Erschienen in Ökolinx Nr.20
Titel:
Sozialdemokratisch & esoterisch
Autor: Peter Bierl
ÖkoLinX 20/1995 - Mit Gruppen wie der Kommunistischen Plattform oder
dem Marxistischen Forum hat es die PDS-Führung leicht. Der Stalinismus-Vorwurf
erspart und ersetzt die Diskussion von Inhalten. Einer Abteilung des
demokratischen Sozialismus können Bisky, Gysi & Co. dergleichen nicht
unterstellen, der Ökologischen Plattform der PDS um den ehemaligen AL-Ökosozialisten
Peter Schott. Zum Streit gibt es auch wenig Anlaß: Der Plattform geht es um Ökologie
pur, ums „Überleben“ jenseits von konkreten Gesellschaftsordnungen und
Klassenkämpfen.
Die Ökologische Plattform der PDS fomierte sich im Laufe des ersten
Halbjahres 1994. Anlaß war laut der am 24.Juni verabschiedeten Gründungserklärung,
daß „das bisherige Engagement der Partei für ökologische Fragen nicht
ausreicht.“[1] Trotzdem bezieht sich der
Kreis prinzipiell auf das Parteiprogramm, worin es heißt, die ökologische
Krise spitzt sich zu wie weiland die Widersprüche des Kapitalismus.
Leider endet die Geschichte nicht mit dessen revolutionärer Überwindung,
sondern spitzt sich „zur weltweiten Überlebensfrage zu“. Als
verbalradikales Bonbon hält das Programm die Formulierung parat, daß diese ökologische
Krise „dem immer expansiveren Austausch zwischen Mensch und Natur, dem
ausbeuterischen Charakter des kapitalistischen Produktions- und Konsummodells
und der Zerstörung traditioneller Lebensformen in den unterentwickelt
gehaltenen Ländern (entspringt).“[2]
Die Öko-Plattform will dem „konkrete Politikansätze für eine
schrittweise ökologische Umgestaltung“ entgegenhalten. Gefordert wird ein
„grundlegender ökologischer Umbau“, der „einerseits alle Möglichkeiten
marktwirtschaftlicher Regularien voll ausschöpft, ja die Nutzung
wirtschaftlicher Mechanismen sehr entschieden einfordert, andererseits jedoch über
eben deren Barrieren hinausgeht. (...)“ Nicht der Kapitalismus als letzte
Ursache sämtlicher ökologischer Zerstörungen auf diesem Planeten soll bekämpft
werden, sondern die Damen und Herren begnügen sich - im Widerspruch zur
zitierten Diagnose aus dem Programm - damit, die „existierenden Tendenzen der
Vollvermarktung des menschlichen Lebens und der Gewinnsucht als dominantes
Menschenbild ... zurückzudrängen.“[3]
Auf der letzten Seite der Gründungserklärung wird, konform zum
Bundestags-Wahlprogramm der PDS, auf die ideologische Linie der Bernsteinschen
Sozialdemokratie eingeschwenkt: Der Kapitalismus ist hier nicht mehr aufgefaßt
als ein gesamtgesellschaftliches Verhältnis, sondern als ein von der
Gesellschaft quasi abgetrennter Funktionsbereich, der sich ökologisch und
sozial bändigen läßt. „Inwieweit die heutige Kapitaldominanz eingedämmt
und durchbrochen werden kann, muß die Praxis zeigen“, heißt es da, und
weiter: „Der Streit darüber, ob und inwieweit es einen >grünen
Kapitalismus< geben kann, sollte keinen hindern, hier und heute für die
Bewohnbarkeit unseres Planeten aktiv zu werden. Entscheidend ist nicht, auf der
Grundlage welcher demokratischen Gesellschaftsordnung ökologischer Fortschritt
errungen, sondern daß das Überleben unseres Planeten gesichert wird.“[4]
Das heißt nichts anderes, als daß die für das menschliche Leben notwendigen
ökologischen Voraussetzungen im Rahmen jedes beliebigen Gesellschaftssystems
gesichert werden können. Der letzte Satz entscheidet damit, was im
vorhergehenden Satz noch als unwichtige aber offene Frage behandelt wurde: Ein
„ökologischer Kapitalismus“ ist möglich.
Weil es ja um nichts weniger als das Überleben geht, verschwindet vor
dem Notstand, der hier ebenso bemüht wird wie bei den BefürworterInnen von Ökodiktaturen,
jede Analyse von Interessen und Klassenlagen. Es gibt kein Oben und Unten, alle
sitzen - wie es in der Gründungserklärung kongenial zu dem Ökofaschisten
Herbert Gruhl heißt - im selben „Raumschiff Erde“. Die Plattform entwickelt
daraus die entsprechende Bündnispolitik: Zusammengearbeitet werden soll mit
allen, „die sich mit der ökologischen Problematik befassen oder an ihr
interessiert sind...“[5]
Entsprechend beliebig war das Agitationsmaterial, daß die GenossInnen
auf dem Parteitag feilboten. Mit einem ganzen Sammelsurium vertreten war der
Bahro-Anhänger Marko Ferst, darunter einige Werbetexte zugunsten von Franz Alt.
Mit der Plattform, lobte Ferst, sei „ein Keim vorhanden, der zu einem
Kraftzentrum heranwachsen kann“. Die Bedingungen dafür formulierte er etwa in
einem Pamphlet unter dem Titel „Radikale Reform der PDS für ökosozialen
Kurs“. Demnach müßte „die reichste Unterklasse des privilegierten
Nordens... von ihrem hohen Roß runterkommen“ und die PDS ihre
sozialpolitischen Positionen überdenken. Ferst denkt dabei an eine
„drastische Arbeitszeitverkürzung in verschiedenen Varianten ohne vollen
Lohnausgleich“. In einem weiteren Text „Von der Logik ökosozialer
Politik“ parallelisiert er die aktuellen Umweltzerstörungen mit den
NS-Verbrechen und spricht von einem „ökologischen Holocaust“.
„Wir“, d.h. alle Menschen ohne Ausnahme und Klassenunterschide,
„haben die Welt in unserem Fortschrittswahn zu einem >Auschwitz-global<
modernisiert. Die heutige Generation baut mit ihrem Lebensstil die Verbrennungsöfen
und die Gaskammern für ihre Kinder und Kindeskinder. Was unterscheidet uns
westliche Normalbürger eigentlich noch vom üblichen Nazi-Verbrecher?“
Konsequenterweise kann für Ferst denn auch der Kapitalismus „nicht die
tiefste Ursache“ sein. Teilweise wortgleich mit Meister Bahro argumentiert
Ferst: „...der kapitalistische Antrieb wurzelt in einer kolonialistischen
Weltsicht und Praxis, ist aus ihr hervorgegangen“. Diese ältere Schicht sei
das Patriarchat, „die ursprünglichste Entgleisung, die hier aber nur auf den
menschlichen Geist selbst zurückgehen kann.“ Der allerletzte Grund ist jedoch
eine „In-Weltkrise“, wie Ferst unter Rückgriff auf einen Buchtitel Bahros
behauptet. „Der Wechsel von einem Weltbild, das den Menschen unumschränkt in
den Mittelpunkt stellt zu einer Weltsicht, die die Beziehungen zwischen Natur
und Mensch als zentral versteht, also der Natur ihren Eigenwert zugesteht“,
ist die Lösung.
Ferst stützt sich damit auf einen statischen und theoretisch
anti-humanen Naturbegriff. Zum einen ist die Umwelt längst Kulturlandschaft,
vor allem aber gibt es für Menschen nur eine Sicht der Natur, nämlich die vom
Standpunkt des Menschen aus. Nur von einer solchen - wie es so schön heißt
anthropozentrischen - Position aus kann auch definiert werden, was ökologische
Zerstörung ist und welche ökologischen Verhältnisse angestrebt werden sollen.
Oder wie Jürgen Dahl vor Jahren plastisch gegen die Anhängerinnen einer „natürlichen
Natur“ schrieb: „Gesetzt den Fall eine Stubenfliege vermöchte sich eine
Meinung über ihre Umwelt zu bilden... so würde die Stubenfliege das Fehlen des
fauelnden Fleisches in der Stube als existentielle Zumutung empfinden und von
ordentlichen ökologischen Verhältnissen erst wieder reden mögen, wenn sich
die Katze unterm Sofa erbricht und damit eine Fülle von Nahrungsressourcen verfügbar
macht.“[6]
In der Gründungserklärung der Ökologischen Plattform ist ähnlich wie
bei ÖkospießerInnen, EsoterikerInnen und ÖkofaschistInnen penetrant häufig
von Bewußtsein und Verhalten die Rede, was Leute wie Ferst freuen wird.
Die große Lösung der Überlebensfrage heißt „neues Umweltbewußtsein“.
Angestrebt wird eine „radikale Änderung der Lebensweise in den Industrieländern“,
die insbesondere ein „Veränderung des Wertesystems, die Abkehr von der
Wegwerfmentalität.“ erfordert[7]
Vor allem müssen wir alle nett zueinander sein: Es gilt „den kalten
zwischenmenschlichen Umgang durch eine bewußt kommunikative innere Haltung zu
überwinden“, was angeblich „eine zentrale Bedeutung dafür (hat), wie die
Menschen miteinander und mit der natürlichen Umwelt umgehen.“[8]
Zurück in die Niederungen der Realpolitik. Zu den bereits erwähnten
konkreten Politikansätzen der Öko-Plattform gehört ein Diskussionspapier -
Ausstieg aus der Braunkohle in zehn bis fünfzehn Jahren -, ein Beitrag von
Peter Schott zur PDS-Debatte, indem der Ökosozialist für eine
Regierungsbeteiligung plädiert, sowie Anträge der Gruppe zum Parteitag der PDS
vom 28. bis 30.Januar 1995.
Im ersten Antrag wird gemahnt, „Ökologie nicht mehr weiter als
Randproblem betrachten“. Auf dem Parteitag begründete Manfred Wolf
bedeutungsschwer, es gebe „Handlungsbedarf“ und „in allen politischen
Lagern verantwortungsbewußte Frauen und Männer“. Die Bundesregierung werde,
führte der Redner in staatsmännischer Pose weiter aus, werde „ihrer
Verantwortung auf ökologischem Gebiet nicht gerecht“, vor allem „vermitteln
die Regierenden nicht annähernd den Eindruck, daß sie willens und in der Lage
sind, angemessen zu handeln“, sondern „die Situation längst nicht mehr
unter Kontrolle haben.“ Während Wolf die Delegierten noch um eine wirklich
ganz „entschiedene Zurückdrängung der Kapitaldominanz“ bat, formuliert die
Plattform in einem Resolutionsentwurf zum Klimagipfel, bereits das
Friedensangebot: Die Abschaffung des IWF und der Weltbank wurden „nicht
weiterhelfen“, statt dessen drängen ökologische demokratische SozialistInnen
jetzt auf einen „internationalen Umweltrat“, wollen „gleichberechtigte“
Wirtschaftsbeziehungen zwischen den kapitalistischen Zentren und dem „Süden“
sowie eine „Demokratisierung des IWF“[9]
Wer diese Passage formuliert hat, kann von sich behaupten, sämtliche
Erkenntnisse der Linken über die Funktion dieser Einrichtung, ihre
menschenverachtende und naturzerstörende Politik der Kreditvergabe und
Schuldeneintreibung hinter sich gelassen zu haben.
Schließlich unterstützt die Öko-Plattform in der Resolution auch noch
die Forderung der Allianz der kleinen Inselstaaten (AOSIS), die CO²-Emmissionen
bis zum Jahr 2005 um 20 Prozent zu reduzieren. Eine Reihe von Wissenschaftlern
geht davon aus, daß die CO²-Emmissionen um etwa 60 Prozent gesenkt werden müßten,
damit sich die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre wenigstens
stabilisiert[10]
Wenn deshalb die AOSIS-Staaten auf der Berliner Klimakonferenz eine Position
vertreten haben, die ihnen wenig hilft, selbst wenn sie erfüllt werden würde,
ist das nur mit ihrer politischen Ohnmacht erklärbar. Sich zu bescheiden gilt
als vornehmes Zeichen von „Realpolitik“, führt aber in diesem Fall zu
nichts. Den Menschen in den AOSIS-Staaten wird aufgrund der klimatischen Veränderungen
und dem Anstieg des Meeresspiegels das Wasser bald buchstäblich bis zum Halse
stehen. Und im Fall der PDS respektive ihrer Öko-Plattform ist es
vorauseilender Opportunismus als Oppositionspartei eine solche Position zu
formulieren.
Immerhin demonstrierte die Öko-Plattform, daß sie sich ideologisch auf
der Höhe des Parteivorsitzenden Lothar Bisky bewegt. Der hatte auf dem
Parteitag den „ökologischen Umbau“ definiert als „einen Kampf..., durch
den Lohnarbeit, das Unternehmertum, die Demokratie so verändert und so
ausgerichtet werden, daß sie mit der Lösung der globalen Probleme, mit dem
sozialen und ökologischen Umbau der Gesellschaft verbunden werden.“[11]
Das Ziel sein ein „neuer Wirtschaftstyp nachhaltiger Entwicklung“,
wobei eine „Politik der sozialen Steuerung und Regulierung der
Marktwirtschaften... unverzichtbar“ ist. Ähnlich wie die ÖDP machte sich der
PDS-Chef für eine aufkommensneutrale Energiesteuer stark. Und wie weiland bei
dem Cheftheoretiker der wilhelminischen Sozialdemokratie, Karl Kautsky, gerät
die „Zurückdrängung der Kapitaldominanz“ bei Bisky zu einem Prozeß, der
quasi von selbst, also ohne gesellschaftliche Auseinandersetzungen, allein aus
dem Fortschritt der Produktivkräfte resultiert.
Bisky: „Breiter Übergang zu neuen Produkten und Technologien nach dem
Maßstab nachhaltiger Entwicklung verspricht einen erheblichen Nettozuwachs von
Arbeitsplätzen. Dieser Umbau wird so umwälzend sein, sämtliche Sphären der
Gesellschaft so weitreichend verändern... daß der Profit als die gegenwärtig
herrschende Handlungsmaxime überfordert wäre.“[12]
Und alles wird gut.
[1] zit. Gründungserklärung der Ökologischen Plattform bei der PDS, Berlin, 24.Juni 1994, S.2
[2] zit. Programm und Statut der PDS, beschlossen auf dem 3.Parteitag, Januar 1993, S.5
[3] zit. Gründungserklärung,, S.3
[4] zit. ebd., S.6
[5] zit. ebd., S.5
[6] zit. Jürgen Dahl, Ökologie pur, in: Natur, Nr.12/1982, S.74
[7] zit. ebd., S.3
[8] zit. ebd., S.5
[9] zit. Antrag der Ökologischen Plattform zur 2.Tagung des 4.Parteitages, S.6
[10] vgl. Frankfurter Rundschau, 3.Januar 1995
[11] zit. Lothar Bisky, Rede auf dem 4.Parteitag, 27.Januar 1995, S.10
[12] zit. ebd., S.13
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