Erschienen in Ökolinx Nr. 23
Titel: Neue ökofaschistische Strömungen aus den USA
Autor: Peter Bierl
Eine Lobeshymne auf die US-amerikanische Variante von Blut-und-Boden
haben Roman Schweidlenka und Eduard Gugenberger mit ihrem neuen Buch über den
Bioregionalismus vorgelegt. Das Autorengespann hat den Schritt von der oberflächlichen
New-Age-Kritik zum Ökofaschismus vollzogen.
Mit einer Reihe von Büchern haben die beiden in den 80er Jahre zur
kritischen Auseinandersetzung mit der New-Age-Szene beigetragen. Ihr Verdienst
bestand vor allem in dem ausgebreiteten Material über die Verbindung von
Esoterik und offenem Faschismus, über organisatorische Verflechtungen und
Personen. Von Anfang an haben beide keinen Zweifel daran gelassen, daß sie
selbst New Ager sind, wenngleich mit antifaschistischem Selbstverständnis. Eine
fundierte ideologiekritische Auseinandersetzung war also nicht zu erwarten und
fand auch nie statt. Schweidlenka und Gugenberger verharmlosten im Gegenteil den
faschistischen Charakter des New Age, indem sie stets bloßen „Mißbrauch"
durch die Nazis unterstellten.[1]
Ihr offen erklärtes Ziel ist eine emanzipatorische Spiritualität.
Programmatisch formulierten sie in ihrem vorletzten Buch das Ziel einer Synthese
von Mythos und Vernunft. Das Ergebnis konnte demgemäß nur ein esoterischer
Biologismus sein: In ihrem Mythenwerk ist ganz unbefangen von „naturvölkischen
Lebenszusammenhängen" die Rede, in denen Mythen ein sinnvolle soziale
Ordnung stiften.[2]
Wie faschistische IdeologInnen fordern Schweidlenka und Gugenberger die Rückbesinnung
auf eine positive heidnische, germanische und keltische Tradition, die „jäh
und brutal" durch die Christianisierung unterbrochen worden sei, den großen
„Völkermord" und „Schatten unserer Vergangenheit."[3]
Die beiden Autoren plädieren für ein neues spirituelles Zeitalter und
werfen der herkömmlichen New-Age-Bewegung Sabotage vor: „Die New-Age-Bewegung
erscheint... in letzter Konsequenz als kapitalistische bzw. herrschaftlich
orientierte Unterwanderung endzeitidealistischer, ökologischer und für das (Über-)Leben
regionaler (Stammes-)Kulturen engagierter Strömungen."[4]
Bekrittelt wird an dieser Fraktion die unpolitische Haltung und das kommerzielle
Interesse.
Zwei Jahre später präsentieren Schweidlenka und Gugenberger den
Bioregionalismus als neuen Hoffnungsträger. Wie üblich behaupten sie einen
wissenschaftlichen Anspruch („Das Biorgeionalismus Forschungsprojekt"),
diesmal scheint ihnen aber keine staatliche Förderstelle der Alpenrepublik auf
den Leim gegangen zu sein. Schon in der Einleitung mangelt es an dem, was die bürgerliche
Wissenschaft sonst für sich in Anspruch nimmt, an der Distanz zum Objekt der
Begierde. Der Bioregionalismus wird als „ausgereifteste Frucht der
nordamerikanischen Alternativ- und Ökologiebewegung" gefeiert und den
LeserInnen nach einer „kultischen Danksagung" empfohlen: „Nichts wie
rein in den Bioregionalismus."
Zugute halten muß mensch den beiden, daß sie wiederum soviel Material
liefern, daß die LeserInnen die verharmlosenden Urteile widerlegen können. Wo
Schweidlenka und Gugenberger kritisieren, geht es um Details. Mangelndes
soziales Engagement, Desinteresse und Ignoranz gegenüber Widerstandbewegungen
der Schwarzen und IndianerInnen stellen Gugenberger/Schweidlenka fest. Sie räumen
ein, daß der Bioregionalismus „als Philosophie und Ideologie autoritäre
gesellschaftliche Strukturen nicht ausschließt." Zuviel verlangt von
New-AgerInnen wäre die Erkenntis, daß dies dem modernen esoterischen Weltbild
immanent ist mit seinem Geschwätz von den ewigen Naturgesetzen, denen sich
Individuen und Gesellschaft unterzuordnen haben.
In den USA bestehe keine Gefahr der Vereinnahmung, weil die Nazis dort
so plump agierten, schreiben die Autoren treuherzig.[5]
Vereinnahmen ist das falsche Wort. Da wächst zusammen, was zusammengehört. Im
Anhang findet sich ein bioregionalistisches Wörterbuch, in dem es vor rechten
Begriffen wimmelt: Carrying Capacity, die ökologische Tragfähigkeit einer
Bioregion, mit der population politics, Bevölkerungspolitik, im allgemeinen und
Einwanderungsstop im besonderen begründet werden, wenn die climax community,
die maximale Einwohnerzahl, erreicht ist. Die ökorassistische Bevölkerungspolitik
ist für das Mythologen-Duo immerhin eine „nicht unproblematische Sache",
während das verdächtige Wort „bioregional militia" nicht weiter
reflektiert wird. Nach dem faschistischen Bombenattentat von Oklahoma berichtete
selbst die europäische Bürgerpresse über die faschistischen Militias in einer
Reihe von US-Bundesstaaten. Auch die identische Stoßrichtung gegen den
US-Bundesstaat und für regionalistischen Seperatismus übergehen Schweidlenka
und Gugenberger stillschweigend.
„Bioregionalismus bedeutet, daß Menschen, die an einem Platz
eingeboren sind, ein Erstrecht dort haben" formuliert der US-Tiefenökologe
Peter Berg in einem Interview[6] mit Schweidlenka und
Gugenberger das Pendant zum faschistischen Recht auf Heimat. Berg sieht - im
Jahr 1994 im Rahmen einer vom US-Informationsservice organisierten Tournee in
Europa - eine Reihe von Staaten bereits in die „Dezentralisierungsphase"
eintreten, etwa Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien sowie
Jugoslawien und Rußland, in denen völkisch begründete Metzeleien und
ethnische Säuberungen stattfinden. Bergs simple ethnopluralistische Erklärung
lautet, daß „(...) die Menschen wieder mehr an die Plätze (denken), an denen
sie leben, an ihr Langzeiterbe."
Und Schweidlenka und Gugenberger fabulieren in einem Kapitel mit der Überschrift
„Global denken: Die bioregionalistische Weltrevolution" über „Länder,
die bis dahin von den Herrschaftsstaaten in den gesellschaftlichen Niedergang
getrieben worden waren." Zu den angeblich besonders unterdrückten
Bioregionen Europas zählen sie die „keltischen Randregionen", sowie das
Elsaß, Katalonien und Norditalien. In der letztgenannten Bioregion kämpft
bekanntermaßen seit Jahren die tiefenökologische Lega Nord für spirituelle
Selbstbestimmung von süditalienischen Schmarotzern.
Bioregionalistische Heimattümelei und faschistischer Ethnopluralismus,
d.h. eine völkisch begründete Abschottung von Menschen in verschiedenen
Staaten, sind identisch. Die BioregionalistInnen wenden den Ethnopluralismus bloß
ins Provinzielle. So schreibt Michael Helm, Herausgeber der US-Zeitschrift
„Raise the Stakes": „Die liberale Auffassung einer universellen Identität,
daß der Mensch ein abstraktes Mitglied der Welt ist und auf jedes Gefühl für
das Lokale oder den „Provinzialismus" verzichten soll, hat ausgedient.
Die Menschen erkennen, daß sie nur etwas Echtes teilen können, wenn ihre
Identität in spezifischen Plätzen verwurzelt ist ..."[7]
Ein deutscher Bioregionalist drückte den gleichen Gedanken vor einigen
Jahren folgendermaßen aus: „Ökologie öffnet uns die Augen dafür, daß Völker
nicht nur menschliche Komplexe darstellen, die durch Sprache, Verhaltensweise,
Kultur und Geschichte zu einem Ganzen zusammengewachsen sind, sie sind auch in
ihrem Werden und ihrer unverwechselbaren Eigenart geprägt durch den Boden, aus
dem sie wuchsen, durch den Raum, der sie umfängt... (...) Nicht nur die Natur
muß vor einer ökologischen Überbeanspruchung geschützt werden, auch der
Mensch kann in einem eingeengten Umraum nicht gedeihen und schließlich müssen
auch die „autochthon", d.h. aus ihrem Umraum gewachsenen und in ihrer
Eigenart zu verstehenden Völker vor ihrer Entfremdung - der ihnen angeborenen
Eigenart gegenüber - geschützt werden."
Wer hier sein Ökologieverständnis kundtut, ist Werner Haverbeck vom
Weltbund zum Schutz des Lebens (WSL).[8]
US-Bioregionalismus ist nichts weiter als eine Neuauflage des alten
faschistischen Konzepts von Umweltschutz als Völkerschutz. Der Unterschied
reduziert sich auf die US-spezifische Wildnisromantik und daß deutsche ÖkofaschistInnen
an der Bezugsgröße Nation festhalten.
Schweidlenka und Gugenberger wettern gegen eine kapitalistische
Welt-Monokultur („Coca-Colonisation") und schreiben: „Bioregionalisten
sind überzeugt, daß die Zerstörung bioregionaler Identität mit
gleichzeitiger Einebnung kultureller und ethnischer Unterschiede zu einer
globalen Vermassung in einer seichten, von den großen kapitalistischen Zentren
beherrschten Welteinheitszivilisation führt, die wurzellose, heimatlose und in
letzter Konsequenz nicht mehr verantwortungsfähige Menschen erzeugt."
Insofern loben sie den Bioregionalismus, weil er „(...) gegen den Ausverkauf
der Heimat (steht)" und entschuldigen den gewöhnlichen Nationalismus als
verfälschtes Bedürfnis, zu den „natürlichen kulturellen Wurzeln zurückzukehren."[9]
Vermassung, Einheitszivilisation und Wurzellosigkeit gehören seit Jahren zu den
Schlagworten jener sogenannten „Neuen Rechten“, die vorbelastete Begriffe
wie Rasse, Rassenreinheit und Rassenschande vermeiden wollen.
Daß nicht nur sprachlich wenig Berührungsängste existieren, zeigt
eine Veröffentlichung Schweidlenkas in der Esoterik-Zeitung "Die andere
Realität". Dort warb er 1995 auf der Titelseite für Tiefenökologie,
Bioregionalismus und indianische Spiritualität. Daneben war ein Artikel über
die jüdisch-bolschewistisch-kapitalistische Weltverschwörung unter Führung
von Freimaurern und Rothschild abgedruckt.[10]
Wie sehr die beiden ehemaligen New-Age Kritiker der sanften Verblödung
verfallen sind, dokumentiert das Bioregionalismus-Buch. Wir finden ein
„bioregionales Quiz" mit Fragen wie: „In wie vielen Tagen ist Vollmond?
(Du darfst dich um zwei Tage irren.)", „Wann ist die Hirschbalz, und wann
werden in Deiner Gegend die jungen Tiere geboren?", „Nenne fünf Sträucher
Deiner Region. Sind das einheimische Gehölze?" Das Lernziel ist, „das
Bewußtsein der Menschen für ihre Heimat, ihren Lebens-Platz zu
sensibilisieren."[11]
Einige Seiten später folgt ein Schaubild über die Wurzeln des
Bioregionalismus mit der Unterschrift: „Eine Durchgabe von Albert Einstein,
gechannelt durch D.Eduard Gugenberger. Empfangen während einer Visionssuche auf
dem Ötscher, Mai 1995."[12]
Die Verwendung des Hakenkreuzes in der neuheidnischen und Hippie-Szene wird als
„nicht unproblematische" Wiederaneignung von Naturreligionen verharmlost.[13]
Das Buch aus dem Packpapier-Verlag ist obendrein gespickt mit Werbung für
esoterische Kurse mit Schweidlenka, für Fasten, Qi Gong, Radiästhesie, Märchen
und Sagen, Verkauf von Alpenblütenessenzen. Die Attacke auf die etablierte
New-Age-Szene von wegen Kommerz erweist sich als kleine Spitze gegen die
Konkurrenz. Daß auf die erste bioregionalistische Weißwurstbude des
planetarischen Ökosystems in München hingewiesen wird, zeigt, daß wenigstens
der Veganismus kein Dogma ist.
[1]. vgl. Peter Kratz, Die Götter des New Age, Berlin, 1994, S.21, S.31, S.87f., S.194, S.204f.
[2] vgl. Gugenberger/Schweidlenka, Die Fäden der Nornen. Zur Macht der Mythen in politischen Bewegungen, Wien, 1993, S.18, S.26f.
[3] vgl. ebd., S.40
[4] zit. ebd., S.308
[5] vgl. Gugenberger/Schweidlenka, Bioregionalismus. Bewegung für das 21.Jahrhundert, Packpapier-Verlag, 1995, S.102
[6] zit nach Schweidlenka/Gugenberger, Bioregionalismus, S.182
[7] zit ebd., S.149
[8] zit. Haverbeck, Ökologie und Ökumene. Lebensschutz ist Menschenschutz und Völkerschutz, 1983, in der Zeitschrift Mut. NS-Mitglied Haverbeck war 1933 bis 1935 Leiter des Reichsbundes Volkstum und Heimat, nach 1945 Pfarrer der anthroposophischen Christengemeinschaft, Mitglied des WSL (gegründet 1960), Präsident des WSL, 1980 Mitunterzeichner des rassistischen Heidelberger Manifestes.
[9] zit. ebd., S.150
[10] vgl. Schweidlenka, Die Hüter der Erde, in: Die andere Realität, Nr.4/1995
[11] zit. Schweidlenka/Gugenberger, Bioregionalismus, S.19f.
[12] zit. ebd., S.28
[13] vgl. ebd., S.141
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