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Tao Te King von Lao Tse |
Helmut W. Brinks, 1999 http://20six.de/hwbrinks/cat/11040/0 Home | Index |
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Den „alten Meister vom Berge“, Laotse, nennt man nach 2300 Jahren den neben Konfuzius bedeutendsten und einflußreichsten chinesischen Philosophen. Ihm wird die Sammlung „Tao te king“ zugeschrieben, die um 300 v.Chr. entstand.
Die 81 uns überlieferten Sprüche wurden das klassische Buch des Taoismus, in dem das taoistische Menschenbild mit seinen Haupteigenschaften begründet wird: (Scheinbares) Nichthandeln, Verinnerlichung, Bescheidenheit und Einfachheit. Vorbild ist der vollendete Mensch, der Weise, der Erleuchtete.
Lesen Sie zur Einstimmung (wieder) Bertolt Brechts Fassung der „Legende über die Entstehung des Buches Tao te king“, sie steht hier unter der gleichnamigen Rubrik.Vielleicht ist auch Laotse eine Legende, aber die unter seinem Namen überlieferte Sammlung enthält sicher altchinesische Weisheiten. Einige Forscher rätseln, ob einzelne Worte von Abschreibern verfremdet oder ergänzt worden sind - das macht keinen klüger.
Heutige Leser staunen, wie aktuell vieles klingt - und an welche anderen vertrauten Sätze uns manches erinnert. Die Sprüche wurden über Jahrhunderte mündlich weitergesagt und verbreitet; sie müssen sehr merkfähig gewesen sein. Weil mich viele klägliche Versuche unter den über hundert deutschen Fassungen enttäuschten (vergleichen Sie selbst!
- einige Beispiele finden Sie unter meiner Rubrik „Übertragungsvergleiche“), bemühte ich mich lange, dem Urtext, der Philosophie und dem religiösen Empfinden des alten Ostens näher zu kommen - und die Sprüche merkbar und verstehbar zu übertragen. Bei manchem Text ist eine Fehldeutung nicht vermeidbar, auch weil einige Sätze in den Sprüchen wie nicht sinnvoll zugeordnet wirken, was denkbar ist, weil Zusammenfügungen der Sprüche einige Male nötig waren.
Die alte Weisheit beschäftigt mich anhaltend: ich lerne immer noch staunend erkennend. Sie könnte manchen Lesern helfen, etwas für sich zu gewinnen, gelassener, einsichtiger und erleuchteter zu werden - und den Weg zu finden.
NACHWORT für alle, die unbedingt ein Nachwort brauchen (von Helmut W. Brinks):
Viele haben den Drang, die Welt und alles zu deuten und finden es sinnvoll, Witze und Weisheiten zu erklären. Kann man dieses intellektuelle Bedürfnis nicht auch anmaßend finden? Ich fand in mancher Laotse-Ausgabe die Erklärungen im Anhang weit besser als die
Übertragung selbst, aber ich finde es umgekehrt richtiger. Der Haupttext muß für sich selbst sprechen und gelten. Wem können wir schon mit nachträglichen Erklärungen unsere „eigentlichen Absichten“ erklären! Im Alltag zählen Wort und Tat.
Ich mute den alten Texten gelassen zu, sich selbst zu erklären - wie sie das jahrhundertelang bei Gebildeten und beim einfachen Volk geschafft haben. Sie mußten, das war ein großer Teil meiner Arbeit, dafür entschlackt und für uns verstehbar wiedergefunden werden.
Wer ein Gedicht schreibt, ein Lied, eine Erzählung, oder aus einer anderen Sprache übersetzt, holt etwas herüber aus dem dunklen Land, das wir alle nur in winzigen Einblicken aus unseren Träumen kennen. Das damit verbundene Geheimnis will nicht entschleiert werden.
Das Studium der altchinesischen Sprache bringt Übertragungswillige nicht weit genug. Man kann leicht erkennen, daß sich fast alle Übersetzer nach unergiebigen eigenen Versuchen an die seit langem allgemein anerkannten Grundübersetzungen ins Englische und Französische halten, teilweise auch an ältesten deutschen: die liefern den Kern - und dann fängt die Arbeit des Übertragens von Worten, Begriffen und Bildern erst an.
Meine Arbeit am Text dauerte über fünfzehn Jahre. Was ist das schon, würde Laotse vielleicht sagen - die eigentliche Arbeit beginnt ja doch erst im Kopf der Leser und Hörer. Und wohl nicht nur im Kopf.
1
Der Weg ist kein zeigbarer Weg, das Ewige ist nicht beschreibbar. Lange vor der Erschaffung von allem und allen ruhte der Ursprung im Dunkel des Urgrunds. Das Geheimnis erschließt sich in unendlicher Geduld; bloße Wißbegier dringt nur bis zum Rand. Mitte und Rand sind ein Ganzes, und dies ist ein Urgeheimnis; Schon im Urgrund war Ganzheit.
2
Nichts ist von Dauer: Freude wechselt mit Trauer. Zum Leben gehören Bauen und Zerstören. Irgendwann wandelt sich Leere in Fülle, Volles in Nichts. Das Schwere wird leicht, das Lange kurz, das Hohe niedrig. Schall wird zum Hall und aus Fortschritt wird Rückschritt. Wer den Sinn begreift, sucht die Stille, die Leere. Wortloses Weitersagen, geschehen lassen, helfen, ohne zu halten, ohne Gegendienst dienen, von Fertigem trennen. Wer alles losläßt, dem wird nichts genommen.
3
Es ist nicht gerecht, nur die Besten zu loben. Nährt keine unsinnige Hoffnung und weckt keine Wünsche. Und jeder muß nicht zeigen, was er hat und kann. Es führt nicht weiter, alles weiterzusagen. Verhindert, daß einzelne alle Vorteile haben. Wichtig wäre, die Herzen leer zu halten, dem Leib das Nötigste zu geben, einige zu dämpfen, andere zu ermutigen - und warten zu lernen. Das ist das Wichtigste.
4
Der Weg ist leer; er beschenkt uns mit Leere. Unergründbar wie die alles erschaffende Urkraft läßt er uns Ruhe finden, befreit aus Zwängen und nimmt uns ganz auf. Das tief verborgene, kostbare Geheimnis war schon, ehe alles wurde.
5
Himmel und Erde schauen uns nur zu. Für sie sind alle Lebewesen Spielfiguren. Auch der Erleuchtete erkennt: Wir alle sind nur Spielfiguren. Was ihr für Leere haltet, ist voller Leben und bringt ständig Neues hervor. Viele Worte richten wenig aus; es gilt, die Mitte zu wahren.
6
Urmutter, dunkles Tor zwischen Himmel und Erde und zwischen den Zeiten - seit jeher und für immer wirkst du durch alles hindurch, ewiger Geist aus dem Urgrund.
7
Unvergänglich sind Himmel und Erde, weil sie sich nicht selbst erhalten wollen. Wer hinten bleibt, steht - anders gesehen -vorn, Erleuchtete wissen es. Nur losgelöst werden wir eins mit allem und allen.
8
Nichts ist wertvoller als Wasser. Unerschöpflich fördert es alles Leben, sogar, was wir für unwert halten. Es dient mehr als es beherrscht, auch deshalb ist es uns kostbar. Unser Weg gleicht dem Wasser. Bleibt bodennah, sucht Wege nach innen, seid gütig und lauter, fördert das Gute, seid verläßlich und entscheidet euch zeitig.
9
Durch Übertreibung zerstören wir alles. Nichts läßt sich gleichzeitig bewegen und halten. Was nützt uns Besitz, der dauernd bewacht werden muß? Oben zu sein, hat manchen Nachteil. Das führt zum Licht: Das Seine tun und sich selbst zurücknehmen.
10
Laß das Licht in dir leuchten und binde dich ein in das Ganze. Sammle dich, werde weich, erlebe wieder wie ein Kind. Sei offen für inneres Schauen und für Läuterung. Wirke so mit, daß allem und allen Zeit bleibt. Zeuge und gebäre zugleich. Wirf ab, was nicht klar und einfach ist. Fördere, bringe voran, strebe nicht nach Besitz und Anerkennung. Und sei kein Vormund, wenn du führen darfst, unterwegs.
11
In der von vielen Speichen gehaltenen Nabe des Rads ist die offene Mitte das Zentrum der Kraft. Bei jedem Gefäß ist das Maß der Leere auch das Maß der Fülle. Die ausgesparten Fenster und Türen bringen Licht und Leben in das Haus. Leere bringt Nutzen; in der Füllmöglichkeit liegt der Wert.
12
Vertraute Farben übersehn wir leicht, für gewohnte Töne sind wir taub; tägliche Würze schmeckt bald schal. Kein Herz hält stete Hetze aus. Immer reicher werden macht nicht reich. Weisheit erweist sich in dem, was wir loslassen und was wir uns bewahren.
13
Warum und wieso? - fragen wir, wenn wir reich beschenkt und wenn wir plötzlich arm werden; beides trifft uns sehr tief. Unser ruheloses Ich macht uns immer wieder unglücklich und unfrei. Frei wird nur, wer sein Ich besiegt. Wir sollten uns und andere nur Menschen anvertrauen, die andere so wichtig nehmen wie sich selbst.
14
Unterwegs wirst du nichts sehen und nichts hören, nichts greifen und nichts fassen können. Nichts Vertrautes wird dir Halt geben. Du wirst nie wissen, wo du bist und welcher Richtung du folgst. Vertraue: Der Weg führt sich zum Uranfang, zur Ganzheit zurück.
15
Die alten Meister waren den Urgeheimnissen nahe. Sie schauten tief und waren von sich selbst gelöst. Sie traten nicht selbstbewußt auf, sie blieben bescheiden wie Gäste und waren behutsam wie Leute, die über dünnes Eis gehen. Sie waren schlicht und leer, lichtvoll und geheimnisvoll zugleich. Versuche wie sie im Dunkel zu ruhen, in Schweigen zu sinken und alle Kraft daraus zu ziehen. Wer zum Weg fand, sucht keine Fülle mehr, nur noch Leere. Vollendung baut auf Unvollkommenheit auf.
16
Vollkommen leer sollen wir werden und zur Ruhe kommen. Sieh, wohin alles Lebende geht: es kehrt wieder um. Ewigen Gesetzen folgend geht alles heim zum Ursprung, zur Heimat der Stille. Erleuchtete wissen, daß wir in die Ewigkeit zurückgehen. Wer vom Ewigen nichts wissen will, schließt sich selber aus. Wer vom Ewigen weiß, wird langmütig, lauter und gütig und handelt im Einklang mit dem Ewigen und dem Weg. Der Weg ist die Ewigkeit. Sterben ist nicht das Ende.
17
Die Großen kennt man zu wenig. Einige glaubt man zu kennen und liebt sie, andere fürchtet man nur, über andere lacht man. Großen Worten mißtraut man und vertraut denen, die sich das Vertrauen verdienten. Gut, wenn alle sagen können: Wir haben es gemeinsam geschafft.
18
Einige Heuchler sprechen groß von Pflicht und Durchblick und Erfolg. Die ewigen Werte gelten ihnen nichts; sie haben sich eigene Werte erfunden. Wenn alle zerstritten sind, wird oft Gemeinsinn befohlen. Wenn es drunter und drüber geht, preisen sich viele als Retter an.
19
Wollt ihr, daß es allen besser geht? Dann treibt einigen ihre Scheinheiligkeit aus und ihr Pochen auf Wissen. Auf ihre Fürsorge und auf ihr Sendungsbewußtsein könnt ihr verzichten. Die Menschen müssen wieder lernen, einander zu achten. Jagt die Schaumeier und die Geschäftemacher fort - dann vertreibt ihr zugleich alle anderen Halunken. Verlaßt euch nicht auf Versprechungen. Werdet wieder einfach und natürlich. Und fallt nicht auf Klugscheißer rein.
20
Glück und Schmerz sind sich so nah; wenig trennt Gewißheit von Zweifel. Ich leide an dem, was allen Angst macht: mein Alleinsein hat mich einsam gemacht. Während alle ihr Leben genießen, kauere ich still, wie auf Botschaften wartend, schlaff, nirgendwohin gehörend. Die anderen haben alles. Ich bin für sie ein Zurückgebliebener, lebensfremd, dumm. Haben sie recht? Sehen sie klarer? Bin ich allein vernebelt? Andere kriegen ihre Antworten, ich warte lebenslang, ziellos wie Wogen und Wind. Nur die Urmutter-Brust kann mich stillen.
21
Es ist wichtig, dem Weg vertrauend zu folgen, so unbegreiflich er uns auch bleibt, so unerforschbar und verborgen. Und doch ist spürbar alle Kraft in ihm, die Urkraft, die immer noch waltet, die uns das Entstehen deutet und das Werden, die Kraft, die hinter allem stand und steht. Woher ich das weiß? Von ihr.
22
Krankes wird wieder heil, Gebeugtes wird aufgerichtet, Leere gefüllt, Abfall wird wieder brauchbar, Überfluß wird den Mangel ausgleichen. Uralte Weisheit bleibt gültig: Das Unvollkommene wird vollendet, alles wird wieder ganz. Der Erleuchtete lebt in der Ganzheit; er stellt sich nicht heraus, aber er leuchtet als Vorbild. Er muß sich nie verteidigen; er behält ohnehin recht. Nichts hält er für sein Verdienst; er wirkt in der Stille. Alle achten ihn, aber er nimmt sich nicht wichtig. Weil er nie streitet, wird ihm nichts streitig gemacht.
23
Haben wir die Sprache, um unaufhörlich zu reden? Jeder Landregen hört einmal auf, und selbst der Wirbelsturm tost nur für Stunden. In der Natur gilt ein Zeitmaß für alles und alle. Wer seinen Tageslauf in den Weg einbezieht, wird eins mit dem Weg. Wer sich an das Gute hält, wird eins mit dem Guten. Wer nichts mehr achtet, wird eins mit dem Untergang. Der Weg will mit uns eins werden. Das Gute sucht uns, aber das tun auch die dunkeln Kräfte. Ohne Vertrauen gibt es keinen Halt.
24
Zu große Schritte machen dich müde; wippende Ungeduld wirft der Wind um. Wer sich für ein Licht hält, wird nie erleuchtet; wer mit sich zufrieden ist, lebt weit vom Ziel. Selbstbewunderung macht keinen groß; auch Wichtigtuer stehen nur im Weg. Eitelkeit und Besserwissen hindern dich und die anderen. Mach dich unterwegs davon frei.
25
Vor allen Zeiten und Dingen kamst du aus dem noch Ungeordneten, aus der Stille und der Einsamkeit des Alls - allein gleichbleibend, stetig im Kreislauf, Urmutter, Namenlose - ich nenne dich WEG. Soll ich mehr sagen, sage ich nur: Gewaltig. Gewaltig verströmst und entziehst du dich; gewaltig kommst du wieder. Gewaltig sind der Weg, der Himmel, die Erde, gewaltig ist unser König - ja, es gibt vier Gewalten, und eine davon ist der König. Der Mensch richtet sich nach der Erde, die Erde nach dem Himmel, der Himmel nach dem Weg, nur der Weg folgt sich selbst.
26
Mit der Zeit wird alles leichter. Ruhe überwindet den Lärm. Erleuchtete lenkt nichts vom Ziel ab, keine Erschwernis, keine Versuchung. Wer seine Möglichkeiten nur für sich selbst nutzt, mißbraucht seine Macht und wird sie bald verlieren.
27
Rechte Wegbenutzer schaden keinem Weg. Redliche Redner überreden nicht. Ehrliche Rechner rechnen überprüfbar, wachsame Wächter brauchen keine Riegel, geschickt Gebundenes hält ohne Band. Erleuchtete sorgen sich um alle Menschen und geben keinen auf. Sie sorgen für alles und geben nichts auf. Das ist Handeln im Licht. Wir müssen uns gegenseitig helfen; wer weiter ist, helfe dem Anfänger, und auch die Helfer brauchen Hilfe.
28
In uns ist Männliches und Weibliches vereint, das soll so sein. Die der Natur und der Urkraft nicht entfremdet sind, können ihr Leben neu beginnen. Zeigt Würde, erkennt eure Unwürdigkeit, laßt euch von der Urkraft erneuern. Lebt im Licht und bewahrt auch das Dunkle; folgt dem Plan der Natur und der Urkraft und findet zum Ganzen zurück. Alle können helfen und alles kann nützen. Die Erleuchteten leben vor, wie wir uns helfen können. Wir haben unbegrenzte Möglichkeiten.
29
Nicht alles ist mit Gewalt zu erreichen. Macht ist kurzlebig; sie zerbricht, wenn man sie unbedingt behalten will. Alle sind anders: die einen suchen zielstrebig ihren Weg, viele laufen nur nach, manche schwimmen gegen den Strom, andere lassen sich treiben; manche schöpfen neue Kraft, andere werden mutlos; einige zerstören, was andere aufgebaut haben. Erleuchtete handeln ausgewogen und finden immer ihr Maß.
30
Wenn du dem Weg folgst und auf Mächtige Einfluß hast: Bring sie dazu, auf Waffengewalt zu verzichten. Kampfglück ist wechselhaft. Auf Schlachtfeldern wächst lange kein Korn und Siegesruhm macht nicht satt. Erleuchtete mißbrauchen ihre Macht nicht, sie suchen gewaltfreie Lösungen; von Kriegsruhm halten sie nichts. Erfolg macht sie nicht maßlos, sie denken weiter - es geht immer auf und ab. Wer groß werden will, kommt vom Weg ab. Wer den Weg verliert, ist verloren.
31
Waffen bringen nur Unheil; macht sie entbehrlich. Der Weg duldet keine Waffen. Erleuchtete wollen nicht kämpfen. Sie wehren sich in höchster Gefahr, aber sie sehnen sich nach Frieden und Ruhe; Siege sind ihnen nichts wert. Siegessüchtige gehen über Leichen. Mordgierige muß man bändigen. Es bringt uns weiter, Frieden zu stiften und zeitig zu erkennen, was Unfrieden schafft. Bedenkt: alle Siegesfeiern sind Trauerfeiern für die Besiegten, und letztlich zählen die Opfer.
32
Der ewige Weg hat keinen Namen. Er braucht keinen Namen und keinen Ruhm und nichts hat Macht über ihn. Wenn die Mächtigen ihm folgen würden, stünden ihnen alle Türen offen. Ihr Wirken würde gesegnet sein und die Menschen würden ihnen folgen. Es ist dumm, dem Weg Namen zu geben; besinnt euch, hört auf damit, ihr gefährdet nur alles. Wenn ihr den Weg verstehen wollt, folgt einem Fluß von der Quelle zum Meer.
33
Wer die Menschen kennt, ist klug. Erleuchtete kennen sich selbst. Über andere zu herrschen, stellt man sich leicht vor; vielen fällt das Unterordnen schwer. Beharrliche kommen zum Ziel, aber nur Zufriedene sind glücklich. Wer sich nicht selbst fremd wurde, bleibt. Und wer auf die Ewigkeit zugeht, vergeht nicht.
34
Der große Weg, der alle und alles erhält und keinen zurückweist, verströmt sich verschwenderisch überallhin. Er wirkt alle Wunder, aber er will nicht gerühmt werden. Wir verdanken ihm alles, aber er hält uns das nicht vor. Er fordert nichts für sich und macht sich nicht groß. Alles und alle kommen irgendwann zu ihm zurück, aber er nutzt das nicht aus. Er wirkt wunderbar und gibt immer nur ab. Er ist das vollendete Große.
35
Wer auf dem Weg bleibt, verliert alle Angst und bleibt eins mit dem Weg und seinem Frieden. Gasthäuser locken die Leute mit Musik und Bratenduft. Der Weg lockt uns nicht; seine Botschaft ist still. Aber wenn du ihr folgst, hast du alles.
36
Ihr braucht Untergebene? Schenkt lieber Freiheit. Versucht euch im Fördern, statt die Leute auszunehmen. Geben bringt viel mehr als Nehmen. Erleuchtete sehen, auf was es ankommt und halten sich daran: Das Weiche besiegt das Harte. Fische sind nur sicher auf dem Grund. Nicht alle müssen alles wissen.
37
Der Weg bleibt ohne Tun, und doch bleibt nichts ungetan. Wenn alle dem Weg folgen, wird alles weiterkommen. Das einzig Echte und Ewige wird allen genug sein. Wer nichts mehr will, findet in der Stille Zugang zum Ganzen.
38
Wer anständig denkt, hat keine Hintergedanken - sonst wäre er nicht anständig. Verantwortliches Denken nimmt sich mehr Zeit. Niedriges Denken handelt oft zu schnell. Nächstenliebe braucht Taten; auch Gerechtigkeitsdenken will handeln. Moralische Haltung verlangt Entscheidungen. Sie muß das Wohl aller im Blick haben. Auch wenn der Weg nicht dein Weg ist, kannst du verantwortungsvoll denken. Oder liegt dir die Nächstenliebe eher? Wie steht es um deinen Gerechtigkeitssinn? Wenn du auch zum Letzten nein sagst: Kannst du ohne eine moralische Grundhaltung leben?
39
Als sie Teile des Ganzen wurden, bekamen der Himmel das Licht, die Erde die Festigkeit, die Geister mystische Kräfte. Die Quellgründe wurden gefüllt, alle Lebewesen bekamen Lebenskraft - und die Herrscher Weisheit zum Regieren. Was wären auch der Himmel ohne Licht, die Erde ohne festen Boden, die Geister ohne Macht, die Lebewesen ohne Kraft und die Herrscher ohne Demut vor dem Höchsten? Das Niedrige ist die Wurzel des Edlen. Hohes kann sich nur auf Niedriges stützen. Große Herrscher machen sich dienend klein. Wirkliche Größe will nicht dauernd herausgestellt sein. Was willst du sein: ein kunstvoll geschliffenes Juwel oder ein Kieselstein in natürlicher Schönheit?
40
Alles entstand aus dem Nichts, aus der Leere - und diese Leere lebt und lebt. Den Weg gehen, heißt umkehren, und ohne Aufgeben kommt ihr nicht weiter.
41
Der Erleuchtete folgt dem Weg in Demut, dem halbwegs Erleuchteten fehlt noch die Durchhaltekraft. Der im Ungewissen Tappende verspottet den Weg - der Weg nimmt es hin, daß er nicht allen gleich wertvoll ist. Es hieß schon früher: Den Lichtweg finden viele dunkel, Erleuchtung halten sie für Spinnerei, den Ausgewogenen nennen sie schwankend, den in sich Ruhenden verwirrt, den Redlichen dumm, den Duldsamen unreif, den Gütigen gefährlich. Der Weg ist ein grenzenloser Bereich, ein Gefäß,das nie zu füllen ist, unhörbare Musik, ein zerfließendes Bild - er ist unbeschreibbar und unergründbar. Er allein formt und vollendet.
42
Er kam aus dem Urgrund. Es wurden zwei, es wurden drei, und aus ihnen wurden alle und alles. Alles Geschaffene ist zugleich Yin und Yang und gehört zu einem Ganzen zusammen. Viele fürchten einsam, hilflos und unnütz zu werden - und sind mit dieser Angst in großer Gesellschaft. Manches wird durch Kleinermachen größer, manches wird beim Größermachen klein. Von altersher gilt und ist weiterzusagen: Die Gewalt behält nicht den Sieg.
43
Das Weiche bezwingt das Harte, das Flüssige dringt überall ein. Alles kommt, wie es kommen soll. Warum können so wenige wortlos unterweisen und tatenlos bewegen und wirken?
44
Was ist wichtiger: Ansehen bei anderen oder zu sich selbst finden? Was ist wertvoller: Besitz oder Selbstwert? Was ist schädlicher: Gewinn oder Verlust? Wer vieles liebt, muß viel abgeben, wer gern besitzt, muß viel entbehren. Nur der Zufriedene hat alles, was er braucht. Wer rechtzeitig halt macht, kann standfest werden und Gefahren überstehen.
45
Auch scheinbar Gelungenes hat Schwächen. Jeder Erfolg erfordert seinen Preis. Gerades wirkt zuweilen krumm, Vernunft wie Dummheit, Reden wie Stummbleiben. Bewegung hilft der Erstarrung; Ruhe schafft belebende Wärme. Alles lebt vom Wechsel der Bewegung und der Ruhe.
46
Wenn alle dem Weg folgen, herrscht Frieden. Streit kommt auf, wenn der Weg mißachtet wird. Das Schlimmste ist Maßlosigkeit, das Scheußlichste: Habgier; das Erbärmlichste: Raffgier. Wer seine Gelüste beherrscht, besitzt alles Begehrenswerte.
47
Reisen hilft noch nicht, die Welt zu kennen. Fenster bringen noch keinen Durchblick und weite Wege führen eher fort vom Kern. Der Erleuchtete findet anders Zugang; er begreift von innen und findet sicher zur Mitte.
48
Wissensdurst entsteht durch Wissen. Auf dem Weg sind Wissen und Wollen nur hinderlich. Der Kreislauf des Lebens ist nicht auf uns angewiesen, wir können ihn nur stören. Die Urkraft vollendet sich selbst.
49
Die Erleuchteten sind selbstlos; sie fühlen mit allen und sind zu Guten und Bösen gleich gütig. Auch den Unzuverlässigen schenken sie noch Vertrauen. Den Urkräften folgend, sind sie selbstlos und treu. Sie sehnen sich nach Stille, aber den Menschen zuliebe bleiben sie mit allen verbunden. Sie lieben wie Eltern und geben allen ein Beispiel.
50
Der Tod ist das Ziel des Lebens. Alles und jeder muß sterben, und wer draufloslebt, stirbt früh. Wer den Sinn seines Lebens gefunden hat, fürchtet nicht mehr den Tod seiner Hülle.
51
Der Weg ist ihre Heimat, die sie formt und erhält und vollendet. Alle sehen die Kraft, die hier wirkt; sie kommt vom Weg. Er ist der Ursprung, die Mitte, das Wachstum, der Schutz, der Mantel, der Tröster, der Wächter. Das ist das lernbare Ziel: Schaffen, aber nicht festhalten, Freiraum geben und ohne Zwang entwickeln lassen.
52
Seit Urbeginn hat alles seinen Anfang; alles hat seine Mutter. Wer seine Mutter erkennt, sieht sich als ihr Kind bestätigt und bekennt sich zu ihr. Dieses Eingeständnis ist keine Schwäche. Seid leise, schirmt euch ab, schützt euch, aber öffnet euch zugleich, seid offen für das Leben. Alles beginnt im Kleinen und im Wissen um die Kräfte des Weichen. Die klar Sehenden erkennen das Licht und bewahren das Wesentliche.
53
Der Zugang zum Weg ist mir vertraut und doch fürchte ich mich immer, ihn zu verfehlen. Viele Menschen ziehen dem himmlischen Weg alle möglichen Nebenwege vor. Es ist eine verkehrte Welt, wo der Palast prunkt und das Land verkommt, wo die Bevorzugten mit Geld und Gut protzen, während das Volk darbt. Ausbeutung führt am Weg vorbei ins Verderben.
54
Fest Verwurzeltes hält Stürme aus und gut Verwahrtes bleibt lange erhalten - das sind auch Gründe, Überliefertes zu pflegen. Achte auf den Meister in dir, laß dich stärken von deiner inneren Kraft; sie wird weiterwirken - in deinem Haus, in deiner Umgebung, im Land. Die Wirkung muß spürbar sein - an dir, in deinem Bereich, im Land.
55
An innerlich Gefestigten prallt alles ab - wie an Kindern, die unbewußt gegen viele Gefahren geschützt sind. Die Kleinen sind weich und schmiegsam, aber sie packen schon zu; stundenlanges Schreien macht sie nicht heiser. Sie wissen noch nichts von Liebesfreuden, aber sie spielen schon in ahnungsloser Lust. Kinder sind noch im Einklang mit allen Geheimnissen des Lebens. Im Einklang sein, das ist die Verbindung zum Ewigen. Vom Ewigen wissen ist Erleuchtung. Wir nennen es Glück, wenn einer Lebenskraft nutzen kann, und Seelenstärke, wenn einer Haltung beweist. Meist werden uns unsere Stärken erst bewußt, wenn unsere Kraft schon abnimmt. Der Weg hat anderes mit uns vor. Ohne den Weg sind wir bald am Ende, aber eben nicht am Ziel.
56
Wissende reden nicht immerzu, Redselige wissen nicht viel. Versenke dich, schweige, lausche nach innen, mache dich klein, werde wieder Staub auf dem Weg. Wieder Einswerden - das ist keine Sache unseres Wollens, sondern des Geschehenlassens. Es geht nicht um uns, nur um den Weg.
57
Führung wird leichter mit Redlichkeit, durch maßvollen Machtgebrauch und durch Meditation. Erfahrung lehrt uns: Zu viele Gebote und Verbote schaden nur; mit zuviel Wohlstand werden auch nicht alle fertig. Die Menschen sind erfinderisch und kommen auf unmögliche Gedanken. Wie handelt ein Erleuchteter? Er versenkt sich in Stille - das Volk findet seine Art. Er schöpft Kraft aus dem Schweigen - das Volk findet seine Regeln. Er lauscht ins Ewige - das Volk findet zu sich selbst. Er nimmt sich selbst ganz zurück - das Volk wird von selber wieder schlicht.
58
Wer mit Umsicht führt, läßt gute Entwicklungen zu. Wer alles im Griff halten will, erreicht nichts Gutes. Glück wächst aus Unglück und das Unglück verbirgt sich wieder im Glück; der Wechsel kommt unvorhersehbar. Es gibt keine für alles richtige Haltung; oft wechselt alles ins Gegenteil - was heute gilt, wird morgen schon verworfen und keiner blickt durch. Der Erleuchtete ist gefestigt. Er verletzt nicht; er ist lauter und betrübt nicht; er ist gradlinig und drückt keinen nieder; er leuchtet von innen heraus, aber er blendet nicht.
59
Übt euch früh in Dienen und Demut, wenn ihr einmal führen wollt. Führung kann man denen anvertrauen, die Demut und Dienen gelernt haben. Sie sind auf alles vorbereitet und sie kennen ihre Grenzen. Wer sich an die Urmutter hält, an die ewigen, erfühlbaren Kräfte, der vertieft seine Wurzeln und stärkt den Lebensstamm. Und er ist auf dem Weg.
60
Könige und Köche gehen den gleichen Weg. Werft alles Hindernde ab, bleibt fest und frei und - wie es Erleuchtete sind - mit allen und allem im Einklang.
61
Ein großes Reich ist wie ein weites Tal, wie ein Mutterschoß, der vielen Heimat ist. Im Schoß kommt zur Ruhe, wer sich aufnehmen läßt. Wenn ein großes Reich sich einem kleinen Reich öffnet, gewinnt es das kleine Reich. Auch das kleine Reich gewinnt, weil es Teil des großen Reichs wird. Lernt: Öffnen und Aufnehmenlassen sind keine Schwächen; beides kann für beide lohnend sein. Große und kleine Reiche wollen, daß ihre Menschen zufrieden zusammenleben. Beide Reiche gewinnen durch ausgewogenes Geben und Nehmen; das sollte gesichert sein.
62
Der Weg gehört allen. Er ist die Freude der Guten und die Zuflucht der Bösen. Schönredner haben es leicht bei Geschäften, aber nur Redlichkeit überzeugt. Wer zu Ehren kommt, soll demütig sein und sich versenken; der Weg führt ihn weiter. Seid langem gilt: Der Weg ist zu finden. Für alle, die ihn suchen, auch für Schuldbeladene ist es ein befreiender Heilsweg.
63
Wirke in Stille und Schweigen, lebe einfach, richte dich nicht nach anderen, antworte mit Zuneigung auf Zwietracht. Plane rechtzeitig und beginne alles mit kleinen Schritten, denn auch das Schwierigste fängt einfach an. Erleuchtete wollen nichts Großes, aber sie finden zur Ganzheit. Wer zu allem schnell ja sagt, ist nicht ernst zu nehmen und nur Leichtgewichte nehmen alles leicht. Erleuchtete machen es sich nicht leicht, sie kommen aber leicht ans Ziel.
64
Wer die Anzeichen von Gefahren erkennt, kann vorbeugen und bewahren. Wer Böses im Keim erstickt, begrenzt den Schaden. Wirke, bevor alles zu groß wird, ordne vor dem Versinken ins Chaos. Riesenbäume wuchsen aus winzigem Samen, aus Sandkörnern entstehen die höchsten Bauwerke. Auch die weiteste Reise beginnt mit einem Schritt. Der Erleuchtete kann nichts verlieren, weil er nichts erreichen und behalten will. Viele zerstören beim Zupacken, weil sie nicht durchblicken. Das führt zum wahren Ziel: Nichts mehr wollen, nicht mehr wissen wollen und nicht mehr sein, den Sinn erkennen und nachfolgbar folgen.
65
Erleuchtete, die vor uns den Weg fanden, wollten nicht, daß alle alles wissen. Wenn die Menschen vieles durchschauen, sind sie schwieriger zu leiten. Auf Klugheit allein kann man nicht bauen. Ein Führer muß kein Vordenker sein. Viele finden sie überholt, aber auf die früheren Werte ist immer noch Verlaß. Der Einklang ist nur rückwärts zu finden.
66
Nur weil sie sich niedriger betten, herrschen Seen und Flüsse über Quellen und Bäche. Lernt vom Wasser: Wer führen will, muß dienen lernen - wie der Erleuchtete, der sich nie herausstellt, der keinem zur Last wird, den alle gern über oder unter sich haben, Er streitet nicht, und keiner macht ihm etwas streitig.
67
Niemand bezweifelt, daß mein Weg weiterführt, aber es ist der unübliche Weg. Wäre er üblich, wäre er nicht weiterführend. Ich will mich als gütig, besonnen und bescheiden erweisen, das ist mir das Wertvollste. Güte gibt mir Gelassenheit, Mäßigung macht mir das Abgeben leicht; Zurückhaltung finde ich mit Zutrauen belohnt. Üblicher ist es, dreist zu sein, verschwenderisch und anmaßend. Güte gewinnt immer, denn alle guten Mächte segnen sie.
68
Die besten Führer sind Friedensfreunde. Die besten Kämpfer bleiben kühl. Die besten Sieger triumphieren nicht. Die besten Führer leben nicht abgehoben. Die Verbindung von Führung und Frieden ist eine himmlische Arbeit, seit jeher das Höchste.
69
Beim Kampf, wenn er sein muß, ist der im Vorteil, der nicht angreift und sich zurückhält. Der Gegner muß deine Vorbereitung nicht sehen. Beginne jeden Kampf im Kopf. Es ist keine Schande, einen Kampf zu vermeiden, wohl aber, den Friedensgrundsatz aufzugeben. Wer todtraurig zurückschlägt, ist ein Held.
70
Meine Botschaft kann jeder verstehen und leicht beherzigen, und doch verstehen und beherzigen sie nur wenige. Ich bin nur ein Weitergebender und ich werbe nicht für mich. Weil dies nicht verstanden wird, werde ich nicht verstanden; wenige hören auf mich und gehen mit mir. Die Erleuchteten können sich auch verhüllen und ihren Schatz für sich behalten.
71
Achtet Menschen, die ihr Nichtwissen zugeben und bedauert die, die es für Wissen halten. Zu heilen ist nur, wer geheilt werden will. Erleuchtete entbehren nichts. In jedem Mangel sehen sie neue Möglichkeiten.
72
Alles Lebendige muß erkennen, daß es bedroht ist. Alle suchen und brauchen Zuflucht und Zufriedenheit. Erleuchtete kennen sich, nehmen sich aber nicht wichtig; sie bejahen sich, sind aber nicht selbstverliebt. Sie wägen ab, was sie tun und lassen.
73
Übermut hilft nie, doch Lebensmut brauchen alle; das Leben ist ohnehin lebensgefährlich. Warum ist manchmal alles gegen uns? Auch ein Erleuchteter rätselt. Er weiß aber: Der Weg setzt sich nicht gewaltsam durch; er ruft nicht, um gehört zu werden, er treibt nicht zusammen, aber er holt alles heim. Die ewigen Netze sind groß und weit, aber sie halten alle und alles.
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Hat es Sinn, den Tod anzudrohen, wenn dies nicht mehr abschreckt? Verbrecher müssen mit Strafe rechnen, aber nicht jeder ist befugt zu strafen; dafür gibt es Richter und Vollstrecker. Wer eigenmächtig richtet, richtet sich.
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Warum hungern die Massen? Weil die Mächtigen prassen, deshalb darbt das Volk. Den Menschen wird bald alles gleich sein, weil die Machthaber nur ihren Vorteil suchen. Wer ist höher zu achten: die das Leben rücksichtslos genießen oder die mit ihrem Leben zufrieden sein müssen?
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Wir waren alle einmal weich und schmiegsam; dann wurden wir härter und fest. Erst recht mit dem Tod werden wir so. Alles, was lebt und wächst, war einmal weich und biegsam und wurde und wird erst absterbend spröde und starr. Alles Absterbende wird hart, und alles Lebenbleibende bleibt biegsam. Wer sich auf Waffengewalt stützt, wird fallen, denn die Naturgesetze gelten überall. Nur was sich nicht verhärtet, kann leben.
77
Der Weg zum Licht verändert uns. Er gibt und nimmt, doch er vergrößert nicht wie wir den Mangel und vermehrt nicht den Überfluß. Unterwegs lernt ihr, Ballast abzuwerfen. Sucht nicht nur euren Vorteil und seid nicht stolz auf Erreichtes, nicht vor dem Ziel.
78
Was ist weicher und nachgiebiger als Wasser! Trotzdem wird es allem Hartem gefährlich. Wasser bleibt die zu bändigende Urgewalt. Nachgiebig Weiches überwindet das Harte. Wann wird dies endlich ernstgenommen? Macht groß, die sich für euch klein machen. Gebt Würden, die eure Bürden tragen - ist das Unsinn oder Sinn?
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Versöhnung muß immer vollständig sein; es darf kein Rest von Zwietracht bleiben. Erleuchtete tragen Lasten und legen sie nicht auf andere Schultern. Wer dem Weg folgt, fordert nicht, sondern schenkt. Er wird nicht belohnt, aber sein Weg leuchtet.
80
Wünschenswert ist ein überschaubares Reich mit nicht zu vielen Anvertrauten. Wenn die Leute erkennen, daß sie mehr haben als sie brauchen, werden sie anderen nichts fortnehmen wollen. Sie brauchen ausreichende Nahrung und Kleidung, ein gesichertes Leben und gute Umgangsregeln. Sie sollten zum einfachen Leben zurückfinden und es bejahen. Auch die es fortzog, wollen zum Vertrauten zurückkehren und in der Heimat sterben.
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Wahre Worte sind nicht immer schön. Schöne Worte sind selten wahr. Viele Tüchtige sind keine guten Redner und nicht alle Wortgewandten sind auch tüchtig. Nicht alle Kundigen sind gebildet und die Gebildeten sind nicht alle kundig. Erleuchtete sind bescheiden; sie geben an andere weiter und werden abgebend reich. Der Weg ist offen für alle. Folgt ihm, verliert alle Angst - es ist der Weg des Friedens.