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Am
Sonntag dem 22. Juni 2003 ging die Reise los. Mit dem Zug fuhren wir bis
Rostock, von dort brachte uns eine Fähre nach Helsinki. Für die Reise bis
Helsinki entfernten wir den Stoff der Verschalung, dadurch wurde es einfacher,
die Fahrräder im Zug und auf der Fähre zu befestigen.
Wir möchten hier
ausdrücklich erwähnen, dass es uns bei diesem Projekt in keiner Weise darum
ging, ein ökologisches Zeichen zu setzen. Dies wird an anderer Stelle bereits im
Überfluss getan. Wir hätten beide absolut keine Mühe damit, eine solche Tour mit
dem Auto oder dem Motorrad zu machen. Es ging uns in erster Linie um den
Bau der Liegeräder sowie um die sportliche Betätigung.
Bei
wunderschönem Wetter machten wir uns am Dienstagmorgen in Helsinki daran, die
Räder zusammenzuschrauben und starteten zur ersten Etappe. Nach der relativ
mühsamen Strecke quer durch Helsinki ging es danach ausserhalb rasch vorwärts.
Landschaftlich konnten wir anfänglich keine grossen Unterschiede zur Umgebung
von Basel ausmachen. Da Süd- und Mittelfinnland touristisch nicht stark besucht
ist, hatten wir dort nur selten Probleme, Leute zu finden, die uns für eine
Nacht eine Hütte oder einen Raum zur Verfügung stellten. Teilweise wurde uns
Frühstück und einmal sogar ein reichhaltiges Abendessen spendiert. Mehrmals
durften wir auch die hauseigene Sauna benutzen. So konnten wir uns von den
Strapazen und den Mückenstichen erholen. Es gab aber auch Fälle, wo uns die
Anwohner kommen sahen, in ihren Häusern verschwanden und auch nach mehrmaligen
Klingelversuchen nicht öffneten. Grundsätzlich zeigte sich, dass wenn die
Menschen der englischen Sprache mächtig sind, man das Gewünschte bekommt.
Die
Strassen im Süden sind sehr gut und meist asphaltiert. Da die von uns
ausgewählte Route bald jedoch mehr und mehr mühsam zu fahrende Schotterstrassen
enthielt, gingen wir in Oulu auf die E75 bis nach Rovaniemi. Vor allem auf der
Strecke Oulu - Kemi hatte es sehr viel Verkehr, der jedoch durch den breiten
Pannenstreifen genügend Abstand zum Überholen halten konnte. In Rovaniemi legten
wir nach acht Fahrtagen den ersten Ruhetag ein, der aber durch Wäsche waschen
und Fahrrad putzen nicht so ruhig wurde!
Anschliessend versuchten wir erneut, uns auf Nicht - Europa - Strassen nordwärts
zu kämpfen, dies führte auf einer Schotterstrasse mitten im Wald zur ersten
Panne. Die untere Frontverschalungshalterung von Lukas erlitt einen
Ermüdungsbruch. Mit einer Ersatzbride, einigen Ästen sowie zwei Packriemen der
Schweizer Armee konnte der Schaden provisorisch behoben werden. Das grösste
Problem bei diesem Zwangshalt waren die entsetzlich vielen Mücken und Fliegen,
die uns dabei Gesellschaft leisteten. Dank eines netten Herrn in Riipi, der uns
eine Hütte zur Übernachtung zur Verfügung stellte, konnte die Halterung am Abend
mit Blechplatten und vier Schrauben dauerhaft repariert werden. Aus Angst vor
noch mehr Schäden fuhren wir in Sodankylä erneut auf die E75, auf der wir bis
Kaamanen blieben. Da die Anzahl Touristen zunimmt, je weiter nördlich man fährt,
besuchten wir öfters Campingplätze oder stellten unser Zelt einfach irgendwo in
die Pampa, was in Skandinavien ja erlaubt ist. Nach 1470 km überschritten wir in
Karigasniemi die finnisch - norwegische Grenze. Finnland war wunderschön, jedoch
mussten wir feststellen, dass dieses Land nicht so flach ist, wie wir zuvor von
verschiedenen Seiten erfuhren. Obwohl es keine grossen Berge gibt, geht es
trotzdem meistens hoch und runter. Und das geht genauso in die Beine wie eine
300m Steigung alle 100 km. Es ist bei diesen Hügeln nur selten möglich, den
Schwung des letzten zur Bezwingung des nächsten zu verwenden. Denn dazwischen
ist es entweder für einige 100 m mehr oder weniger flach, nach oder in der
Abfahrt kommt ein Stück Schotterstrasse oder man muss voll in die Eisen gehen,
weil eine Gruppe von Rentieren gerade in aller Ruhe die Strasse überquert, was
vor allem in den nördlichen Gebieten zur Tagesordnung gehörte.
Nach 15
Tagen erreichten wir am 9.7.2003 unsere Basisstation (Es war ein verlassenes
Fischerdorf) etwa 9 km vor dem Eingang zum Nordkap - Tunnel. Wir bauten das Zelt
auf und liessen sämtliches Gepäck sowie die Verschalungen dort zurück. Nur das
Alugerüst blieb am Fahrrad, da dort das Rücklicht befestigt ist, welches wir für
die vor uns liegenden Tunnels benötigten. Nach einer Ladung Teigwaren und rund
einer Stunde Schlaf setzten wir uns gegen 20:30 auf die nun wunderbar leichten
Räder und nahmen die 65 km bis zum Kap in Angriff. Der Nordkap - Tunnel bildet
die Festland - Verbindung zur Nordkap - Insel und führt auf einer Länge von 7 km
unter dem Meer hindurch. Man erreicht bei der Durchfahrt eine maximale Tiefe von
212 m.u.M., die maximale Steigung beträgt 10%. Sensationell ist die Abfahrt, man
donnert mit 70 km/h ins Loch hinunter, relativ gefahrlos, da man
entgegenkommende Fahrzeuge schon von weitem sieht. Das einzige Problem können
die Wassertropfen sein, die von der Decke fallen und gern ins Auge gehen...... .
Nach dem Aufstieg (die konstante Steigung lässt sich sehr angenehm fahren) führt
die Strecke durch zwei weitere, kürzere Tunnels bis nach Honningsvag. Obwohl die
Strasse nicht durch die Stadt führt, waren wir schon am Rande dieser überrascht,
wie viel dort los war. Mehrmals hörten wir laute Musik und sahen feiernde Leute.
Die
Strecke bis zum Kap führt zuerst auf etwa 300 m.ü.M., geht dann wieder abwärts
bis auf ca. 100 m und endet am Nordkap, welches auf 309 m.ü.M. liegt. Man darf
sich aber nicht denken, dass die hier genannten Steigungen in einem Zug nach
oben gehen. Nein, dazwischen geht es immer wieder für ein kurzes Stück abwärts,
um anschliessend wieder aufwärts zu führen. Ziemlich müde erreichten wir gegen
02:00 Uhr das Kap. Für Radfahrer kostet es keinen Eintritt, falls man bei der
Zahlstelle einfach schamlos durchfährt (das gleiche gilt bei derjenigen für das
Nordkap - Tunnel). Bei nahezu wolkenlosem Himmel sassen wir bis um 03:00 Uhr am
Kap, liessen uns von der Sonne bescheinen und stärkten uns mit den mitgenommenen
Speisen, da man im Nordkap - Restaurant um 01:50 Uhr keine Brötchen mehr
verkaufen wollte, obwohl dort eigentlich bis um 02:00 geöffnet ist!! So machten
wir uns immer noch hungrig auf den sehr beschwerlichen Rückweg und waren um
08:00 Uhr wieder im Basislager. Somit hatten wir in 24 Stunden 230 km und
etliche Höhenmeter zurückgelegt. Zwischen Honningsvag und dem Nordkap - Tunnel
trafen wir so um 05:30 Uhr zwei entgegenkommende Radfahrer aus Deutschland an,
einer davon war mit einem Peer Gynt unterwegs!
Nachdem
wir uns bis um 15:00 Uhr schlafen gelegt hatten, fuhren wir zurück bis nach
Olderfjord. Die Fahrt ging weiter auf der E6 bis kurz vor Narvik. In Alta legten
wir nochmals einen freien Tag ein. Zwischen Bjerkvik und Narvik bogen wir
Richtung Kiruna ab und verliessen somit Norwegen. Die norwegische Küste ist sehr
schön, man fühlt sich wie in den Alpen, die stellenweise unter Wasser liegen!
Auf der E6 lässt es sich sehr gut vorankommen. Zwar geht es zwischendurch auf
200 bis 300 m hoch, aber es hat durchaus auch längere Strecken, wo man stets auf
Meereshöhe bleibt. Dies ist weniger anstrengend, als wenn es permanent kleine
Hügel hat. Bezüglich Wind hatten wir sehr grosses Glück. Nur an einem Tag war
dieser ziemlich stark von der Seite, was recht gefährlich werden konnte, wenn
gleichzeitig auch noch ein Wohnmobil überholte.
Die
Grenze zwischen Norwegen und Schweden liegt auf etwa 500 m.ü.M. Danach ist die
E10 ziemlich flach. In der Eisenerz - Stadt Kiruna legten wir einen weiteren
freien Tag ein. Kiruna liegt inmitten eines riesengrossen, nahezu unbewohnten
Gebiets. Die Stadt wurde vor etwa 100 Jahren aufgrund des enormen Erzvorkommens
gegründet. Noch heute ist die Stadt geprägt vom Erzabbau. Ein Besuch im weltweit
grössten Untertage - Bergwerk der Firma LKAB (www.lkab.com) lohnt sich auf jeden
Fall! Auf dem Campingplatz gibt es sogar ein modernes Freibad, wahrscheinlich
eines der nördlichsten..... .
Unsere
Reise ging weiter auf der E10, bis wir in Töre den Bottnischen Meerbusen
erreichten. Wir wechselten auf die E4, welche bis nach Stockholm führt. Nach
Lulea, aber vor allem nach Pitea, wuchs die Verkehrsdichte stark an und machte
das Fahren sehr mühsam. Die Qualität der Strasse war sehr gut, jedoch gibt es
dort für Fahrradfahrer absolut keinen Platz. Teilweise ist die Strasse
zweispurig oder es gibt einen breiten Pannenstreifen, sodass man sehr gut
überholt werden kann. Diejenigen Abschnitte jedoch, wo nur ein Fahrstreifen,
kein Pannenstreifen und eine mittlere Abtrennung (um das Überholen zu
verunmöglichen) existiert, sind saumässig gefährlich zu fahren. Besonders
unangenehm wenn die LKWs mit 100 Sachen vorbeidonnern. So kann es schnell
vorkommen, dass man mal von der Strasse abkommt..... . Wir fuhren diverse
Abschnitte am Abend, was sehr gut funktionierte oder benutzten mühsame
Schleichwege. Eine Ausweichmöglichkeit gibt es nicht. Es gibt nur den "Inlandsvägen",
die Strasse 45, auf welcher man auch bis nach Südschweden fahren kann, die aber
in der Mitte von Schweden verläuft und sehr hügelig ist, wie man uns sagte. Ein
Fahrradweg neben der E4 ist geplant, aber man hat zur Zeit noch zu wenig Geld
dafür. Diese und noch weitere Gründe brachten uns zu der Entscheidung, in Umea
auf den Zug umzusteigen und bis nach Göteborg zu fahren. Dies war jedoch gar
nicht so einfach, wie wir uns das vorstellten. Denn die Firma connex, welche das
Monopol für Personentransport auf Schienen in Nordschweden besitzt, erlaubt es
nicht, das Fahrrad mit in den Zug zu nehmen, entsprechende Waggons gibt es gar
nicht. So mussten wir eine Speditionsfirma suchen, welche uns die Fahrräder
inklusive Verschalung nach Göteborg transportiert. Dies war (im Vergleich mit
dem Zugfahrschein) relativ teuer, dieser war jedoch so günstig, dass uns die
ganze Reise mit Fahrrad etwa 70 Euro kostete. Da die Liegeräder übers Wochenende
unterwegs waren, wurden uns so vier Tage beschert, in denen wir uns ordentlich
ausruhen konnten. Am Montag, 28.7.2003 fuhren wir mit der Fähre von Göteborg
nach Frederikshavn in Dänemark. Da war es dann endlich einmal flach..... .
Nach
drei Tagen waren wir in Flensburg, von wo aus wir auf kleinen Strassen von Ort
zu Ort fuhren. Einer dieser Orte war Wacken. Wir schauten uns an. Ist es DAS
Wacken?? Wir fuhren hin und bekamen die Antwort. Es ist DAS Wacken. Und es ist
JETZT. Am Donnerstag, 31.7.2003 begann das riesengrosse Metal - Open - Air -
Festival, von dem wir schon oft gehört hatten. Und es begann zufälligerweise an
dem Tag, an dem wir zufälligerweise durch Wacken fuhren! Da wir uns jedoch
vorgenommen haben, innert vier Tagen von Flensburg bis ins Ruhrgebiet zu fahren,
blieben wir nicht dort. Die weitere Fahrt durch Norddeutschland verlief sehr
gut. Sogar neben den kleinen Strassen ist meist ein Radweg vorhanden, obwohl es
eigentlich wenig Verkehr hat. Durch die kleinen Dörfer mit den wunderschönen
Häuser wird es überhaupt nicht langweilig. An manchen Kanälen mussten wir eine
Fähre nehmen um diese zu überqueren. Diese sind recht billig und zum Teil sogar
kostenlos.
Die
Fahrt am Rhein entlang ist mühsam. Es gibt viel Verkehr und die Radwege sind
sehr schlecht beschildert. Durch die Städte kann man oft direkt am Rheinufer
fahren, dort hat es zwar viele Fussgänger, aber man fährt mehr oder weniger
direkt durch die Stadt. Ab Mainz gibt es beidseits des Rheins einen Radweg bis
Basel. Als wir die erste Tafel sahen, auf der dieser Weg beschrieben war, haben
wir uns gefreut, dass wir nun bis nach Hause nur noch diesen blauen Schildern
mit dem gelben Rennradler folgen müssen. Die Freude war nur von kurzer Dauer.
Dieser Radweg ist schlecht beschildert und führt über Wege, die vielleicht mit
einem vollgefederten Mountainbike gut zu fahren sind. Mehrmals kam es vor, dass
auf dem Radweg ein Verbotsschild für Radfahrer stand!! Die Schlaglöcher führten
auch noch zu einem kaputten Schlauch. Übrigens hatten wir auf der ganzen Tour
drei Plattfüsse, alle in Deutschland! Wir wechselten also ab zwischen normalen
Strassen und dem Rhein-Radweg, welcher oftmals auf dem Rheindamm entlang führt.
Die Hitze nahm stetig zu, je weiter südlich wir fuhren. Am zweitletzten Tag war
es bis zu 40°C warm, die Abkühlungen im Rhein waren dadurch mehr als nötig. Am
8.8.2003 hatten wir noch die letzte Etappe vor uns. Wegen der Hitze und eines
Autos standen wir um 05:30 auf und legten die letzten knapp 70 km bis Muttenz
morgens zurück.
Nachträglich muss man sich fragen, ob sich der Bau der Verschalung gelohnt hat.
Die gefahrenen Schnitte wären durchaus auch unverschalt leicht möglich gewesen.
Die Verschalung brachte den Vorteil des Regen- und Kälteschutzes und vor allem
fielen wir dadurch viel stärker auf. Dies bringt einerseits mehr Sicherheit im
Verkehr, andererseits ist es einfach, damit eine Unterkunft zu finden. Denn die
Menschen wollen wissen, was da drunter steckt und sind absolut fasziniert davon,
sodass man leicht auch nach einer Bleibe für die Nacht fragen kann.
Am Ende
bleibt uns nur noch ein Zitat nach Seppi (Motorradfahrer aus Luzern, getroffen
auf dem Campingplatz Rovaniemi und zufällig auch in Kiruna):
"Eine
solche Tour verändert einen Menschen. Nicht den Charakter, der bleibt gleich,
aber das Herz wird grösser."
Weitere Zitate:
„Wieso habt ihr das Schweizerkreuz
drauf?“ (gefragt von einer Schweizerin)
„Seid ihr zusammen unterwegs oder
habt ihr euch zufälligerweise getroffen?“ (gefragt von Zürcher, nur weil wir
unsere Fahrräder während einer Pause nicht in die gleiche Richtung abgestellt
hatten)
„Motor?“
„Seid ihr von der Tour de France
abgekommen?“
„Seid ihr von Phonak?“
„Da schick ich mal was hin!“ (und
dabei auf unsere Homepage-Adresse gezeigt. Dies geschah mehrfach. Diverse
wollten uns auch die Bilder schicken, die sie gemacht haben. Es kam jedoch kein
einziges e-mail bei uns an. Schade.)
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