Erschienen in Ökolinx Nr.21
Titel:
Thälmanns letztes Aufgebot
Autor: Peter Bierl
Ein Papiertiger geht um in der PDS - die Kommunistische Plattform (KPF).
Ihr neuester Versuch eines „kreativem Umgangs mit marxistischem Denken“
endet dort, wo die Gesamtpartei längst angekommen ist, bei der
Sozialdemokratie. Daß dem Verfassungsschutz, CSU und SPD, Talkshow-Star Gregor
Gysi und der bürgerlichen Presse an einem Popanz gelegen ist, garantiert der
Plattform über Gebühr Beachtung.
Lauftext: Auf dem nächsten PDS-Parteitag wollen führende Mitglieder
der KPF wie Sahra Wagenknecht, Ellen Brombacher und Michael Benjamin sowie
Joachim Bischoff, Redakteur der Zeitschrift „Sozialismus“, einen
programmatischen Antrag einbringen. Eine erste Fassung kursierte im Sommer unter
dem Titel: „Deutschland 5 Jahre vor der Jahrtausendwende. Zur Strategie der
PDS in den nächsten Jahren“.[1] Das Papier beginnt mit
einer Unterwerfungsgeste („Wir gehen davon aus, daß unsere Gedanken im Geist
der Toleranz, der Solidarität, Transparenz, Ehrlichkeit und Vielfalt
aufgenommen werden.“[2])
und endet mit dem frommen Wunsch, die PDS möge die „Ideale des Sozialismus“
bewahren.
Dazwischen rätseln die AutorInnen über den „gewöhnliche(n)
Kapitalismus in Deutschland“. Sie gelangen zu dem falschen Ergebnis, „die
Innovationskraft der Wirtschaft vermindert sich“ und fürchten, daß „selbst
ein längerfristiges Wirtschaftswachstum (...) die sozialen Probleme - vor allem
die Geißel der Massenarbeitslosigkeit - nicht mehr kompensieren (könnte).“[3]
In Wirklichkeit ist das Kapital höchst erfolgreich auf der Suche nach neuen
profitträchtigen Sektoren, treibt deshalb die Entwicklung neuer Technologien
und Destruktivkräfte wie Gentechnik, Atomfusion, Kommunikationstechnologien,
Luft- und Raumfahrt voran, verschärft die Zerstörung der Natur und senkt die
Kosten der Ware Arbeitskraft.
Statt marxistische Kategorien zu bemühen, bevorzugen die AutorInnen große
Schurken, die Großbourgeoisie oder das große Kapital. So werden sich
beispielsweise die „ökologischen Belastungen“ nur deshalb „verstärken“,
weil dieses „große Kapital“ einfach keine „ernsthaften Schritte zu ihrem
Abbau“ unternehmen will. Ein weiteres Ziel nicht nur dieser üblen „Großbourgeoisie“
ist unstreitig, den Lebensstandard der bundesdeutschen Werktätigen zu drücken.
Ob aber kleine Kapitalisten menschenfreundlicher sind als die großen Brüder
und ob letztere aus Sadismus die „Lebensqualität auf den international (zunächst
im EG-Rahmen) niedrigsten Standard“[4]
senken wollen und können? Die deutschen Arbeitsmänner und -frauen werden in
ihrer Mehrzahl nicht auf das durchschnittliche Niveau ihrer KlassengenossInnen
in Griechenland, Portugal, Irland, Teilen Italiens oder Spaniens gedrückt
werden und schon gar nicht wie in der Sahel-Zone massenweise unter freiem Himmel
oder in der Wellblechhütte verhungern.
Gemein sind nicht nur große Kapitalisten, haben Wahra Sagenknecht &
Co. bemerkt. Neuerdings zieht sich auch der Staat (in einem heute leider wenig
beachteten Werk des 19.Jahrhunderts als der geschäftsführende Ausschuß der
Bourgeoisie definiert) „beschleunigt“ zurück „aus seiner Verantwortung für
die soziale Sicherung der Bürger.“[5]
Und erschüttert liest unsereiner die Erkenntnis, daß „viele Forderungen der
Rechtsradikalen - so die Einschränkung (!) des Asylrechts und die verschärfte
Abschiebung von Ausländern - (...) in Deutschland Regierungspolitik (sind). Das
verdeutlicht,“ heißt es weiter, „in welchem Grade die bürgerlich-demokratischen
Rechte im Kapitalismus gefährdet sind.“[6]
Und das kritische Denken obendrein! Wie zum Beweis fordern die KPF und ihre Verbündeten
denn auch „..gegen jede weitere (!) Verschärfung des Asylrechts“ zu
protestieren und „die unmenschliche Abschiebepraxis“ anzuprangern.[7]
Ein Schelm, wer nach solchen Sätzen noch auf die Forderung nach offenen Grenzen
für alle Flüchtlinge wartet.
Ganz „erheblich“ unterscheidet sich übrigens die kapitalistische
Gesellschaft in der ehemaligen DDR von jener im Westen: „Ohne Rücksicht auf
Folgen wurden im ökonomisch schwächeren Osten potentielle Konkurrenten
ausgeschaltet“, was der Kapitalismus bekanntlich so an sich hat. Jede Ökonomie
mit geringerer Produktivität wird gerupft, wenn die üblichen staatlichen
Mittel sich vor stärkeren Konkurrenten abzuschirmen (Wechselkurse, Zölle,
Abgaben etc.) nicht greifen. Was den DDR-Firmen passiert ist, hat aus Sicht der
AutorInnen wohl nichts mit der Logik des Kapitals zu tun, sondern mit der
Schlechtigkeit der Menschen: „Investitionsanreize und andere Förderungsmaßnahmen
wurden massenhaft mißbraucht.“[8]
Einig wissen sich die AutorInnen des Strategiepapiers mit der ganzen PDS
in dem reformistischen Axiom, wonach der Kapitalismus das üble Anhängsel einer
ansonsten passabel funktionierenden Ordnung ist (Das Wort Zivilgesellschaft
fehlt noch). Jedenfalls schreiben Wagenknecht & Co. mit Bezug auf das
Parteiprogramm: „Einig sind wir uns in der Partei auch, daß die Dominanz des
privatkapitalistischen Eigentums überwunden werden muß.“ Weshalb die
Genossinnen auch nicht mehr nach den Sternen zu greifen brauchen: „Wir
betrachten es für Linke als normal, daß die Debatte über eine mögliche Art
und Weise der Lösung der Eigentumsfrage in Anbetracht des heutigen
Weltzustandes noch nicht abgeschlossen sein kann.“ Normal aus marxistischer
Perspektive wäre, in einem Positionspapier darauf zu bestehen, daß die
Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln zwar nicht alles ist, aber
den Freiraum schafft, um zu erproben, wie eine befreite Gesellschaft konkret
funktioniert.
Die KPF-AutorInnen verabschieden den Kommunismus und bekehren sich zur
sozialistische Marktwirtschaft des Joachim Bischoff. Von ihm stammt die kühne
These, Marx habe „plurale Eigentumsformen“ bevorzugt, wo Genossenschaften
und Kooperativen und Firmen mit Chef nebeneinander bestehen.[9]
In dem gemeinsamen Papier mit den GenossInnen der KPF steht nicht zufällig die
Forderung, „neue Unternehmensformen sind zu fördern.“ Zentrale Kategorien
wie Lohnarbeit, Ware, Mehrwert oder Konkurrenz werden überhaupt nicht
angesprochen. Der Gegensatz zwischen Kapital und Arbeit hat sich in eine
friedliche Koexistenz aufgelöst, „wenn auch zunächst nur in der Form, daß
die Belegschaftsmitglieder ihr eigener Kapitalist sind oder jenen einer strikten
Kontrolle unterworfen haben.“[10]
Bischoff bescheidet sich mit „Marktkoordination“ plus Vollbeschäftigung,
Chancengleichheit und gerechter Verteilung.[11]
Den Begriff hat Marx in seiner Kritik des Gothaer Programms der SPD ausgiebig
zerpflückt und als Vulgärsozialismus bezeichnet.
Einzelne Forderungen lassen sich treffend mit dem alten DKP-Slogan
„Gegen Rotstift und Raketen“ zusammenfassen. Den jeweils aktuellen Stand der
miesen Verhältnisse gilt es zu verteidigen: Keine weiteren Erhöhungen der
Mieten und Verkehrstarifen, keine weiteren Kürzungen bei Arbeitslosengeld,
Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe, „Sicherung der Berufsausbildung für alle
Schulabgänger“ und eine „erträgliche Perspektive für die junge
Generation“. In Richtung Übergang zum Sozialimus weisen so spannende Punkte
wie „Ausbau innerbetrieblicher Mitspracherechte“, „Stabilisierung und
Hebung der Massenkaufkraft“, öffentliche Investitionen im sozialen und ökologischen
Bereich sowie das Recht auf Arbeit. Kropotkin hat diese Traditions-Parole übersetzt
als „das Recht ewig Lohnsklave zu bleiben, ein Arbeitstier, das geleitet und
ausgebeutet wird durch den Bourgeois von morgen.“ Wir bevorzugen das Recht auf
Faulheit und Wohlstand. Letzteres setzte Kropotkin etwas überoptimistisch mit
der sozialen Revolution gleich.
Statt Revolution fordern Wagenknecht & Co. die „Verteidigung des
Grundgesetzes als eine elementare Aufgabe“, womit -siehe oben - nicht die
Widerherstellung des Asylrechts gemeint ist. Der nächsten Volksfront wird
Manfred Kanther präsidieren, wenn die KPF durchsetzt, daß die PDS „(dafür)
wirkt, daß die Bürger vor Kriminalität geschützt leben können“ und der
„Kampf gegen die geistige und emotionale Verelendung großer Teile der Bevölkerung,
besonders der Jugend“ aufgenommen wird. „Gegen Verdummung und
Brutalisierung, die durch die Massenmedien befördert werden“ will die KPF
alljährlich eine „Woche der linken Kultur und Kunst.“ veranstalten.[12]
Trotz alledem und alledem dürfen sich die PDS und ihre Mandatsträger „nicht
durch Koalititonen oder Tolerierungsabkommen in das herrschende System und seine
Sachzwänge einbinden lassen.“ Hier wird nicht festgestellt, daß jede Form
von Beteiligung an einer bürgerlichen Regierung eine Integration ist und
insofern bleibt ein Hintertürchen offen. Folgerichtig plädierten die
MitautorInnen Brombacher und Benjamin unlängst für eine Zusammenarbeit mit der
SPD, solange die Mutterpartei. nicht von der PDS verlangt, dem Kommunismus
abzuschwören.[13]
Genau diese Forderung aber sollte die SPD unerbittlich stellen. Damit
die Bezeichnung Kommunismus nicht dauernd irreführenderweise in Anspruch
genommen wird.
[1] in der jungen Welt am 9.Juni auszugsweise veröffentlicht
[2] zit. Wagenknecht, Brombacher, Bischoff u.a., Deutschland 5 Jahre vor der Jahrtausendwende, S.1
[3] zit. ebd., S.1
[4] zit. ebd., S.2
[5] zit. ebd., S.2
[6] zit. ebd., S.2
[7] zit. ebd., S.8
[8] zit. ebd., S.2
[9] vgl. Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr.5, März 1991, Sozialistische Vergesellschaftung: Markt statt gesellschaftlich-planmäßige Regelung der Produktion?, S.47 ff.
[10] zit. ebd., S.53
[11] vgl. ebd., S.52
[12] vgl. Deutschland 5 Jahre vor der Jahrtausendwende, S.7
[13] vgl. Interview in der jW, 1.12.95
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