Erschienen
in: Weg und Ziel Nr.3/1994
Titel: Alles Öko?
Untertitel:
Positionen der Ökologischen Linken
Bis
in die 70er Jahre hinein war Ökologie ein beschauliches Teilgebiet der
Biologie. Dann entstand eine Bewegung mit hundertausenden von AktivistInnen und
SympathisantInnen. 1972 wurde der Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz
(BBU) gegründet, im Kampf gegen das Atomkraftwerk im badischen Whyl begann 1973
die überregionale Vernetzung der Anti-AKW-Bewegung. Der Club of Rome veröffentlichte
seinen aufsehenerregenden Bericht über "Die Grenzen des Wachstums".
Die neue Umweltbewegung war bunt gemischt, reichte politisch von links bis
rechts, umfaßte neben der politischen Aktion auch die Suche nach alternativen
Lebensformen, den Rückzug in Kommune-Projekte und Esoterik. Aus der
Wissenschaft Ökologie wurde ein politisches Bekenntnis, ein Weltanschauung.
Ökologie
als Weltanschauung
In
der Vorstellungswelt vieler Umweltbewegter und einigen theoretischen Beiträgen
übernahm das Wort den Platz des älteren philosophischen Begriffs Natur. Dieser
umfaßte in der Ideengeschichte immer auch die Frage nach dem Sinn und dem Wesen
des Daseins, nach Entstehung und Entwicklung der Welt. Banaler ausgedrückt: War
von Ökologie die Rede, bekamen manche einen verklärten Blick. Assoziiert
wurden Harmonie mit sich und der Welt, die Lösung für alle Widersprüche und
Zerrissenheiten, einfache, überschaubare vor allem >natürliche< Verhältnisse.
Ähnliches Verzücken erweckten Begriffungetüme wie >ökologisches Bewußtsein<,
>Kreislaufwirtschaft< etc. ein. Im Verbund mit den ralen ökologischen
Zerstörungen und einer starken Umweltbewegung trug diese schwammige inhaltliche
Bestimmung zur Popularität von >Öko< bei.
Kein
Supermarkt ohne Müsliecke, keine Werbung ohne das Prädikat
>umweltfreundlich<. Für das Marketing von Waren und PolitikerInnen sind
>Öko< und >Bio> heutzutage unverzichtbar. Umweltschutz ist in der
Bundesrepublik quasi Staatsziel, in einigen Länderverfassungen ausdrücklich
deklariert. Die Entwicklung und den Ausbau von Atomenergie, Raumfahrt und
Gentechnologie im Interesse der Kapitalverwertung treiben die bürgerlichen
Parteien unter dem Stichwort >ökologische Modernisierung< voran. Wenn es
um die Sicherung des >Standorts Deutschland< vor der Weltmarktkonkurrenz
geht, stehen auch die Grünen nicht abseits: Sie wollen Japaner und Amerikaner
mit modernster Umwelttechnologie schlagen. Deutschland müsse zur "führenden
Solarenergienation" werden, fordert etwa Josef Fischer.
Abgesehen
von diesem Brimborium, welches die real fortschreitende Zerstörung verschleiern
soll, sind die handfesten Erfolge der Ökologiebewegung eher bescheiden: Emsiges
Sammeln und Trennen von Müll läßt sich mit deutschen Sekundärtugenden wie
Sauberkeit und Ordnung prima vereinbaren. Im Anschluß an dieses alternative
Winterhilfswerk wird der Dreck verbrannt oder nach Osteuropa bzw. in den Trikont
gebracht. Deutschland ist Exportweltmeister beim Müll. Radwege,
Verkehrsberuhigung und Autokatalysatoren können die mörderischen Folgen des
Autoverkehrs keineswegs bremsen. Durch Autounfälle starben 1993 rund 9.900
Menschen auf bundesdeutschen Straßen, über 500.000 Menschen wurden verletzt,
dazu kommen weitere Opfer durch Lärm und Luftvergiftung. Räder müssen rollen
für den Profit: Statt das Eisenbahnnetz der DDR, das dichteste Europas, zu
sanieren, werden weitere Autobahnen planiert. Autofreie Städte, Straßenbahnnetze
statt U-Bahnen gegen eine Mafia aus Kommunalpolitik, Grundstücksspekulanten,
Bau- und Autoindustrie durchzusetzen, käme einer Revolution gleich. Wird in den
Schienenverkehr investiert, dann in superschnelle und superteuere Züge wie den
ICE. Für die Zukunft gibt es Planungen, die großen europäischen Städte mit Zügen
zu verbinden, die mit 500 Stundenkilometern dahinrasen. Die dafür notwendigen
Trassen zerstören die Landschaft ebenso wie Autobahnen. Und diese
Buisiness-Class-Züge sind einerseits für die meisten Menschen unbezahlbar und
überflüssig, andererseits werden die regionalen und Nahverkehrsverbindungen
weiter ausgedünnt weil High-Tech-Züge ebenso kapitalintensiv sind wie
Autobahnen. Abgehängt werden durch eine solche Verkehrspolitik auf der Ebene
der Europäischen Union (EU) die Gebiete zwischen den Boom-Zentren, was wiederum
der sozialen Verelendung ganzer Landstriche entspricht.
Die
Bilanz nach fast 25 Jahren Ökologiebewegung in der Bundesrepublik ist ernüchternd.
Lediglich der Anti-AKW-Bewegung gelang es mit Phantasie und Militanz in den 70er
Jahren zwei Drittel des geplanten Atomprogramms (rund 90 Atomkraftwerke) zu
verhindern. Mit dem neuen Atomforschungsreaktor in München-Garching und dem
anvisierten Prototyp eines Europäischen Druckwasser-Reaktors in der Nähe des
nordbayerischen Bamberg versucht die Atomindustrie, allen voran der
Siemens-Konzern, eine zweite Offensive. Vorbereitet wird auch der Einstieg in
eine neue Form der Atomenergie, die Atomfusion. Diese ist keineswegs eine
>saubere Alternative<, im Gegenteil: Experten gehen davon aus, daß bei
einem Fusions-Reaktor doppelt soviel radioaktiver Müll entsteht wie bei
heutigen Atomspaltungs-Reaktoren, außerdem würde ein Fusions-Reaktor permanent
radioaktives Tritium abgeben. Mit Milliarden-Beträgen finanzieren die EU und
ihre Mitgliedsstaaten nicht nur die Atomenergie, sondern subventionieren auch
die Entwicklung der Gentechnologie. Die Konzerne, vor allem der Chemieriese
Hoechst AG, haben mit einer ganzen Reihe von Freisetzungen genmanipulierter
Pflanzen und der Patentierung der >Krebsmaus< weitere juristische und
>Akzeptanz<-Fortschritte erzielt.
Die
sogenannte >ökologische Modernisierung< bedeutet für die Zentren des
Kapitalismus neue Zerstörungs- und Vergiftungsformen entsprechend dem Stand der
technologischen Entwicklung: Vermutlich weniger die sinnlich wahrnehmbaren
schmutzigen Gifte wie Metallstäube, Ruß oder Schwefelgas, es bleiben
unsichtbare Dioxine, chlorierte Kohlenwasserstoffe, radioaktive Niedrigstrahlung
aus Atomanlagen und zunehmend durch Mobil-Telefonnetze und Computer der
Elektrosmog.
Wie
die Nationalstaaten im 19.Jahrhundert ist dabei die EU die staatlich-politische
Instanz, die dem gegenwärtigen Entwicklungsstand des Kapitalismus entspricht,
bei ungeheuerer Konzentration, hohem Aufwand für Forschung, Entwicklung und
Herstellung von Produkten sowie verschärfter Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Die
EU organisiert als bürokratische Diktatur die Deregulierung von Arbeitsverhältnissen,
soziale Verelendung, ökologische Zerstörung und eine eurochauvinistisch begründete
Abschottung gegenüber Flüchtlingen aus dem Trikont und Osteuropa. Sie steht
gegen emanzipatorische Bewegungen, soziale Befreiung und ein selbstbestimmtes
Leben. Die Kritik der Ökologischen Linke an der EU ist deshalb
antikapitalistisch und antistaatlich begründet, während die Grünen und die
PDS ihre Pro-EU-Haltung hinter einem >Nein zu Maastricht< verstecken.
Flankiert
wird dieser Prozeß durch die staats- und kapitalkonforme Haltung der Umweltverbände
und der Grünen. Deren Regierungsbeteiligungen fördern Projekte, die einst
heftig abgelehnt wurden: Müllverbrennungsanlagen in Hessen, in München oder Nürnberg.
Die Teststrecke von Daimler-Benz konnte im CDU-geführten Baden-Württemberg
nicht gebaut werden, kaum war Rosa-Grün in Niedersachsen installiert,
disponierte der Konzern um nach Papenburg. In Frankfurt bemühen sich Grüne um
neue Hochhaustürme in der City, verwalten den Flughafen mit und wollen
"den Haushalt unternehmerisch gestalten", sprich sparen auf Kosten
jener, die immer mehr verarmen. Korrumpiert sind nicht nur die Grünen, die
etablierten Umweltverbände lassen sich von Konzernen >ökosponsern< und
halten dafür mit Kritik zurück. So wurde etwa der >Deutsche Umwelttag<
1992 von Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), vom Verband der Chemischen
Industrie (VCI), der Flughafen Frankfurt/M. AG, der Autolobby vom ADAC sowie dem
Pharmakonzern Merck finanziert. Im Gegenzug lobten die Vertreter von Bund
Umwelt- und Naturschutz (BUND), Deutschem Naturschutzring (DNR) und
Naturschutzbund im vorbereitenden Nationalen Komitee für die Umweltkonferenz in
Rio im Februar 1992 die BRD für ihre umweltpolitischen Anstrengungen statt die
Rolle deutscher Banken und Konzerne bei ökologischen Zerstörungen weltweit zu
kritisieren.
Ökologische
Marktwirtschaft und Ökofaschismus
Existierte
in den 70er und 80er Jahren eine wenngleich oft vage Vorstellung über den
Zusammenhang von Ausbeutung, ökologischer Zerstörung und kapitalistischer
Produktionsweise, so bemühen sich heute große Teile der Ökologiebewegung um
eine >ökologische Marktwirtschaft<. Marx ist out, der Kapitalismus hat
sich - vorerst - weltweit durchgesetzt. Vor allem ideologisch, in den Köpfen
der Menschen, scheint es keine Alternative zu geben. So phantasieren etwa BUND
und der Bund Junger Unternehmer (BJU) in einem gemeinsamen Papier, daß
"genauso wie einst die Soziale Marktwirtschaft die Überwindung der
Ausbeutung des Menschen brachte, die ökologisch orientierte soziale
Marktwirtschaft die Überwindung der Ausbeutung der Natur bewirken kann".
Die Vision heißt "Streben nach der Verwirklichung individueller Freiheit für
den verantwortungsbewußt handelnden Bürger und einer fairen Verteilung des
knappen Gutes Umwelt". Konkret vorgeschlagen werden Zertifikate, die zur
Ausbeutung einer bestimmten Menge von Rohstoffen sowie zur Schadstoffemission
berechtigen. Ein Beispiel aus dem Verkehrsbereich: "Elektronische
Fahrtenschreiber in allen Fahrzeugen und ein anonymisiertes Abrechnungsverfahren
würden es ermöglichen, durch unterschiedliche Preishöhen zu festgelegten
Zeiten und auf ausgewählten Straßen.." - den Individualverkehr und den
Profit von Daimler-Benz, BMW & Co. zu retten und die Staus zu regulieren[1].
Mitgearbeitet an dem Papier haben Mitglieder der rechtsgerichteten Ökologisch-Demokratischen
Partei (ÖDP). Diese Partei will, wie ihre offen ökofaschistische Abspaltung,
die >Unabhängigen Ökologen Deutschlands<, den "Vater der sozialen
Marktwirtschaft", Ludwig Erhard (CDU), aus den Fängen der etablierten
Parteien befreien. In dem Papier von BUND und BJU wird das Bevölkerungswachstum
als erste und entscheidende Ursache ökologischer Zerstörungen benannt wird.
Diese grüne Variante rassistischer Überflutungsphantasien und
>Das-Boot-ist-voll< Metaphorik gehört zum Standardrepertoire des Ökofaschismus.
Das
Einschwenken auf die Logik des Kapitals und der wachsende Einfluß rechter
Gruppen in der Ökologiebewegung hat eine Reihe von Ursachen: Politische
Niederlagen und massive staatliche Repression, die manche entmutigt, aber auch
das schleichende Arrangement mit den herrschenden Verhältnissen. Jede Menge
ideologische Anknüpfungspunkte für ökofaschistische Gruppen bzw. die
sogenannte >Neue Rechte< liefert das diffuse Verständnis von Ökologie
sowie esoterische Strömungen.
Ökofaschismus
und rassistischer Konsens in der Bundesrepublik - Grenzen dicht für
ImmigrantInnen und Flüchtlinge - verstärken sich wechselseitig. Dank
allgemeiner Rechtsverschiebung werden bestimmte Argumentationslinien und
Begriffe heute nicht mehr als rassistisch wahrgenommen und bekämpft. Innerhalb
der Ökologiebewegung wächst der Einfluß rechter Gruppen, etwa aus der
New-Age-Szene oder der AnhängerInnen der sozialdarwinistischen
Zinsknechtschafts-Theorie Silvio Gesells, wieder. Der Vorsitzende des BUND,
Hubert Weinzierl, meint: "Nur wenn die Eindämmung des Überbevölkerungsstromes
gewährleistet ist, wird (...) eine Aussicht bestehen, (...) unsere
Zivilisationslandschaft so zu gestalten, daß sie Wert bleibt, Heimat genannt zu
werden". Und weiter: "Jeder Naturschutz endet dort, wo die
Menschenlawine alles überrollt"[2].
Weinzierl befindet sich damit in Übereinklang mit der von ihm hofierten
Braungans Konrad Lorenz. In einem Interview mit Weinzierl in der Zeitschrift
NATUR hatte der "eine gewisse Sympathie für Aids" bekundet, als
Mittel gegen "Überbevölkerung"[3].
Lorenz' Position war seit 1940 gleich, nur die Wortwahl änderte sich: Durch das
Bevölkerungswachstum komme es zu einer "Verhaustierung" (1940), die
Menschheit degeneriere, weil "sozial Ausfallbehaftete" (1972) nicht
mehr ausselektiert würden. Gegen angebliche Überbevölkerung setzte Lorenz
1940 den "rassischen Gedanken" und 1988 AIDS.
Weinzierl
hat es bisher verstanden, eine Unvereinbarkeit der Mitgliedschaft im Bund
Naturschutz einerseits und bei faschistischen Parteien wie NPD oder
Republikanern andererseits zu verhindern, mit dem Argument, das sei
undemokratisch[4].
Ausländerstopp fordern mit pseudoökologischen Begründungen auch manche
Basisgruppen des BUND: "Jede Bevölkerungspolitik wird daher primär auf
eine Einschränkung von Zuwanderung nach Deutschland zielen müssen", meint
die Ortsgruppe Esslingen, außerdem sollen Asylverfahren noch weiter
beschleunigt und eine "Aufenthaltsverfestigung mit der Möglichkeit der späteren
Einbürgerung" ausgeschlossen werden[5].
In Starnberg, einem der reichsten Landkreis der BRD fordert der stellvertretende
BUND-Ortschef, AsylbewerberInnen beim >Ramadama< einzusetzen. Gemeint sind
damit regelmäßige Aktionen der Kommunen, bei denen Müll aus Wäldern und öffentlichen
Anlagen eingesammelt wird. "Nach unserer Meinung ist der Bevölkerung
schwer zu vermitteln, daß arbeitende Bürger dieser Stadt als Freiwillige am
Ramadama teilnehmen, während von Sozialhilfe bzw. Arbeitslosenhilfe lebende
Asylbewerber spazierengehend zuschauen, wie andere ohne Honorar den Wohlstandmüll
wegräumen", heißt es in einem Schreiben[6].
In der Zeitschrift >Masse<, herausgegeben von der Jugendorganisation des
BUND-Landesverbandes Baden-Würtemberg, wird im Herbst 1993 eine "Eindämmung"
von Einwanderung als "dringend geboten" bezeichnet. In dem nicht
namentlich gekennzeichneten Beitrag eines Redaktionsmitgliedes wird diese
rassistische Forderung nicht nur ökologisch sondern im Stil der sogenannten
>Neuen Rechten< auch anthropologisch begründet: "Die Angst um die
eigene Zukunft und vor dem Fremdartigen bildet dabei eine zur Natur des Menschen
gehörende Ausgangsbasis"[7].
Dankbar
greifen PolitikerInnen von Republikanern bis SPD auf pseudoökologische Begründungen
der >Ausländer-raus<-Parole zurück. Der ehemalige bayerische
Umweltminister Peter Gauweiler (CSU) will Europa vor "Vermassung und
kultureller Einebnung" schützen: "Was hilft uns der Schutz von 18
Fledermausarten in Oberbayern, wenn die Altbayern selber bald auf die Rote Liste
der aussterbenden Arten kommen"[8].
Der nordrhein-westfälische Landtagsabgeordnete Friedhelm Farthmann (SPD)
bedauert, "daß die Ausländerproblematik (!) mit der Umweltproblematik überhaupt
nicht in Verbindung gebracht worden ist". Seiner Ansicht nach ist die
"größte Belastung für die Umwelt in der ganzen Welt und auch in
Deutschland die große Zahl von Menschen"[9].
Humanistischer
oder gar antifaschistischer Anwandlungen unverdächtig sind auch führende Repräsentanten
der Grünen. Der Frankfurter Multi-Kulti Dezernent Daniel Cohn-Bendit schlug
vor, den Asylparagraphen des Grundgesetzes einzuschränken und dafür ein
Einwanderunggesetz zu verabschieden. Ziel: Eine Selektion von Menschen an den
Grenzen der BRD nach den Kriterien des Arbeitskräftebedarfs: "Allein in
Frankfurt suchen wir Hunderte als Pflegepersonal für Krankenhäuser, Kindergärten
und Krippen. (...) Dabei ließen sich Ausländer in sechs Monaten als
Hilfspfleger ausbilden", argumentierte Cohn-Bendit im Spiegel-Interview:
"Eine Einwanderungsbehörde bestimmt dann, welchen Bedarf es in der
Bundesrepublik - oder in Europa - gibt"[10].
Wer nicht gebraucht wird, hat draußen zu bleiben. Wer nach dem
Cohn-Bendit-Interview noch zweifelte, was grüne Einwanderungspolitik meint, für
den stellte Konrad Weiß vom ostdeutschen Bündnis 90 wenige Wochen später
klar: "Natürlich ist es für den einzelnen, der vor der Tür stehenbleibt
oder noch ein Jahr länger warten muß, eine bittere Sache, auch ungerecht. Aber
um des sozialen Friedens willen, auch um der Akzeptanz der Einwanderinnen und
Einwanderer willen, müssen wir uns zu dieser Quotenregelung bekennen"[11].
Multikulti
wird von den Grünen explizit als Strategie gegen linke antirassistische Politik
gehandelt, Rassismus uminterpretiert zu einem kulturellen Konflikt, ohne
politische und ökonomische Motive, und damit entpolitisiert. In einer grünen
Broschüre heißt es: "Angst und Abwehr gegenüber den Fremden gibt es überall
auf der Welt". Eine Mitarbeiterin des Frankfurter Multikulti-Dezernats
schreibt darin über die "berechtigten Ängste vor Überfremdung".
Rassismus wird so zu einer anthropologischen - biologischen oder kulturellen -
Konstante wie bei Konrad Lorenz und der sogenannten >Neuen Rechten<. Der
grüne Multikulti-Begriff und das faschistische Konzept des Ethnopluralismus
basieren auf der gleichen willkürlichen Konstruktion homogener Kulturnationen
und nationaler Identitäten. Menschen werden aufgrund ihrer geographischen und
kulturellen Herkunft auf bestimmte Verhaltensklischees festgelegt. Thomas
Schmid, ebenfalls Mitglied der Grünen und Mitarbeiter in Cohn-Bendits Dezernat
geht soweit, die EinwanderInnen, sowie jene Linken, die für Offene Grenzen
eintreten, für den Rassismus verantwortlich zu erklären[12]. 1992 verfassen Schmid
und der >rote Dany< ein Buch unter dem Titel >Heimat Babylon<: In
dem Pamphlet werden Sinti und Roma karikiert im Stil antisemitischer Hetztiraden
gegen Ostjuden, wie sie nach dem Ende des 1.Weltkrieges kursierten.
Rücksicht
auf das gesunde deutsche Volksempfinden fordert Antje Vollmer. Dem "Mißtrauen
breiter Teile der Bevölkerung gegen das multikulturelle Konzept (liegt) die
vage Völkererinnerung zugrunde, daß - historisch gesehen - die einheimischen
Kulturen den Einwanderern in der Regel unterlagen". Um die Einwanderung aus
Osteuropa zu stoppen müsse vor Ort der "Stolz auf eine nationale und
politisch kulturelle Identität" gefördert werden[13].
Weil die regierenden Kommunistischen Parteien mit ihrem Folklore-Kitsch dieses
Gefühl von nationaler Identität ebenso förderten wie die von der BRD aus
operierenden rechten Emigrantengruppen, finden heute unter der Parole
>Selbstbestimmungsrecht< von Jugoslawien bis zum Kaukasus ethnische Säuberungen
statt. Aus Sicht des deutschen grünen Herrenmenschen ist es natürlich besser,
die slawischen Untermenschen schlachten sich dort ab, als daß sie bei uns in
der sozialen Hängematte liegen. Geht es nach der Pastorin Vollmer, wird es
damit auch für deutsche Volksgenossen ein Ende haben. Auf einem Symposium zu
Ehren des 75 Geburtstages von Helmut Schmidt Ende letzten Jahres erklärte die
ehemalige maoistische Avantgarde-Politikerin, "daß es auf die Dauer nicht
ohne eine Elite geht". Bezogen auf die Vergangenheit meinte Vollmer,
"in der Bundesrepublik haben wir das Experiment mit der Egalität bis zum
Äußersten getrieben". Damit soll es nun ein Ende haben: "Jetzt muß,
jedenfalls für eine begrenzte Phase, Vorrang auf die Existenzmöglichkeiten und
die Entfaltungsmöglichkeiten von Eliten gelegt werden"[14].
Diese
wenigen Beispiele illustrieren, daß verharmlost, wer ökofaschistische
Positionen nur bei Gruppen diagnostiziert, die schon im Verfassungsschutzbericht
erwähnt werden, wie Thomas Jahn und Peter Wehling in ihrem Buch >Ökologie
von rechts<. Es macht allerdings Sinn, wenn von anderen, politisch einflußreicheren
und damit gefährlicheren Kräften abgelenkt werden soll. Der Vorwurf an die
Adresse der Ökologischen Linken, einen Popanz aufzubauen, weil wir eben nicht
nur offen faschistische Gruppen damit attackieren, sondern auch Teile der Grünen
und vor allem die New Age-Szene, zeugt schlicht von Unkenntnis[15].
Nachvollziehbar wird der beschränkte Sichtweise der beiden Wissenschaftler,
wenn wir berücksichtigen, daß das oben erwähnte Werk der beiden von der grün-nahen
Heinrich-Böll-Stiftung gefödert wurde. Wehling und Jan bemängeln, das Thema
werde bisher rein ideologiekritisch und historisch angegangen, was "die
Wirksamkeit fragmentierter und flexibler alltagsrassistischer Wahrnehmungsformen
und Sprachmuster >unterhalb< geschlossener Weltbilder"[16]. Die beiden
Sozialwissenschaftler wollen vermutlich sagen, daß Rassisten auch zuschlagen,
wenn sie weder >Mein Kampf< gelesen, noch das Programm der Republikaner
buchstabieren können. Hundertprozentige Übereinstimmung. Nur fällt
>Alltagsrassismus< eben nicht vom Himmel. Es gibt Gruppen und Projekte die
sich ganz gezielt seit Jahrzehnten mit dem face-lifting faschistischer Ideologie
beschäftigen um diese salonfähig zu machen. Besonders gefährlich, weil für
viele nicht gleich erkennbar, ist dabei die ökologische und esoterische
Modernisierung. Gerade hier ist die ideologiekritische und historische Analyse
notwendig, um einen Maßstab für die Einschätzung solcher Strömungen zu
gewinnen.
Im
engeren Sinn verwende ich den Begriff Ökofaschismus, wenn rassistische,
sozialdarwinistische, eugenische und/oder antidemokratische Positionen (pseudo-)ökologisch
begründet werden. Etwa wenn der langjährige Vorsitzende des >Weltbund zum
Schutz des Lebens< (WSL), Georg Haverbeck, davon spricht, daß die
"Unterarten des Menschen ebenso wie die Pflanzen und Tiere einem jeweiligen
Ökosystem zugeordnet" sind und Umweltschutz deshalb als "Völkerschutz",
Schutz der "biologischen Substanz vor Überfremdung" definiert[17];
oder die Republikaner von der "Erhaltung des deutschen Volkes und seines ökologischen
Lebensraumes" sprechen[18].
Im weiteren Sinne geht es mir um die pseudoökologische und esoterische
Modernisierung faschistischer Ideologie. Der Faschismus als terroristische
Herrschaftsform und Krisenstrategie des Kapitals ist charakterisiert durch eine
Massenbasis, für die wiederum eine bestimmte Ideologie das verbindende Element
ist. Die Vorstellungen, die für faschistische Parteien und Herrschaftspraxis
leitend waren, wurden im 19. Jahrhundert von unzähligen Akademikern und
Journalisten aus dem Bürgertum entwickelt und propagiert.
Die
ökofaschistische und New-Age Szene operiert innerhalb der Ökologie- und
Frauenbewegung sowie im anarchistischen Spektrum. Durch massive Auftritte wie
etwa beim Jugend-Umweltfestival AUFTAKT im Sommer 1993 in Magdeburg versuchen
sie AnhängerInnen zu rekrutieren. Trotz aller persönlichen und ideologischen
Differenzen gibt es netzwerkartige Verflechtungen. Sie erklären sich aus den
gemeinsamen ideologischen Grundlagen, deren Wurzeln auf die Romantik zu Beginn
des 19.Jahrhunderts zurückgehen und über die Lebensreformbewegung der
Jahrhundertwende mit ihrer überwiegend völkisch-eugenischen Ausrichtung sowie
die Lebensphilosophie Oswald Spenglers, Martin Heideggers, Ernst Jüngers u.a.
bis zum modernen New Age reichen.
Begriffe
wie Ganzheitlichkeit und Organismus die heute Fritjof Capra oder Rudolf Bahro
verwenden stammen aus der Romantik als entschieden antiaufklärerischer,
konterrevolutionärer Bewegung. Aus der selben völkischen Quelle stammt der
>Volksgeist<, der durch die Werke Rudolf Steiners und der Gurus der
schottischen Findhorn-Kommune spukt. Herder, Grimm und Savigny entwickelten den
>Volksgeist< als Gegenkonzept zum Begriff >Volkssouveränität<. Er
hat seinen Sitz "in der höheren Natur des Volkes als eines stets
werdenden, sich entwickelnden Ganzen", er erzeugt das Bewußtsein des
einzelnen, ebenso wie Recht, Sprache, Sitte und den Staat als "die
organische Erscheinung des Volkes"[19].
Die Welt, die gesellschaftlichen Verhältnisse sind also nicht menschengemacht
und damit veränderbar, sondern bloßer Ausdruck, materielle Erscheinung einer
ewigen und unveränderlichen Wirklichkeit, eines jenseitigen transzendentalen
Prinzips. Die politische Botschaft: Rebellion ist nicht gerechtfertigt, sie ist
eine widernatürliche, letztlich sinnlose Auflehnung gegen die
>ganzheitliche< und >organische<, d.h. ausbeuterische und unterdrückende
Ordnung. Das >deutsche Volk<, eine Konstruktion um die Massen gegen das
revolutionäre Frankreich zu mobilisieren, wurde von den Romantikern völkisch
und rassisch definiert. Adam Müller leitete aus der Ganzheit Natur die Völker
als Unter-Ganzheiten ab, jedes in sich homogen, nach außen heterogen.
Abgrenzung und Krieg sind für Müller und Ernst Moritz Arndt notwendig, damit
ein Volk sich selbst als Ganzheit spürt. Friedrich Julius Stahl begründete die
Einheit des Volkes schließlich blutsmäßig.
Rudolf
Bahro, Professor für Sozialökologie an der Berliner Humboldtuniversität und
aufgrund seines Dissidentenimages aus DDR-Zeiten einflußreich, leitet den
>Volkscharakter< aus angeblich biologischen Ganzheiten wie Horde, Stamm,
Volk, Nation ab. Antje Vollmers Idee von der >kollektiven Völkererinnerung<
scheint ebenso dem Mythos von Volk und Volksgeist zu entspringen, eine reale
Grundlage gibt es nicht, ausgenommen Vollmer bezieht sich auf die
nationalistische Legendenbildung mit ihren Überflutungsphantasien und dem
heldenhaften Widerstand der Germanen seit der Schlacht im Teutoburger Wald. Am
deutlichsten ist der Rückgriff auf den Faschismus bei Rudolf Bahro: Seit Jahren
ist er auf der Suche "nach dem Positiven, das vielleicht in der
Nazibewegung verlarvt war."[20]
Und weiter: "Kein Gedanke verwerflicher als der an ein neues 1933?! Gerade
der aber kann uns reden. Die Ökopax-Bewegung ist die erste deutsche
Volksbewegung seit der Nazibewegung. Sie muß Hitler miterlösen - die seelische
Tendenz, die wenn auch schwächer, immer noch in uns ist.."[21]
Immer wieder empfiehlt Bahro die Lektüre faschistischer Ideologen, weil sich
"Werke wie die Heideggers, C.G. Jungs, Ernst Jüngers, Carl Schmitts
heute, in der ökologischen Krise, als im Theoretischen aufschlußreich
(erweisen), während so manche antifaschistische Analyse ihren Impuls erschöpft
hat?"[22]
Zum Hauptgegner wird die antifaschistische Linke, weil sie "dieses
nationale.. völkische Moment nicht bedient. Eigentlich ruft es in der
Volkstiefe nach einem grünen Adolf"[23].
Inzwischen gibt es auch Hinweise auf praktische Zusammenarbeit mit
Neofaschisten: Immer wieder bezieht sich Bahro positiv auf Chefideologen der
neonazistischen Tarnorganisation >Deutsche Unitarier
Religionsgemeinschaft< (DUR), auf Wolfgang Deppert und Sigrid Hunke, die auch
zum faschistischen >Thule Seminar< gehört.
Rechtsextreme
Neuheiden, ökofaschistische und New-Age Gruppen bzw. Vordenker eint das gleiche
Weltbild, ein mystisch-religiöser Naturbegriff. Ausgangspunkt ist immer ein
transzendentales Prinzip, kosmische Intelligenz oder kosmische Wesen. Das
Universum, die Natur, der Mensch, die gesamte Evolution und die menschliche
Geschichte sind lediglich eine Manifestation, materieller Ausdruck dieses
jenseitigen Prinzips. Letztlich handelt es sich um eine Art pantheistische
Religion: Gott ist in Allem. Jede Entwicklung ist vorherbestimmt, sie ist die
Entfaltung des Transzendentalen, beim Menschen ein Prozeß wachsender
Erkenntnis, die schließlich zur Einheit im Göttlichen zurückführt. Evolution
und Geschichte sind deshalb eine Art Kreislauf, zunächst - etwa bei Steiner
verknüpft mit der Wurzelrassentheorie - ein Abstieg in die Sphäre des
Materiellen und dann der Wiederaufstieg durch Erleuchtung[24].
Aus diesem deterministischen Weltbild abgeleitet sind >ewige<, >unveränderliche<
Gesetzmäßigkeiten und Ganzheiten, z.B. Rassen, Nationen, >wesenhafte<
(statt durch geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Sozialisation erworbene)
Unterschiedlichkeit von Mann und Frau. Capra beispielsweise argumentiert mit Yin
und Yang, der Ausbeuterphilosophie des chinesischen Feudalismus. Yin und Yang
bedeutet Hierarchien und Ausbeutung hinnehmen, denn das Individuum steht an
einem vorherbestimmten Platz im gesellschaftlichen Organismus und hat dort eine
Funktion zu erfüllen. Capra und Thorwald Dethlefsen (Bestseller >Schicksal
als Chance<) wählen als Beispiel Krebs: Er entsteht, wenn Zellen nicht ihre
Funktion erfüllen, ebenso müsse sich auch das Individuum höheren Zwecken
unterzuordnen.
Alle
Übel dieser Welt, gerade auch die ökologischen Zerstörungen, werden von
Autoren wie Capra oder Bahro als Ausdruck fehlender Verbindung zum kosmischen
Ganzen diagnostiziert. Die Lösung lautet denn auch >Wertewandel< (Capra)
bzw. sich wieder in die >Große Ordnung< (Bahro) eingliedern[25].
Dazu bedarf es der inneren Erleuchtung, daß sich hinter den materiellen
Erscheinungen das Göttliche verbirgt. Der Weg dorthin wird von allen New-Agern
ausdrücklich als intuitiv beschrieben, die menschliche Vernunft als hinderlich
diskreditiert. Dieses Konzept der Erleuchtung ist antidemokratisch, hierarchisch
und elitär. Für die Findhorn-Gurus sind Atomkatastrophen deshalb positiv, weil
die Nicht-Erleuchteten ausgelöscht werden. Bahro ruft nach einem
charismatischen Propheten, einem >Fürsten der ökologischen Wende< oder
eben nach dem >grünen Adolf<, der die Lösung bringen soll.
Auffällig
ist, daß eine ganze Reihe von New Agern neue ökologisch mörderische
Technologien wie Atomenergie, Raumfahrt oder Gentechnik befürwortet. Auch
eignen sich Ego-Kult und die Predigt vom >natürlichen Leben< hervorragend
um soziale Deregulierung zu rechtfertigen. So wird Capra nicht müde beim Thema
Gesundheit auf der Verantwortung des einzelnen herumzureiten, statt
krankmachende und keineswegs selbstbestimmte Arbeits- und Lebensbedingungen
anzugreifen. Bei Ökofaschisten wie Lorenz und Gruhl werden auch die
sozialdarwinistischen Prinzipien >Kampf ums Dasein< und Auslese offen
ausgesprochen, verbunden mit der rassistischen >Überbevölkerungs<-Propaganda.
Bahro bewegt sich bereits auf dem selben Terrain: In einem seiner Seminare wurde
überlegt, wieviele spirituelle Landkommunen mit maximal 3.000 BewohnerInnen
wohl in der BRD Platz haben. Daraus ergibt sich logisch die Frage: Was passiert
mit den Überzähligen?? Abgesehen von der grundsätzlich patriarchalen
Orientierung des New Age entsprechend der Ganzheits- und Organismuslehre
verteidigen Gruppen wie ZEGG[26]
sexistische Gewalt: Frauen sind ihrer abstrusen Lehre zufolge nur zu verklemmt,
richtig genießen zu können.
In
seinem neuen Buch >Die Götter des New Age< entwickelt der Bonner Autor
Peter Kratz die These, daß sich das New-Age als Legitimationsideologie für die
Herrschenden hervorragend eignet. Kratz weist auf Parallelen zwischen moderner
Esoterik und den Schriften Paul de Lagardes, Houston Stewart Chamberlain u.a.
hin. Auch diese Vordenker der Nazis vertraten das von mir oben skizzierte
Weltbild. Den Nutzen aus Sicht der Kapitalverwertung beschreibt Kratz
folgendermaßen: "Nach der Idee des >kosmischen Ganzen< steht jedes
Individuum an seinem naturgöttlich vorgegebenen Platz, da haben >die ganz
unten< schicksalsmäßig eben Pech gehabt. Andererseits gibt diese Ideologie
den Herrschenden alle Macht: Wer oben steht und glaubt, das Göttliche wirke
auch in ihm und durch ihn selbst, kennt keine ethischen Schranken"[27].
Die
ökofaschistische und New-Age Ideologie ist in ihrem Kern also keineswegs neu,
sie hat nach der Niederlage des Faschismus 1945 überwintert in Gruppen wie der
DUR oder der Ludendorffer-Bewegung. In den späten 60er Jahren boten die
Protestbewegungen der weißen Mittelschicht (Vietnamprotest, Ökologie- und
Frauenbewegung, Hippies) zunächst in den USA dann auch in der BRD Anknüpfungspunkte,
besonders geeignet sind dabei Menschen und Strömungen, die die politische
Auseinandersetzung aufgeben und das Heil in einer >anderen<, >natürlichen<
Lebensweise im Hier und Jetzt suchen. In der Ökologiebewegung der 70er Jahre
und beim Gründungsprozeß der Grünen mischten neofaschistische Gruppen wie der
WSL oder die sozialdarwinistischen Gesellianer kräftig mit.
Autoren
wie Herbert Gruhl oder Carl Amery wärmten damals ein
ganzheitlich-biologistisches Naturverständnis wieder auf, das breit rezipiert
wurde. In seinem Bestseller >Ein Planet wird geplündert< (1975)
identifizierte Gruhl, Mitbegründer der Grünen, später der Ökologisch-Demokratischen
Partei (ÖDP), Natur mit sozialdarwinistischen Ausleseprinzipien. Ökologische
Politik beinhaltete für ihn eine Ökodiktatur, die Konsumverzicht erzwingt, die
Grenzen rigoros abschließt und sich für einen globalen Verteilungskampf um
knappe Ressourcen rüstet. Carl Amery, insbesondere in Bayern als Vordenker der
Umweltbewegung geschätzt, forderte in einem Werk mit dem bezeichnenden Titel
>Natur als Politik< (1978), die Ökologie zur neuen Leitwissenschaft zu
erheben, die "dem Anthropozentrismus widerspricht, die ihn abbaut und
vernichtet"[28].
Überwunden werden sollte die Sicht des Menschen als Krone der Schöpfung, nach
Amerys Meinung eine Idee christlich-jüdischen Ursprungs die geradewegs zum ökologischen
Holocaust führt. Vom Standpunkt eines >ökologischen Notstands< forderte
Amery 1985 die Grünen auf, den Kampf um demokratische Rechte, gegen die
Diskriminierung von Schwulen und Lesben, gegen patriarchale Verhältnisse
hintanzustellen.
Grundlagen
einer linken ökologischen Politik
Die
große Mehrheit der Linken hat mit dem Thema Ökologie größte Schwierigkeiten.
Die Warnung von Marx, wonach der Kapitalismus den gesellschaftlichen Reichtum
produziert und dabei dessen Voraussetzungen, den Menschen und die Natur zerstört,
blieb unbeachtet. Das soziale Elend stand über Jahrzehnte und zurecht im
Mittelpunkt, ausgeblendet wurde dabei, daß die Entwicklung von Wissenschaft und
Technik niemals neutral ist[29].
Die schrankenlose Entwicklung der Produktivkräfte unter kapitalistischem Regime
galt als Voraussetzung des Sozialismus, daß dabei die Naturzerstörung zunahm
und Destruktivkräfte wie die Atomenergie entstanden, wurde negiert. Jener
kleine Teil der undogmatischen Linken in der BRD, die sich in den 70er Jahren
mit ökologischen Problemen beschäftigte und sich vor allem in der
Anti-AKW-Bewegung engagierte, mußte sich von den diversen kommunistischen
Gruppen Maschinenstürmerei und Naturromantik vorhalten lassen. Die Kritik
dieser Betonlinken an ökofaschistischen Gruppen zielte darauf ab, die
Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex überhaupt zu diffamieren.
Die
Behauptung >Ökologie< ist immer rechts, belegt nur die Unwissenheit
derer, die sie aufstellen. Ökologie zur neuen Leitwissenschaft aufzublasen, als
Verkleidung für alte sozialdarwinistische und biologistische Positionen, wurde
frühzeitig bekämpft, nicht nur von Linken. Autoren wie Ludwig Trepl (1983)
oder Jürgen Dahl (1982) warnten davor, die Wissenschaft Ökologie zur neuen
>Heilslehre< (Trepl) zu machen. Gegen Amerys Angriff auf den
Anthropozentrismus wandte Dahl ein, daß nur vom Standpunkt eines bestimmten
Lebewesens eine Aussage darüber getroffen werden könne, was ökologisch intakt
ist und was nicht: "Gesetzt den Fall, eine Stubenfliege vermöchte sich
eine Meinung über ihre Umwelt zu bilden (...), so würde die Stubenfliege das
Fehlen faulenden Fleisches in der Stube als existentielle Zumutung empfinden und
von ordentlichen ökologischen Verhältnissen erst wieder reden mögen, wenn
sich die Katze unter dem Sofa erbricht und damit eine Fülle von
Nahrungsressourcen verfügbar macht"[30].
Ökologie
als Wissenschaft kann also im Idealfall die Beziehungen der Lebewesen
untereinander sowie von Faktoren wie Temperatur, Wasser, Licht, Sauerstoff,
Boden usw. analysieren. Nicht intuitiv wie Capra nahelegt, sondern mit
naturwissenschaftlichen, rationalen Methoden. Eine ökologischen Politik die auf
solchem Wissen basiert und nicht wie bei Amery vom theoretischem Antihumanismus
zur Öko-Notstandsdiktatur führt, muß gerade den Menschen zum Maß aller Dinge
machen: Wir müssen unseren Stoffwechselprozeß mit der uns umgebenden Natur
(Marx) so organisieren, daß weder Mangel herrscht, noch die ökologischen
Voraussetzungen menschlichen Lebens auf diesem Planeten zerstört werden.
Der
Begriff Radikalökologie, wie ihn die Ökologische Linke verwendet, beinhaltet
die Erkenntnis, daß die Ausbeutung und Vernichtung von Mensch und Natur hier
und im Trikont ihre Wurzel in der kapitalistischen Produktionsweise hat. Der
Kampf um den Weltmarkt zwischen den drei imperialistischen Blöcken USA, Japan
und Europäischer Union wird ökonomisch geführt werden mit neuen Technologien
und Produkten, die die ökologische Zerstörung weiter voran treiben oder etwa
mit der Gentechnik als sich selbst vermehrendes, nicht beherrschbares und nicht
rückholbares Risiko eine neue Qualität erreichen. Der ökoimperialistische
Zugriff auf den Trikont wird die Form hemmungsloser Ausbeutung von
Naturressourcen (Uran, Öl, Kupfer, fruchtbare Böden etc.) sowie Export von
Giftmüll und lebensgefährlichen Produktionsanlagen beibehalten[31].
Eine Lösung ökologischer Probleme getrennt von derjenigen sozialer Probleme
hann es also nicht geben. Umgekehrt muß linke Politik ökologisch sein, weil es
keine emanzipatorische Entwicklung, keine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus
geben kann, wenn die ökologischen Lebensgrundlagen vergiftet und ausgeplündert
sind. Die Hauptaufgabe besteht deshalb darin, hier in den Zentren des
Kapitalismus, wo die weltweiten ökoimperialistischen Raubzüge vorbereitet
werden, Opposition und Widerstand aufzubauen. Das ist zugleich die
wirkungsvollste Form der Solidarität mit emanzipatorischen und revolutionären
Bewegungen in aller Welt.
(Peter
Bierl, Mitglied im BundessprecherInnenrat der Ökologischen Linken, BRD)
[1]. alle Zitate aus: Plädoyer für eine ökologisch orientierte Soziale Marktwirtschaft, Gemeinsames Statement von BJU und BUND, August 1993
[2]. zit. Süddeutsche Zeitung, 29.10.1991
[3]. vgl. Natur, Nr.11, 1988
[4]. vgl. Süddeutsche Zeitung, 19./20.6.1993
[5]. zit. Entwurf für ein "Stadtentwicklungskonzept. Leitlinien zukunftorientierter Kommunalpolitik", 1993, BUND-Ortsgruppe, Landkreis Esslingen
[6]. vgl. Süddeutsche Zeitung, 6.9.1992
[7]. zit. Masse, Nr.11, 1993
[8]. zit. Süddeutsche Zeitung, 19.4.1993
[9]. zit. taz-Interview, 7.5.1993
[10]. vgl. Der Spiegel, 26.8.1991
[11]. vgl. Der Spiegel, 16.10.1991
[12]. vgl. Süddeutsche Zeitung, 8.7.1991
[13], vgl. taz, 11.3.1992
[14]. zit. ZEIT-Punkte, Nr.1, 1994, Demokratie in der Krise - ein ZEIT-Symposium zum 75.Geburtstag von Helmut Schmidt
[15]. vgl. Thomas Jahn, Peter Wehling, Ausweg Öko-Diktatur, in: Politische Ökologie - Special, Nov./Dez. 1993, S.6
[16]. zit. ebd., S.5
[17]. zit. bei Volkmar Wölk, Roger Niedenführ, Neue Trends im ökofaschistischen Netzwerk, in: Hethey/Kratz, In bester Gesellschaft - Antifa Recherche zwischen Konservatismus und Neofaschismus, Göttingen, 1991
[18]. vgl. Die Republikaner, Programm 1987, S.4
[19]. vgl. dazu Lutz Hoffmann, Das deutsche Volk und seine Feinde. Die völkische Droge, Köln, 1994, S.108 ff, daraus auch die Zitate
[20]. zit Rudolf Bahro, Die Logik der Rettung, Stuttgart/Wien, 1987, S.461
[21]. zit. ebd., S.346 f.
[22]. zit. Bahro, Vorwort zu Jochen Kirchhoff, Nietzsche, Hitler und die Deutschen, 1990, S.12
[23]. zit. Bahro, Die deutschen Linken und die nationale Frage oder unsere Ölinteressen am Golf, Streitschrift Nr.3/November 1990
[24]. Bahro beschreibt den gleichen Kreislauf in seinem Buch Logik der Rettung, S.92 f.
[25]. vgl. ebd., S.20, S.86, S.95, S.208
[26]. Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung in Berlin/Belzig. ZEGG arbeitet eng mit Bahro zusammen und steht in der Tradition der Aktions Analytischen Organisation (AAO) von Otto Muehl, der 1991 in Österreich wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern verurteilt wurde
[27]. zit. interview mit Peter Kratz, in: Junge Welt, 13.5.1994
[28]. zit. Carl Amery, Natur als Politik, Reinek, 1978, S.36
[29]. Rosa Luxemburgs Kritik an der tayloristischen Arbeitsorganisation als neuer Stufe der Disziplinierung von Menschen war die große Ausnahme, Lenin vertrat die Gegenposition.
[30]. zit. Jürgen Dahl, Ökologie pur, S.74, in: Natur, Nr.12/1982
[31]. vgl. zum Thema ökoimperialistische Raubzüge: Jutta Ditfurth, Lebe wild und gefährlich, Köln, 1991