Monatszeitschrift des Deutschen Biologen-Verbandes, „Der
Biologe“, schrieb, sollen in der folge einige Zitate gebracht werden, die
Lorenz´ Versuch verbildlichen, die an Haeckl angelehnten Auffassung der
Evolution mit der nationalsozialistischen Ideologie zu verbinden, um damit
Unterstützung für „seine“ Ethologie zu erreichen:
„Die Wertung hoher Ziele, das Streben nach Idealen
ist dem hochwertigen Jugendlichen angeboren und muß (im Original kursiv) eine Zielsetzung,
ein lebenserfüllendes Ideal finden. Der eigentliche Sinn dieser Empfindungen
ist sozial (im Original kursiv), sein natürlicher biologischer Sinn ist
die Aufartung und Verbesserung von Volk und Rasse.“
„Ob wir das Schicksal der Dinosaurier teilen, oder
ob wir uns zu einer ungeahnten, unserer heutigen Gehirn-Organisation vielleicht
gar nicht erfaßbaren Höherentwickling emporschwingen, ist ausschließlich eine
frage der biologischen Durchschlagskraft und des Lebenseillens unseres Volkes.
I Besonderen hängt gegenwärtig die große Entscheidung wohl von der frage ab, ob
wir bestimmte, durch den Mangel einer natürlichen Auslese entstehende
Verfallserscheinungen an Volk und Menschheit rechtzeitig bekämpfen lernen oder
nicht. Gerade in diesem Rennen um Sein oder Nichtsein sind wir Deutschen allen
anderen Kulturvölkern um tausende Schritte voraus.“
„Dein ernst zu nehmender Biologe leugnet heute die
Wirklichkeit der Möglichkeiten einer Höherentwicklung und die Gefahren eines
Absinkens der Menschheit. Aber de Mann derschlichten Alltagsarbeit der
Naturforschung hat erfahrungsgemäß eine gewisse Hemmung, von ihren letzten großen
Folgerungen zu reden (kursiv im Original).“
„(…) verlangt aktivste Stellungnahme, verlangt Taten (kursiv
im Original) von uns, (…). Wer davon überzeugt ist, nie genotypisch
bessere Nachkommen haben zu können, als er selbst es ist, hat keinen Grund,
nach einer besseren Zukunft zu streben.“
„Ich möchte hier nur ganz schlicht meine eigenen
Erfahrungen über die Beziehungen zwischen Entwicklungsgedanken und
nationalsozialistischer Weltanschauung wiedergeben.“
„In der Mehrzahl der Fälle sind unter Studierenden
und Biologen gerade diejenigen die überzeugtesten und weltanschaulich
bestgefestigsten Nationalsozialisten, die von der Abstammungslehre und ihrer
Bedeutung am stärksten durchdrungen sind.“
„Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst“ deutet Lorenz in diesem
Text folgend: „Da uns Rasse und Volk alles, der Einzelmensch so gut wie
nichts ist ist dieses Gebot für uns eine ganz selbstverständliche Frage.“
„Jedem vollwertigen Menschen und insbesondere
jedem Deutschen ist ein blutmäßig ererbtes und tief im Instinktmäßigen
wurzelndes Bedürfnis (kursiv im Original) nach religiösen Idealen
angeboren.“
Kalikow (1980:204-209)
analysiert in der folge Lorenz´ weitere Schriften, wie z.B. „Durch
Domestikation verursachte Störung arteigenen Verhaltens“ (Lorenz 1940),
welche voller Naziideologie ist, in der die ideologische Sicht der Großstadt
als Ort der Dekadenz ein Rolle spielt und in der Lorenz die Hypothese
einführte, daß etwas in den Bedingungen des zivilisiert-domestizierten Lebens
das Auftreten von Mutationen verursache. Seine Arbeit über „Die angeborenen
Formen möglicher Erfahrung“ (Lorenz 1943) „zeigt die vielleicht
interessantesten Beispiele für die Kongruenz von Lorenz´ Theroein mit der
herrschenden Ideologie“.[47] :
-die ewige Einheit
wahrer Kunst
-die Idealisierung des
nordischen Typus
-dessen Vergleich mit
dem griechischen Ideal
-der instinktive,
antirationale Gebrauch der ethisch-ästhetischen Reaktionen und der Nutzen
dieser Emotionen als Abwehr von Domestikationserscheinungen.
VII. Popularisierte und „reine“ Wissenschaft anhand der Vergleichenden
Verhaltensforschung
„Das Verschwinden des expliziten
Nazi-Jargons nach dem 2. Weltkrieg sollte nicht zu dem Glauben verleiten, daß
es sich danach um „reine Wissenschaft“ handelte und daß die NS-Zeit keine Auswirkung
auf Lorenz´ Arbeit gegabt habe.“[48]
Auch in seinem Schriften nach `45 gab er seinen
Glauben, daß die Zivilsation der Menschen mit der Domestikation der Tiere
verglichen werden könne, nicht auf.
„Im ganzen gesehen, ist das Haustier in der Tat
eine böse Karikatur seines Herrn. In einer früheren Arbeit (1954) habe ich
darauf hingewiesen, daß unser ästhetisches Wertempfinden deutliche Beziehungen
zu jenen körperlichen Veränderungen zeigt, die im zuge der Haustierwerdung
regelmäßig aufreten.(...)“[49]
Grundlegende ideologische Elemente sind in seinen
Arbeiten nach ´45 nach wie vor vorhanden.
Taschwer (2000) verdeutlicht die fließenden
Grenzen zwischen der „reinen“ wissenschaftlichen Forschung und der „unreinen“
Popularisierung, die der frühen ethologischen Forschung oftmals vorausgegangen
war.
Die Popularisierung der Wissenschaft, die
Vereinfachung wissenschaftlicher Erkenntnis,
wurde oft falsch verstanden als hehere Aufgabe, da
unter einem aufklärerischen Gesichtspunkt es doch legitim sei, der breiten Masse
Erkenntnisse vereinfacht zu übermitteln.
Jedoch weißt Taschwer auf die Rückkoppelung
popularisierten Wissens hin, das nicht selten wieder in den Forschungsprozeß
Eingang findet. Die Verbreitung unsicherer wissenschaftlicher Erkenntnisse,
sowie deren Unwidersprochenheit, kann auch zur Etablierung jener Wissenschaft
führen. Die Vergleichende Verhaltensforschung bietet ein besonders
offensichtliches Beispiel für diese These.
Im Gegensatz zur traditionellen dichotomisierten
Sicht von „reiner“ und „unreiner“ Wissenschaft, und der falschen Annahme, die
WissenschaftlerInnen besitzen ein Monopol auf die Wahrheit, auf Entscheidungen,
etc, steht das Bild eines fließenden Kontinuums. Die erfolgreiche
Popularisierung kann auch vor der wissenschaftlichen Anerkennung einer
Disziplin erfolgen, ja diese erst bewirken.
Lorenz lernte bereits früh, seine Erkenntnisse zu
popularisieren. Sein „Führer“, wie er ihn nannte, Oskar Heinroth, riet ihm
bereits 1930 in einem Brief, seine Arbeiten zwar „wissenschaftlich ein einer
Fachzeitschrift (zu) veröffentlichen und sie außerdem nachher in
volkstümlicher Art (kundzutun).“
Die Tierbeobachtung war neben wenigen anderen
Disziplinen noch lange Zeit vom „Laientum“ geprägt und konnte
„kommerzialisiert“ werden. In den zwanziger Jahren war im
populärwissenchaftlichen Zeitschriftenwesen ein signifikanter Rückgang zu
verzeichnen, die Zoologie jedoch blieb mit ihren verwandten Bereichen davon
relativ unberührt: es kam zu einem Zuwachs sowohl der Fachzeitschriften als
auch der populären Magazine.
Die Ethologie war in den dreißiger Jahren wie
bereits erwähnt alles ander als ein etabliertes Fach an den Universitäten.
Lorenz´ Popularisierungsbemühungen sind auch Teil seines Kampfes für die
akademische Anerkennung seiner Forschung.
Er hielt in den frühen 30er Jahren „volkstümliche
Hochschulkurse“ als populärwissenschaftlicher Vortragender ab, noch Jahre
vor dem Einzug der Ethologie in die Akademie.
Das Thema eines Vortrags: „Die instinktmässigen
Grundlagen tierischen und menschlichen Gesellschaftslebens“, jedoch - wie
aus einem von Taschwer veröffentlichtem Briefwechsel hervorgeht – „eventuell
unter Weglassung des `menschlichen´, wenn das `moralisch´ anstösssig sein
sollte!“ Lorenz war schon Jahre vor
dem „Anschluß“ bewußt, daß einige seiner Thesesn moralisch bzw. politisch
anstössig sein könnten, also schon lange vorher an jenen Thesen gearbeitet
haben, die nach 1938 „opportun“ wurden.
Otto König saß als Zuhörer in jenen Urania-Kursen.
Er erhielt nach eigenen Angaben dort die ersten Anregungen zur Gründung der
Forschungsgemeinschaft Wilhelminenberg, jener bahnbrechenden Einrichtung für
die Ethologie in Österreich.
Es gab also, wie im vorigen Kapitel beschrieben,
nicht nur ein Kontinuum auf der Ebene von Ideologie und Wissenschaft, sondern
auch auf der Ebene von Popularisierung und Forschung.
„Für die Auseinandersetzung mit den Aufsätzen von
Lorenz zwischen 1938 und 1943 gilt mutatis mutandum, was Bourdieu über
Heideggers Schriften aus der NS-Zeit formuliert hat: Tatsächlich basiert auch
im Fall von Lorenz eine angemessene Analyse “auf einer doppelten Weigerung”,
die sowohl den Anspruch des biologischen Textes auf seine wissenschaftliche
Autonomie und die damit einher gehende Ablehnung jedes Außenbezugs zurückweist
als auch die unmittelbare Reduktion des Textes bloß auf die politischen
Bedingungen seiner Produktion.[50]
Die Trennung von politischer und biologischer Lektüre ist folglich aufzugeben,
zumal sich die Arbeiten gerade durch ihre Ambiguität auszeichnen sowie durch
die gut versteckten Übergänge zwischen ethologischen Erkenntnissen und
ideologischen Behauptungen.“[51]
VIII. Schlußbemerkung
Der rechtskonservative Historiker Lothar Höbelt
macht sich in seiner wöchentlichen Kolumne in der rechtsextremen und
regierungsnahen Zeitschrift „Zur Zeit“ vom 9 – 15. März 2001 über einen Artikel
lustig, der in bezug auf das jüngst erschienene Ansuchen Konrad Lorenz´ in die
NSDAP aus dem Jahre 1938, publiziert wurde. Er bedauere zwar den „brain-drain“
(...) welchen Österreich „durch die Vertreibung der Juden 1938“ erlitten
hätte (sic!), jedoch sei dieser „Schaden“ durch „Engstirnigkeit und
neuerliche Verfolgungen mit umgekehrten Vorzeichenkeineswegs gutzumachen(...)“
Es sei kontraproduktiv gewesen, „auch noch die verbleibenden Forscher
hinauszuwerfen, weil sie unter dem `falschen´ Regime geforscht“ hätten. Daß
Konrad Lorenz´ Karriere durch seine Nazi-Vergangenheit in keiner Weise getrübt
wurde, nennt Höbelt, wie auch seinen Artikel, einen „Sieg der Vernunft“.
Schließlich dürften seinen Graugänsen die eine wie die andere Partei ziemlich
gleichgültig gewesen sein, beschließt der Hochschulprofessor der Universtät
Wien seine Kolumne.
Lorenz genießt heute neben dem rechtsextremen
Spektrum auch durchaus Sympathien in der grünen Umweltschützerszene sowie unter
diversen Shoa-verharmlosender TierRechtsschützer-Gruppen. Auch diese
Kontinuitäten sollten noch beleuchtet werden, würden jedoch den Rahmen dieser
Seminar-Arbeit sprengen.
DEICHMANN, Ute: Biologen
unter Hitler. Portrait einer Wissenschaft im NS-Staat. Frankfurt am Main,
überarbeitete und erweiterte Ausgabe, 1995
FISCHER, Gero und WÖFLINGSEDER; Maria: Biologismus,
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des Deutschen Biologen-Verbandes.“ München (u.a.) 1940, 1-2: 24-36
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ders.: Von Gänsen und Menschen. Über die Geschichte der
Ethologie in Österreich und über ihren Protagonisten, den Forscher,
Popularisator und Öko-Politiker Konrad Lorenz. In: Mitchell Ash und Christian Stifter (Hg.), 2001a
[1] Monokratisch: Monokratie: „[zu grch. kratein
»herrschen«] die, Herrschaft eines Einzelnen, sowohl die Monarchie als auch
andere Formen (Tyrannis, Diktatur). (Aristokratie).“
monokratisches Prinzip:Im Ggs. zum Kollegialprinzip ein
Organisationsprinzip bes. von Behörden, dem zufolge die institutionellen
Befugnisse nur dem jeweiligen Leiter zustehen, dieser aber delegationsbefugt
ist.“ Siehe Meyers Taschenlexikon, 1999.
[2] Polykratisch: Unter dem Schlagwort
Nationalsozialismus findet sich im Meyers Taschenlexikon, 1999, Polykratie
beschrieben: „Neben zahlreichen wiss. Instituten und Einzelforschern im In-
und Ausland wird die NS-Forschung in Dtl. v.ÿa. vom Institut für
Zeitgeschichte (IfZ; Sitz: München) betrieben. Schwerpunkte der Forschungen
waren zunächst die Weltanschauung und die Kriegspolitik des N., die Formen und
Bedingungen der Entstehung und des Aufstiegs der NSDAP zur Macht sowie die
Rolle Hitlers im N. (»Hitlerzentrik« versus »Strukturgeschichte«, Phänomen
der Polykratie), dazu Studien zum Verhältnis zu den alten Machteliten in
Dtl. und zu Fragen der Kontinuität oder des Bruches des N. mit den Traditionen
dt. Außen- und Gesellschaftspolitik, ferner Untersuchungen zum Widerstand gegen
den N. sowie Arbeiten zu nat.-soz. Judenpolitik und Holocaust, speziell zur
Genese der »Endlösung«, neuerdings zu den versch. Tätergruppen.“
[3] Ich verbleibe hier bewußt im Maskulin, da
ich die Rolle der Frauen im NS-Regime nicht beschönigen und verfälschen will,
indem ich andeute, es hätte in irgendeiner Form gleichberechtigte Forschung
oder Lehre von Frauen gegeben. Siehe Gratzer 1998:40, und 100.
[4] Taschwer 2000
[5] Durch einen Erlaß fielen kurze Zeit
später auch nicht verbeamtete Hochschullehrer und Pofessoren unter dieses
Gesezt.
[6] Durch die Nürnberger Gesetze wurde die Sonderregelung für Kriegsteilnehmer
dann endgültig gestrichen. Die einsetzende völkische Definition des Judentums,
die Fremdbestimmung in jeder Hinsicht, begann und es war für die patriotischen
und assimilierten Jüdinnen und Juden ein Schock, daß ihnen das Recht abgesprochen
wurde, Deutsche zu sein.
[7] Vgl. Lundreen 1985:12.
[8] Vgl. Deichmann 1995:31ff.
[9] Ebenda.
[10] Lundgreen, Peter 1985: Hochschulpolitik
und Wissenschaft im Dritten Reich. In: Lundgreen, Peter (Hrsg.) 1985:9-30.
[11] An der Deutschen Universität in Prag
fanden die Entlassungen in vielen Fällen schon Monate vor der deutschen
Besetzung im März 1939 statt.. In Straßburg und Posen wurden die geschlossenen
französischen bsw. polnischen Universitäten 1940 bzw. 1941 mit deutschem
Personal wiedereröffnet. Deichmann 1995:32f
[12] Kritischer als Deichmann (1995) setzt
sich Schmid (1993) mit dem „Autonomie-Verlust“ auseinander. Er beschreibt u.a.,
wie Autonomieansprüche im Tausch gegen mehr oder minder diskrete Formen der
Kollaboration erhalten oder gewonnen werden konnten.
[13] “313 ordentliche und 109
außerordentliche Professoren, 75 Honorarprofessoren, 322 Privatdozenten, 42
Lektoren, 232 Assistenten, 133 Mitarbeiter an wissenschaftlichen Instituten”. Lundgreen 1985: 12. Zit. nach Maier,
Hans: Nationalsozialistische Hochschulpolitik. In: die deutsche Universität im
Dritten Reich, München 1966:81ff.
[14] allerdings nicht in der Biologie, vgl
Schmid 1993:614.
[15] Vgl.:Mehrtens, Herbert: „Mißbrauch“ Die historischeKonstruktion der
Technik in Deutschland nach 1945, TU Braunsweig 1995
[16] Vgl. Hentschel 1996
[17] Entkoppellung von Abitur und
Hochschulreife, die Kontingentiertung von weiblichen (10 %) und jüdischen (1,5
%) Studierenden, dazu kam das Nachrücken geburtenschwacher Jahrgänge in die
Hochschulen und die Attraktvität von militärischer Ausbildung.
Vergl.
Lundgreen, Peter 1985: Hochschulpolitik und Wissenschaft im Dritten Reich. In:
Lundgreen, Peter (Hrsg.) 1985:15.
[18] Ebenda.
[19] Ebenda.
[20] Das von Hentschel, Klaus herausgegebene
Sammelwerk: Physics and National
Socialism. (Basel 1996), indem sämtliche Originaldokumente, Briefverkehr
der Physiker, usw., dokumentiert wurden, beleuchtet u.a. gerade diesen Aspekt
der Wissenschaft.
[21] Siehe Kapitel “NS-Hochschulpolitik”.
[22] Vergl.Mehrtens, Herbert in:
Mehrtens/Richter 1980:17.
[23] Vergl. Hetschel 1996.
[24] Mehrtens in: Mehrtens/Richter 1980:19.
[25] Plank, Max: Mein Besuch bei Adolf Hitler. In: Physikalische Blätter, Karlsruhe
1947. Anhang 1.
Die “Physikalischen Blätter”, 1944 als
Propagandablatt moderner Physik ins Leben gerufen, fanden seit 1946 ihre
Funktion als Diskussionsforum der Physiker. Sogar Johannes Stark,
nationalsozialistischer Physiker und erster President der DFG publizierte darin
1947 einen Beitrag, in dem er sich als als Kämpfer für die Freiheit der
Wissenschaft präsentierte.
[26] Siehe auch Anhang 2. In diesem
Standard-Artikel “Max Planck: `Revolutionär wider Willen´” wird im letzten Absatz
verkürtzt dargegestellt, Planck habe 1933 bei Hitler “zugunsten seiner jüdischer Kollegen (...) interveniert(e) (...)”. Weiters wird angedeutet, auch sein Sohn sei
widerständisch dem Regime gegenübergestanden und dafür von Hitler hingerichtet
worden. Nicht erwähnt wird, daß der “Widerstand
des 20. Julis” ein innernationalsozialistischer Widerstand war.
[27] Lundgreen, Peter 1985: Hochschulpolitik
und Wissenschaft im Dritten Reich. In: Lundgreen, Peter (Hrsg.) 1985:17.
[28] Planck schreibt 1934 in den
“Naturwissenschaften”(Nr. 22:344): “Dr. Stern nahm einen Ruf
an die Univerität Rochester an. Professor Jollos folgte einem Ruf an das
Genetische Institut der Universität von Wisconsin in Madison. Dr. Gross ging
als Assistent zu Huxley und Fisher nach London.”
In einer weitere Ausgabe des Magazins schreibt er 1937 über den Biologen Goldschmidt, der durch die Nürnberger Gesetze Ende 1935 entlassen wurde: “Prof. Dr. R. Goldschmidt folgte einem Ruf an die Univerity of California, Berkeley.” Deichmann 1995:34f.
[29] Verhaltensforschung: (Meyers Großes
Taschenlexikon 1999): „(vergleichende V., Ethologie), Teilgebiet der
Biologie, das sich mit der objektiven Erforschung des Verhaltens der Tiere
(Tierethologie, früher als Tierpsychologie bezeichnet) und des Menschen
(Humanethologie) befasst. Die deskriptive V. beobachtet und registriert
Verhaltensabläufe in möglichst natürl. Umgebung. Demgegenüber arbeitet die analyt.
(experimentelle) V. mit veränderten Untersuchungsbedingungen, um Einblick
in die Kausalzusammenhänge zu gewinnen. Von der allg. V. werden v.ÿa. die neuro- und
sinnesphysiolog. Grundlagen des Verhaltens untersucht. Die spezielle V.
befasst sich u.ÿa. mit den Formen der Orientierung, des stoffwechselbedingten Verhaltens,
des Fortpflanzungsverhaltens und des sozialen Verhaltens. Die vergleichende V.
unterscheidet sich von anderen Verhaltenswissenschaften dadurch, dass sie die
Funktion eines Verhaltens für die ontogenet. oder phylogenet. Anpassung eines
Lebewesens in den Mittelpunkt ihrer Forschungen stellt.ÿþ Als Begründer der modernen V.
gilt K.ÿLorenz.
Literatur:
Tembrock,ÿG.: Verhaltensbiologie. Jena 21992.
Zippelius, H.-M.: Die vermessene Theorie. Eine
krit. Auseinandersetzung mit der Instinkttheorie von Konrad Lorenz u.
verhaltenskundl. Forschungspraxis. Braunschweig u.ÿa. 1992.
Immelmann, K. u.ÿa.: Einführung in die V. Berlin
u.ÿa. 41996.“
[30] Vergl. Deichmann 1995:279f.
[31] Vitalismus: (Meyers Großes
Taschenlexikon 1999) “[v-; zu lat. vita »Leben«] der, die philosoph. Lehre, dass die
Lebensvorgänge anderen Gesetzmäßigkeiten folgen als die kausalmechanisch
ablaufenden leblosen Naturvorgänge und dass für sie ein eigenes, immaterielles,
zweckursächl. Prinzip angenommen werden müsse (vis vitalis, »Lebenskraft«), das
sich dem wiss. Nachweis entzieht; Ggs.: Mechanismus.ÿþ Der V. wurde schon in der Antike
vertreten (Aristoteles) und lebte im 17. und 18.ÿJh. in Gegnerschaft zum
kartesian. Rationalismus wieder auf (J.ÿB. van Helmont, C.ÿWolff). Der Neo-V.
(19./20.ÿJh.; E.ÿvon Hartmann, H.ÿDriesch, J.ÿReinke, J.ÿvon Uexküll) hob die Zweckhaftigkeit des Organischen gegenüber dem
Anorganischen hervor und ging dabei von der Wirkung einer Entelechie aus, der Psycho-V.
(E.ÿBecher) von einem überindividuellen, psych. Prinzip.”
[32] Lamarckismus: (Meyers Großes Taschenlexikon 1999): „der, von Lamarck
1809 begründete Evolutionstheorie. Seine entscheidende Annahme, dass sich
bestimmte Merkmale von Lebewesen durch die Wirkung von Umwelteinflüssen u.ÿa. verändern und vererbt
werden, hat sich bei genet. Untersuchungen nicht bestätigt. Der L. muss jedoch
als wichtiger Vorläufer des Darwinismus angesehen werden, der der
Abstammungslehre einen wesentl. Anstoß vermittelt hat.“
[33] Deichmann 1995:284.
[34] schreibt Köhler in: Der Biologe 3,
1934:193-202. Zitiert nach Deichmann 1995: 253.
[35] Deichmann 1995:279f.
[36] Taschwer 2001.
[37] ebenda
[38] Ornithologie: (Meyers Großes Taschenlexikon 1999):[grch.] die, Wiss. von den
Vögeln, Vogelkunde
[39] zitiert nach: Jürgen Haffer, Erich
Rutschke, Klaus Wunderlich (2000): Erwin Stresemann (1889-1972), Leben und Werk
eines Pioniers der wissenschaftlichen Ornithologie. Acta Historica Leopoldina. Nummer 34. Halle (Saale), S. 123, Fußnote
[40] Hippius, Rudolf, I.G. Fekdmann, K.
Jellinek und K. Leider: Volkstum, Gesinnung und Charakter. Bericht über
psychologische Untersuchungen an Posener deutsch-polnischen Mischlingen und
Polen, Sommer 1942. Stuttgart 1943, S.112. In: Deichmann 1995: 295ff.
[41] Deichmann 1995:299.
[42] Abraham
a Sancta Clara (Meyers Großes Taschenlexikon
1999):“eigtl. Johann Ulrich Megerle, *ÿKreenheinstetten (heute zu
Leibertingen, Kr. Sigmaringen) 2.ÿ7. 1644, ÿWien 1.ÿ12. 1709; Augustiner-Barfüßer, hielt in Augsburg, Graz, Wien (1677 Kaiserl.
Prediger) volkstüml., drastische, durch Witze und Wortspiele belebte Predigten:
»Mercks Wienn« (1680), »Auf, auf ihr Christen« (1683; Schillers Vorlage zur
Kapuzinerpredigt in »Wallensteins Lager«), ferner »Judas, der Erzschelm« (1686þ95).“
„Anti-Semitism was seen not only
as an aspect of religious faith that divided Christians and Jews but also as a
general explanation of the world that defined Jews as a “race” and as such
responsible for all of modern society´s woes.” schreibt Pelinka
(1999:175ff) und erklärt weiters, daß diese Idee tief in der “christlichen”
Version des österreichischen Antisemitismus des 19. Jahrhunderts verwurzelt war. „It was specially the lower
clergy who preached a violent anti-Jewish creed to the Catholic masses. In the
tradition of Abraham a Sancta Clara, a popular and crude anti-Semitic preacher
in Vienna around 1700 these priests two hundred years later made “the Jew” the
personification of evil.”
[43] Haeckel, Ernst, Zoologe und Naturphilosoph, *ÿPotsdam 16.ÿ2. 1834, ÿJena 9.ÿ8. 1919; führender Vertreter der Evolutionstheorie, dt. Verfechter der Abstammungslehre C. Darwins. Mit seiner Urzeugungstheorie und der biogenetischenGrundregel suchte er die Deszendenztheorie weiter zu untermauern (»Natürl. Schöpfungsgeschichte«, 1868). Den Entwicklungsgedanken zu einer auch geistige und gesellschaftl. Prozesse einschließenden Weltanschauung erweiternd (»Die Welträtsel«, 1899), begründete H. seinen mechanist. Monismus.
[44] Vergl. Kalikow 1988:192ff.
[45] ebenda: 195.
[46] Spengler,
Oswald, wurde u.a. mit seinem »Der Untergang des Abendlandes«
zu einem der ideologischen Vorbereiter des Nationalsozialismus.
im Meyers Lexikon wird er folgendermaßen beschrieben:
Geschichtsphilosoph, *ÿBlankenburg (Harz) 29.ÿ5. 1880, ÿMünchen 8.ÿ5. 1936; schuf mit seinem Werk
»Der Untergang des Abendlandes« (2 Bde., 1918þ22) eine von Goethe und
Nietzsche beeinflusste Kultur- und Geschichtsphilosophie. Er unterschied acht
unabhängige Kulturen, deren »Lebensstil« jeweils alle Äußerungen wie
Wirtschaft, Recht, Kunst, Religion bestimme. Entstehung, Blüte und Verfall der
Kulturen hätten eine vergleichbare Gesetzlichkeit; die gegenwärtige westl.
(»faustische«) Kultur habe ihren Höhepunkt überschritten.
Weitere Werke: Preußentum und Sozialismus (1920); Neubau des dt.
Reiches (1924); Der Mensch und die Technik (1931).
[47] Kalikow 1980: 207.
[48] ebenda:209.
[49] Lorenz 1973
[50]
Bourdieu, Die politische Ontologie Martin Heideggers, S. 10f.
[51] Taschwer 2001a.